Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Weitere Lehrreden und Texte

Home / Teachings / Weitere Lehrreden und Texte

Buddhistische Gedanken zum Umgang mit dem Geist in Zeiten einer globalen Pandemie

 

Ein Brief von Nelson Mandela an seine Frau Winnie Mandela vom Kroonstad Gefängnis

1.Februar 1975 (Seite 211-212 aus seinem Buch)

„Die Gefängniszelle ist ein idealer Ort, um sich selbst kennen zu lernen, regelmäßig und realistisch die Prozesse im eigenen Geist und seine Gefühle zu erforschen. Wenn wir unsere Fortschritte als Individuen beurteilen, konzentrieren wir uns in der Regel auf äußere

Faktoren, wie die eigene Position in der Gesellschaft, Einfluss und Bekanntheitsgrad, Besitz und Ausbildung. Diese Aspekte sind natürlich wichtig, um seinen Erfolg in materiellen Angelegenheiten zu messen und es ist vollkommen verständlich, wenn viele Menschen sich hauptsächlich damit verausgaben, diese Dinge zu erreichen. Aber innere Faktoren sind möglicherweise noch wesentlicher, um die persönliche Entwicklung als Mensch einzuschätzen. Die wahren Fundamente des eigenen spirituellen Lebens sind Aufrichtigkeit,

Ehrlichkeit, Einfachkeit, Bescheidenheit, reine Großzügigkeit, Abwesenheit von Eitelkeit, die Bereitschaft, anderen zu dienen – Qualitäten, die in leichter Reichweite jeder Seele liegen. Entwicklung dieser Art von Qualitäten ist unvorstellbar ohne ernsthafte Schau in unser Inneres, ohne uns selbst zu kennen, unsere Schwächen und Fehler. Der Aufenthalt in der Zelle gibt zumindest, wenn auch nichts anderes, die Gelegenheit, täglich das gesamte eigene Verhalten zu betrachten, das Schlechte zu überwinden und was immer gut in uns ist zu entwickeln.

Regelmäßige Meditation, sagen wir 15 Minuten täglich vor dem Einschlafen, kann diesbezüglich sehr fruchtbar sein. Zuerst findest man es vielleicht schwierig, die negativen Eigenschaften im eigenen Leben festzustellen, aber vielleicht bringt der zehnte Versuch schon reiche Belohnung.

Vergiss nie:  ein Heiliger ist ein Sünder, der nicht aufgibt, sondern es immer weiter versucht.“

 

 

Gedanken zum wertvollen menschlichen Leben – Sonja Molitor

 

Wenn wir nicht schlafen können, scheint die Nacht nie zu Ende zu gehen. Wir wälzen uns von einer zur anderen Seite, schauen auf die Uhr – es sind nur zwei Minuten vergangen. Diese Nacht dauert eine Unendlichkeit, bis endlich Morgen ist. Eigentlich wissen wir, dass diese Nacht eben nicht unendlich andauert, wir wissen, dass der nächste Sonnenaufgang nicht mehr fern ist – und doch drehen wir uns ungeduldig im Bett hin und her. Wir wünschen uns ein schnelles Ende der Schlaflosigkeit herbei, entweder, indem wir endlich wieder einschlafen oder durch den Anbruch des neuen Tages. Was aber, wenn diese eine Nacht die einzige Zeit wäre, die wir hätten, um unserem Leben Sinn zu geben? Würde sie uns dann immer noch unendlich erscheinen? Wäre diese Nacht dann wertlos oder würde sie kostbar für uns?

 

Meistens nehmen wir unser Leben als eine Selbstverständlichkeit hin: Wir  sind als Menschen geboren, das ist eben so. Aber dieses Leben, dieser menschliche Körper ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis aus Verdiensten früherer Leben. Dieser menschliche Körper gibt uns die Fähigkeit, den Dharma zu studieren und zu praktizieren.

Andere Wesen sind in unvorteilhaftere Zustände hineingeboren, so dass sie diese Gelegenheit nicht haben. Die Höllenwesen leiden unter Hitze und Kälte; die Geister werden von Hunger und Durst gequält; Tiere sind wegen ihrer Verwirrtheit nicht zum Verständnis des Dharma fähig; langlebige Gottheiten sind durch weltliche Vergnügungen und die Erfahrung des Samadhi (Einspitzigkeit des Geistes während der Meditation) abgelenkt; „Barbaren“ (wie Jamgon Kongtrul sie nennt) leben in vom Buddhismus nicht erreichten Gebieten; Häretiker vertreten eine falsche Auffassung oder haben eine Abneigung gegenüber dem Dharma; in einem dunklen Zeitalter Geborene haben gar keinen Zugang zum Dharma, da es keinen Buddha gibt, der den Dharma lehrt; wer körperlich und geistig so beeinträchtigt ist, dass er weder Dharmabelehrungen hören noch verstehen kann, hat auch keinen Zugang zur Lehre.

 

Möglicherweise erscheinen die Schilderungen mancher Daseinsbereiche etwas fantastisch. Die Leiden der Höllenwesen, Geister und Tiere kann man bei der Reflexion allerdings auch in unserem Leben ausmachen. Körperliche Leiden durch Hitze und Kälte kennen wir alle (schließlich beklagen wir uns bei jeder Hitzewelle und können an fast nichts anderes mehr denken als uns Kühlung zu verschaffen) oder wir können uns vielleicht vorstellen, welche schrecklichen Qualen man in der Hitze eines Feuers erleiden müsste. Auch die Anhaftung an weltliche Genüsse, die die Geister quält, ist uns allen aus eigener Erfahrung bekannt. Und wenn wir einmal ganz kritisch mit uns selbst sind, so sehen wir unter Umständen auch, dass wir in mancher Hinsicht wie Tiere aus Angst lieber in der „Herde“ bleiben und eher unseren Angewohnheiten folgen als eine Veränderung herbeizuführen, die wir in der Reflexion als wichtig erkannt haben.

 

Die weltlichen Vergnügungen, denen die langlebigen Gottheiten sich widmen, sind bestimmt jedem von uns ein Begriff: Wer hat nicht gern eine gute Zeit, genießt Unbeschwertheit und Sorgenlosigkeit? Warum allerdings Samadhi, Leiden hervorrufen kann, das benötigt genauere Betrachtung. Die Erfahrung der Einspitzigkeit des Geistes führt bei den Gottheiten dazu, dass sie diesen Zustand des dauerhaften Friedens nicht mehr verlassen wollen – dies ist aber für eine Weiterentwicklung notwendig. Die rechte

Konzentration auf eine Sache ist ein Werkzeug zur Erkenntnis und nicht das Ziel. Den langlebigen Gottheiten geht es auf den ersten Blick gesehen gut, denn ihr Leiden entsteht erst dann, wenn sie durch eine Wiedergeburt in einen niedrigeren Daseinsbereich nicht wieder dieselben Erfahrungen machen können. Für uns ist aber vermutlich gut vorstellbar, dass man nach einer besonders schönen oder erhellenden Erfahrung genau diesen Zustand immer wieder herbeiführen möchte, darüber aber den Sinn dieser Erfahrung vernachlässigt und umso mehr leidet, wenn man das Erlebte nicht wiederherstellen kann.

 

Unter „Barbaren“ braucht man nicht nur Menschen zu verstehen, die in Gebieten leben, die vom Dharma unberührt sind. Wir können sie möglicherweise in unserer Nähe finden: Menschen mit irriger Sichtweise, ohne Liebe, Güte und Fürsorge könnte man genauso gut als Barbaren bezeichnen. Ein Schlachthof ist auch als ein barbarisches Umfeld vorstellbar.

Häretiker oder Tirthikas haben keinen Glauben an Wiedergeburt und Karma, für sie ist eine Veränderung des Geistes sehr schwer. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass jeder im Laufe seines Lebens ein Häretiker werden kann. Reflexion und Austausch mit anderen ist unabdingbar, wenn man Klarheit über sich und die eigene Haltung haben möchte – ein Häretiker strebt diesen Austausch nicht an, seine geistige Haltung ist unflexibel und festgefahren.

 

So betrachtet bedeutet das menschliche Leben zunächst einmal Leiden, doch es ist darüber hinaus auch überaus schwer zu erlangen. Jamgon Kongtrul verdeutlicht dies so: „Alle fühlenden Wesen haben die natürliche Neigung zu schädlichem Handeln; nur wenige handeln nützlich. Selbst bei diesen wenigen ist die Fähigkeit zu ethischem Verhalten, das zur Erlangung eines menschlichen Körpers notwendig ist, sehr selten. Als Folge davon sind die Wesen der drei niederen Daseinsbereiche [Höllenwesen, Geister, Tiere] ebenso zahlreich wie die Erdkörnchen im Boden, während Götter und menschliche Wesen überaus selten sind.“

 

Es ist also ein unendliches Glück, dass wir dieses menschliche Leben zur Verfügung haben. Darauf sollten wir allerdings nicht stolz sein, sondern es lieber sinnvoll nutzen. Diese Gelegenheit, den Dharma zu praktizieren und zu studieren, die uns das menschliche Leben bietet, sollten wir unseren Möglichkeiten nach mit der richtigen Motivation auch wahrnehmen, um etwas aus diesem Leben zu machen. Die Wiedergeburt als Menschen hält die besten Voraussetzungen zur Entwicklung für uns bereit, denn wir sind in der Lage, zu studieren und zu reflektieren. Diese Aufgabe ist nicht immer einfach, denn Veränderung und Entwicklung bedeutet auch Schmerz.

Müssen wir vielleicht erkennen, dass die Motivation hinter unserer Großzügigkeit nicht uneigennützig ist? Ist es nötig, eine schwere Zeit erneut zu durchleben, um sich selbst oder anderen zu verzeihen? Warum bereitet es uns Schwierigkeiten, unparteilich allen Wesen, auch den unangenehmen, Glück zu wünschen?

Wir müssen keine „Narren“ sein, für die Samsara lange dauert, denn wir sind als Menschen selbst verantwortlich für unser Tun, und wir haben durch den Dharma alle Mittel dazu, uns zum Wohle aller Wesen zu entwickeln. Beitrag von Sonja Molitor

 

 

 

Meditation über Mitgefühl

Da keine Praxis als die des Mitgefühls sich besser eignet, unsere vergangenen negativen Taten zu reinigen, und da wir durch Mitgefühl unweigerlich außerordentliches Bodhichitta entwickeln, sollen wir ausdauernd darüber meditieren.

 

Unser edles Herz des Mitgefühls

Die schmerzhafte Egobezogenheit, die alle unsere Beziehungen so kompliziert macht, kann gemildert werden, wenn du dich nicht nur mit anderen verbunden fühlst, sondern dich als Teil von ihnen empfindest. In deinen Begegnungen mit anderen werden dann wahre Nähe und tief empfundene Liebe möglich. Dadurch kann dein Leid vergehen, dein Mut kann wachsen und es kann deine Erfahrungen in der Welt, und deine Beziehung zu jedem einzelnen Wesen darin transformieren. So kann es dir gelingen, in vollkommener Harmonie mit der Welt zu leben. Das ist die höchste Form emotionaler Stabilität und dauerhaften Glücks.

In Tibet entwickeln wir die folgende Intention:

„Wenn ich glücklich bin, biete ich mein Glück den anderen dar.

Mögen meine Freude und Zufriedenheit die ganze Welt erfüllen.

Wo Leid existiert, möge ich in der Lage sein, es auf mich zu nehmen.“

Patrul Rinpoche – Die Worte meines vollendeten Lehrers, Seite 278 

 

 

Einige Gedanken zum Leiden

Viele Menschen wundern sich, dass es im Buddhismus scheinbar so viel um Leiden geht. Aber es ist eine Tatsache, dass wir alle im Leben zu verschiedenen Zeiten Krankheit, Alter, Einsamkeit, Enttäuschung erfahren und ständig den Prozess der Veränderung erleben.

Niemand mag dieses Thema: Leiden! Oh Nein! Viele beschweren sich über den Buddhismus, weil er immer über Leiden spricht und sie meinen: „Ich habe schon genug Leiden, ich will nicht noch mehr“. Wir müssen uns aber anschauen, was hier gemeint ist. Der Buddha sprach zwar in seiner ersten Lehrrede über Leiden. Aber er sagte nie, dass wir leiden sollten. Wir müssen verstehen, dass Samsara aus Leiden besteht, und wir, solange wir in diesem Kreislauf der Existenzen gefangen sind, niemals wirkliches Glück finden werden.

Deshalb lehrte er, „erkennt das Leiden, betrachtet und versteht es.“ Es ist ein Unterschied ob man sich dem Leiden unterzieht, der ob man es versteht. Natürlich erkennen wir alle Leid und Unglück, deshalb wollen wir es ja auch loswerden. Aber dieses einfache Verständnis reicht nicht aus. Wir müssen genauer hinschauen und tiefer erforschen. Dadurch erkennen wir, wie der Buddha es lehrte, die verschiedenen Arten von Leiden.

 

Wir sehen, dass alle Wesen, egal ob sie reich oder arm sind, gebildet oder nicht, religiös oder nicht, Glück suchen und Leiden, Probleme, Unglück loswerden wollen. Jetzt ist aber die Frage, ob wir deshalb das Leiden verleugnen wollen, oder beschließen, es genau zu betrachten. Das Leiden zu verleugnen, kann vielleicht für eine Weile Erleichterung verschaffen, aber es ist so, als ob man versucht, ein Feuer mit Zeitungspapier abzudecken. Wie lange wird der Effekt dauern? Verleugnen bringt keine dauerhafte Erleichterung. Besser ist, unser Leben und unsere Erfahrungen zu betrachten und mit der Lehrrede Buddhas zu vergleichen:  ist Verleugnen hilfreich und funktioniert es, oder ist Erkennen besser?

Am Anfang wird es vielleicht etwas unangenehm sein, aber wenn wir das Feuer anschauen, können wir es mit Wasser dauerhaft löschen. Wir werden die Wurzel erkennen, und sie beseitigen. Der Buddha sagte: „Erkenne das Leiden, gib seine Ursache auf.“ Deshalb lehrte der Buddha die Zweite Edle Wahrheit, um die Wurzeln des Leidens zu überwinden.

 

Dabei fragen wir:  „Was ist dieses Leid überhaupt, was steckt hinter dem für uns leicht wahrnehmbaren Leiden, hinter allen unseren Problemen, was ist die Wurzel dafür?  Wie können wir die subtilere Ebene verstehen, das Allesdurchdringende Leiden. Und was ist das Alles-durchdringende Leiden?“ Es entsteht aus Angst, der grundlegenden Angst, dass wir das, was uns glücklich macht, nicht erhalten, und dass wir Zustände erleben müssen, die für uns schwierig und schmerzhaft sind. Schauen wir uns das gewöhnliche, vermeintliche Glück genauer an: dieses Glück enthält das Allesdurchdringende Leiden, denn es ist Angst darin enthalten: die Angst, das Glück zu verlieren, und dem zu begegnen, was wir nicht mögen. Diese Angst ist die gleiche, ob wir ein König oder ein Bettler sind. Diese grundlegende Angst ist die gleiche für alle Wesen und sie ist berechtigt, denn da unser Glück immer von Bedingungen und äußeren Dingen abhängig ist, wird es sich zwangsläufig verändern.

Deshalb geht es bei allen buddhistischen Lehren und Methoden darum, diese Tatsachen des Lebens zu erkennen und durch die Erkenntnis der Wurzeln des Leidens, so viel inneren Halt, Stabilität, Klarheit, Zufriedenheit, also das Glück in uns, zu entwickeln, dass wir von äußeren Bedingungen unabhängiger werden.

 

 

Zur Bedeutung der Dharmapraxis

Aus einem Vortrag des 16. Karmapas

Wenn wir die Vorstellung haben, dass der Dharma immer verfügbar sein wird, egal ob man praktiziert oder nicht, ist dies ein sehr schwerwiegender Fehler. Jegliche Zeit, jeden kurzen Moment, den man als Gelegenheit für die Dharma-Praxis nutzen könnte, muss man nutzen.

Wenn man diese Verantwortung nicht übernimmt und die Lehren von Mahayana und Vajrayana nicht aufrichtig respektiert, besteht definitiv die Möglichkeit, sich selbst und den spirituellen Freunden, mit denen man verbunden ist, Schaden zuzufügen. Ein Mangel an Aufmerksamkeit für die Verantwortlichkeiten des Mahayana-Pfades, des großen Fahrzeugs des universellen Mitgefühls, ist ein Verstoß gegen die inneren Verpflichtungen eines Praktizierenden des Mahayana-Pfades.

 

Die Lehre ist nicht vernachlässigbar. Ein Mangel an Wertschätzung wird ein großer Verlust für Dich sein. Wir können nicht über die Lehre spekulieren, ihr Wert und die Wirksamkeit des Dharmas, werden sich nur durch die eigene Praxis entfalten und erfahrbar werden.

Worüber wir nachdenken müssen, ist, dass sich die Lehre durch ihre zeitlose Wirksamkeit von der Zeit des Buddha bis zum heutigen Tag ständig bestätigt. Du musst die Heiligkeit der Lehren aufrichtig erkennen, um zu verstehen, dass es in diesem und in den kommenden Leben nichts Wichtigeres gibt als die Praxis des Dharma.

 

Wenn du eine Ermächtigung oder eine Erklärung erhältst, und in der Lage bist, Wertschätzung für den Dharma zu haben oder zu entwickeln, dann hat deine Beziehung zu den Mahayana-Lehren einen Sinn, und wird Dir auch Erfüllung geben. Durch ein echtes Engagement für die Lehre kannst du ein direktes und bedeutungsvolles Vertrauen in die Lehren und aufrichtiges Mitgefühl mit den Wesen entwickeln. Ein wahres Verständnis der Universalität des Wirkens von Karma, der Natur von Ursache und Wirkung, wird eintreten.

 

Wenn Du die Wahrheit des Dharma sehen und schätzen kannst, und angesichts dieser Wertschätzung weiterhin praktizierst, besteht kein Zweifel daran, dass du für die Menschen, denen du begegnest, und für dein Land von großem Nutzen sein wirst. Es besteht kein Zweifel an deiner Fähigkeit, Wesen vor unzähligen Problemen und Konflikten zu retten.

 

 

 

 

Gedanken zu Samsara aus der Meditationsgruppe am Donnerstag (Sonjas Aha-Erlebnis)

Samsara ist kein anderer Ort, an den wir uns begeben oder ein Ort, den wir verlassen können, sondern der Zustand unseres Geistes. Samsara ist die Angst, dass wir erleben müssen, was uns Schwierigkeiten und Angst macht, es ist all unser Anhaften, all unsere Abneigung. Die fünf störenden Gefühle [Kleshas] machen Samsara aus:

  • Anhaftung, Gier, Suchtverhalten;
  • Abneigung, Wut, Hass und Groll;
  • Unwissenheit, Dumpfheit, Depression;
  • Eifersucht, Neid, Konkurrenz;
  • Stolz, Überheblichkeit, Einsamkeit.

Man könnte also sagen, dass Samsara die Zusammenfassung aller unbefriedigenden Zustände ist, in denen wir Menschen leben. Sie sind abhängig von unseren sich ständig verändernden Bedürfnissen, Stimmungen, Gefühlen, Erlebnissen, die wir nicht unter Kontrolle haben, und die uns hin und her wirbeln im unaufhörlichen Auf und Ab des Lebens. Wenn wir uns aber nicht mit dieser Realität befassen, bleiben wir in Samsara gefangen! Meditation mit einem friedlichen Geist allein ändert an unserer Situation nichts, wohl aber das genaue Hinsehen und die Reflexion, denn diese können als Basis für eine Veränderung dienen. Statt die Kleshas zu unterdrücken, sollten wir sie genau untersuchen, und versuchen, ihre Auswirkungen auf uns und andere zu erkennen. Nur wenn wir die störenden Gefühle kennen, können wir zu den geeigneten Gegenmitteln greifen. Und so gesehen sind die Kleshas in ihrer Essenz auch Weisheit. Durch die Erkenntnis der Geistesgifte und der Arbeit damit, können wir das Leid an der Wurzel abtrennen.

 

 

 

Klare Anweisungen zur Zähmung des Geistes:

Die 10 unheilsamen und heilsamen Handlungen

Drei Regeln für Handlungen des Körpers

Wir vermeiden:

Töten, einem Wesen das Leben zu nehmen

Zu stehlen oder zu nehmen, was uns nicht aus freien Stücken gegeben wurde

Sexuelles Fehlverhalten, das für andere Leid verursacht

Wir entwickeln:

Leben in all seinen Formen zu hegen und zu pflegen

Wohlstand mit anderen zu teilen

Moralisches Verhalten

 

Vier Regeln für die Sprache

Wir vermeiden:

Menschen irrezuführen, anzulügen oder bewusst die Unwahrheit zu sagen

Durch unser Reden, Zwietracht zwischen Freunden und Partnern zu säen

Andere zu verunglimpfen, zu verhöhnen, zu beleidigen oder ihre Gefühle zu verletzen, indem wir ihre Fehler herausstellen

Dinge zu sagen, die nicht nützlich oder hilfreich sind, nutzloses Geschwätz und Tratsch

Wir entwickeln:

ehrlich und aufrichtig zu sein

Streit zu schlichten

Zwietracht zwischen Menschen aufzulösen

Nur gut über andere zu sprechen

Sprache nur in hilfreicher und sinnvoller weise zu nutzen

 

Drei Regeln für den Geist

Wir vermeiden:

Habgier, Verlangen nach Reichtum, Besitz und den Partnern anderer

Missgunst gegenüber anderen und den Wunsch, ihnen auf irgendeine Weise zu schaden.

Die Wahrheit des Gesetzes von Ursache und Wirkung anzuzweifeln

Wir entwickeln:

Uns über das Glück anderer zu freuen und nicht neidisch zu sein

Anderen stets nur gut gesinnt zu sein, und ihnen Glück zu wünschen

Die Wahrheit des Gesetzes von Ursache und Wirkung (Karma) genau zu verstehen

 

 

Ratschlag zur letztendlichen Bedeutung von Longchen Rabjam

 

Ema! Glückliche Yogis und Yoginis, hört mir zu

Wir haben eine vollkommene menschliche Form mit ihren Freiheiten und Vorteilen erlangt; wir sind den kostbaren Lehren des Mahayana begegnet und besitzen die Freiheit, das wertvolle Dharma auf authentische Weise zu praktizieren. Lasst uns dieses Leben daher nicht mit sinnlosen Beschäftigungen verschwenden, sondern auf das wahre, dauerhafte Ziel hinarbeiten.

 

 

Die drei Aspekte, die jede unserer Dharma-Praktiken begleiten sollten: Motivation, Konzentration und Widmung

  1. Die Motivation im Mahayana ist Bodhichitta.
  2. Konzentration bedeutet vollständig auf unseren Bezugspunkt, das heißt unsere Aktivitäten, gerichtet bleiben und uns von Gedanken an Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft nicht beeinflussen lassen.
  3. Widmung

 

 

Gedanken aus dem Studienkurs (03. und 04. Oktober 2020)

Was ist ein Buddha? – Ein Buddha hat alle Geistesgifte, die durch Unwissenheit bedingt sind, überwunden und die Vier UnermesslichenMitgefühl, Mitfreude, Herzensgüte und Unparteilichkeit voll entfaltet: ein Buddha hat Bodhicitta, den Erleuchtungsgeist, entwickelt. Und es gibt eine großartige Nachricht: Die Buddhanatur ist bereits in uns, die Vier Unermesslichen sind schon in uns angelegt – nur entwickelt haben wir sie noch nicht.

Die Entwicklung unseres Geistes in diese Richtung ist ein herausfordernder Prozess, denn dazu müssen wir lernen, uns selbst und unsere Probleme und Schwierigkeiten nicht so wichtig zu nehmen. Aber durch die Unwissenheit darüber, wie die Dinge wirklich sind (nämlich vergänglich und veränderbar) glauben wir, dass alles fest und solide und genauso ist, wie wir uns das denken. Wir sind überzeugt davon, dass es ein Selbst gibt – und darum haften wir an allem, was diese Idee noch weiter unterstützt, zum Beispiel die Anerkennung durch andere. Aus dem gleichen Grund halten wir an den Dingen um uns herum fest: Sie scheinen zu definieren, wer oder was „wir“ sind, weil sie „uns“ gehören. Wir achten vor allem auf unsere Belange und glauben, dass alles, was uns Schwierigkeiten macht, schlecht für uns sein muss. Wir irren uns auch, wenn wir glauben, dass alle angenehmen Situationen immer gut für uns sind. Indem wir Situationen bewerten, versuchen wir nur wieder das zu zementieren, was veränderlich und vergänglich ist. Durch unsere Unwissenheit nehmen wir Zuflucht zu Dingen, die nicht bleiben – und wundern uns dann, wenn wir leiden, weil sie sich verändern oder verschwinden.

Unseren Geist zu entwickeln heißt, für alle Situationen offen zu sein. Es bedeutet auch, loslassen zu können: Dinge und Menschen („Mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Pool.“), Vorstellungen („Ich kann nur glücklich sein, wenn ich endlich diese Beförderung bekomme.“), Gedanken (wir machen unendliche Geschichten aus unseren Gedanken…), Konzepte („Das macht man so!“, „Es ist nur gerecht, wenn…“). Der Dharma lehrt uns Methoden, mit denen wir unseren Geist entwickeln können. Aber jede Entwicklung bedeutet, dass wir unsere Komfortzone hinter uns lassen müssen. Möglicherweise gelingt es uns recht leicht, für eine nahestehende Person Mitgefühl zu entwickeln. Sollen wir dasselbe aber für jemanden tun, der uns zuvor verletzt hat, fällt uns das unendlich viel schwerer. Und warum? Wieder steht uns unser Ego im Weg. Die Entwicklung unseres Geistes bedeutet Arbeit und niemand sagt, dass es leicht ist.

Allein die Bereitschaft zur Veränderung ist aber noch nicht alles. Wir müssen stets prüfen, aus welcher Motivation heraus wir handeln: Geht es uns vor allem darum, unser eigenes Leid zu beenden, oder streben wir danach, so vielen Wesen wie möglich nützlich zu sein? Wie ernst meinen wir es, wenn wir sagen „Mögen alle Wesen glücklich sein“? Und auch da hört unsere Selbstüberprüfung noch nicht auf – wir müssen uns auch fragen, wie uns das Gelernte verändert hat. Nur durch dieses Nachforschen können wir erkennen, ob wir die richtigen Methoden für unseren Weg anwenden. Und wir müssen uns bewusst darüber sein, dass wir nur anderen Wesen nützen können, wenn wir selbst klar sind und die Freiheit erlangt haben, mit allen angenehmen und unangenehmen Situationen umgehen zu können, ohne den Kopf zu verlieren oder uns von unseren Emotionen abhängig zu machen: „Was immer passiert, passiert. Ich denke nicht über meinen eigenen Nutzen nach, sondern mache das Beste aus der Situation und lerne etwas daraus. Möge ich in der Lage sein, dadurch möglichst vielen anderen Wesen dieselbe Entwicklung zu ermöglichen.“

 

 

 

Gedanken

Wach zu werden und wach zu bleiben ist das Gegenmittel zum Schlafwandeln durch das Leben. Dankbar zu leben, ist das Gegenteil zu Apathie und Selbstgefälligkeit. Denn beide versuchen, uns zu betäuben für das, was sich außerhalb unserer Kontrolle anfühlt. Aber im Gegensatz zu Dankbarkeit und Glück, wie sie allgemein verstanden werden, ist richtig verstandene Dankbarkeit das Gegenteil eines selbstzufriedenen Schnullers. Es hält uns wach und aktiviert unser Herz für mehr Klarheit und Mut. Wenn wir auf diese Weise wach sind, werden wir achtsam, wertschätzend und lebendig für die Dinge, die uns wichtig sind. Wir kümmern uns um das Leben, anstatt darauf zu warten, dass sich das Leben um uns kümmert. Dies stärkt unsere Fähigkeit, unsere Grundwerte zu verkörpern und danach zu handeln – tief verwurzelte Werte wie Herzensgüte, Fürsorge füreinander, Liebe. Und die Welt braucht gerade jetzt viel Liebe in Aktion.

Die Fähigkeit, zu einem neuen Tag aufzuwachen – einer, mit dem wir vielleicht ringen und kämpfen müssen, der uns aber auch lehren und verwandeln wird, den wir beeinflussen und steuern können, in dem wir immer erklären und Liebe teilen können – dies ist das unvorstellbare Geschenk, für das man dankbar sein kann. Dies ist die Gelegenheit, die nicht selbstverständlich ist. Denn wenn wir wirklich wach sind, wissen wir, dass wir an einem Tag, der nicht vorhersehbar ist, nicht mehr die Gabe eines anderen Tages haben werden – eines Tages wie dem heute mit all seiner Schönheit und seinem Schmerz, seinen Möglichkeiten und seinen Gelegenheiten, in der Welt zu wirken.

 

 

Das Mantra ist auf einigen Deckenbalken im Shrineraum zu finden und viele haben sich schon gewundert, was es bedeutet.
„Im Ksitigarbha Dasacakra Sutra heißt es, dass jedes Lebewesen, das dieses Mantra sieht, hört, sich daran erinnert oder es berührt, von allem Negativen befreit wird und Freiheit von der Wiedergeburt in den niederen Bereichen erlangt.“

 

 

Das Mantra ist auf einigen Deckenbalken im Shrineraum zu finden und viele haben sich schon gewundert, was es bedeutet.

„Im Ksitigarbha Dasacakra Sutra heißt es, dass jedes Lebewesen, das dieses Mantra sieht, hört, sich daran erinnert oder es berührt, von allem Negativen befreit wird und Freiheit von der Wiedergeburt in den niederen Bereichen erlangt.“

 

 

 

Begegnung mit dem Dharma

(von Lama Thubten Yeshe aus dem Kopan-Kloster, Kathmandu)

Wenn wir auf die Vorgänge in unserem Geist achten, können wir negative Gedanken schon im Entstehen abfangen, bevor wir uns ihretwegen schlecht fühlen. Es gibt mindestens genau so viele Gründe, positiv über jemanden zu denken, wie ihn zu hassen. Wenn wir die notwendige, geistige Disziplin entwickelt haben und wissen, was in uns vorgeht, sind wir fähig, nur jene Gedanken auszudrücken, die uns und anderen Glück bereiten.

Stellen wir uns vor, welchen Frieden wir erleben würden, wenn wir solch eine bewusste Kontrolle über unseren Geist ausüben könnten.  Es gäbe keine Verwirrungen, und wir brächten uns selbst und andere in keinerlei Schwierigkeiten. Eine solch tiefe Erfahrung des Wohlbefindens ist ein sicheres Ergebnis der Dharma-Praxis. Es kann von jedem gewonnen werden, der mit Ausdauer die innere Suche auf einem geistigen Weg fortsetzt.

Probleme dadurch zu meistern, dass man Kontrolle über die eigenen, geistigen Prozesse erlangt, ist nicht nur die wirksamste Methode, sondern auch die leichteste und ungefährlichste. Wir können wahren, inneren Frieden gewinnen, ohne das Wohlbefinden eines anderen zu gefährden.

Was wir mit Gedanken, Worten und Taten tun, ist sehr viel wichtiger als die bloßen Fakten, die wir aus Büchern oder meinetwegen von Lamas, Gurus, Yogis oder wem auch immer ansammeln. Schließlich liegt die Verantwortung für unsere Befreiung und Erleuchtung bei uns, nicht bei dem Lama, und was immer wir erreichen, wird aus unserer eigenen Persönlichkeit und aus unseren Fähigkeiten erwachsen, nicht aus denen anderer. Es einfach ein Fehler, pathetisch zu flehen „Oh Lama, was kann ich nur tun?“ Die Wirksamkeit unserer geistigen Übungen wird haargenau davon bestimmt, was wir mit unserem eigenen Potential, mit dem, was uns zur Verfügung steht, anfangen!

Von der weiteren Perspektive des Dharma betrachtet, sind wir für unsere Verwirrung und unser Leiden ebenso verantwortlich, wie für unsere Befreiung davon, und wenn die Beschäftigung mit buddhistischer Philosophie uns geistige Konflikte einbringt, dann deswegen, weil wir es versäumt haben, uns um die Integration des Gelernten in unsere Gedanken und Taten zu kümmern. Auf der anderen Seite kann, wenn wir verstehen das Gelernte zu verdauen, ein noch so kleines Teilchen der Lehren zu einem wahren Leckerbissen für unseren Geist werden – wie Schokolade oder etwa ein unglaublich köstliches Stück Torte. Gewöhnliches Wissen ist nichts dagegen; es vermittelt ja nicht einmal ein zusammenhängendes intellektuelles Bild der Wirklichkeit, geschweige denn ein intuitives, von innen erspürtes.

Manchmal klagen Menschen, wie schwierig es sei, dauernde Wachsamkeit über die Handlungen von Körper, Rede und Geist aufrechtzuerhalten. Diese Schwierigkeit besteht aber nur, solange man sich des Gesetzes von Ursache und Wirkung nicht voll bewusst ist. Das momentane Verhalten beeinflusst auf direkte Art und Weise zukünftige Erfahrungen, und ebenso ist das gegenwärtige Geschehen nur Resultat vergangener Handlungen. Sobald wir das wirklich verstehen, werden wir die Verantwortung für unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten einzig und allein uns selbst zuschreiben können und wir werden sehen, dass es grundsätzlich unsere eigene Entscheidung ist, mit der wir über unser Glück oder unser Elend bestimmen. Wenn wir die Disziplin aufbringen, gütig, liebevoll und offen zu sein, wird Glück unser Lohn sein; sind wir gedankenlos, grausam, selbstsüchtig und verschlossen, werden wir nichts als Leiden erfahren.

Disziplin ist also nur solange eine schwierige Aufgabe, wie es an Wissen um das Gesetz von Ursache und Wirkung, und damit an Motivation zur rechten Achtsamkeit fehlt. Verstehen wir aber die enge Verbindung zwischen Handlungen und ihren Konsequenzen für uns und andere, werden wir ganz von selbst vorsichtig und bewusst sein – und das ist dann wache Bewusstheit sich selbst gegenüber! Mit zunehmender Bewusstheit der eigenen Handlungen entwickelt man mehr und mehr Weisheit und die Fähigkeit, Ursache und Wirkung zu kontrollieren, oder mit anderen Worten, das eigene Karma bewusst zu beeinflussen. So kann man also wahrhaft spontan sein, ohne der eigenen Unwissenheit ausgeliefert zu sein.

 

Der Umgang mit Depression

Einige Impulse von Lama Zopa Rinpoche zum Umgang mit Depression

Bereite dich jeden Morgen vor und nimm dir fest vor, dich von der Situation nicht einfangen zu lassen.

Die Entschlossenheit zu haben ist sehr wichtig, weil es Kraft und Mut gibt. Treffe die klare Entscheidung, Depression in Glück zu verwandeln.

Wenn du dich während des Tages depressiv fühlst, denke sofort an den Entschluss und lasse dich nicht von der Situation überwältigen.

Egal wie schlimm die Situation ist oder wie sehr sie als ernstes Problem angesehen wird, lasse es nicht zu, dass sie dein Leben trübt und dich depressiv macht.

Nachdem du den Entschluss gefasst hast, bereite dich mental auf den Tag vor. Denke an Methoden, die du anwenden kannst, wenn du dich verärgert oder depressiv fühlst.

Methoden, die wir anwenden können:

  1. Erinnere dich an Vergänglichkeit und Tod

Denke daran, dass der Tod eintreten wird, und es unklar ist, wann. Das Leben ist so kurz wie eine Minute oder Sekunde. Denke daran, dass wir nicht wissen, wann wir sterben werden. Denke die ganze Zeit über Vergänglichkeit nach.

Wenn wir also aufwachen und am Leben sind, freuen wir uns, am Leben zu sein, und machen uns bewusst, wie froh und glücklich wir darüber sein können, und dass wir nicht wissen, ob wir heute sterben werden.

Depression hängt mit Anhaftung zusammen, Anhaftung an das Selbst, an das Leben, an Menschen und Dinge und somit auch mit der Angst, nicht zu bekommen, was ich will.

Der Gedanke, dass das Leben kurz ist und leicht aufhören könnte, hilft, das starke Festhalten und damit unsere Sorgen und Ängste zu verringern.

  1. Erlebe Depression im Namen anderer

Dies ist der beste Weg, um eine Depression nützlich zu machen. Hier verwenden wir die Situation, um Mitgefühl zu erzeugen, indem wir die Depression in Glück umwandeln. Wir nutzen sie somit, anderen Glück zu bringen.

Aufnehmen und Aussenden  (Tonglen)

Denke an das Leiden aller Wesen, die so viele sind und alle unterschiedliche Leiden haben.

Erkenne, dass „ich nur eine Person bin, andere sind so viele, und wenn ich befreit bin, bin ich es nur. Es ist also viel besser, wenn ich Schwierigkeiten erlebe und andere frei davon sind.“ Diesen Gedanken zu entwickeln könnte unsere größte Entwicklung im Leben sein.

Erzeuge liebevolle Güte gegenüber anderen und entwickle die Meditation, um das Leiden anderer anzunehmen, denn wir alle sitzen im selben Boot.

Wenn du dich tagsüber deprimiert fühlst, denke sofort daran: „Ich kann es im Namen anderer erleben und ihnen das Leiden nehmen.“ Konzentriere dich auf das Atmen, versuche mit dem Einatmen das Leiden anderer und das eigene zu beseitigen, und schenke ihnen und dir selbst mit dem Ausatmen Glück und Freude.

Dies kann auch auf andere Probleme wie Krankheit oder Schwierigkeiten im Leben angewendet werden.

Anmerkung:

Dies ist keine umfassende Ansicht und Beschreibung von Depressionen. Es soll eine kleine Anregung sein, die vielleicht für den einen oder anderen hilfreich sein kann. Sicherlich gibt es Formen der Depression, auf die diese Erklärungen und Methoden nicht zutreffen und hilfreich sind, und die andere Formen der Therapie oder Behandlung brauchen.

 

„Vier Dharmas von Gampopa“, und da Inhalte dieser Belehrungen auch in unseren Meditations- und Studiengruppen öfters auftauchen, oder für die persönliche Einschätzung und Entwicklung relevant sind, folgen hier einige weitere Erklärungen und Informationen dazu.

Ein wesentlicher Aspekt des Textes ist das Eingehen auf die verschiedenen Arten von Praktizierenden. Atisha fasst die Wesen entsprechend ihrer spirituellen Befähigung in drei Gruppen zusammen:

Personen geringster Befähigung:  sie sind diejenigen, die mit allen Mitteln nicht mehr als nur die Freuden von Samsara erstreben.

Personen mittlerer Befähigung: sie sind diejenigen, die Frieden nur für sich allein suchen, sich abkehren von weltlichen Freuden, und schädliche Handlungen vermeiden.

Personen höchster Befähigung:  sie sind diejenigen, die aufgrund ihres eigenen Leidens wahrhaft alles Leid von anderen vollkommen beenden wollen.

Eine wichtige Information hierzu ist, dass es sich nicht unbedingt um verschiedene Menschen handelt, sondern dass ein Mensch auf dem Weg seines Wachstums durch all diese Phasen schreitet.

Traditionell werden bestimmte aufbauende Erklärungen für jede Stufe gegeben.

Für Personen geringster Befähigung z. B. Lehren zum kostbaren Menschenleben, Tod und Vergänglichkeit, Zuflucht und Karma. Dadurch wendet sich der Geist den Lehren zu und überwindet die Fixierung auf sowie die Anhaftung an dieses Leben. Durch das Ausführen guter Handlungen und das Unterlassen schädlicher soll eine gute menschliche Wiedergeburt erreicht werden.

Personen mittlerer Befähigung erhalten Lehren über die Nachteile der zyklischen Existenz, die zwölf Glieder des wechselseitig bedingten Entstehens, die Ethik (Pratimoksha), Konzentration und Weisheit (bekannt als die drei höheren Schulungen). Dadurch soll Abscheu gegenüber Samsara und die Abkehr von seinen vergänglichen Vergnügungen (Entsagung) entwickelt werden und die Ursachen zur Erlangung der Befreiung (Nirwana) geschaffen werden.

Personen höchster Befähigung erhalten Erklärungen, wie sie den Erleuchtungsgeist (Bodhicitta) entwickeln, und sich auf dessen Basis in den Sechs Vollkommenheiten (Paramitas) üben, um so den Weg eines Bodhisattvas zur vollen Erleuchtung (Buddhaschaft) zu gehen – zum Wohle aller Lebewesen.

Zum Schluss wird das Vajrayana (Tantra) als schneller, aber auch gefährlicher Pfad für diejenigen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten vorgestellt.

 

Es folgen mehr Erklärungen zu dem oben erwähnten Text von Atisha Dipamkara: „Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ über die drei Arten von Praktizierenden.

„Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ wurde in Tibet von dem indischen Meister Atisha Dipamkara Shrijnana vefasst. Während der Herrschaft der Ngari-Könige Lhalama Yeshe Ö und seines Neffen Jangchub Ö wurden enorme Anstrengungen unternommen, Atisha von Indien nach Tibet einzuladen. Als ein Ergebnis dieser Bemühungen wurde Lhalama Yeshe Ö von einem benachbarten antibuddhistischen König gefangen genommen und verlor sogar sein Leben, aber Jangchub Ö blieb hartnäckig und war schließlich erfolgreich. Als Atisha in Tibet ankam, bat Jangchub Ö ihn, eine Lehre zu geben, die das ganze Dharma umfassen und für die gesamte tibetische Bevölkerung von Nutzen sein würde. Als Antwort darauf schrieb Atisha „Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“, was ihn zu einem einzigartigen Text macht, denn obwohl von einem indischen Meister geschrieben, wurde er in Tibet speziell für Tibeter verfasst.

Die Metapher der Lampe wird verwendet, weil die Lehren in diesem Text die Dunkelheit der Unwissenheit vertreiben, so wie eine Lampe die Dunkelheit vertreibt. Sie vertreiben die Dunkelheit des Missverständnisses in Bezug auf den Pfad zur Erleuchtung. So wie eine Lampe alle Objekte beleuchtet, die sich in ihrem Umkreis befinden, so erhellt dieser Text alle die verschiedenen Elemente und subtilen Punkte des Pfades, der zur vollen Erleuchtung führt. (Illuminating the path to enlightement. A commentary on Atishas´s Dipankara A Lamp for the Path to Enlightenment von Tenzin Gyatso H. H. 14. Dalai Lama. S. 14)

Im seinem Text erklärt Atisha die verschiedenen Aspekte des Pfades innerhalb des Rahmens von Praktiken, die für Praktizierende mit den drei Kapazitäten geeignet sind – Praktizierende mit kleiner, mittlerer und höchster Kapazität. Er bezieht sich hierbei nicht unbedingt auf drei unabhängige Kategorien von Individuen, einige mit einer höheren Kapazität, einige mit einer mittleren oder durchschnittlichen Kapazität und andere mit einer kleinen oder begrenzten Kapazität. Worauf sich diese Einteilung hauptsächlich bezieht, sind die verschiedenen Ebenen der geistigen Kapazität, die ein einzelnes Individuum auf den verschiedenen Stufen seiner geistigen Entwicklung durchlaufen kann.

Anfänglich kann man daher sagen, dass einzelne Praktizierende eine kleinere Kapazität haben. Durch die Praxis erreichen sie die nächste Stufe und werden zu jemandem mit mittlerer Kapazität, und mit weiterer Praxis erreichen sie die höchste Kapazität. Wir können hier eine Analogie mit dem modernen Bildungssystem sehen. Grob gesagt, entsprechen diese drei Fähigkeiten den Stufen der Grundschule, der Oberschule und der Universität, da die Studenten durch immer höhere und spezialisiertere Stufen des Studiums gehen. (An Introduction to Buddhism. H. H. 14. Dalai Lama S. 61-62)

Gampopa erklärt in seinem Werk „Der kostbare Schmuck der Befreiung“ warum das kostbare Menschendasein von „äußerst großem Nutzen“ ist und zitiert die drei Verse von „Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ von Atisha folgendermaßen:

„Drei Arten von fähigen Menschen sind bekannt: gering, mittelmäßig und hervorragend“. Ein Mensch geringer Begabung ist fähig, den Fall in die niederen Daseinsbereiche zu vermeiden und menschliche oder eine höhere Existenz zu erlangen. So heißt es im Text:

„Wer, auf welche Weise auch immer, bloß auf das Glück im Daseinskreislauf und auf sein eignes Wohl bedacht ist – der wird ein Mensch geringerer Kapazität genannt.“

 

Ein Mensch mittlerer Begabung ist fähig, sich aus dem Daseinskreislauf zu befreien und so einen Zustand des Friedens und des Glücks zu erlangen.

Hierzu lesen wir:

„Wer den Freuden der Welt den Rücken kehrt, sich aller schädlichen Handlungen enthält,

aber nur um den persönlichen Frieden besorgt ist – der wird ein Mensch mit mittelmäßigen Anlagen genannt.“

 

Ein hervorragend Begabter ist fähig, zum Nutzen der Wesen Buddhaschaft zu erlangen. Über ihn wird gesagt:

„Wer sich aufgrund der Erkenntnis des eignen Leidens zutiefst wünscht, das Leid aller anderen vollständig zu beenden – der ist ein Mensch der höchsten Kapazität.“

 

 

HH. 16. Gyalwa Karmapa bei einem Interview 1980

Die Ausübung des Dharma ist eine Angelegenheit von tiefgreifender Bedeutung, dessen sich die Menschen bewusst sein müssen. Es ist eine wertvolle Gelegenheit, die sich für uns in unserer Lebensspanne ergeben hat. Eine, die noch nie zuvor bestand. Sie ist sehr wertvoll, weil es so selten ist, Zugang zu den Dharmalehren zu erhalten. Die Zeit, in der wir die Gelegenheit nutzen können, ist sehr begrenzt, und dies macht sie noch wertvoller.

Ich möchte wiederholen, dass sich eine seltene und kostbare Gelegenheit manifestiert hat, die noch nie zuvorgekommen ist, wenn wir den Dharma in unserem Leben finden. Es ist eine historische Situation, ein Wahrzeichen. Noch einmal: die Zeit, diese Gelegenheit zu nutzen, ist begrenzt. Deshalb müssen wir den großen Wert dieser Gelegenheit erkennen. Der beste Weg, dies zu tun, besteht darin, sich so aufrichtig wie möglich auf die Ausübung des Dharma einzulassen. Andernfalls könnte die Gelegenheit verblassen. Es besteht mit Sicherheit die Gefahr, dass man diese Gelegenheit verliert. Sie könnte sich immer weiter entfernen, und dies wäre sehr schade.

 

Die Lehre des Buddha in der heutigen Welt
(von Walpola Rahula „Was der Buddha lehrt“)

 

Einige Menschen glauben, der Buddhismus sei ein Lehrsystem mit so hohen und erhabenen Zielen, dass gewöhnliche Menschen in unserer heutigen Arbeitswelt ihn nicht in die Praxis umsetzen können. Sie meinen daher, dass man diese Welt verlassen, sich in ein Kloster oder an einen ruhigen Platz zurückziehen muss, wenn man ein wahrer Buddhist sein will.
Das ist eine Auffassung, die offensichtlich auf einen Mangel an Verständnis für die Lehre des Buddha zurückzuführen ist. Die Leute kommen zu solchen vorschnellen und falschen Schlüssen, weil sie zufällig von jemandem etwas über den Buddhismus gehört oder gelesen haben, der die Lehre nur oberflächlich verstanden hat, und nun eine einseitige und unbegründete Ansicht darüber vermittelt. Die Lehre des Buddha ist keineswegs nur für Mönche in Klöstern bestimmt, sondern auch für Menschen, die das übliche Leben in Familie und Häuslichkeit führen. Der Edle Achtgliedrige Pfad, der buddhistische Lebensweg, wendet sich unterschiedslos an alle. 
Wie rein, edel und erhaben der Buddhismus auch sein mag, er würde für die Massen der Menschheit nutzlos sein, wenn sie ihm nicht heute in ihrem täglichen Leben in der Welt nachfolgen könnten. Wenn man aber den Geist des Buddhismus richtig versteht (und nicht nur seinen Buchstaben), dann kann man ihm in jeder Lebenslage folgen, und ihn in die Tat umsetzen. 
Es mag Menschen geben, die es leichter und förderlicher finden, wenn sie für die Verwirklichung der Lehre abseits von der Gesellschaft, an einem ruhigen und entlegenen Ort leben. Andere mögen finden, dass solche Zurückgezogenheit sie körperlich und geistig erschlafft und niederdrückt, und daher für ihre geistige Entwicklung nicht zuträglich ist.

Wirkliche Entsagung bedeutet nicht, dass man sich körperlich aus der Welt zurückziehen muss. Sariputta, der Hauptschüler des Buddha, sagte, dass ein Mann, asketischen Übungen hingegeben, in einem Wald leben und doch voll von unsauberen Gedanken und geistigen Befleckungen sein kann. Ein anderer aber lebt ohne asketische Zucht in einem Dorf oder einer Stadt, ist jedoch reinen Geistes und frei von Befleckungen. Von diesen beiden, erklärt Sariputta, ist der Mann, der ein reines Leben in einem Dorf oder einer Stadt führt, besser und größer als der, der mit unsauberen Gedanken im Walde lebt.

 

 

 

 

Auch wenn du heute stirbst, warum traurig sein? Das ist der Weg von Samsara.
Selbst wenn du hundert Jahre alt wirst, warum froh sein? Die Jugend ist längst vorbei.
Ob du genau jetzt lebst oder stirbst, was macht dieses eine Leben schon aus?
Übe den Dharma für das nächste Leben – darum geht es.
Aus „The Heart Treasure of the Enlightened Ones“ von Patrul Rinpoche

 

 

 

 

Sherab Palden Beru, herausragender Meister der Karma Gadri Linie der tibetischen Thankamalerei

Eine kurze Biographie über den vielleicht am meisten geschätzten und verwirklichten Halter der Karma-Gadri-Linie der Thankamalerei und meinen wertvollen  Lehrer.
Im Samye-Ling Tempel hängt ein großes Thanka, auf dem der 8. Karmapa abgebildet ist, über dessen Schriften Karmapa in diesen Wochen lehrt.  Ich möchte ein paar Zeilen über diesen herausragenden Künstler und Praktizierenden, der das Thanka entworfen hat, schreiben. Nachdem ich 1986 im Dezember das erste Mal nach Samye-Ling kam, und sich in den folgenden Wochen herauskristallisiert hatte, dass dies genau der Ort ist, an dem ich weiterhin leben wollte, wurde ich Thankamalschülerin von Sherab Palden Beru. Die nächsten 7 Jahre verbrachten wir den größten Teil unserer Zeit zusammen, und ich habe viele wunderbare Erinnerungen und bleibende Eindrücke durch das gemeinsame Leben mit dem Maler, Bildhauer, Meditierenden, Kenner von Tempeldekoration, Leiter von Pujas,  Experten im Tibetischen Tanz und den rituellen Abläufen eines Klosters. Sein Wissen und seine Fertigkeiten waren unerschöpflich, und jedes Detail des Samye-Ling Tempels basiert auf seinen Anleitungen und Vorlagen.
Aber die wahre Schönheit und bemerkenswerte Reinheit, die diese Werte ausdrücken, sind auf den wichtigsten Aspekt seines Lebens, die Dharmapraxis, zurück zu führen. Von morgens 3.30 h bis zum Schlafengehen hatte sein Tag eine klare Einteilung in Meditationszeiten, Arbeit, Pause für Essen, Spaziergang. Kein Tag verging ohne seine Praxis, selbst ein Ausflug im Auto hielt ihn nicht davon ab, Mahakalapuja zu machen. Liebevoll wurde er von allen „Oncle Sherab“ genannt. Auch wenn sein Englisch sehr bruchstückhaft war versäumte er es nie, ein freundliches Wort an die Menschen, die ihm begegneten, zu richten oder kurz ihre Hand zu halten.

 

Aus Wikipedia:
Sherab Palden Beru (1911 – 29. November 2012) war ein im Exil lebender tibetischer Thangka-Künstler, der über einen Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung der Thankamaltradition Tibets durch die Ausbildung westlicher Studenten spielte. 

Sherab Palden wurde in eine Nomadenfamilie hineingeboren, die seit Mitte des 15. Jahrhunderts in der östlichen Provinz Kham in Tibet lebte. Mit neun Jahren trat er in das Namgyal Ling-Kloster ein. Seine Fähigkeit zum Zeichnen wurde schnell erkannt, und seine formale künstlerische Ausbildung begann ab dem 13. Lebensjahr unter der Leitung des Künstler-Lamas des Klosters. Neun Jahre später vollendete er sein erstes Thangka.

Während seines Studiums in Namgyal Ling erlangte Sherab Palden ein hohes Maß an Können, nicht nur in der Thangka-Malerei, sondern auch in den damit verbundenen klösterlichen Disziplinen wie Ritualmusik und insbesondere Lama-Tanz. Nach über 30 Jahren im Kloster reiste Sherab Palden 1956 nach Lhasa, wo er drei Jahre blieb, bis er nach dem Einmarsch chinesischer Streitkräfte in Tibet nach Indien fliehen musste. In Indien begann er erneut mit der Thangka-Malerei, die er für eine Weile in Dalhousie ausübte, wo er unter anderem von Lokesh Chandra beauftragt wurde, eine Reihe von Zeichnungen von Mandalas zur Veröffentlichung zu erstellen. Er wurde dann vom 16. Karmapa, Rangjung Rigpe Dorje, gebeten, seinen Weg nach Schottland zu machen, wo Chogyam Trungpa und Akong Tulku Rinpoche das erste tibetisch-buddhistische Zentrum im Westen, Kagyu Samye Ling, in Eskdalemuir, Dumfriesshire, gegründet hatten. Trotz anfänglicher Bedenken, die tibetische Gemeinschaft so bald nach ihrer Ankunft als Flüchtling im nordindischen Exil zu lassen, ging Sherab Palden auf die Wünsche seines Gurus ein.

Während der nächsten 35 Jahre widmete sich der Künstler der Herstellung von Thangkas von herausragender Qualität im Karma Gadri-Stil und der Ausbildung westlicher Studenten in den Techniken der Thangka-Malerei. Seine Arbeiten sind in Zentren in Europa, Asien und Nordamerika zu sehen. Seine wichtigsten Meisterwerke sind in Samye Ling selbst zu sehen, wo er nicht nur das Innere des Tempels entwarf, sondern auch mehrere Zyklen exquisiter Thangkas, in denen die Übertragungslehrer der Kagyü-Linie, Sakyamuni Buddha, indische Mahasiddhas und weitere wichtige Meditationsobjekte und Schutzgottheiten dargestellt wurden. Am bemerkenswertesten sind das vielfach kopierte Gemälde des Kagyu Lienienbaums und das Gemälde des Guru Yoga des 8. Karmapa, Mikyo Dorje. Er malte auch das Thangka von Vajradhara im Schreinraum von Dorje Dzong in Boulder, Colorado.

Die Gemälde im Tempel von Samye Ling sind bekannt für ihre Kombination aus Größe und exquisiten Details. Wie in Tibet dauerte die Fertigstellung vieler dieser Gemälde zwischen einem und drei Jahren. Zusammen mit Akong Rinpoche und seinen Schülern half Sherab Palden auch dabei, Thangkas aus Tibet zu bergen, wiederherzustellen und aufzubewahren. Viele von ihnen wurden tragischerweise in den frühen Tagen der chinesischen Besatzung zerstört. Später wurde Sherab in Samye Ling von seinem Neffen Gyamtso Tashi begleitet, einem ordinierten Mönch und Bildhauer, der nach einer dreijährigen Pilgerreise zu Fuß durch Tibet nach Indien gelangte.

Bis weit in die neunziger Jahre trug Sherab Palden zwar nicht mehr direkt zur Malerei bei, aber blieb eine führende Autorität in Fragen der tibetischen Kunst, und wurde regelmäßig von praktizierenden Thangka-Künstlern konsultiert. Er starb am 29. November 2012 in Samye Ling im Alter von 102 Jahren. Sein Körper wurde für die traditionelle dreitägige Zeit nach seinem Tod in der Tukdam-Meditation völlig ungestört gelassen

 

 

Praktische Anregungen, Mitgefühl in den Alltag, in die Arbeit und Familie zu bringen
Wenn wir lernen, Mitgefühl für alle Wesen zu entwickeln, sollte es eigentlich einfach sein, mit Familie, Arbeitskollegen oder in Alltagssituationen zu üben.
Aber oft ist es so, dass es gerade in der Familie so schwierig erscheint, denn wir haben zu viele Erwartungen. Aufgrund der Anhaftung sind wir überempfindlich, wir reagieren zu heftig, wir gehen unnachgiebiger um mit denen, die wir lieben.

Mitgefühl ist eine grundlegende Qualität des buddhistischen Weges. Ohne Mitgefühl zu entwickeln, haben wir keine Chance, uns weiterzuentwickeln und auf dem Weg zur Befreiung weiterzukommen. In Mahayana-Buddhismus ist es der zentrale Fokus – der Bodhisattva-Pfad.
Unser eigenes Wohl und uns selbst so wichtig zu nehmen, führt zu den Kleshas, den Geistesgiften; Anhaftung und Abneigung verstärken ständig unser Gefangen-sein in Samsara. Mitgefühl muss auf der Bereitschaft beruhen aufzuhören, sich selbst immer an die erste Stelle zu setzen. Wir lernen, das Wohlbefinden von anderen als wichtiger als unser eigenes zu betrachten. Wir lernen, dass das eigentliche Glück von der Fürsorge für andere kommt.

Das Mitgefühl in das Familienleben zu bringen, bedeutet also, dass wir ständig überprüfen, ob wir nur unsere eigenen Interessen verfolgen, und zu lernen, sich anzusehen, was die Bedürfnisse der anderen wirklich sind. Es bedeutet die Entwicklung von Geduld und Vergebung.

Weitere Aspekte, wie wir Mitgefühl in der Familie verstärken:
Wir denken daran, dass eine gute Kommunikation sehr wichtig ist.
Wir konzentrieren uns auf die positiven Seiten, die positiven Eigenschaften unserer Familienmitglieder. Wir können sogar Listen ihrer Qualitäten machen, und aufschreiben, was wir an ihnen schätzen.
Wir entwickeln eine Haltung der Dankbarkeit.

Wir erinnern uns an Vergänglichkeit, das heißt, dass wir einander schätzen, solange wir dies können.
Wir nutzen die Zeit miteinander positiv, sodass wir später nichts zu bedauern haben.
(Mindfulness -association Samye-Ling)

 

 

 

 

Karmapa und Akong Rinpoche

Der 17. Karmapa sandte seine verheißungsvollen Grüße an die heutige Zuhörerschaft und hieß die Kagyu Samye Dzong Lubumbashi-Gemeinschaft, die jeden Tag aus der Demokratischen Republik Kongo an den Belehrungen teilnimmt, besonders herzlich und freudig willkommen. Er freut sich über ihre Dharma-Praxis, und zeigt großes Interesse an ihrer Gemeinschaft und hat bemerkt, wie wirklich gut ihre Aussprache des Tibetischen beim Rezitieren der Einundzwanzig Lobpreisungen der  Grünen Tara ist. Außerdem haben viele andere Tibeter, die wie er die Videos von dem Samye Dzong Kongo online gesehen haben, ihre Bemühungen und ihre Praxis gelobt.

Kagyu Samye Dzong Lumbumbashi ist Samye Ling in Schottland angeschlossen und mit Akong Rinpoche sehr verbunden. Sein plötzliches Ableben im Jahr 2013 hat Karmapa traurig gemacht, und war ein schwerer Schicksalsschlag für Akong Rinpoches Schüler. Karmapa erzählte den Zuhörern, dass er vor seiner Inthronisierung als Karmapa Akong Rinpoche begegnete, und daher Akong Rinpoche seit seiner Jugend gut kannte. Akong Rinpoche half vielen armen und benachteiligten Menschen und unterstützte auch über 300 Schulen in Tibet. Karmapa sagte, dass es seine Verantwortung sei, Rinpoches Wiedergeburt ausfindig zu machen, und dass er sein Bestes tun würde, ihn bald zu finden. Dann richtete er noch einmal seine Grüße an die Kagyu Samye Dzong Grmeinschaft Lubumbashi, versicherte ihnen, dass er sich über die Arbeit, die sie geleistet haben, freue, und da Französisch, und nicht Englisch, ihre Sprache ist, schloss er mit: “Merci beaucoup”.
Quelle: Arya kshema 2021. Link zum Text:
 http://www.aryakshema.com/index.php/en/component/content/article/34-news-articles/7th-arya-kshema/141-day-9-the-fifth-karmapa-deshin-shekpa-and-the-ming-emperor-yongle?Itemid=112

 

 

Die Bedeutung von Löwe und Schneelöwe im Buddhismus
(Skt. Singha, simha; Tib. Seng-ge) und (Tib. Seng-ge dkar)

 

Der Löwe ist als König aller Tiere ein altes indisches Symbol für Souveränität und Schutz. Der frühe Buddhismus nahm den Löwen als Symbol für Shakyamuni Buddha, der auch als Shakyasimha (Tib. Sakya seng-ge), der „Löwe des Shakya-Clans“, bekannt ist. Als Symbol seiner Souveränität wird der Buddha auf einem Thron dargestellt, der von acht Löwen getragen wird. Diese nach den acht Himmelsrichtungen ausgerichteten Löwen, symbolisieren die acht großen Bodhisattvas oder „acht nahe Söhne“ des Buddha. Simhanada oder das „Löwengebrüll“ ist eine Bezeichnung für eine Form von Avalokiteshvara (Chenrezig), bei der sich der Begriff „Löwengebrüll“ auf die Vorherrschaft der Lehren Buddhas gegenüber allen anderen heretischen Lehren bezieht. Viele Vajrayana-Gottheiten werden auf einem Löwen reitend dargestellt, darunter Manjushri, Ganapati und Tashi Tseringma.
Der Löwenthron ist ein gemeinsames Merkmal vieler Nirmanakaya Buddha-Formen, wie dem Medizinbuddha, Ratnasambhava und Vairocana, dem weißen Buddha des Zentrums oder Ostens und dem „Herrn der Tathagata oder Buddha-Familien“.

 

Der Löwe aus der indischen Kunst fand seine kulturelle Repräsentation in der tibetischen Kunst als der mythologische Schneelöwe Tibets. Dieser weiße Schneelöwe mit einer türkisfarbenen Mähne ist die lokale Gottheit (Tib. Gnyan) der tibetischen Schneegebirge. Wie der Buddhismus, der von Indien aus über den Himalaya „sprang“, kann der weiße Schneelöwe als glückverheißend verstanden werden, wenn er spielerisch von einem Schneegipfel zum anderen springt.
Der Schneelöwe ist Tibets nationales Tieremblem. Seine Form schmückt die tibetische Nationalflagge, seine Regierungssiegel, Münzen, Banknoten und Briefmarken sowie die Insignien des Dalai Lama. In Thangkas werden zwei Schneelöwen oft spielerisch auf einem schneebedeckten Berggipfel dargestellt, wo sie ein ähnliches harmonisches Motiv bilden wie die beiden Paare Hirsche und Kraniche. Schneelöwen können auch dargestellt werden, wie sie mit einem Ball in der Art von Kätzchen spielen. Eine chinesische Legende berichtet, dass Löwinnen Milch aus ihren Pfoten produzieren, und dass ein Teil dieser Milch in die Kugeln gelangen würde, wenn die Löwen hohle Kugeln zum Spielen zurücklassen würden. In der tibetischen Kunst erscheint dieser Ball normalerweise in Form eines dreifarbigen „Rads der Freude“(Tib. Dga “ khyil). Der große tibetische Yogi Milarepa hatte einst einen prophetischen Traum, der den Schneelöwen beinhaltete, und von seinem Guru Marpa unter anderem auch als Zeichen gedeutet wurde, dass der Milarepa vollkommene Befreiung erlangen würde.

 

 

Umgang mit Krankheit, Alter, Tod.
Hier ist ein inspirierendes Beispiel, mit diesen Herausforderungen umzugehen. 
Eine Frau aus Bad Boll, die vielen bekannt ist durch ihr Schattentheater oder als Kämpferin gegen Beschneidung, lebt nun ihre Kreativität in einer besonderen Form des Malens aus.
Für die 78-Jährige wird es immer schwieriger, den Permanentmarker zu halten. Seit 30 Jahren leidet sie an chronischer Polyarthritis und musste sie wegen dieser entzündlichen Autoimmunerkrankung, die ihr starke Schmerzen bereitet, ihre vielfältigen Berufstätigkeiten als Lehrerin, Heilpädagogin und Altenpflegerin aufgeben. Obwohl es für sie ein Kampf mit den Stiften ist, die oft nicht so fein sind, wie sie es bräuchte, malt sie dennoch nahezu täglich. Als Grund nennt sie: „Ich lebe alleine auf 26 Quadratmetern, fühle mich aber durch den Flow meiner Arbeit nicht einsam. Für mich ist das Alter nicht nur eine Last, ich sehe darin die Chance, die Dinge aus dem Blickwinkel eines nahenden Todes zu sehen.“

Diese ungewöhnliche Frau wurde 1942 in Wien geboren. Gerade mal zweieinhalb Jahre alt, floh sie mit ihren Eltern rund 300 Kilometer zu Fuß zum Wörthersee. 1950 kam sie von Tirol nach Frankfurt am Main. Nach dem Abitur 1963 studierte sie in der Meisterklasse der „Beaux Arts“ in Paris, dann an der Goethe-Universität Frankfurt. Die ehemalige Neidlingerin entschied sich für die „Frankfurter Schule“, eine Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern, die an die Theorien von Hegel, Marx und Freud anknüpfte. Anschließend absolvierte sie ein Lehramtsstudium und widmete sich auch der Porträtmalerei.  
1983 entwickelte sie mit einer Elterngruppe an der Waldorfschule Nürtingen Aufführungen im Sinn eines Schattentheaters, und folgte 2001 der Einladung afrikanischer Puppenspieler-Gruppen. Fortan reiste sie als unermüdliche Botschafterin noch bis vor vier Jahren immer wieder nach Westafrika, blieb mehrere Monate im Land, um das Volk in den entlegensten Dörfern im Staat Burkina Faso über Aids und die Beschneidung von Mädchen aufzuklären. 
(Ein Artikel aus dem Teckboten)

 

 

Die Gemeinschaft ist der beste Lehrer

(Aus dem Heft „Tibet und Buddhismus“ Aug/Sept. 2004   von Karl Schmied)

In einer Gemeinschaft zu üben ist eine sehr starke und heilsame, die eigene Praxis immer neu formende Übung. Unser Bemühen um Achtsamkeit wird im Energie- und Trainingsfeld einer Sangha ständig gestärkt, vertieft und erneuert.
Die Gemeinschaft ist der beste Lehrer. Wer sich mutig und aufrichtig in die spirituelle Gemeinschaft einbringt, zieht allmählich großen Nutzen aus der Weisheit, Erfahrung und Übung jedes einzelnen Mitglieds. Wenn du es zulassen kannst, dass die Gemeinschaft dir hilft, kann die Lebenserfahrung und Menschlichkeit jeder Dharma-Schwester, jedes Dharma-Bruders ein Licht auf deine Probleme werfen, und dir somit helfen, sie durch Erkennen zu lösen und zu überwinden. 

Verlasse deine Gemeinschaft nicht, auch wenn sie dir manchmal zusätzliche Probleme oder Unbehagen bereitet. Thich Nhat Hanh erwähnt oft ein vietnamesisches Sprichwort: „Wenn ein Tiger die Berge verlässt, wird er von den Menschen gefangen und getötet.“ Wer seine Gemeinschaft verlässt, wird früher oder später seine Praxis aufgeben. In der Gemeinschaft wirst du ebenso einen Lehrer finden wie in dir selbst. 

Die Sangha ist ein Trainingsfeld. Meditation ist keinesfalls nur eine individuelle Angelegenheit. Wir müssen zusammen üben. Auch in unserem Alltagsleben hilft uns die spirituelle Familie, tiefer hinzusehen, genauer hinzuhören und achtsamer und liebevoller, weniger von Gier und Wut bestimmt, zu handeln. 

In den folgenden Erfahrungen, die der Autor des Artikels in verschiedenen Gemeinschaften sammeln konnte, und die zum Aufbau und zur Bewahrung von Gemeinschaft von Nutzen sein können: 

Stärke dein Vertrauen in die heilsame Kraft der Drei Juwelen (Buddha, Dharma, Sangha), in der die Gemeinschaft eingeschlossen ist. Arbeite in der Gemeinschaft überzeugt mit und überprüfe ständig deine eigenen Wünsche, Konzepte und Vorstellungen sowie die Absicht, sie in der Gemeinschaft durchzusetzen. 

Kontinuität ist überaus wichtig. Ob ihr drei oder hundert seid, spielt keine Rolle. Trefft euch regelmäßig. Legt Zeiten der gemeinsamen Praxis fest, die ihr auch einhaltet. 

Helft mit, die Bereitschaft zu fördern, dass sich möglichst alle Teilnehmer der Gruppe einbringen, mitgestalten und mitwirken, und somit allmählich den „Konsumenten-“ und „Hörer-Status“ überwinden und zu echten Dharma-Freunden werden. 

Gebt den Sangha-Treffen eine klare Struktur. Der zeitliche Ablauf, die Rituale und Rezitationen, Gesprächsabläufe (Diskussionsdisziplin) sollten klar vereinbart sein, damit kein unverbindliches „Teekränzchen“ entsteht. 

Die Gemeinschaft, besonders Meditationsgruppen, sind fast immer personenbezogen. Klare Orientierung an bestimmten Menschen, die den Dharma nicht nur lehren, sondern leben, sind für die meisten Sangha-Mitglieder wichtig und notwendig. Räte-Modelle oder rotierende Systeme der Gruppenleitung haben sich nach meiner Erfahrung nicht bewährt. 

Die Gemeinschaft ist eine spirituelle Familie, jedoch kein warmes Nest. Schwierige, durch psychologische Probleme instabile Freunde können nur in geringer Zahl und von einer gefestigten Gemeinschaft aufgenommen, unterstützt und vielleicht sogar integriert werden. Die Sangha ist kein psychotherapeutischer Ersatz. 

Konflikte, und seien sie noch so klein, sollten regelmäßig rechtzeitig gelöst werden. Immer wieder müssen wir gegenseitiges Zuhören und das Verstehen anderer Personen einüben und einen tragbaren Konsens anstreben, was nicht mit faulen, unbefriedigenden Kompromissen gleichzusetzen ist, die einem falsch verstandenen Harmoniebedürfnis zuliebe geschlossen werden. 

Keine Spaltung der Gemeinschaft betreiben. Offen bleiben, um eine möglichst große Vielfalt von Auffassungen und Übungen zuzulassen und ein lebendiges Dharma-Verständnis mit kraftvoller Praxis zu ermöglichen. Dies gilt besonders für Gemeinschaften, die sich stark an Traditionen und Lehrern orientieren. 

Klärt präzise Kompetenzen und Verantwortlichkeiten in Fragen der Vereinsführung und Finanzen. Nehmt euch nicht zu viel vor, damit kein „Beschaffungs-Buddhismus“ entsteht (Wie finanziere ich das Dharma-Geschäft?). Zentren, größere Projekte und Veranstaltungen sollten genau geplant werden, und sich an den Möglichkeiten der Gemeinschaft orientieren. 
Finanzieller Druck erzeugt oft unheilsamen Aktivismus und schafft nicht nur beträchtliche Spannungen innerhalb der Gemeinschaft, sondern gefährdet sie auch. 

Lasst uns Feste feiern: Freude, Heiterkeit und ein befreiendes Lachen sind etwas Wunderbares. 
Das Vesakhfest im Frühsommer, ein Fest für den Buddha Maitreya im Advent sind gute Gelegenheiten zu zeigen, wie schön es ist, dass es uns gibt, und dass wir uns auf diesem wunderbaren Weg befinden. 

Mögen wir alle dazu beitragen, dass das Sangha-Juwel hell strahlt und die wertvollste Stütze ist auf unserem Weg zu einem ganzen, erwachten, von Gier, Hass und Verblendung befreiten Menschen. Mit der Gemeinschaft können wir inneren und äußeren Frieden, tiefe Freundschaft, umfassendes Verstehen und Liebe in unser Leben bringen. 
(Aus dem Heft „Tibet und Buddhismus“ Aug/Sept. 2004   von Karl Schmied)

 

 

Essenzielle Nahrung

Nichts und niemand kann ohne Nahrung überleben. Alles, was wir zu uns nehmen, wirkt entweder heilend oder schadet uns. Wir glauben, Nahrung sei nur das, was wir mit dem Mund aufnehmen, doch auch das, was wir durch die Augen und Ohren, unsere Nase, unsere Zunge und unseren Körper aufnehmen, ist Nahrung. Die Frage ist: Nehmen wir die Art von Nahrung zu uns, und schaffen wir solche Nahrung, die für uns gesund ist und uns wachsen lässt?

Wenn wir etwas sagen, das uns nährt und den Menschen in unserer Nähe gut tut, dann stärken wir Liebe und Mitgefühl. Wenn wir in einer Weise sprechen und handeln, die Spannung und Ärger zu Folge hat, dann nähren wir Gewalt und Leid.

Aus unserer Umgebung und aus dem, was wir sehen und lesen, nehmen wir oft Schädliches auf. Alles, was unser Verständnis und Mitgefühl stärkt, ist gute Nahrung. Doch häufig empfangen wir Eindrücke, durch dir wir uns schlecht oder unsicher fühlen oder die bewirken, dass wir über andere abwertend urteilen. Wir können unsere Kommunikation als eine Art Nahrung und Konsum betrachten. Das Internet ist ein Ort des Konsums und voll von Nährstoffen, die sowohl gesund, als auch ungesund sind. Es ist so einfach, sich innerhalb von Minuten Online vieles einzuverleiben. Das bedeutet nicht, das wir das Internet nicht nutzen sollen, doch wir sollten aufmerksam darauf achten, was wir lesen und uns anschauen.

Was wir lesen oder schreiben, kann eine heilende Wirkung haben. Deshalb sollten wir , auch hier darauf achten, was wir konsumieren. Schreiben wir eine E-Mail oder einen Brief, der von Verständnis und Mitgefühl zeugt, nähren wir uns während des Schreibens selbst. Auch wenn es nur eine kurze Nachricht ist, alles, was wir schreiben, kann für uns und für die andere Person wertwolle Nahrung sein
(achtsam sprechen – achtsam zuhören: Die Kunst der bewussten Kommunikation von Thich Nhat Hanh)

 

Rat an einen sterbenden Praktizierenden

von Dodrupchen Jigme Tenpe Nyima

 

Du wirst Vorbereitungen treffen müssen, bevor es an der Zeit ist zu sterben. Dazu gehören viele Aspekte, aber ich werde hier nicht zu sehr ins Detail gehen. Wenn der Moment des Todes naht, solltest du Folgendes tun.

Sage dir wieder und wieder: „Ob der Tod nun früher oder später kommt, letztlich bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Körper und all meinen Besitz aufzugeben. Und das gleiche trifft auf die gesamte Welt zu.“

Mit solchen Gedanken durchtrenne die Fesseln von Verlangen und Anhaftung vollständig. Bekenne alle schädlichen Handlungen, die du in diesem und all deinen anderen Leben begangen hast, sowie alle Verletzungen und Brüche von Gelübden, die du vielleicht verursacht hast, wissentlich oder unwissentlich, und gelobe wiederholte Male zukünftig nicht mehr auf solche Weise zu handeln.

Sei nicht beunruhigt oder ängstlich im Hinblick auf den Tod. Versuche lieber, dir Mut zu machen, und ein echtes Gefühl von Freude zu entwickeln, indem du dir alle positiven und tugendhaften Dinge ins Gedächtnis rufst, die du in der Vergangenheit getan hast. Beglückwünsche dich ohne eine Spur von Stolz oder Arroganz immer wieder zu allem, was du erreicht hast. Widme all deine Verdienste und rezitiere immer wieder Wunschgebete, so dass du in all deinen zukünftigen Leben imstande sein wirst, dir den vollständigen Pfad des höchsten Fahrzeugs (Vajrayana) zu Herzen zu nehmen, unter der Führung eines spirituellen Freundes und mit Qualitäten wie Vertrauen, Eifer, Weisheit und Gewissenhaftigkeit – mit anderen Worten, mit den allerbesten Umständen, sowohl äußeren, als auch inneren. Bete, dass du niemals unter den Einfluss übelgesinnter Gefährten oder zerstörerischer Gefühle gerätst.

In den Texten des Vinaya wird erklärt, dass eine der Hauptursachen für die Erlangung der höchsten Form von Wiedergeburt, z. B. als jemand, der in der Gegenwart des Buddha ein diszipliniertes Leben führt, darin besteht, im Moment des Todes Gebete zu sprechen und Wünsche zu formulieren. Aus diesem Grund wird gesagt, „was immer das Nächste und was das Vertrauteste ist“ wird von enormer Kraft sein.

Jedem Wunsch und jedem Bestreben, das du formulierst, solltest du zusätzliche Schubkraft geben, indem du auf entschlossene Weise gelobst: „In all meinen Leben werde ich alles Erdenkliche tun, um mich auf dem Pfad von Leerheit, deren Essenz Mitgefühl ist, zu üben!“ Um dir die Wichtigkeit dieses Entschlusses bewusst zu machen, stell dir vor, um wie viel wirksamer es ist, wenn du dir entschieden sagst: „Ich werde früh am Morgen aufwachen!“, als einfach nur den Wunsch zu hegen: „möge ich früh aufwachen.“

Damit deine Gebete oder Absichten schneller in Erfüllung gehen, ist es äußerst hilfreich, dich auf eine Verkörperung spiritueller Kraft zu stützen. Rufe dir daher denjenigen ins Gedächtnis, zu dem du die größte Hingabe verspürst, sei es Guru Rinpoche, der glorreiche Meister aus Oddiyana, oder der edle Avalokiteshvara, der Herr der Welt, und mit zuversichtlichem Vertrauen, dass er oder sie die Verkörperung aller kostbaren Quellen der Zuflucht ist, bete einsgerichtet um die Erfüllung deiner Wünsche.

Im Moment des Todes selbst wird es dir schwerfallen, genügend geistige Kraft aufzubringen, um über etwas Neues oder Unvertrautes zu meditieren, darum musst du bereits vorher eine geeignete Meditation wählen und dich darin üben, bis du damit vertraut geworden bist. Wenn du dann dahinscheidest, solltest du deine Gedanken so intensiv wie möglich auf diese Meditation richten, ob es sich dabei um die Erinnerung an den Buddha, die Konzentration auf Mitgefühl, das Kultivieren der Sicht von Shunyata oder die Erinnerung an das Dharma oder die Sangha handelt. Damit dir dies gelingt, ist es ebenfalls wichtig, dass du dich im folgenden Denken geübt hast: „Da ich jetzt den kritischen Moment des Todes durchschreite, werde ich keinem einzigen negativen Gedanken erlauben, in meinen Geist einzutreten.“

Die Heiligen der Vergangenheit hatten ein Sprichwort: „Besser, als viele tugendhafte Handlungen, ausgeführt mit einem dumpfen, umwölkten Geist, ist eine einzige tugendhafte Tat, vollbracht mit geistiger Klarheit.“ In diesem Sinne wird all deine Praxis wesentlich wirkungsvoller sein, wenn du zuvor mit aller Kraft ein Gefühl von Inspiration und Freude entwickelt hast.

 

 

DRACHEN
(Skt. Vritra; Tib. ‚Brug; Ch. Lunge)

Im Gegensatz zu seinem dämonischen europäischen Gegenstück ist der orientalische Drache eine glückverheißende Kreatur von großer kreativer Kraft. Das Bild des chinesischen Drachen tauchte erstmals in neolithischen Schnitzereien auf, die um das fünfte Jahrtausend v. Chr. Zurückreichen, und ist als solches eines der frühesten Repräsentationssymbole der Menschheit. Die früheste schriftliche Beschreibung des chinesischen Drachen findet sich im I Ging oder im „Buch der Veränderungen“. Hier erscheint es als Symbol für das starke lichtgebende männliche Yang-Prinzip von Himmel, Frühling, Veränderung und kreativer Energie. Der Drache besitzt eine schwer fassbare oder verborgene Natur mit der Fähigkeit, seine Form nach Belieben umzuwandeln. Es kann sich unsichtbar machen, auf die Größe einer Seidenraupe verkleinern oder seinen Körper ausdehnen, um den Himmel zu füllen. Am Frühlingsäquinoktium steigt er in den Himmel auf, wo es bis zum Herbstäquinoktium bleibt, wenn er in ein tiefes Becken hinabsteigt und sich bis zum nächsten Frühling im Schlamm einhüllt. Als Symbol für Himmel und die lichtgebenden Kräfte des Frühlings wird der Drache mit dem Osten, der Farbe Blau und der Nummer neun des starken Yang-Prinzips gleichgesetzt. In der chinesischen Kunst ist der junge azurblaue Drachen oft dargestellt mit seinem irdenen weißen Yin Gegenstück.

Im Buddhismus ist der Drache das Fahrzeug von Vairocana, dem weißen Buddha des Ostens oder der Mitte. Vairocanas Drachenthron wurde wahrscheinlich vom Drachenthron des chinesischen Kaisers abgeleitet. Der azurblaue oder türkisfarbene Drache ist das Fahrzeug vieler buddhistischer Schutzgottheiten, Wasser- oder Sturmgötter und Schatzwächter. Als Schatzwächter kann der chinesisch-tibetische Drache eng mit der indischen Naga identifiziert werden.

Die tibetische Bezeichnung für den Drachen, Druk (Tib. ‚Brug), bezieht sich auf den Klang des Donners. Das buddhistische Königreich Bhutan ist als Druk Yul bekannt und bedeutet „Land des Donnerdrachen“. Bhutans Einwohner sind allgemein als Drukpas bekannt und nach der Drugpa Kagyu-Linie Tibets benannt. Diese Linie wurde von Tsangpa Gyare (1126-1211) gegründet, der neun Drachen gesehen hatte, die in der Nähe von Gyantse in Zentraltibet in den Himmel aufstiegen, und später an dieser abgelegenen Stelle sein Kloster Ralung errichtete. Im tibetischen Buddhismus ist der Aufstieg einer Gruppe von Drachen immer ein vielversprechendes Omen.

 

 

Umwelt
In der Vergangenheit hatten die Menschen in den meisten Teilen der Welt ein sehr unkompliziertes Verhältnis zur Umwelt. Sie nutzten die von der Natur bereitgestellten Ressourcen nach Bedarf und richteten aufgrund der Einfachheit ihres Lebens nur selten großen Schaden auf der Erde an. Dies hat sich jedoch in jüngerer Zeit stark verändert. Nicht nur, dass unser Leben nicht mehr so einfach ist, auch unsere Beziehung zur Umwelt ist viel komplizierter und wir haben jetzt eine enorme Macht, ihr Schaden zuzufügen.
Unser Lebensstil im 21. Jahrhundert stellt enorme Anforderungen an die Umwelt. Wir verbrauchen immer mehr Ressourcen wie fossile Brennstoffe, Holz und Wasser, ohne an die möglichen Folgen zu denken.
Wir glauben, dass wir alle möglichen Gadgets, Spielzeuge und Maschinen brauchen, ohne darüber nachzudenken, ob diese wirklich wichtig und nützlich für uns sind. Manchmal scheint es keine natürliche Grenze für menschliche Wünsche zu geben. Aber es gibt eine Grenze dafür, wie Mutter Erde in der Lage ist, uns zu ernähren. Wir können es uns nicht leisten, unseren Wünschen weiterhin unbedacht und unreflektiert nachzugeben.

Als er über das Bodhisattva-Gelübde schrieb, sagte Chandragomen:
„Für andere und auch für dich selbst,
Tu, was nützlich ist, auch wenn es schmerzhaft ist.
Tu, was sowohl nützlich als auch vergnüglich ist.
Tu nicht, was Vergnügen bereitet, aber keinen Nutzen bringt.“

Wenn also etwas, das wir wollen, Nutzen bringt, und dabei uns oder der Umwelt nicht schadet, dann können wir es als notwendig ansehen. Aber wenn das nicht der Fall ist, sollten wir auf jeden Fall zweimal darüber nachdenken, warum wir es wollen, und ob wir es überhaupt brauchen.
Dennoch ist dies etwas, das der Einzelne abwägen und für sich selbst entscheiden muss. Diese Art von aktiver Entscheidung bedeutet, dass man eine gut überdachte Wahl mit Vertrauen in ihren Nutzen trifft und nicht einfach blindlings entscheidet. Auf diese Weise können wir unsere Handlungen mit unseren Wünschen in Einklang bringen.
Quelle: Environmetal Guidelines for Karma Kagyu Buddhist Monasteries, Centers and Community (2008). 

 

Mit Körper, Rede und Geist praktizieren

Wenn wir äußere Hindernisse und Probleme überwinden wollen, ist es nicht notwendig, Rituale zur Beseitigung von Hindernissen durchzuführen. Stattdessen müssen wir an unserem eigenen Geist arbeiten und alle belastenden Gedanken beseitigen, denn wir werden ständig von den acht weltlichen Belangen, auch die acht weltlichen Dharmas genannt, getäuscht. Die acht weltlichen Dharmas sind die Suche nach Glück, Gewinn, Reichtum, Lob oder Anerkennung, Ruhm und das Vermeiden von Unglück, Verlust, Kritik, unbedeutend zu sein. Dies sind die Dinge, die normalerweise unser Handeln bestimmen, uns antreiben, nicht zur Ruhe kommen lassen und in ständiger Unruhe halten.

In Bezug auf den Körper sollten wir herausfinden, ob wir an einem einsamen Ort bleiben und ohne Ablenkung zufrieden sein können. Mit unserer Sprache sollten wir bedeutungsloses Reden vermeiden und besser Schweigen üben. Und anstatt unseres ruhelosen Geistes ständig abgelenkt sein zu lassen, sollten wir sehen, ob er friedlich in der Gegenwart ruhen kann. Wenn wir dies praktizieren, wird sich unser Geist in eine heilsame Richtung entwickeln, unser Bewusstsein wird klar werden, und unsere Intelligenz wird zunehmen.

Wenn wir unseren Körper, unsere Rede und unseren Geist nur für die acht weltlichen Dharmas benutzen, werden wir unser Leben verschwenden. Wir müssen sie zielgerichtet einsetzen, um unserem menschlichen Leben einen Sinn zu geben und das wahre Dharma zu praktizieren.
Quelle: Samye Ling. Link zum Text:
 http://aryakshema.com/…/140-day-8-commitment-to-study-the-f… #karmapa

 

Trotz allem: Erfüllt leben trotz unerfüllter Wünsche
Ein etwas abgeänderter Artikel aus der örtlichen Tageszeitung, dem Teckboten, der gut zum Thema Großzügigkeit, Loslassen und letztendlich Zufriedenheit mit dem, was ist, den Themen der Meditationsgruppen, passt.

„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“ (Dietrich Bonhoeffer).

Unerfüllte Wünsche – die kennzeichnen gerade das Leben vieler Menschen. Da ist der Wunsch nach Nähe und Gemeinsamkeit, der Wunsch, gemeinsam zu singen, zu lachen, ganz unbeschwert, so wie früher. Da ist der Wunsch, den Urlaub dieses Jahr planen zu können oder die anstehenden Familienfeste oder überhaupt irgendetwas. Und nicht nur die gegenwärtige Pandemie lässt Wünsche unerfüllt. Da sind auch all die anderen unerfüllten Wünsche: dass ich mir bestimmte Dinge leisten kann, dass ich einen Partner fürs Leben finde, dass ich wieder eine Arbeitsstelle habe, dass ein krankes Familienmitglied Hilfe annimmt. Und dann sagt Dietrich Bonhoeffer: „Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche“. Dieser Satz ist nicht so leicht zu verdauen. Man muss etwas über ihn nachdenken.
Bewundernswert dabei ist, dass dieser Satz von einem Mann stammt, dessen Leben so einige Wünsche offengelassen hat: In einer Diktatur leben, gefangen genommen werden, die eigene Verlobte nicht heiraten können, mit 39 Jahren hingerichtet werden. Das ist nicht gerade das, was auf den ersten Blick nach einem erfüllten Leben aussieht. Doch hat genau dieser Mann, Dietrich Bonhoeffer, diesen Satz geschrieben. Denn für ihn war klar: Es geht im Leben um mehr als um die Erfüllung eigener Wünsche. Es geht um Zusammenhalt, darum, gemeinsam für das Gute einzustehen. Auch mal eigene Nachteile in Kauf zu nehmen, um für eine gute Sache zu kämpfen. Denn dass unser Leben gesegnet ist, zeigt sich nicht daran, dass sich jeder Wunsch erfüllt.

 

 

 

 

 

 

Auswirkungen einer Pandemie, ein Beispiel

Auch wenn wir die Motivation der Menschen hinter dieser Geschichte nicht kennen, können sie als Beispiel dienen und andere Personen positiv beeinflussen. Es geht um einen Chefkoch in einem bekannten Restaurant in New York.

2017 zum besten Restaurant der Welt gewählt, war es berühmt für seine Fleischgerichte. Aber 2021 wurde es mit einer radikalen Veränderung wiedereröffnet: ein 100% fleischloses Menüangebot.

Ein Restaurant, das seit langem für die technische Versiertheit von Gerichten mit Spanferkel, Seeigel und lavendelglasierter Ente bekannt ist, wird mit einem Menü ohne Fleisch und Meeresfrüchten wiedereröffnet.

Der Chefkoch sagte, die Entscheidung sei das Ergebnis einer jahrelangen Neuorientierung, wohin seine Karriere gehen sollte, die während der Pandemie ihren Höhepunkt erreichte.

„Es wurde mir sehr klar, dass sich unsere Vorstellung davon, was Genuss ist, ändern musste“, sagte er. „Wir konnten nicht mehr zu dem zurückkehren, was wir vorher gemacht haben.“

Mit der neuen Positionierung lässt das Restaurant die Fleischgerichte hinter sich, die ihm dreimal drei Michelin-Sterne einbrachten.

Das Restaurant wird auch dazu beitragen, einen Food Truck (eine mobile Großküche) zu unterstützen, der im letzten Frühjahr in Zusammenarbeit mit einer Non-Profit-Organisation ins Leben gerufen wurde, um den steigenden Hunger während der Pandemie zu bekämpfen. Jede Mahlzeit, die im Restaurant gekauft wird, liefert Mahlzeiten für diese Bemühungen.

Der Chefkoch sagt: „Während der Pandemie beschäftigten wir ein kleines Team, und mit ihrem bemerkenswerten Einsatz bereiteten wir in Zusammenarbeit mit einer Non-Profit-Organisation fast eine Million Mahlzeiten zu für Menschen, die nicht sicher waren, wie sie sich ernähren sollen. Durch diese Arbeit erlebte ich die Magie des Essens auf eine ganz neue Art und Weise, und ich sah auch eine andere Seite unserer Stadt – und heute liebe ich diese Stadt mehr denn je. Für mich war klar, dass diese Arbeit ein Grundstein für unser Restaurant werden muss.“
Hauptquelle: nytimes 

 

 

 

 

Das Alltagsleben als spirituelle Übung  (von Chagdud Tulku)

Das Thema der Meditation im täglichen Leben möchte ich mit einigen Bemerkungen über persönliche Erfahrungen und über meine Ausbildung in Tibet einleiten. Ich wurde dort im Alter von zwei Jahren als Tulku erkannt, als jemand, der mehrere Wiedergeburten zum Wohle anderer erlebte. Deshalb erwartete man von mir, dass ich etwas ganz Besonderes würde. Im Alter von fünf Jahren lernte ich Lesen und Schreiben. Ich hatte einen eigenen Lehrer, was einerseits ein sehr großes Glück war, weil Tag für Tag von morgens bis abends jemand bei mir war und mich unterrichtete. Andererseits machte ich dadurch bei jedem Fehler und wenn ich etwas, das ich bereits gelernt hatte, wieder vergaß, schmerzhafte Bekanntschaft mit seinem Stock. 
Schon als kleines Kind lernte ich tiefgründige spirituelle Lehren kennen. Ich befasste mich schon damals mit dem Wesen der absoluten und der relativen Wahrheit. Außerdem machte ich erste Bekanntschaft mit der Tatsache der Vergänglichkeit.

Über Vergänglichkeit und die Kostbarkeit des menschlichen Lebens

Es gab einmal eine Zeit, in der unser Universum nicht existierte. Dann entstand es allmählich, und im Laufe der Zeit altert es und löst sich irgendwann wieder auf. Auch unser Körper war einmal nicht da. Jeden Tag wird er älter, und eines Tages wird er nicht mehr existieren. Unsere gesamte Erfahrung ist der Vergänglichkeit unterworfen. Diese Wahrheit zu erkennen ist für die Entwicklung einer spirituellen Perspektive ausschlaggebend. Viele von uns widersetzen sich der Tatsache, dass alles vergänglich sein soll. Ich merkte nur, dass mein Greifen, mein Verlangen nach den Dingen, denen gegenüber wir normalerweise Anhaftung entwickeln, ein wenig nachließ. Diese sehr subtile Veränderung basierte auf der Erkenntnis, dass die Dinge nicht ganz so real waren, wie sie mir zuvor erschienen. 

Diese Veränderung meiner Sichtweise half mir sehr, als meine Mutter starb; ich war damals erst elf Jahre alt. Diese Erfahrung des Todes und der Trennung waren für mich nicht leicht, doch machte die Veränderung der Sichtweise, die durch meine Kontemplation über Vergänglichkeit eingetreten war, diese schmerzlichen Erlebnisse erträglicher und half mir später auch, mit dem Verlust meines Klosters und meines Heimatlandes fertig zu werden. 

Ich erkannte, dass unser Schmerz über den Verlust von Besitz und über die Trennung von lieb gewonnenen Menschen um so stärker ist, je wichtiger und unverzichtbarer uns diese zuvor erschienen. Deshalb ist die Kontemplation über Vergänglichkeit so wichtig. Von ebensolcher Wichtigkeit ist es, sich bewusst zu machen, wie glücklich wir uns schätzen können, einen menschlichen Körper zu haben. Die meisten von uns halten ihre Existenz als Menschen für eine Selbstverständlichkeit. Wir stumpfen gegenüber der natürlichen Freude, eine menschliche Form zu haben, ab.

Wir verfügen nicht alle über das Auge der Weisheit, doch diejenigen, die es haben, berichten, dass es auch andere Daseinsbereiche als den des Menschen gibt. Die besten Möglichkeiten jedoch bietet uns eine Geburt im Reich der Menschen. In anderen Bereichen mögen wir einen Körper haben, der dem äußeren Anschein nach dem des Menschen vorzuziehen ist, doch können wir darin niemals das erreichen, was uns als Menschen möglich ist, weil wir in jenen anderen Daseinsbereichen einfach nicht über die zum Erzielen von Fortschritten erforderlichen Fähigkeiten verfügen. 

Manchmal ist Menschen nicht klar, welche unvergleichliche Chance sie haben, denn sie empfinden ihr Leben als enttäuschend oder sehr anstrengend. Sie verlieren das Interesse daran, ihre menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen. Doch das ist ein schwerer Fehler. Die Chancen, die dieser menschliche Körper uns im Augenblick eröffnet, sind so groß, dass es eine unvorstellbare Verschwendung wäre, sie aufgrund von Enttäuschungen oder Schwierigkeiten zu übersehen. 

Es ist so, als würdest du ein Boot leihen, um einen Fluss zu überqueren, und dann, statt es sofort zu benutzen, vergessen, dass es nicht dein Eigentum ist und du es nur geliehen hast. Wenn du es nicht nutzt, solange es dir zur Verfügung steht, wird es dir nie gelingen, den Fluss zu überqueren, denn früher oder später müssen wir alle unser Boot zurückgeben, und damit ist die Chance, das andere Ufer zu erreichen, ungenutzt verstrichen. 

Unser menschlicher Körper ist ein kostbares Fahrzeug, das wir gut und ohne zu zögern nutzen sollten. Der höchste Sinn und Zweck einer kostbaren Geburt als Mensch ist der spirituelle Fortschritt. Sind wir zu einer weiten Reise nicht in der Lage, können wir zumindest einen gewissen Fortschritt erzielen. Besser noch: Wir können anderen helfen, sich weiterzuentwickeln. Das absolute Minimum ist, andere Menschen nicht unglücklich zu machen. 

Wir haben nicht viel Zeit im Leben. Es ist so ähnlich wie beim Picknick an einem Sonntagnachmittag: Einfach die Sonne zu genießen, die Pflanzen wachsen zu sehen und die frische Luft einzuatmen, macht Freude. Wenn wir jedoch die kurze Zeit, die wir haben, vergeuden, indem wir darüber streiten, wo die Decke liegen soll, wer wo sitzen soll oder das Stück Kuchen bekommt, dann ist das reine Zeitverschwendung.

Nun könntest du meinen: Wenn doch alles vergänglich und nichts von Dauer ist, wie kann dann irgendjemand glücklich sein? Tatsächlich können wir uns letztendlich nicht an den Dingen festklammern, aber wir können dieses Wissen nutzen, um das Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen, es nämlich als eine sehr kurze und kostbare Chance verstehen. Wenn wir uns dem Leben mit der reifen Sicht nähern, dass alles vergänglich ist, werden wir feststellen, dass unsere Erfahrungen reicher und unsere Beziehungen aufrichtiger werden, und dass wir die Dinge, derer wir uns erfreuen, mehr zu schätzen lernen. 
Außerdem sind wir dann geduldiger. Uns wird klar, dass auch unglückliche Umstände nicht von Dauer sein können, so finster uns eine Situation zeitweilig auch erscheinen mag. Wir stellen fest, dass wir solche Situationen ertragen können, bis sie vorüber sind. Und wenn unsere Geduld größer wird, werden wir auch gegenüber den Menschen in unserer Umgebung sanftmütiger. Eine liebevolle Geste fällt uns nicht mehr so schwer, wenn uns klar geworden ist, dass wir eine Großtante vielleicht nie mehr wiedersehen werden.

Zu einem Verständnis der Vergänglichkeit zu gelangen und den aufrichtigen Wunsch zu entwickeln, andere in der Zeitspanne, die wir mit ihnen zusammen sind, glücklich zu machen, ist der Anfang wahrer spiritueller Übung. Diese Art von Aufrichtigkeit führt zu einer echten Transformation des Geistes und des Seins. Wir brauchen dazu weder unseren Kopf zu rasieren noch spezielle Gewänder zu tragen. Spirituelle Übung erfordert keine besonders asketische Lebensweise, sondern nur ein gutes Herz und die Reife, die zum Verständnis der Vergänglichkeit erforderlich ist. Schon dies allein ermöglicht spirituellen Fortschritt. 

 

Praktische Anleitung zur spirituellen Übung im Alltagsleben
Es beginnt mit dem Aufwachen am Morgen. Freue die darüber, dass du während der Nacht nicht gestorben bist, und vergegenwärtige dir, dass du einen weiteren Tag vor dir hast, der mit Nutzen erfüllt werden kann — ob es mehr als dieser eine sein wird, ist nicht sicher. Erinnere dich dann an die rechte Motivation. Statt reich und berühmt werden zu wollen oder deine egoistischen Interessen zu verfolgen, solltest du mit der altruistischen Absicht, anderen zu helfen, an den neuen Tag herangehen. Erneuere jeden Morgen deine guten Absichten. Sage dir: »Ich werde aus diesem Tag das Bestmögliche machen. In der Vergangenheit habe ich manche Tage sehr positiv genutzt, andere ganz und gar nicht. Da dies der letzte Tag meines Lebens sein könnte, werde ich mich bemühen, mein Bestes zu tun. Ich werde mich so intensiv, wie mir nur möglich ist, dem Wohl anderer widmen.« 
Wenn du dich abends zum Schlafen hinlegst, solltest du dich nicht einfach in die Kissen kuscheln und dich dem Schlaf überlassen. Lasse stattdessen den Tag an dir vorüberziehen. Frage dich: „Wie habe ich meine Absichten heute umgesetzt? Habe ich es geschafft, niemanden zu verletzen? Habe ich es geschafft, Liebe, Mitgefühl und Gleichmut zu entwickeln? Waren meine Handlungen heilsam und positiv?“

 Falls du erkennst, dass du deine Ziele nicht erreicht hast, solltest du keine Zeit und Energie mit Schuldgefühlen vergeuden. Entscheidend ist, sich zu vergegenwärtigen, was du getan hast, denn schädliche Handlungen können gereinigt werden. Negativität wird dem Geist nicht unauslöschlich eingeprägt. Es ist möglich, Negatives zu verändern. Schaue also beherzt zurück. Und wenn du deine Mängel und Fehler erkannt hast, besteht eine Möglichkeit darin, ein Weisheitswesen wie Dorje Sempa anzurufen. Du brauchst dich dazu nicht an einen besonderen Ort zu begeben, denn es gibt keinen Ort, an dem Gebete nicht erhört werden. Es spielt keine Rolle, ob du Vollkommenheit mit Gott, Buddha oder einer Gottheit wie Dorje Sempa gleichsetzt, sofern das Wesen, das du damit identifizierst, für dich vollkommen ist, keine Mängel hat und nicht begrenzt ist. Die absolute Vollkommenheit gewährt die Segnungen der Reinigung. 

Chagdud Tulku Rinpoche

 

 

 

 

 

Rise Up Again – Steh wieder auf
Es ist nicht realistisch zu erwarten, immer erfolgreich zu sein. Das Leben kann chaotisch sein und wir können die Höhen und Tiefen nicht aussuchen oder das eine ohne das andere haben. Aber wir können lernen, den Prozess zu akzeptieren, zu verstehen, dass er ein Teil der Reise ist, und unsere eigene innere Widerstandsfähigkeit aufbauen. In diesem Kurzfilm teilt Mpumelelo Ncwadi, wie er glaubt, dass wir vorwärts gehen und Widrigkeiten als Katalysator nutzen können, um besser und stärker zu werden. Und wir erinnern uns vielleicht auch daran, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind – dass wir uns, wenn wir verwundbar sind, aufeinander stützen und uns gegenseitig aufhelfen können. Und gemeinsam sind wir so viel belastbarer, als wir denken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Worte meines vollendeten Lehrers
von Patrul Rinpoche

Immer wieder empfehle ich in den Meditationsgruppen, und vor allem für die Ngondro-Gruppen, das das Buch von Patrul Rinpoche. Alle meine wichtigen Lehrer haben es empfohlen, und ich erinnere mich an Akong Rinpoche, wie er immer wieder Schriften und Texte von Patrul Rinpoche zitierte, weiterempfahl und darüber lehrte. Im Folgenden sind einige Beiträge, die die Bedeutung des Werkes für uns alle erhellen sollen.

 

 

 

Vorwort des Dalai Lama

In den Lehren der Großen Vollkommenheit, oder Dzogchen, in der Nyingma-Tradition des Tibetischen Buddhismus (in der Karma Kagyu Linie Mahamudra genannt) heißt es, dass es nicht möglich ist, mit dem gewöhnlichen denkenden Intellekt Erleuchtung zu erlangen. Man muss vielmehr seinen eigenen fundamentalen Geist erkennen und verstehen, dass alle Phänomene das Spiel des Geistes sind.

Anschließend macht man sich beständig und konzentriert mit dieser Gewissheit vertraut. Um ein volles Verständnis davon zu erlangen, ist es jedoch nicht damit getan, nur Bücher zu lesen. Die komplette vorbereitende Praxis ist dafür nötig und darüber hinaus die besondere Unterweisung eines geeigneten Meisters sowie sein Segen. Außerdem muss der Schüler viel Verdienst angesammelt haben. Aus diesem Grund arbeiteten große Nyingmapa- und Kagyupa Meister wie Jigme Lingpa, Dodrupchen, Gampopa oder Karmapa so hart.

Die Übersetzung eines solchen Werkes, welches die Vorbereitenden Übungen der Großen Vollkommenheit enthält, ist von unschätzbarem Wert für unsere heutige Zeit. Ich beglückwünsche die Padmakara-Übersetzergruppe dafür, dieses Buch in mehrere europäische Sprachen übertragen zu haben. Ich bin sicher, dass dieses authentische Werk über die Vorbereitungen allen, die an Dzogchen oder Mahamudra interessiert sind, eine Hilfe sein wird.

 

Vorwort von Dilgo Khyentse Rinpoche

„Die Worte meines vollendeten Lehrers, ein Leitfaden für die Vorbereitungen der Herzessenz der weiten Dimension der Großen Vollkommenheit“ legt die Wege der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus (Gelug, Karma Kagyu, Nyingma, Sakya) dar, ohne jeden Konflikt zwischen ihnen.

Dies ist ein Buch, das alle Lehren enthält: die Stufen des Weges für diejenigen auf den drei Ebenen des Verstehens, zusammen mit den drei Hauptthemen des Wegs; die drei Wahrnehmungen, Vorbereitungen für den Weg und die Frucht; die Buddha Natur als Ursache, das kostbare menschliche Leben als Stütze, der spirituelle Freund als die Antriebskraft, seine Unterweisungen als die Methode und die Kayas (Körper) und Weisheiten als das Ergebnis — was den Zusammenfluss der Kadampa- und Mahamudra-Traditionen darstellt.

 

Dieser Text ist unentbehrlich für alle Lehren über alle Übungen, ob vorbereitende oder eigentliche. Deshalb ist dieses Buch in dieser vom Glück begünstigten Zeit, in der die kostbare Lehre des Buddha anfängt, ihr Licht in der ganzen Welt leuchten zu lassen, übersetzt worden. In der Hoffnung dass jede Berührung mit ihm — da es von enormem Wert und ohne Gefahr ist und alle wesentlichen Punkte des Wegs abhandelt — fruchtbar sein und es zum Gegenstand von Studium, Nachdenken und Meditation werden möge. Es ist außerordentlich wichtig, dass diejenigen, die dem Dharma folgen, diesen Text lehren oder ihn hören.

 

Einführung der Übersetzer

Die Worte meines vollendeten Lehrers ist eine der beliebtesten Einführungen in die Grundlage des tibetischen Buddhismus und wird immer wieder von seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, sowie anderen bedeutenden Lehrern empfohlen. Das Buch gibt eine vollständige Darstellung der Methoden, mit deren Hilfe ein gewöhnlicher Mensch sein Bewusstsein transformieren und den Weg zur Buddhaschaft — dem Zustand des Erwachens und der Freiheit — beginnen kann.

Die erste Hälfte enthält eine Reihe von Kontemplationen über die Frustrationen und tiefen Leiden in Samsara, dem auf Unwissenheit und verblendeten Gefühlen beruhendem Daseinskreislauf, und über den enormen Wert des menschlichen Lebens, das die einzigartige Gelegenheit bietet, Buddhaschaft zu erreichen.

In der zweiten Hälfte werden die ersten Stufen des Vajrayana erklärt, des „Diamant Fahrzeugs“, dessen kraftvolle Methoden der Verwandlung den besonderen Charakter der tibetischen Tradition des Buddhismus ausmachen.

Patrul Rinpoche verfasste kein für Experten bestimmtes wissenschaftliches Werk, sondern ein Handbuch praktischer Ratschläge für jeden, der ernsthaft den Dharma praktizieren möchte. Es ist in einem Stil geschrieben, der ebenso für Nomaden und Dorfbewohner verständlich ist wie für Mönche und Lamas. Patrul Rinpoche nimmt nicht in Anspruch, ein literarisches Werk verfasst zu haben. Er sagt, er habe einfach nur die mündlichen Unterweisungen seines Lehrers, so wie er sie gehört hatte, aufgezeichnet. Der besondere Reiz dieses Buchs liegt darin, dass wir uns fühlen, als wären wir Patrul Rinpoches Schüler und hörten seinen von Herzen kommenden Unterweisungen zu, die sich auf die mündliche Überlieferung gründen, welche er von seinem eigenen Lehrer erhalten hatte, sowie auf die tiefe Erfahrung von Jahren der Praxis.

Er erklärt alles, was wir wissen müssen, um den Dharma zu praktizieren, und weist auch — oft mit beißender Ironie — auf die vielen Fehler hin, die auf der spirituellen Reise gemacht werden können. Seine Sprache variiert zwischen höchster Dichtkunst und gewöhnlicher Umgangssprache. Jeder Punkt wird mit etlichen Zitaten belegt, mit nüchternen Beispielen aus dem täglichen Leben und mit einer Fülle von Geschichten. Letztere gehen manchmal auf die Ursprungszeit des Buddhismus im Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und weiter zurück. Einige berichten von außergewöhnlichen Leben der großen Meister Indiens und Tibets, andere handeln vom Treiben der gewöhnlichen Menschen in Patrul Rinpoches heimischem Kham.

Patrul Rinpoche war berühmt dafür, den Geist seiner Schüler auf direkte Weise auf die Probe zu stellen. Er glaubte an den Ausspruch von Atisha: „Der beste spirituelle Freund ist der, der deine versteckten Fehler angreift.“ Obwohl dieses Werk auf eine bestimmte Zuhörerschaft zugeschnitten ist, können wir es doch mit geringer Mühe auf unsere Zeit übertragen und erkennen, dass die menschliche Natur ungeachtet von Zeit und Kultur in erstaunlicher Weise immer dieselbe ist. Die Untiefen unseres Charakters werden ans Licht gebracht, wir werden gezwungen, unsere Denkgewohnheiten zu hinterfragen und unseren Geist für neue Möglichkeiten zu öffnen.

 

Die Stadien der Praxis

„Die Worte meines vollendeten Lehrers“ gehört zu einer Kategorie von Schriften, die „schriftliche Führer“ genannt werden und die mündlichen Unterweisungen ergänzen, die nötig sind, um einen Text für die Meditation zu erhellen, der in diesem Fall die Vorbereitende Praxis der „Herzessenz der weiten Dimension“ ist.

 

Der Zyklus der Lehren der „Herzessenz der weiten Dimension“, den Longchenpa an Jigme Lingpa weitergab, ist in der Nyingma-Schule eine der am meisten praktizierten Lehren geworden. Er enthält einen vollständigen Vajrayana-Weg, auf der Anfängerstufe beginnend mit den vorbereitenden Übungen (Ngondro). Danach kommt die eigentliche Praxis, die drei Teile hat, die Erzeugungsphase (bskyed rim), die Vollendungsphase (rdzogs rim), und die Große Vollkommenheit (rdzogs pa Chen Po).

 

Bei den vorbereitenden Übungen gibt es einen äußeren und einen inneren Teil, und der Text hat dementsprechend zwei Teile. Der erste Teil, die gewöhnlichen oder äußeren Vorbereitungen, handelt

  1. von den Freiheiten und Vorteilen, die das menschliche Leben bietet;
  2. von der Vergänglichkeit;
  3. von den Leiden in Samsara;
  4. vom Karma, dem Gesetz von Ursache und Wirkung, das für all unsere Taten gilt;
  5. von den Vorteilen der Befreiung; und
  6. davon, wie man einem spirituellem Lehrer folgt.

Diese Elemente sind die Grundlage für ein richtiges Verständnis der buddhistischen Werte. Sie sind allgemein, weil sie die Grundlage des Buddhismus im allgemeinen sind — die Kontemplationen in diesem Teil können von jedem praktiziert werden, ob Buddhist oder nicht.

 

Der zweite Teil beginnt mit der Zufluchtnahme — wie man lernt, sich auf den Buddha, den Dharma (seine Lehre) und den Sangha (die buddhistische Gemeinschaft) zu verlassen. Hierin besteht die Basis des buddhistischen Engagements, die allen Traditionen gemeinsam ist.

Dann kommt die Entwicklung von Bodhichitta, dem Erleuchtungsgeist. Diese Einstellung der unbedingten Liebe und des Mitgefühls, die alle Wesen zur völligen Freiheit bringen möchte, bildet die Basis des Mahayana. Daran schließt sich die Praxis der Läuterung der Auswirkung von vergangenen negativen Taten an sowie die Ansammlung von positiver Energie, die für den Fortschritt auf dem Weg nötig ist. Diese Übungen benutzen verstärkt die für das Vajrayana spezifischen Techniken von Visualisierung und Mantra-Rezitation. Und schließlich kommt der Guruyoga, die Vereinigung des eigenen Geistes mit dem des Lehrers.

Guruyoga ist die eigentliche Wurzel des Vajrayana; hier ist die Unbeflecktheit des Bands zwischen Lehrer und Schüler von allerhöchster Bedeutung.

 

Für die Übungen im zweiten Teil ist die Anleitung durch einen qualifizierten Lehrer nötig. Tatsächlich ist dies für jede spirituelle Praxis angeraten. Im Tibet — vor dem Kommunismus — betrachteten sich fast alle Tibeter als Buddhisten. Sie bemühten sich, der buddhistischen Ethik zu folgen, brachten Opfergaben dar und rezitierten Gebete und Mantras. Dies gilt im Großen und Ganzen auch noch für das besetzte Tibet von heute. Unter diesen Buddhisten in diesem allgemeinen Sinn gibt es dann eine kleinere Zahl von Menschen, die sich entscheiden, den spirituellen Weg aktiv zu gehen, und sie sind es dann, die diese Übungen ausführen und jedes ihrer Elemente hunderttausend Mal wiederholen.

Danach kommt die Praxis der Erzeugungs- und Vollendungsphase, die in der Großen Vollkommenheit kulminieren. Die innere Reise ist in der tibetischen Tradition mit überraschender Genauigkeit kartographiert. Für jedes Stadium der Praxis gibt es mündliche Erklärungen und erläuternde Texte. Vajrayana ist eine Wissenschaft des Geistes, in der ein sachkundiger Lehrer voll die Bedeutung jeder Erfahrung und die Lösung für jeden Irrtum kennt.

 

Für den Vajrayana Buddhismus ist Erleuchtung nicht ein fernes Ideal, sondern etwas, das mit den geeigneten Methoden und höchster Anstrengung hier und jetzt, in diesem Leben, erreicht werden kann. In der lebendigen Weisheitstradition Tibets wird jeder Text, jede Meditationspraxis, jede Geistesschulung vom Lehrer zum Schüler weitergegeben und dann integriert, bis sie ein Bestandteil seiner Erfahrung geworden sind. Im Tibetischen ist eines der Worte für spirituelle Praxis „Nyamlen“, wörtlich: „in die Erfahrung nehmen“. wer als Linienhalter der Übertragungslinie gilt, ein wirklich qualifizierter spiritueller Lehrer, muss die Verwirklichung tatsächlich erlangt haben•

 

 

 

 

Aus einer Rede des ersten Karmapa, Dusum Khyenpa

In allen Reden, die der vollständig erleuchtete Buddha Sakyamuni gesprochen hat, gibt es nichts, das nicht als ein Mittel zur Zähmung des Geistes gemeint war. Es ist äußerst wichtig, den eigenen Geist zu kennenzulernen und zu beobachten. Am Anfang ist es wichtig, den unruhigen Geist zu beruhigen. In der Mitte ist es wichtig, ihn stabil zu halten. Und zum Schluss, sind die persönlichen Anweisungen zur Verbesserung dieser Stabilität wichtig.

Durch die Weisheit, die aus dem Lernen kommt, kannst du deine Gedanken erkennen. Durch die Weisheit, die die aus der Reflektion kommt, musst du deine Fehler kontrollieren. Durch die Weisheit, die aus der Meditation kommt, musst du deine Leiden von der Wurzel her durchtrennen. Es reicht nicht aus, persönliche Anweisungen erhalten zu haben. Es ist äußerst wichtig, sie in die Praxis umzusetzen.

Es läuft alles auf folgendes hinaus: Wenn du auf deinem letzten Lager liegst, deinen letzten Tropfen Wasser trinkst, umgeben von deinen Verwandten bist und den letzten flachen Atemzug tust, musst du von Licht zu Licht und von Glück zu Glück gehen können, und die Yidams und Dakinis werden dich begleiten. (Quelle: Karmapa: 900 Years)

Wie Patrul Rinpoche die Geduld eines Einsiedlers auf die Probe stellte

Es war eines der Hauptanliegen von Patrul Rinpoche, dass die Übenden achtsam und auf ihre Praxis ausgerichtet blieben, während er sie gleichzeitig daran hinderte, in Selbstzufriedenheit abzugleiten. Eines Tages hörte er von einem Einsiedler, der seit Langem völlig zurückgezogen lebte, und beschloss, ihm einen Besuch abzustatten. Ohne dass er ihn benachrichtigt hatte, kam er an und setzte sich mit zweifelnder Miene in eine Ecke der Höhle.

„Woher kommst du und wohin willst du?“, fragte der Einsiedler.

„Ich komme von dort, woher mich mein Weg geführt hat, und ich gehe in die Richtung, die vor mir liegt“, antwortete Patrul Rinpoche.

Perplex fuhr der Einsiedler fort: „Wo wurdest du geboren?“ „Auf der Erde.“

Der Eremit wusste nicht so recht, was er von diesem überraschenden Besucher halten sollte. Einen Augenblick darauf fragte ihn Patrul Rinpoche, warum er an einem so entlegenen Ort lebe.

»Ich bin seit zwanzig Jahren hier. Im Moment meditiere ich über die Vollkommenheit der Geduld«, erwiderte der Einsiedler ohne Zögern, mit einem Anflug von Stolz in der Stimme.

»Na, das ist aber mal ein guter Witz!«, rief Patrul Rinpoche aus. Er neigte sich dem Einsiedler zu, als wollte er ihm ein Geheimnis anvertrauen, und murmelte ihm ins Ohr: »Wir beiden alten Scherzbolde kommen ganz gut klar, was?«

Sofort explodierte der Einsiedler: »Also wirklich, was glaubst du, wer du bist? Kommst einfach schamlos hierher und störst meine Abgeschiedenheit! Hat dich vielleicht jemand gebeten, hier vorbeizugehen? Kannst du einen einfachen Praktizierenden wie mich nicht in Frieden meditieren lassen?« »Und … wie steht es jetzt um deine schöne Geduld?«, fragte Patrul Rinpoche ihn in ruhigem Ton.

(Quelle: Matthieu Ricard. Weisheit)

 

 

 

Einige Gedanken, die Toni mit uns teilt: Ein Plädoyer für „Wertfreies Beobachten“

In der Psychologie gibt es den Begriff „Kognitive Steifheit“.

Das bedeutet, einfach gesagt, dass man den eigenen Gedanken glaubt, egal wie verblendet und negativ sie auch sein mögen. Das ist besonders für depressive Menschen ein großes Problem.

Aber trifft diese „Versteifung“ nicht auf uns alle zu?

 

Wenn ja: Ist es möglich den Geist zu lockern und sich letztendlich aus der inneren Begrenztheit zu befreien?

Und wie?

Vielleicht durch das Üben von wertfreiem Beobachten….

Beobachten führt zum Erkennen des eigenen Bewusstseins, diesem wundersamen inneren Raum in dem alle Geistesaktivitäten stattfinden, so dass man weniger in ihnen verwickelt wird

 

Vielleicht ist das deshalb so schwierig, weil wir nicht glauben können, dass es so einfach ist:

Sich nicht an Gedanken festhalten, sondern uns freuen, dass wir uns ihrer bewusst sind.

 

Nicht mehr das Gewahrsein verlieren, nicht mehr verkrampfen….

(Oder wie es Lama Yeshe sagt: „Sei nicht die Wolken, sei der Raum!“)

Sich nicht mit den eigenen Gedanken sondern sich mit Bewusstsein an sich zu identifizieren….

ist das die wirkliche Freiheit?

 

Weil das so ungewohnt ist, müssen wir es wohl üben.

Und ganz sicher werden wir uns immer wieder verwickeln und verkrampfen.

Wenn wir das sehen, dann ist das kein Problem, sondern ein Erfolg!

 

Wie kommt es zu diesem Verkrampfen?

Geschieht es in dem Moment, in dem wir unserem urteilenden Geist Glauben schenken….

unserem speziellen Software-Programm, das uns ständig, ungefragt, darüber informiert, ob das, was wir denken und fühlen und machen, gut ist oder nicht.

 

Vielleicht ist es deshalb so wichtig, dass wir „wertfreies“ Beobachten üben…

eine wohlwollende, großzügige innere Haltung kultivieren, die alles willkommen heißt….

auch unser Unvermögen das zu tun !

 

Ich glaube, wenn man ein Bodhisattva sein möchte, dann ist es am besten, das Scheitern zum Freund zu machen.

Und gegen die eigene Hartherzigkeit hilft nur freundlich bleiben, sie akzeptieren und behutsam mit ihr sein und sanft…

Wer versucht gegen sie anzukämpfen, hat schon verloren, … oder?

 

 

 

 

Eine Frage!

Auszug aus „Meditation, das Herz buddhistischer Praxis“

Von Ringu Tulku

 

Vor ein paar Tagen hat mir jemand eine sehr interessante Frage gestellt. Er hat Folgendes gefragt: „Um Buddhist zu werden, woran muss man wirklich glauben? Nenn mir eine Sache, an die man wirklich glauben muss, wenn man Buddhist werden will und ohne die man nicht Buddhist werden kann.“ Das war eine interessante Frage. Ich habe lange darüber nachgedacht.

Zuerst dachte ich, es ist vielleicht, an Buddha zu glauben, an Buddha, Dharma, Sangha glauben, an Zuflucht glauben. Aber ich denke, das ist nicht der Fall. Das kommt später. Wenn jemand ein Buddhist wird, braucht er nicht an Buddha, Dharma, Sangha zu glauben. Um über Buddha, Dharma und Sangha Bescheid zu wissen, braucht es das ganze Buddhist-sein. Alles im Buddhismus geht darum, dass man das versteht, also kann man es nicht zur Bedingung machen, wenn man Buddhist werden will.

 

Also was ist es?

Ich denke, daran zu glauben, dass ich mich wirklich verändern kann, dass ich mich verbessern kann, dass ich besser werden und meine positiven Qualitäten steigern kann. Ich glaube, das ist die Grundlage.

Wenn du nicht daran glaubst, dass du dich verbessern kannst, dann glaube ich, dass es keinen Sinn hat, ein Buddhist zu werden, und es gibt keine Grundlage dafür, ein Buddhist zu werden oder jegliche buddhistische Praxis zu machen. Ich glaube, dass nur das wirklich nötig ist, dass ich mich verbessern kann. Denn aus der buddhistischen Sichtweise heraus ist sogar die Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha und all diese Dinge, meiner Meinung nach, aufgebaut auf dies, nämlich dass ich mich, meine positiven Seiten, meine Weisheit, mein Mitgefühl, mein Glücksgefühl, meine Freude verbessern kann. Ich kann all dies verbessern, nicht nur langsam, begrenzt und allmählich, sondern fast unbegrenzt. Für Buddhisten ist dies Erleuchtung, das ist ein Buddha. Ein Buddha aus der buddhistischen Sichtweise ist jemand, der seine oder ihre positiven Seiten verbessert hat, die eigene innewohnende gute Natur bis zu der letztendlichen Ebene verwirklicht hat, das ist ein Buddha.

Ein Buddhist ist also jemand, der daran glaubt, dass er oder sie sich verbessern kann, und zwar wirklich vollständig und unbegrenzt verbessern kann. Deshalb führt die buddhistische Praxis darauf hin, uns selbst zu verbessern.

 

 

 

Milarepa – Tibets großer Yogi

Milarepas bewegende und anregende Lebensgeschichte ist die am besten erhältliche von allen bis heute veröffentlichte tibetische Biographien.j Sie ist, für sich genommen, eine äußerst spannende Geschichte, und kann dem Leser nur wärmstens empfohlen werden.

Milarepa wurde im Jahre 1052 in gute Verhältnisse hineingeboren, doch der Tod des Vaters erschütterte noch in seiner Kindheit die Familie. Ein habgieriger Onkel und dessen Frau eigneten sich das Vermögen der Verwaisten an und sie missbrauchten Milarepa, seine Schwester und seine Mutter als Sklaven. Milarepas Mutter wartete geduldig, bis ihr Sohn alt genug war, das Land, das Haus und das Vermögen der Familie vom Onkel zurückzufordern. Doch der Versuch missglückte. Eine letzte Möglichkeit, die Ungerechtigkeit zu rächen, sah die Mutter darin, ihren Sohn in der Magie ausbilden zu lassen, um die Verwandten zu verfluchen. Sie drohte, sich umzubringen, wenn der Sohn nicht nach ihrem Willen handelte.

Milarepa verließ das Haus und suchte einen Lehrer auf, der ihn in der Kunst der Magie unterrichtete. Dann kehrte er zurück, beschwor Dämonen und veranlasste diese, das Haus des Onkels während eines Festes zu zerstören, wobei fünfundzwanzig Familienangehörige umkamen. Danach gab Milarepa seine Täterschaft bekannt und drohte, noch Schlimmeres zu tun, wenn seine Familie ihr Eigentum nicht zurückerhalten würde. Obwohl sich die Leute vor ihm fürchteten, war es für Milarepa doch nicht ratsam, in der Gegend zu bleiben, und so kehrte er zu seinem Lehrer zurück.

Dieser war alt geworden und hatte begonnen, die dunklen Taten zu bereuen, die er und seine Schüler bewirkt hatten. Er setzte alle Hoffnungen in Milarepa, da er spürte, dass dieser entschlossene, gutherzige junge Mann sie beide retten könnte. Er schickte ihn zu Dharmalehrern, bei denen er Tugend und vor allem die Reinigung von seinen schlechten Taten lernen sollte. Dies führte Milarepa schließlich zu Marpa.

Marpa sorgte dafür, dass es dem reuigen Massenmörder nicht zu gut ging. Er bestand darauf, dass Milarepa einen Turm für ihn errichtete. Sobald der fertig war, befahl er, ihn wieder einzureißen. Dies wiederholte sich einige Male. Marpa verlangte immer neue Formen für das Bauwerk. Am Ende musste Milarepa einen acht Stockwerke hohen Schlossturm bauen, bevor sich Marpa bereit erklärte, ihn als Schüler anzunehmen. Diese scheinbar grausame Ausnutzung war in Wahrheit Marpas Weg, um Milarepa zu helfen, sich von seinem schlechten Karma zu reinigen. Nur mit einem oder zwei Werkzeugen versehen, arbeitete Milarepa mit seinen bloßen Händen, bis er körperlich und seelisch fast zerbrochen war. Einmal rannte er völlig verzweifelt davon, doch verlor er nie sein Vertrauen. Als der Turm beinahe fertig war, wurde er nach der härtesten aller spirituellen Lehrzeiten unter die Schüler Marpas aufgenommen. Er bekam Weihen und Lehren und ging in Einzelklausur, wobei er, ohne sich bewegen zu dürfen, mit einer Butterlampe auf dem Kopf so lange meditieren musste, bis diese ausgebrannt war. Er erzielte gute Ergebnisse, und Marpa schickte ihn schließlich viele Jahre lang in die Berge, um in einsamen Höhlen zu meditieren.

Milarepas Vertrauen und seine Hingabe sind unübertroffen. Dadurch erreichte er etwas außerordentlich Seltenes, tatsächlich fast Einzigartiges: die Erleuchtung in einem einzigen Leben. Er war berühmt für die Meisterschaft in Naropas sechs Yogas und vollbrachte viele Wunder wie Fliegen, durch Felsen Gehen und monatelang in 5000 Metern Höhe, in dünnes Baumwolltuch gekleidet, im Schnee Leben, von nichts anderem als seinem eigenen Atem ernährt. Daher auch sein Name: Mila lautete sein Familienname und repa bedeutet: der in Baumwolle Gekleidete. Er lebte immer wieder als Einsiedler und ist das vollkommenste Beispiel eines buddhistischen Yogi. Seine erleuchteten Lieder, spontan aus seinen Erkenntnissen heraus entstanden, sind einer der größten Schätze der Kagyu-Lehren. Sie inspirierten seit ihrer Übersetzung ins Englische unzählige Menschen. Er hatte außer seinen vielen tausend Anhängern einen herausstechenden Schüler, den er mit der Sonne verglich (Gampopa), einen anderen seiner besonderen Schüler verglich er mit dem Mond (Rechungpa) und weitere fünfundzwanzig mit Sternen.

 

 

 

 

 

„Kagyu“ — Die Übertragung der Meisterschaft

Das Erbe Tilopas

Aus dem Buch von Ken Holmes über Karmapas

 

Der Mahayana-Buddhismus vertritt die Meinung, dass Shakyamuni bereits erleuchtet war, bevor er als Prinz Gautama vor über 2500 Jahren geboren wurde. Das Leben des Buddha auf dieser Erde ist nach dieser Lehre nur eine Folge seiner Erleuchtung, ein notwendiges Drama in zwölf Akten, von denen jeder Akt — auch das „Erlangen“ der Erleuchtung — beim Übermitteln seiner zeitlosen Botschaft der universellen Wahrheit in unsere Welt eine äußerst wichtige Rolle spielte.

Jede der zwölf Stufen diente dazu, seine Lehren für die nächsten Jahrtausende gut zu verankern, und jede trug etwas zur Belebung bei, die er unserem Planeten ermöglichte. Die Ankunft eines lehrenden Buddha trifft mit einem Schlüsselmoment im Schicksal der Welt und dem komplexen Wiedergeburtszyklus ihrer Bewohner zusammen. Das Ausführen der zwölf Taten stellt den Weg dar, den jeder der 1002 Buddhas, die unsere Erde besuchen, beschreitet, um das Rad der Wahrheit in Bewegung zu halten, bevor der Planet schließlich von der Sonne verbrannt werden wird. Das edle, beispielhafte Leben, welches sie in solchen Zeiten führen, wird die höchste Emanation, oder Verkörperung, genannt — das höchste Nirmanakaya.

Die zwölf Stufen sind:

 

1 – den Himmel verlassen und sich auf der Erde zum günstigsten Zeitpunkt manifestieren;

2 – sich in den Leib einer Frau begeben, um in einer Familie wiedergeboren zu werden, welche die besten Bedingungen für das künftige Leben bietet;

3 – auf wunderbare Weise geboren werden;

4 – aufwachsen und dabei einzigartigen körperlichen Mut und Intelligenz zeigen;

5 – sich einer Ehefrau erfreuen und die erlesensten Vergnügungen genießen, die das weltliche Leben bieten kann;

6 – die weltlichen Freuden hinter sich lassen;

7 – Askese strenger üben als irgendein Mensch zuvor, und diese dann als unzulängliches Mittel aufgeben;

8 – sich an den Ort begeben, an dem alle Buddhas dieser Welt ihre Erleuchtung erlangen;

9 – dort die negativen Energien der Welt überwinden;

10 – den Mittleren Weg erkennen und Erleuchtung erlangen;

11 – die universellen Wahrheiten lehren und

12 – ins Nirwana eingehen.

 

Wenn Gautama nicht ein reicher, gutaussehender Prinz gewesen wäre, nicht schönere Frauen gehabt hätte als andere Männer, nicht ein besserer Sportler und Student gewesen wäre, wie hätte er später als Gautama Buddha glaubwürdig versichern können, dass weltliche Besitztümer nicht alles sind? Wäre er nur ein armer Yogi gewesen, hätten ihm viele vorwerfen können, er behandle die weltlichen Freuden, die er nie gekannt habe, wie saure Trauben. Wie hätte er Menschen davon überzeugen können, dass Selbstkasteiung unnötig sei, hätte er nicht selbst gefastet und ohne zu trinken in der brennenden indischen Mittagshitze gesessen, und das alles in einem von niemandem übertroffenen Ausmaß! Jeder Aspekt im Leben des Buddha ist von großer Bedeutung. Es ist nicht einfach das letzte vollkommene Leben eines Wesens, welches sich die Reinheit während Hunderter von Inkarnationen erarbeitet hat, sondern ein vollkommenes Lehrstück, eine Schablone für kommende Zeitalter, ein Bezugspunkt, an dem sich alles Zukünftige messen lässt.

Der höchste Nirmanakaya des Buddha segnete diese Welt vierundachtzig Jahre lang. Doch während einer Periode von fünftausend Jahren, die er durch seine Erleuchtung beeinflusst, bleibt er in anderer Form ständig gegenwärtig, um jene zu lehren, deren Geist rein und offen genug ist, um sich dessen bewusst zu sein. Dabei kann es sich um Emanationen handeln, um andere Nirmanakayas, das heißt uns zugängliche und für uns wahrnehmbare Verkörperungen, als dem des Höchsten, die von Zeit zu Zeit auf die unterschiedlichste Weise belebt und unbelebt erscheinen, um den Menschen und allen anderen Wesen zu helfen.

 

Darüber hinaus existiert seine ständige lehrende Gegenwart, die so rein und unmittelbar kraftvoll ist, dass nur das Bewusstsein erfahrener Bodhisattvas der zehnten Ebene verfeinert, von Geistesgiften gereinigt und stark genug ist, um sich dessen bewusst zu sein. Dieses Bewusstsein wird Sambhogakaya genannt und beschreibt einen Zustand geistiger Verklärung, der nicht länger von den Verwirrungen weltlicher Unwissenheit verunreinigt wird. In diesem Zustand ist jede Schau und jeder Ton mit tiefer, freudiger Bedeutung aufgeladen. Eine solche Erfahrung besteht aus vielen tausend vollkommenen und sinnvollen Möglichkeiten der Erkenntnis der allumfassenden universellen Weisheit der Erleuchtung. Diese Erfahrungen werden reine Länder, reines Erleben genannt.

 

Obwohl die Buddhaschaft und ihre Weisheit erst dann unmittelbar erfahren werden können, wenn man die vollkommene Erleuchtung erlangt hat und tatsächlich zum Buddha geworden ist, erleben die Bodhisattvas diesen Zustand indirekt durch die Tore ihres Bewusstseins und ihrer Sinne in Form von visionären Einsichten. Weit entfernt vom Leiden und doch inkarniert, um den Leidenden zu helfen, tief verwurzelt in Frieden und Weisheit, genährt von der stets wachsenden Vision der Vollkommenheit, erfreuen sie sich der herrlichsten Verbindung zur Erleuchtung. Der Begriff Sambhogakaya bedeutet „vollkommener Zugang, vollkommene Freude“.

Neben jenen Überlieferungen der Lehre, die aus der Zeit des höchsten Nirmanakaya Shakyamunis vor fünfundzwanzig Jahrhunderten in Indien stammen, existieren einige Schriften aus seinem Sambhogakaya, die von erleuchteten Bodhisattva-Lehrern im Laufe der Jahrhunderte niedergeschrieben wurden. Dies ermöglicht dem Geist des Buddha, der Welt dann Lehren zu senden, wenn sie benötigt werden, um auf die sich verändernden Bedürfnisse einzugehen.

Tilopa war ein solcher erleuchteter Bodhisattva. Nachdem er die Bedeutung der Lehren von mehr als hundert der fortgeschrittensten buddhistischen Gurus seiner Zeit zusammengetragen und geistig durchdrungen hatte, erlangte er die vollkommene Erleuchtung und vereinte sich untrennbar mit der Bewusstseinsform Buddhas.

 

 

 

 

 

 

Marpa

 

Marpa, der im Jahre 1012 im südlichen Zentraltibet geboren wurde, ist der erste tibetische Meister der Kagyu-Tradition, die deshalb häufig ihm zu Ehren Marpa-Kagyu genannt wird. Er sollte auch der erste Meister sein, der sich immer wieder in seiner Übertragungslinie verkörperte. Man glaubt, dass Marpa in früheren Leben in Indien die Mahasiddhas Dombipa, Sri Simha und Darikapa gewesen ist. Im achten Jahrhundert war er in Tibet jener Astrologe, der den Standort für das Kloster Samye auswählte. Später wurde er als Dharma Semang wiedergeboren, einer von Guru Rinpoches Sekretären, der Termas schrieb und die „zornvollen“ Übungen meisterte. Während der Erneuerung des Dharma im elften Jahrhundert inkarnierte er als Marpa und danach als andere Meister, einschließlich des berühmten Taranatha.

 

In der Kagyu-Tradition inkarnierte er sich außer als Marpa als folgende Lehrer:

– als Drogon Rechen, dem der erste Karmapa seinen Prophezeiungsbrief übergab;

– als Yeshe Ö, der Schüler des zweiten Karmapa, der das verborgene Land Sari entdeckte;

– als der Halter der goldenen Linie Ratnabhadra, der Guru des vierten Karmapa, und als Choji Gyaltsen, dem der chinesische Kaiser Yung Lo (Ch’eng Tsu) im frühen fünfzehnten Jahrhundert den Titel „Tai Situ“ gab. Seitdem sind seine Inkarnationen als Tai Situpa bekannt.

 

Marpas Entschlossenheit war bereits als Kind sehr stark. Um buddhistische Lehren für sein Land zu sammeln, unternahm er drei Reisen nach Indien. Dies war zu jener Zeit keine geringe Leistung, da die Reisen riskant und der Gesundheit abträglich waren. Um für Tibet das gute Karma zu erwirken, welches die sichere Verwurzelung der Lehren dort garantieren würde, verbrachte er viel Zeit damit, von seinen Landsleuten Opfergaben zu sammeln, die er den indischen Meistern darbringen wollte. Da er seine Aufgabe, Lehren zu erhalten und zu übersetzen, wirklich gut lösen wollte, lebte er drei Jahre in Nepal, um sich an Feuchtigkeit, Hitze und die geringe Höhe zu gewöhnen. Während dieses Aufenthaltes lernte er mehr als dreißig indische Dialekte.

 

Sein Hauptlehrer in Indien war Naropa. Er studierte sechzehn Jahre und sieben Monate unter dessen Führung und erhielt während dieser Zeit die vollständige Übermittlung alles dessen, was Naropa von Tilopa erfahren hatte. Darüber hinaus schickte ihn Naropa zu anderen Gurus, besonders zu Maitripa, Jnanagarbha, Kukuripa und der Weisheitsdakini von Sosarling. Von jedem dieser Lehrer erhielt Marpa dessen besondere Dharma-Übermittlung: die vollkommenen Geisteslehren des Mahamudra, Guhyasamaya, Mahamaya und Dorje Denshi. Obwohl Naropa ihm diese Übertragungslinien auch selbst hätte vermitteln können, hielt er es für besser, dass Marpa die einzelnen Praktiken bei denjenigen lernte, die sie in seiner Zeit am allerbesten meisterten. Die Lehren, die Marpa so nach Tibet brachte, sollten in höchstem Maße mit dem Segen der jeweiligen Übertragungslinie aufgeladen sein.

Von Naropa erhielt er das Hevajra Tantra und dessen besondere Techniken — die von Tilopa gelehrte Essenz des Vajrayana —, darüber hinaus noch die vollständige Übermittlung des Chakrasamvara-Tantra. Dabei beschränkte sich Marpa natürlich nicht auf das reine Studieren, sondern praktizierte und verwirklichte die Lehren, einschließlich zahlreicher anderer Vajrayana-Belehrungen. Naropa half Marpa besonders dabei, die begrifflichen Vorstellungen aufzubrechen, die seine vollständige Befreiung blockierten, und brachte ihn damit zur vollkommenen Erleuchtung. In der Einheit der Erleuchtung teilte er den unermesslichen Schatz seines Bewusstseins mit Marpa.

 

Naropa machte Marpa zu seinem Dharma-Statthalter in Tibet und vertraute ihm die Aufgabe an, einem ganz außergewöhnlichen Wesen, Milarepa, zur Erleuchtung zu verhelfen. Man sagt, dass sich Naropa selbst gen Tibet verneigte, als Marpa ihm von seinem Schüler Milarepa berichtete.

Marpa hatte immer gehofft, dass sein eigener Sohn, Dharma Doday, sein geistiger Erbe werden würde, doch Naropa erklärte ihm, dass dies nicht so sein werde. Die Kagyu-Tradition beruht nicht auf einer durch Familiendynastien abgesicherten spirituellen Erbfolge, wie es in Tibet früher — und teilweise auch heute noch — bei bestimmten Übertragungslinien der Fall ist. Tatsächlich fiel der zweite Karmapa dem chinesischen Kaiser deshalb auf, weil er sich, unabhängig von einer ihn stützenden Familie, selbst bestimmte. Das chinesische Reich war es zu jener Zeit müde, über lange Zeiträume endlos viele Geschenke an religiöse Familiendynastien schicken zu müssen, die seiner Ansicht nach viel zu mächtig wurden.

 

Nachdem Marpa auf seinen drei Reisen insgesamt einundzwanzig Jahre in Indien gelebt hatte, verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens in Tibets damit, die von ihm gesicherten Lehren gründlich im Lande zu verankern. Er hatte vier hochbegabte Schüler, von denen sich jeder in einem anderen Bereich hervortat. Doch sein Haupterbe, der alles so von ihm erhielt, wie er es von Naropa empfangen hatte, war Jetsun Milarepa.

Ken Holmes

 

 

 

Den Geist zähmen: Meditation (Khenpo Karthar Rinpoche)

 

Unsere grundlegende Situation als menschliche Wesen ist sehr reich und voller Ressourcen. Wir haben die Fähigkeit, in einen viel reicheren und gesünderen Geisteszustand aufzublühen, als wir ihn normalerweise erfahren. Dieses Potenzial ist so, als hätten wir Zugang zu einer sehr heilenden und wirksamen Medizin. Wenn wir es anwenden und nutzen, wird es uns Gesundheit und Wohlbefinden bringen. Die Frage ist nur, wie wir das tun. Wie können wir unsere Ressourcen nutzen?

Zunächst müssen wir verstehen, wie wir mit unseren Ressourcen arbeiten können, um ihre Bedeutung zu erfahren. Wenn wir zum Beispiel etwas aufschreiben wollen, damit es einen Sinn ergibt und zum erwünschen Ziel führt, brauchen wir Papier und einen funktionierenden Stift. Wir brauchen auch die Anstrengungen unserer Hand und unserer Augen und vor allem die Mitarbeit unseres Geistes.

Wenn einer dieser Faktoren fehlt, ist das Schreiben unvollständig. Wenn keine Tinte vorhanden ist, können wir nichts aufschreiben. Wenn unsere Augen nicht auf das sehen, was wir schreiben, werden wir viele Fehler machen. Es wäre ungewiss, ob wir überhaupt auf dem Papier schreiben würden. Wenn der Geist mit anderen Gedanken als denen, die wir zu Papier bringen wollten, abgelenkt ist, werden wir ebenfalls viele Fehler machen.

In dieser Situation, die uns sehr vertraut ist, erkennen wir, dass die Zusammenarbeit all dieser verschiedenen Komponenten notwendig ist. In ähnlicher Weise müssen wir bei der Arbeit mit dem Geist und der Anwendung der entsprechenden Techniken, um einen erwachten Geisteszustand zu entwickeln, die Zusammenarbeit bestimmter Elemente und die aufrichtige Anwendung dieser Aspekte zusammenbringen.

 

In den Sutras erklärt der Buddha, dass wir uns zur Zähmung des Geistes an einen Ort der Einsamkeit oder in eine Situation der Einsamkeit begeben müssen. Wir könnten uns aber auch an einem ruhigen, sicheren Ort befinden, und doch könnte unser Geist innerlich mit allen möglichen Gedanken beschäftigt sein. Wir könnten über Dinge nachdenken, die wir tun müssen, über bestimmte Fehler, die wir gemacht haben, oder über unser Bedauern oder unsere Frustration über unsere Fehler. Wir könnten uns Sorgen machen, dass das Telefon klingeln könnte, dass wir einen wichtigen Termin verpasst haben und so weiter.

Wir könnten unseren Geist mit allen möglichen Gedanken und Ablenkungen unterhalten. Auch in diesem Fall befinden wir uns nicht wirklich an einem Ort der Einsamkeit oder Ruhe, außer in einem oberflächlichen Sinne. Eine solche Nachgiebigkeit bzw. innere Geschäftigkeit führt nicht zu der Erfahrung, den Geist zu zähmen oder ihn auf eine gesündere Herangehensweise zu lenken.

 

Das Gegenmittel zu dieser Nachgiebigkeit liegt in unserem Engagement. Wenn wir uns verpflichten, zur Ruhe zu kommen, müssen wir uns vollständig und aufrichtig verpflichten. Wir müssen uns aufrichtig dazu verpflichten, dass wir, wenn wir uns auf die Meditation einlassen, ganz bei der Sache sind und nicht in unserem üblichen Muster verharren, in dem wir ständig an die Vergangenheit denken, die Zukunft vorhersehen oder uns mit allen möglichen anderen Gedanken beschäftigen, die eigentlich trügerisch sind.

 

 

 

 

Rokpa bedeutet:  „Hilfe, wo Hilfe gebraucht wird“

Zu Helfen war die Vision, die Lebensaufgabe und das ständige Umsetzen in all seinen Aktivitäten in Akong Rinpoche’s Leben, und dies ist sein Wunsch, den er für Samye Ling in Schottland und allen aus diesem ersten Zentrum entstandenen Samye-Dzongs mit auf den Weg gibt. Obwohl er nicht mehr lebt, lebt die Vision und Präsenz dieses außergewöhnlichen Menschen weiter.

 

Unsere Vision für das Kirchheimer Samye-Dzong in Akong Rinpoche’s Worten:

„Samye Ling und seine angegliederten Zentren sind der Entwicklung von Weisheit, Mitgefühl und der Gesundheit in Körper, Geist und Seele gewidmet. Gerade in unserer heuten Zeit, in der Konflikte, Gewalt und Gier vorherrschend sind, brauchen wir einen Ort mit friedvoller, harmonischer und inspirierender Atmosphäre, in der wir entspannen und auftanken können, um den vielfältigen Anforderungen unserer hektischen Zeit gewachsen zu sein.“

 

„Alle Wesen leiden, ob sie sich dessen bewusst sind und es sich eingestehen können oder nicht. Haben wir das vollkommen verstanden, müssen wir in einem nächsten Schritt den tiefen Wunsch entwickeln, dass sie von den Ursachen dieses Leids frei werden mögen. Unser Ziel sollte es sein, niemanden von diesem Mitgefühl auszuschließen.“

 

 

 

Dharma als Pfad

Bei der Unterscheidung zwischen Mahayana und Shravakayana (Hinayana) sagen die Mahayanisten, der Unterschied sei der Grad des Mitgefühls. Das könnte so verstanden werden, dass das Shravakayana kein Mitgefühl hat oder keine liebende Güte für alle fühlenden Wesen lehrt. Das ist nicht wahr. Das Gebet der vier unermesslichen Gedanken, das wir rezitieren, ist z.B. das wichtigste Bestreben von Bodhichitta und stammt aus dem Shravakayana. Es lautet: „Mögen alle fühlenden Wesen Glück und die Ursachen des Glücks haben. Mögen sie frei sein von Leiden und den Ursachen des Leidens. Mögen sie nicht von dem großen, leidfreien Glück getrennt werden. Mögen sie in großem Gleichmut leben, frei von Anhaftung an geliebte Menschen und Abneigung gegen die anderen.“

Dies ist eine allgemeine buddhistische Lehre, die als die vier Brahmaviharas bezeichnet wird. Es ist wichtig zu erkennen, dass Mitgefühl Teil aller buddhistischen Lehren und Praktiken ist. Wovon reden also die Mahayanisten? Ich denke, damit ist der Grad der inneren, eigenen Beteiligung gemeint. Wenn wir sagen: „Alle fühlenden Wesen sollen Glück haben und frei von Leiden sein“, dann ist das ein Wunsch. Wir wünschen uns sehr, dass die Welt von Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut erfüllt sein möge.

Aber der Unterschied im Mahayana ist, dass man sich persönlich dafür einsetzt, dass dies geschieht. Als Anhänger des Mahayana handeln wir auch nach diesem Wunsch. Darin liegt der Unterschied. Wir können tatsächlich etwas für die Umsetzung von diesem Wunsch tun, unsere Dharma-Praxis wird zum eigentlichen Weg. Der eigentliche Weg besteht hauptsächlich darin, die sechs Paramitas zu praktizieren. Es geht mehr um die Art und Weise, wie man sein Leben lebt. Man übt sich in Meditation, Disziplin, Großzügigkeit und Geduld und lernt dabei, gegenseitige Abhängigkeit oder Interdependenz, Vergänglichkeit und Leerheit zu verstehen. Du lernst, deinen Geist unbeeinflusst sein zu lassen, wenn du möchtest, dass seine natürlichen Qualitäten zum Vorschein kommen.

Deine Dharma-Praxis ist mit Mitgefühl, Liebe und Bodhichitta verbunden. Die Dharma-Praxis ist nicht etwas Zusätzliches, das man tun muss. Es ist die Art und Weise, wie wir in unserem täglichen Leben arbeiten und wie wir mit Menschen und Situationen in Verbindung kommen.

Mit Weisheit weißt du, was du wirklich bist; du erkennst die Natur deines Geistes. Das Erwachen der Weisheit ist das Hauptziel der buddhistischen Praxis, denn wenn es geschieht, kommt die Befreiung aus Samsara. Samsara basiert auf Unwissenheit, oder dem Nichtwissen, was man eigentlich ist. Dies führt zu einer dualistischen Sichtweise von „Selbst“ und „Anderen“, die zu Ärger, Gier und allen Arten von emotionalen Problemen führt. Weisheit ist also eine wichtige spirituelle Qualität, denn sie überwindet vollkommen samsarisches Leiden.

 

Es braucht Zeit, um Weisheit zu entwickeln, daher werden verschiedene geschickte Mittel eingesetzt, um dir dabei zu helfen. Die geschickten Mittel sind Methoden, die dich von einer Stufe zur nächsten führen. Um zum Beispiel deinen Geist klarer zu machen, machst du Meditation und andere Arten von geistigem Training. Wenn dein Geist an Negativität gewöhnt ist, dann trainierst du deinen Geist in positive Richtung. Der eigentliche Pfad ist die Anwendung geschickter Mittel mit Weisheit und Mitgefühl.

 

Wenn du auf diese Weise mit deinem Geist arbeitest, legst du manchmal mehr Betonung auf Mitgefühl und manchmal mehr Betonung auf Weisheit. Wegen des Mitgefühls läufst du nicht vor Samsara davon. Du willst anderen helfen. Wegen der Weisheit verstehst du die wahre Natur der Dinge, und deine Anhaftung nimmt ab. Nur mit beidem, Mitgefühl und Weisheit, wirst du in der Lage sein, vollständige Erleuchtung zu erlangen. Wenn man sowohl Weisheit als auch Mitgefühl braucht, ist das wie bei einem Vogel, der zwei Flügel braucht, um zu fliegen. Wenn du sowohl Mitgefühl als auch Weisheit kultivierst, praktizierst du wahrhaftig den eigentlichen Pfad.

(Quelle: Confusion Arises as Wisdom. Ringu Tulku Rinpoche)

 

 

Unsere Vision für das Kirchheimer Samye-Dzong

„Samye Ling und seine angegliederten Zentren sind der Entwicklung von Weisheit, Mitgefühl und der Gesundheit in Körper, Geist und Seele gewidmet. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der Konflikte, Gewalt und Gier vorherrschend sind, brauchen wir einen Ort mit friedvoller, harmonischer und inspirierender Atmosphäre, in der wir entspannen und auftanken können, um den vielfältigen Anforderungen unserer hektischen Zeit gewachsen zu sein.“

 

 

 

Geistige Schleier reinigen und Verdienste erwerben

 

Wollen wir vor einer langen Reise sicher sein, dass wir unseren Bestimmungsort erreichen, müssen wir uns all dessen entledigen, was zu Behinderungen führen könnte, und uns mit Vorräten und anderen Dingen eindecken, die für die Reise unentbehrlich sind. Dem entsprechen auf dem buddhistischen Weg die beiden Etappen, die als „Reinigung“ und „Ansammlung“ bezeichnet werden. Reinigung bedeutet hier nicht, die menschliche Natur von irgendeiner ursprünglichen Unreinheit „reinzuwaschen“. Wäre unsere Natur grundsätzlich schlecht, dann wäre der Versuch, sie reinigen zu wollen, nutzlos – ebenso wenig könnte man ein Stück Kohle weiß waschen, selbst wenn man es jahrhundertelang versuchte. Es geht vielmehr darum, die Schleier zu beseitigen, die unsere wahre Natur – oder das, was man unser „ursprüngliches Gutsein“ nennen könnte, verdecken. Diese Reinigung ist vergleichbar damit, Gold aus dem Gestein, das es umgibt, zutage zu fördern und Verunreinigungen zu beseitigen, um seinen Glanz und seine natürliche Vollkommenheit zum Vorschein zu bringen; oder damit, wie der Wind Wolken vertreibt, die die Sonne verdecken, während deren Licht unverändert bleibt.

 

Der Buddhismus unterscheidet zwei Schleier, die durch diesen Prozess beseitigt werden sollen: den Schleier der störenden Emotionen, nämlich Verlangen, Hass, Unwissenheit, Stolz und Neid; und den subtileren konzeptuellen Schleier, der die Erkenntnis der letztendlichen Natur der Dinge verdeckt.

 

Dilgo Khyentse Rinpoche lehrte:

„Wenn man im Lauf seines Lebens anderen durch Lügen, Täuschen, Stehlen, Zerstören, Verletzen, Töten etc. wehtut und dasselbe auch in den vergangenen Leben getan hat, dann hat man eine starke negative Energie erzeugt. Diese Energie, die uns in einem Teufelskreis von Illusionen und Leiden eingeschlossen hält, muss gereinigt werden, denn sie ist es, die unser Fortschreiten zum Erwachen hemmt, indem sie die zwei Schleier, die unsere erwachte Natur verdecken, lebendig erhält – den Schleier, der durch störende Emotionen erzeugt wird, und den kognitiven Schleier, der die wahre Erkenntnis verdeckt – und indem sie uns daran hindert, diese Natur wahrzunehmen.

Glücklicherweise kann man etwas gegen diese Situation tun. Die Meister der Kadampa-Tradition sagten: „Alle Erscheinungen sind zusammengesetzt und folglich vorübergehend. Wie Buddha Shakyamuni selbst gesagt hat, ist kein Fehler so schwerwiegend, dass er nicht gereinigt werden könnte.“

Um diese Reinigung erfolgreich durchzuführen, wendet man die sogenannten „vier Kräfte“ an:

 

Die Kraft der „Stütze“: Dies ist der Mensch – oder der Buddha –, vor dem man offen seine schädlichen Taten bekennt und gelobt, etwas dagegen zu tun. Es kann sich dabei um die Praxis der „35 Bekenntnisse zu den Buddhas“ handeln, um die Vajrasattva-Praxis, den Buddha der Reinigung (von karmischen Schleiern), oder um die Stütze, die der eigene spirituellen Meister ist.

Die Kraft des Bereuens: Dieses Gefühl kommt ganz natürlich auf, wenn man versteht, dass alle Leiden das Ergebnis unserer schädlichen Taten sind. Bis jetzt haben wir uns verhalten wie Verrückte, denen die Wirkung ihrer Taten nicht bewusst ist. Könnten wir sehen, wie Handlungen und ihre Auswirkungen miteinander verknüpft sind, dann könnten wir nur tiefe Reue und großen Überdruss in Bezug auf das, was uns auf diese Weise im Daseinskreislauf hält, empfinden. Und wir würden nicht mehr die geringste Lust verspüren, erneut so zu handeln.

 

Die Kraft des Gegenmittels müssen wir einsetzen, damit die Reinigung wirkt, denn Reue allein genügt nicht. Allen schlechten Taten des Körpers, der Rede und des Geistes kann man durch Gegenmittel – positive Taten – entgegenwirken.

 

Die Kraft der Entschlossenheit ist das vierte Gegenmittel. Es ist die Entschlossenheit, nie wieder etwas Schädliches zu tun. Bis jetzt wusstet ihr nicht, dass gewisse Handlungen Leid verursachten, aber von nun an habt ihr keine Entschuldigung mehr, ihr müsst eure Einstellung ändern. Es wäre ein schwerwiegender Fehler anzunehmen, man könne sich erlauben, schlecht zu handeln, da ja die Möglichkeit besteht, sich davon zu reinigen, im Gegenteil: Fasst den festen Entschluss, eure Fehler der Vergangenheit nie wieder zu wiederholen. Diese Verpflichtung erfordert große Ausdauer und Achtsamkeit in jedem Augenblick.

Dank der vier Kräfte werden eure geistigen Schleier sich auflösen und alle dem Erwachen innewohnenden guten Eigenschaften sich in all ihrem Glanz zeigen, wie die Sonne, die aus den Wolken hervortritt.“ (Quelle: Matthieu Ricard. Weisheit)

 

 

 

 

Ethik im tibetischen Buddhismus – Mingyur Rinpoche

Im tibetischen Buddhismus praktizieren wir die drei yanas oder Fahrzeuge zusammen und das schließt die Praxis der Ethik mit ein. Lassen Sie mich das genauer ausführen.

Das grundlegendste ethische Prinzip im yana der individuellen Befreiung ist die Gewaltlosigkeit, die Verpflichtung, es unter allen Umständen zu vermeiden, anderen zu schaden.

Wenn wir das Mahayana mit dazu nehmen, vergessen wir die Gewaltlosigkeit nicht, sondern führen sie mit der Praxis von Bodhicitta, dem grenzenlosen Mitgefühl, einen Schritt weiter. Dies ist die Verpflichtung, allen Lebewesen zu helfen, die vollkommene Erleuchtung zu erlangen.

Das Vajrayana schließlich führt die Idee der reinen Wahrnehmung ein. Unsere Praxis des Vajrayana basiert fest auf der Gewaltlosigkeit und der altruistischen Motivation von Bodhicitta, nimmt aber den Blickwinkel des Resultats ein. Wir behandeln jeden und alles als die Verkörperung des Erwachens. Wir verpflichten uns, uns selbst, andere und die Welt um uns herum als grundlegend rein, vollständig und perfekt anzusehen.

Das Ideal der reinen Sichtweise ist im Prinzip von samaya verkörpert, den formalen Verpflichtungen, die ein Praktizierender des Vajrayana wahren muss. Es gibt viele Einzelheiten bzgl. samaya, aber einfach ausgedrückt ist ihre Essenz, die reine Sicht nach besten Kräften zu praktizieren.

Viele Leute missverstehen die samaya und denken, es bezöge sich nur darauf, den Lehrer als Buddha, als vollständig erwachtes Wesen zu sehen. Auch das ist Teil von samaya, aber es geht am Wesentlichen vorbei. Samaya bedeutet, jeden und alles durch die Linse der reinen Sicht wahrzunehmen. Der einzige Grund, den Lehrer als Buddha zu sehen, besteht darin, die gleichen erleuchteten Qualitäten in uns selbst, in anderen und in unserer Umwelt erkennen zu können. Es ist ein Werkzeug, das uns helfen soll, Vertrauen in die Reinheit unserer eigenen endgültigen Natur zu entwickeln. Die Praxis des Vajrayana wurzelt in den Idealen von Gewaltlosigkeit und Großem Mitgefühl. Ohne sie gibt es kein Vajrayana.

 

 

 

Über den Umgang mit unseren Fehlern (Sangye Nyenpa Rinpoche)

Rinpoche spricht über die Schwierigkeit beim Erkennen unserer Fehler und Irrtümer. Unsere eigenen Fehler nicht zu erkennen und immer bei anderen die Schuld zu suchen, ist der schwerste Fehler eines Dharma-Praktizierenden.

Wenn, zum Beispiel, jemand allein in einer Höhle meditiert, dann sieht es vielleicht so aus, als ob seine Praxis ganz gut ist, und er glaubt dies vermutlich. Aber was passiert, wenn jemand am Eingang der Höhle erscheint und anfängt, den Yogi zu kritisieren oder ihn zu beschimpfen? Wenn er dann aus der Höhle springt und sagt: „Du kritisierst mich? Bist du verrückt?“ Dann wird seine Praxis scheitern. Ganz gleich, wie lange er praktizierte: in einer Sekunde kann er seine vielen Jahre der Praxis verlieren.

 

Wir sollten auf unsere Fehler achten. Dies ist eine wichtige Praxis der Kadampa-Tradition. Die Meister forderten die Dharma-Praktizierenden auf, nicht andere zu beschuldigen, sondern auf sich selbst zu schauen. Alle Dinge kommen von innen. Solange wir in unserem Ego gefangen sind, können wir nicht die Erfahrung von dauerhafter Freude und wahrem Glück machen. Wenn wir wirklich nach letztendlichem Glück und bleibender Freude suchen, dann ist die einzige Option, uns vom Ego zu befreien.

 

Die Kadampa-Meister sagen, dass es nicht allzu schwierig ist, denn das Ego existiert nicht als etwas Solides. Es ist nur eine Reflexion unserer verwirrten geistigen Einstellung.

Es ist einfach, nach den anderen zu schauen und zu sehen, ob sie etwas richtig oder falsch machen. Aber es ist sehr schwierig, unsere eigene Motivation, unsere geistige Einstellung und unseren Lebensstil zu überprüfen. Auch wenn wir im Unrecht sind, versuchen wir immer noch, der Situation auf bequeme Weise zu entkommen und sagen: „Ich habe nicht wirklich falsch gehandelt, sondern…“. Unsere Fehler zu erkennen ist also nicht einfach, es braucht Zeit, Disziplin und harte Arbeit an uns selbst.

 

Einige weise Meister im Gespräch 
(aus „Die Seele der Welt, von der Weisheit der Religionen“)

Ein weiser Meister erteilte die folgende Belehrung: »Wir sollten nicht nach dem Leiden streben, wie manche religiöse Menschen es tun, die ihren Körper kasteien. Das Leid kommt ganz von selbst zu uns. Andererseits ist es auch schädlich, das Leiden bewusst zu vermeiden, denn dann können wir das Leben nicht in seiner ganzen Fülle auskosten. Wir gehen kein Risiko ein. Wir gehen allem aus dem Weg, was uns verletzen könnte. Wir tun nichts, wofiir wir uns anstrengen müssten. So wird der Kreis unseres Lebens immer enger und die Freude verschwindet daraus. Viele Menschen sind unglücklich, weil sie es vorziehen, sich im Unglück bequem und schmerzfrei einzurichten, statt Mühen und Opfer auf sich zu nehmen, die im Moment vielleicht schmerzlich sind, am Ende aber zu tiefem Glück führen. Wie ein Kranker, der manchmal bittere Medizin schlucken oder eine gefährliche Operation auf sich nehmen muss, damit sein Körper wieder gesund wird, so muss auch der Mensch begreifen, dass die Hindernisse im Leben dazu da sind, um seine Seele zu stärken und zu heilen.« 

 

Ein anderer der Weisen warf ein: »Es gibt keine Wandlung ohne Schmerz. Damit wir tiefe Freude erfahren können, müssen wir das Risiko eingehen, großen Schmerz zu durchleiden.« 

In die eintretende Stille hinein sagte einer der Weisen: »Unser Leben ist aus sichtbaren und unsichtbaren Fäden gewebt. Wir nehmen nur die sichtbaren wahr, daher lehnen wir uns mitunter gegen unser Schicksal auf. Könnten wir aber die unsichtbaren erkennen, dann würden wir entdecken, dass alles, was uns unangenehm erscheint, einen tieferen Sinn birgt und uns nützlich sein kann. Dann würden wir die Ereignisse, die wir für ein Unglück halten, als Chance begreifen, die uns die unsichtbaren Fäden im Gewebe unseres Lebens erkennen lässt.« 

Einer der Weisen sagte: »Wir können uns nicht von der äußeren Welt befreien, sondern nur von unserer ureigenen Welt: dem Gefängnis unserer Glaubenssätze und unseres Ego. Äußere Umstände können unser Leben nicht verändern, aber jeder kann das ändern, was er glaubt und tut. Glück und Unglück wohnen in unserem Inneren, Paradies und Hölle existieren nur in uns.« 

 

GLÜCK UND UNGLÜCK SIND IN DIR SELBST  
Anregungen zum Annehmen dessen, was ist 

 

Der Königsweg, die Krönung der Weisheit, die wichtigste Haltung, die wir einnehmen können, ist es, das Leben zu akzeptieren und mit ihm die Wirklichkeit dessen, was ist. Nichts zurückzuweisen, was auch immer sich zeigen mag. Bestimmte Dinge können und müssen verändert werden. Doch zunächst einmal sollten wir Ja zum Leben sagen. Eine Krankheit stellt sich ein: Wir akzeptieren sie und tun alles, was nötig ist, um geheilt zu werden. Wir sind zu Recht traurig oder wütend, aber lasst uns doch über Trauer und Wut hinausgehen.

Wir mögen unser Gesicht, unseren Körper nicht? Wir sind unzufrieden mit unserem Charakter? Vielleicht sollten wir einfach lernen, uns anzunehmen und zu lieben, wie das Leben uns gemacht hat. Im zweiten Schritt können wir tun, was nötig ist, um das, was uns nicht gefällt, zu ändern. Manchmal lässt sich das nicht bewerkstelligen, denn einige Dinge im Leben können wir nicht beeinflussen. So lernen wir loszulassen, nicht alles kontrollieren zu wollen, vertrauensvoll zu wachsen – voller Gelassenheit, Demut, Heiterkeit und Liebe.

Häufig geschieht es, dass wir das Leben zurückweisen, andererseits aber der festen Meinung sind, dass das Leben uns zurückweist. Wenn wir eine Prüfung durchleben, eine Krankheit zum Beispiel, sind wir aufgebracht über unser Leben. Und doch ist es nicht selten so, dass wir selbst für diese Prüfung verantwortlich sind, ja, dass sie uns geschickt wurde, um uns einen Anstoß zu geben. Manchmal nämlich verschließen wir uns dem Leben, dem Wandel, der Wirklichkeit, und dann tauchen die Hindernisse auf, eines nach dem anderen. Sie sind da, damit wir uns weiterentwickeln. Damit wir uns etwas bewusst machen, was an unserem Leben nicht stimmt. Dass wir ein Ereignis ins Unbewusste verdrängt haben, das wir uns nicht anschauen wollen. Doch statt die Hindernisse als Signale des Lebens zu erkennen, versteifen und verkrampfen wir uns in unserer Ablehnung. Dann wird unser Leiden immer schlimmer.

 

Verlang nicht, dass das geschieht, was du dir wünschst, sondern wünsche dir das, was geschieht. Dann wirst du glücklich sein.

Nicht die äußeren Gegebenheiten müssen wir ändern, sondern unsere Gedanken und Glaubenssätze. Sie bestimmen größtenteils darüber, was uns widerfährt. Wir sind, was wir denken.

Und tatsächlich üben unser Denken und unser Glauben einen enormen Einfluss auf den Lauf unseres Lebens aus. Nicht selten wird unser Leben zu genau dem, was wir denken und glauben. Denn gewöhnlich filtern wir die Realität und nehmen nur das wahr, was unsere Glaubenssätze bestätigt. Ein pessimistischer Mensch sieht überall schlechte Omen, die seinen Pessimismus bestärken. Ein optimistischer Mensch hingegen entdeckt überall Zeichen der Hoffnung, die seinen Optimismus bestätigen. So stark sind unsere Glaubenssätze, dass sie häufig sogar jene Ereignisse herbeiführen, durch die sie bestätigt werden. Ein ängstlicher Mensch läuft viel eher Gefahr, Opfer einer Gewalttat zu werden, als ein furchtloser. Ein komplexbeladener Mensch wird viel öfter zurückgewiesen als ein selbstsicherer.

Unsere Sicht der Welt und von uns selbst ist es, die bestimmt, was uns widerfährt. In jedem Wesen, in jedem Augenblick, sei er glücklich oder unglücklich, einfach oder schwierig, begegnen wir immer nur uns selbst.

Akzeptiere die Gesetze des Lebens und nichts wird dich mehr bedrücken.

Ein Gesetz lautet: Jede Handlung ruft eine Wirkung hervor, du erntest also, was du säst. Bewusst oder unbewusst, durch dein Tun oder Denken, in diesem Leben oder vielleicht in einem anderen. Ein anderes lautet: Alles ist vergänglich, flüchtig, im steten Wandel begriffen. Versuche nicht krampfhaft, an der Illusion von Stabilität und Sicherheit festzuhalten. Akzeptiere vielmehr den Wandel, die Unsicherheit, den Tod. Dann wird dein Herz Frieden erfahren.

Nicht trotz, sondern aufgrund der Hindernisse und Schwierigkeiten, die uns begegnen, machen wir Fortschritte. So wie man von einem Stockwerk ins nächste nicht trotz, sondern wegen der Stufen, die dorthin führen, gelangt. Hindernisse sind die Stufen, die uns weiterbringen.

Sehen wir uns also nicht als Opfer der äußeren Ereignisse, sondern als ihre Schüler.

 

Lernt, nichts im Leben zurückzuweisen. Zurückweisung verursacht viel mehr Schmerz als Akzeptanz. Selbst wenn ihr körperlichen Schmerz zu erdulden habt, ist es leichter, wenn ihr ihn nicht ablehnt, sondern annehmt. Lasst euch in den Schmerz hineinfallen, öffnet euch ihm, wie ihr euch von Kälte durchdringen lasst, gegen die anzukämpfen sinnlos wäre. Seltsamerweise wird der Schmerz dadurch geringer. Seht den Schmerz als Teil einer Erfahrung, die das rein körperliche Leiden übersteigt. Nehmt ihn auf, lasst ihn sich im weiten Raum des Bewusstseins ausdehnen, und schon wird er erträglich.

Lehnt vor allem den Schatten nicht ab, die Düsternis, die unscharfen Zonen, die ihr in euch tragt. Wenn ihr sie leugnet, wenn ihr ihrer Herr werden wollt, wenn ihr zu streng oder zu lasch mit ihnen seid, verleiht ihr ihnen nur noch mehr Kraft. Dann kehren sie eines Tages mit Gewalt zurück und zwingen euch in die Krankheit, in die Dunkelheit, in die Verdrängung. Nehmt alles an, was in euch ist und holt es ins Licht der Gewissheit. Akzeptiert, was ist. Erst dann könnt ihr beginnen, an euch zu arbeiten – voller Vertrauen und voller Liebe.

Lernt, eure Zerbrechlichkeit anzunehmen. Die Schattenseiten des Seins schaffen ebenjene Risse im Gewebe des Ich, durch die das Leben uns in Liebe mit anderen verbindet. Jedes Wesen hat seine Gaben, mit denen es anderen zur Stütze werden kann. Doch es hat auch seine Schwachstellen, seine Brüche, seine Anfälligkeit, weshalb es die Hilfe anderer benötigt.

 

 

Unser Geist

Der grundlegendste und fundamentalste Prozess im Buddhismus und vielleicht auf allen spirituellen Wegen, ist es, uns selbst vollständig zu verstehen und unsere eigene Verwirrung und Missverständnisse zu klären.

All unsere Probleme entstehen aus Verwirrung, aus Missverständnissen, falschen Annahmen, falschen Konzepten und Sichtweisen der Dinge. Das ist die wichtigste buddhistische Botschaft. Deshalb wird Unwissenheit in allen buddhistischen Lehren als das Grundproblem genannt. Aus der Unwissenheit entstehen alle anderen Probleme. Wenn wir Unwissenheit sagen, bedeutet das nicht, dass wir keinen Doktortitel haben, dass uns Informationen über Dinge fehlen. Es bedeutet, dass wir im Grunde nicht klar über die wahre Natur der Erscheinungen und Phänomene sind, und dass alle unsere Annahmen und Vermutungen, alle unsere Konzepte, auf dieser Verwirrung beruhen.

Wenn wir ein Fundament aus Sandsteinen ohne Zement bauen, wird alles, was wir darauf aufbauen, zusammenbrechen. Der wahre Grund, warum wir den Dharma praktizieren sollten, ist, dieses Missverständnis auszuräumen und zu versuchen, die Dinge klar zu sehen. Aber es geht nicht nur um Informationen. Wenn ich dir einfach sage: „Es ist so!“ und du sagst: „Oh, ja!“ Das wird nicht funktionieren, das ist zu einfach. Unsere Verwirrung hat sich über eine sehr lange Zeit aufgebaut, und sie ist sehr tief verwurzelt. Wir haben uns so sehr an bestimmte Denk- und Verhaltensweisen gewöhnt, dass wir durch Analyse zu der Einsicht kommen können, dass das nicht der richtige Weg ist, aber das ist noch nicht genug.

Es sind nicht Informationen und Analysen, die wir brauchen, sondern eine Transformation auf der tiefsten Ebene des Bewusstseins. Das ist es, was die Dharma-Praxis ausmacht, sie ist nichts anderes, als die Dinge klar zu sehen und aus der Verwirrung herauszukommen. Deshalb brauchen wir viele verschiedene Methoden in verschiedenen Stufen, um mit unseren eingefahrenen Gewohnheiten fertig zu werden. Wir haben es hauptsächlich mit dem Geist zu tun. Manchmal haben wir Probleme zu definieren, was der Geist ist. Er kann als der denkende Geist, die Gedanken, verstanden werden. Was ich hier mit Geist meine, ist eher das gesamte Bewusstsein. Damit haben wir es zu tun, denn das ist es, was wir sind. Der Geist ist das wichtigste Element in einem Menschen.

(Quelle: The Ngöndro – Ringu Tulku Rinpoche)

 

 

Dharma Praxis

 

Jetsu Mila lehrte:

„Hungrige werden nicht davon satt, von Nahrung zu hören; sie müssen sie essen. Vom Dharma zu hören reicht nicht, er muss praktiziert werden.“

Der Zweck der Praxis ist es, als ein Gegenmittel gegen die negativen Emotionen und das Festhalten am Ich zu wirken. Als Potowa Geshe Tönpa fragte, wo die Trennungslinie zwischen Dharma und nicht Dharma sei, antwortete der Geshe:

„Was negativen Emotionen entgegenwirkt, ist Dharma.

Wenn es das nicht tut, ist es kein Dharma.

Was nicht zu einem weltlichen Leben passt, ist Dharma.

Was dazu passt, ist kein Dharma.

Was mit den Schriften und euren Unterweisungen übereinstimmt, ist Dharma.

Wenn es das nicht tut, ist es kein Dharma.

Was sich heilsam einprägt, ist Dharma.

Was sich unheilsam einprägt, ist kein Dharma.

(Quelle: Patrul Rinpoche. Die Worte meines vollendeten Lehrers, S. 332-333)

 

 

 

 

Wie können wir unsere Praxis lebendig halten? 

 

ZITATE UND REFLEXIONEN 
Die Frage nach der Lebendigkeit der eigenen Praxis stellt sich nach einiger Zeit für viele Übende. Im Folgenden teilen buddhistische Lehrende und Übende mit uns, was man da tun kann und wie sie selbst es hinbekommen, dass ihre Praxis lebendig bleibt. 

MINGYUR RINPOCHE 
Buddhistischer Meditationslehrer in der tibetischen Tradition 

Bei der Meditation nicht immer nur bei einer Körperhaltung, einer Augenposition und einer Meditationstechnik zu bleiben, sondern sie auch mal zu verändern, hilft sehr, die Meditation lebendig zu halten. 

Die Meditationsposition von Zeit zu Zeit zu wechseln ist gut für den Körper – der nach längerer Zeit in einer Haltung vielleicht schmerzt, das Blut zirkuliert nicht mehr so gut -, aber es ist auch gut für den Geist, der so seine Frische bewahren kann. Das Nächste sind die Augen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man hält die Augen geschlossen oder geöffnet. Hält man sie geschlossen, sollte sich das natürlich und entspannt anfühlen, als wären sie zum Schlafen geschlossen. Wenn man sie geöffnet hält, sollte sich auch das ganz natürlich anfühlen. Es gibt dann drei Möglichkeiten: Der Blick ist leicht gesenkt, geradeaus oder leicht nach oben gerichtet. Man fokussiert sich dabei nicht auf spezifische Objekte, sondern mehr auf den umgebenden Raum. Die Ausrichtung des Blicks kann man während einer längeren Meditation variieren; allerdings sollte man auch nicht ständig wechseln, das bringt Unruhe. 

Im tibetischen Buddhismus gibt es viele verschiedene Meditationstechniken, weil es so viele unterschiedliche Persönlichkeiten gibt. Manche fühlen sich besser mit Visualisierungen, andere mit Mantras, wieder andere mit einer Fokussierung auf den Atem oder auf die Sinneswahrnehmungen. Man sollte zunächst die für sich passende Technik finden und dabei so lange bleiben, wie sie sich lebendig anfühlt. Bei Dumpfheit oder Langeweile wechselt man. Man sollte immer bedenken: Im Grunde geht es nur um eines: Gewahrsein. Das Gewahrsein hat aber unterschiedliche Geschmäcker, ob wir nun Geräusche, Gedanken oder Gefühle als Objekte nehmen. Sie sind das Mittel, um das Gewahrsein zu stärken und zu stabilisieren. Diese Objekte von Zeit zu Zeit zu variieren, kommt unserem Geist entgegen, der sich immer neugierig auf etwas Neues stürzt und von Gewohntem schnell gelangweilt ist. 
URSULA RICHARD 
Zen-Übende 

Der höchste Weg ist gar nicht schwer, wenn man nur aufhört zu wählen« – Die Frage, wie ich meine Praxis lebendig halten kann, ist letztlich die Frage, wie ich mein Leben lebendig leben kann. Die Praxis ist ja kein Selbstzweck, auch wenn wir das manchmal glauben und sie so sehr in den Vordergrund stellen, dass wir dahinter fast verschwinden oder uns nur noch als defizitär wahrnehmen (wir üben zu wenig, zu schlecht, das Falsche…). Lebendigkeit erlebe ich besonders dann, wenn ich aus der Welt meiner Ideen, Konzepte und Urteile hinaustrete und zulasse, dass mich das Leben berührt, in Form meiner Sinneswahrnehmungen, Gefühle, anderer Menschen, der Natur. Und manchmal spüre ich, wie all das in einer nährenden Stille beheimatet ist – der Quelle der Lebendigkeit. 

 

JETSUNMA TENZIN PALMO 
Buddhistische Lehrerin in der tibetischen Tradition 

Manchmal habt ihr vielleicht bei der Meditation das Gefühl: „Was für eine Zeitverschwendung, das ist alles echt albern, wozu mache ich das alles?“ Aber ihr macht es. Zu einem anderen Zeitpunkt ist es total wundervoll: „Echt toll, ich bin kurz vor der Erleuchtung!“ Vergesst das alles, macht es einfach. Lasst es geschehen. Warum hängen wir nur an den Höhepunkten des Lebens? Warum empfinden wir eine Abneigung gegenüber den Tiefpunkten? Das alles sind nur Vorstellungen des Geistes. Wir können unseren Geist nicht verstehen, wenn wir nur die guten Teile wollen. Und wir werden nie aufrichtige Praktizierende werden, könnten wir nur üben, wenn es uns gutgeht. Alle durchleben das. Sogar Milarepa und die großen Heiligen haben solche Phasen durchlebt. Es ist einfach ein Teil des Geistes. Und es ist belanglos, das ist das Entscheidende. Also machen wir einfach weiter. Schritt für Schritt für Schritt – das reicht. Und komme, was kommen mag, gute Zeiten, schlechte Zeiten, Regenwetter, Sonnenschein, es spielt keine Rolle. Manchmal regnet es, manchmal scheint die Sonne, aber wir gehen einfach weiter. 

 

 

MARTINE BATCHELOR 
Meditationslehrerin 

In Südkorea sagte einmal die Zen-Nonne Songou Sunim zu mir: „Je beschäftigter du bist, desto langsamer solltest du gehen.“ 

Mir scheint dieser Satz eine gute Basis dafür zu sein, unsere Praxis und unseren Umgang mit uns frisch und lebendig zu halten. Denn wenn wir getrieben durchs Leben hetzen, dann agieren wir vielfach nur noch automatisch. Dieser Satz kann uns helfen, genauer hinzuschauen: Lade ich mir immer zu viel auf? Schätze ich realistisch ein, wie viel ich schaffen kann? Muss ich immer geschäftig und in Eile sein, um mich lebendig und wertvoll zu fühlen? Was würde es bedeuten, langsamer zu werden? So können wir unsere Prioritäten besser festlegen: Was ist jetzt wichtig und wirklich dringlich – und was nicht?

Ein Schlüssel zu diesen Fragen ist unser kreatives Gewahrsein oder unsere Achtsamkeit. Wenn wir merken, dass wir geschäftig und immer schneller und hektischer werden, dann können wir innehalten und uns unseres Körpers bewusst werden: wie wir gehen, stehen, sitzen oder liegen. Wir entwickeln keine Idee von unserem Körper, sondern spüren hin: Wie fühlt er sich an, jetzt in diesem Moment? Die Füße auf dem Boden, der Rücken an der Stuhllehne, die Hand eines anderen Menschen schüttelnd, den Wind im Gesicht. Hilfreich kann auch sein, zwei, drei Atemzüge oder die unmittelbare Umgebung bewusst wahrzunehmen: das Grün der Felder, das Blau des Himmels, die Freundlichkeit der Kollegen. 

Und sich dann wieder der anstehenden Aufgabe zuwenden, und dann der nächsten und der nächsten, alle in ihrer Zeit, und dabei nicht wieder in eine Eile geraten und sich selbst überholen wollen.
„Je beschäftigter du bist, desto langsamer solltest du gehen.“ 

 

 

Die Macht der Gedanken
»Seid wachsam, ihr Menschenkinder, was eure Gedanken angeht.
Sie sind genauso wichtig wie euer Handeln.
Gedanken schaffen eine Energie und drücken eine Absicht aus.
Diese Energie, diese Intention bleibt nie ohne Wirkung sowohl in euch selbst wie in der äußeren Welt.
Negative Gedanken, die wir anderen gegenüber hegen, haben Folgen — sowohl für uns als auch für andere. Sie erreichen den anderen und können ihn verletzen, ohne dass wir etwas gesagt oder getan hätten.
Darüber hinaus verdunkelt die negative Energie unsere Seele.
Positive, liebevolle Gedanken aber können Menschen auch auf weite Distanz helfen, und sie erleuchten die Seele.
Auch Gedanken über uns selbst und unser Leben haben diese positiven oder auch negativen Effekte.

 

Es folgen ein paar Ausschnitte aus der inspirierenden Lebensgeschichte von Patrul Rinpoche, dessen Buch „Die Worte meines wertvollen Lehrers“ wir auch als Grundlage für unsere Dharma-Studien benutzen.

Patrul Rinpoche wird zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Kham in Tibet geboren und schon als Kind als Reinkarnation eines Lamas, eines sogenannten Tulkus, aus der Tradition der Großen Vollendung anerkannt. Von seinen beiden Hauptlehrern, Gyalwe Nyugu und dem tantrischen Yogi Do Khyentse, erhält er eine  Fülle von Belehrungen, auch zu den Lehren des Dzog-Chen, der Tradition, die er sein Leben lang studieren, praktizieren und lehren wird. Er empfängt aber auch Übertragungen und Unterweisungen aus allen anderen Dharma-Traditionen Tibets. Dadurch eignet er sich ein Wissen und eine Gelehrtheit an, die es ihm ermöglichen, die eigene Tradition und die der anderen Schulen unvoreingenommen und vorurteilslos zu sehen. Vor allem erlangte er aber eine außerordentlich hohe Stufe der Verwirklichung. 

Als anerkannte Reinkarnation steht Patrul Rinpoche ein Kloster, Besitz, Dienerschaft, viel Komfort und ein hoher Status zu, doch er verlässt bald den Sitz seines spirituellen Vorgängers und beginnt, sein Leben als wandernder Einsiedler zu verbringen. Sein Interesse gilt ausschließlich den großen Fragen von Leben und Tod, von Leiden und Befreiung. Vollkommen desinteressiert ist er an den Dingen der Welt, die niemals bleibendes inneres Glück bringen können. Sein Enthusiasmus für den Weg zur Erleuchtung ist so groß, dass er nicht zögert, alles Unwesentliche loszulassen und sich mit Haut und Haaren der Praxis hinzugeben. In einem Lehrtext, den er an sich selbst gerichtet hat, schreibt er: 

Es ist Zeitverschwendung! Hör auf damit! 

Über hundert Plänen zu brüten, die du ausführen möchtest, ohne je genügend Zeit, sie zu vollbringen, überfordert nur deinen Geist.

Sie kommen nie zu einem Ende, sondern breiten sich aus wie Wellen im Wasser. 

Sei kein Narr und für einmal: Halt still!

Patrul folgt in vielem dem Vorbild seines Meisters Gyalwe Nyugu. Dieser hat sich, nachdem er lange Zeit mit seinem eigenen Lehrer verbrachte, ins abgelegene Bergland zurückgezogen. Dort praktiziert er alles, was dieser Meister ihn gelehrt hat, und er haust dabei in einer Vertiefung im Boden, noch nicht einmal in einer Schutz bietenden Höhle, und ernährt sich einzig von Wildpflanzen. Gyalwe Nyugu hat eine unerschütterliche Gelassenheit gegenüber allen weltlichen Belangen entwickelt und strebt unaufhörlich nach höchster Verwirklichung. Allmählich scharen sich Schüler um ihn, und einer davon ist der junge Patrul Rinpoche. Dieser widmet sich dann der spirituellen Praxis mit derselben Konsequenz wie Gyalwe Nyugu. 

Inspiriert durch die außergewöhnliche innere und äußere Freiheit seines Lehrers, zieht Patrul Zeit seines Lebens durchs Land, er lebt sowohl in Höhlen und Einsiedeleien als auch in großen Klöstern und religiösen Bildungsstätten, wobei er unermüdlich praktiziert, Belehrungen gibt, seine Schüler unterrichtet und Kommentare zu Dharma-Texten und Meditation verfasst. Er lehrt und schreibt in einer gut verständlichen, praxisbezogenen Weise, so dass sowohl das einfache Volk, wie zum Beispiel die meist sehr gläubigen Nomaden, als auch die Mönche, Nonnen und gelehrten Lamas ihn verstehen und Nutzen daraus ziehen können. Jahrelang praktiziert er als Yogi in einer abgelegenen Eremitage, die auch als Yamantaka-Höhle bekannt ist. Dort verfasst er sein bedeutendstes und einflussreichstes Werk “Die Worte meines vollerdeten Lehrers”.

In diesem umfangreichen Text beschreibt er alle wesentlichen Praktiken seiner Tradition auf dem Weg zur Erleuchtung, wobei er betont, dass alles ausnahmslos die Worte seines Lehrers seien, so wie er sie im Gedächtnis behalten habe, ohne dass er von seiner Seite etwas hinzugefügt habe. Dabei muss man wissen, dass er manchen Belehrungen seines Meisters bis zu fünfundzwanzigmal gelauscht hat. 

Patrul Rinpoche ist ein großer Tantriker, aber er weiß auch um die Bedeutung der altruistischen Motivation von Bodhicitta, von der ein Meister gesagt hat: »Ohne sie werden beide, eure Mahamudra- und eure Dzogchen-Praxis, verdorben sein.« 

Die Wirksamkeit einer Meditationspraxis hängt zu einem großen Teil von der Motivation ab, aus der heraus sie geübt wird. Selbstzentrierte Absichten machen Herz und Geist eng. Patrul Rinpoche ist an dieser mitfühlenden inneren Haltung des Mahayana, an Bodhicitta, sehr interessiert, und Shantidevas Denken und Werk hat auch auf ihn — elf Jahrhunderte später — einen sehr bedeutenden Einfluss. 

Es heißt, er habe die Bodhicaryavatara von Shantideva, dessen tausend Verse er auswendig kennt, über hundert Mal gelehrt. Wunderschöne große Blumen mit bis zu fünfzig Blütenblättern beginnen zu blühen, so eine Legende, als er in der Nähe von Dzogchen Shri Singha während mehrerer Jahre diesen Text lehrt. Sie Werden als »Bodhicaryavatarablumen« bekannt, Er bemüht sich auch sehr darum, das Räuber- und Banditentum in seiner Region einzudämnmen, und schafft auch den Brauch ab, bei besonderen Versammlungen Fleisch zu servieren.

 Nutze die Zeit deines Lebens. 

Kultiviere inneres Glück.

Erkenne die Vergänglichkeit aller äußeren Vergnügungen. 

Übe dich in deiner spirituellen Praxis. 

Wirke als Bodhisattva — für eine glückliche Welt.

Und widme deine Handlungen dem Wohle der Wesen.

 Patrul lebt als Vagabund und Bettler ein unbeschwertes und sorgenfreies Leben. Wenn er von Schülern und Gönnern Gold oder wertvolle Geschenke erhält, lässt er sie oft einfach liegen. Durch nichts lässt er sich binden und doch ist er jederzeit bereit, den Menschen zu helfen und sein tiefes Verständnis der Lehren mit ihnen zu teilen — auch durch das unmittelbare Beispiel seines Verhaltens. 

Einmal reist er als Bettler unerkannt durchs Land und schließt sich einer armen Frau mit ihren Kindern an. Sie hat kürzlich ihren Mann verloren und ist nun unterwegs zu einem entfernten Kloster, wo sie die Belehrungen und den Segen eines berühmten Lamas empfangen will. Patrul unterstützt sie, hilft ihr beim Kochen, hütet ihre Kinder und trägt diese auf dem Rücken, wenn sie erschöpft sind vom Wandern. Sie ist schließlich so von seiner Hilfsbereitschaft und Fürsorge angetan, dass sie ihm sogar einen Heiratsantrag macht, was er aber dankend ablehnt. Als sie am Ende der langen Reise beim Kloster ankommen, verabschiedet er sich von ihr und den Kindern. Die Frau weiß, dass die Belehrungen von einem sehr berühmten Lama namens Patrul Rinpoche gegeben werden. Wie groß ist daher ihre Überraschung, als sie sieht, dass ihr Weggefährte den hohen Thron einnimmt, um die riesige versammelte Menschenmenge mit seinen tiefgründigen Belehrungen zu segnen! Am Ende der Unterweisungen verfügt der Lama, dass alle Gaben, die ihm zugedacht sind, an diese Frau und ihre Kinder gehen sollen. 

Seine Bescheidenheit und seine Fürsorglichkeit sind sprichwörtlich. Er verwirklicht wahrhaftig die Worte Shantidevas: 

Wann immer mein Blick auf andere fällt, möge er offen, ehrlich und voller Liebe sein.

 

Gestrenger und mitfühlender Lehrer 

In Bezug auf seine eigene Praxis ist Patrul Rinpoche streng und konsequent und er glaubt auch, der beste Lehrer sei jener, der nach Atishas Motto wirke: »Der beste spirituelle Freund ist jener, der deine versteckten Fehler attackiert.« Ein solcher Lehrer oder spiritueller Freund hilft wirklich, die nicht förderlichen Gewohnheiten des eigenen Geistes zu hinterfragen und neue, bessere Verhaltensweisen zu kultivieren. Patrul Rinpoche selbst ist stets darauf bedacht, achtsam seinen Geist zu bewachen und unheilsame Regungen und Tendenzen durch förderliche zu ersetzen. Obschon er als Dzogchen-Meister eine Sichtweise der nicht-erfassbaren, offenen Weite des Geistes vertritt, hält er sich strickt an die Aussage des Vorvaters dieser Tradition, Padmasambhava, die lautet: 

“Meine Sichtweise ist unbegrenzt wie der weite Raum, aber meine karmischen Handlungen sind so fein wie Gerstenmehl.”

(von Fred von Allmen „Buddhas Tausend Gesichter“)

 

 

Aus dem Rundmail „Gratefulness for the day“ möchte ich einige inspirierende Reflektionen von Alex Elle teilen, die vielleicht auch für uns Anregung sein können.

 

Das Nachdenken über die Freuden und den Schmerz von 2021 hat mich hoffnungsvoll gemacht. Das Leben kann eine Herausforderung sein. Die Kämpfe, mit denen wir alle konfrontiert sind, können uns belasten. Und was ich festgestellt habe, ist, dass das Durchschreiten – das Durchgehen – mir Raum bietet, die Teile von mir zu heilen, die Heilung brauchen und mitten in meinen Gefühlen zu bleiben, wenn ich es lieber nicht tue, dass das mich dehnt. Es spornt mich an, das Selbstvertrauen genauer unter die Lupe zu nehmen. In diesen Momenten, in denen ich innehalte, nach innen schaue und bei mir selbst bleibe, erinnere ich mich, dass es nicht auf einmal passiert, dass es wichtig ist, offen zu bleiben, Neues zu lernen.
Ich frage mich: „Wie möchte ich mein Leben leben? Wie fülle ich mich und andere aus? Welche kleinen Momente der Dankbarkeit kann ich genau jetzt erkennen? Achte ich genau genug darauf, um alles zu umarmen?“
Diese Fragen schwirren mir durch den Kopf und rufen mich dazu auf, sie weiter zu erforschen.
Ich fülle mich auf, indem ich eine Bestandsaufnahme mache, was in meinem Leben weg muss und was ich möchte, dass es bleibt. Ich möchte den Weg für ein bewussteres Leben frei machen, wenn ich ins Jahr 2022 gehe. Im vergangenen Jahr wollte ich mich manchmal von den Dingen abwenden, die mich aufgerüttelt haben. Aber ich habe gelernt, dass ich mir alles anschauen und die einzigartige Schönheit jedes Erlebnisses für sich schätzen muss. Wegschauen lässt die Dinge nicht verschwinden. All meine Gefühle zu fühlen war das Tor, um zu mir selbst zurückzukehren. Ich war in der Lage, meinen Becher zu füllen, mich wieder mit meinem Wert zu verbinden und mich daran zu erinnern, dass es eine absichtliche Übung sein muss, jetzt hier zu sein – auch wenn es mir schwerfällt, im Moment zu bleiben. 

 

Anregungen zur Dharmapraxis
von Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche „Not for Happiness“

 

GEDULD: Wir MACHEN FEHLER
Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche sagt Praktizierenden, insbesondere Anfängern, oft, dass niemand alles lernen kann, was man über die korrekte Ausführung des Ngöndro (den Grundlegenden oder vorbereitenden Übungen zur authentischen Meditationspraxis) wissen muss und erst dann mit dem Üben beginnen kann. Es ist nur möglich, alles zu wissen, einschließlich der korrekten Durchführung aller Rituale, wenn die Praxis abgeschlossen und vollständig durchgeführt wurde. Daher werden wir unweigerlich große und kleine Fehler machen, und durch diese Fehler lernen wir. Kein Sprachschüler kann sich vorstellen, den gesamten Wortschatz und die Grammatik einer neuen Sprache auf einmal zu lernen und sie dann sofort perfekt zu sprechen. Wir nehmen Sprache auf, machen Fehler, stolpern hier und da über Wörter und improvisieren. Irgendwann fügt sich jedoch alles zusammen und plötzlich stellen wir fest, dass wir fließend sprechen. Die Dharma-Praxis folgt einem ähnlichen Muster, und das meiste, was wir lernen, kommt zu uns durch die Fehler, die wir beim Üben machen.

Wir sollten daran denken, dass zwischen dem Beginn der Praxis und dem Erreichen unseres ersten echten Geschmacks von Dharma eine lange Zeit intensiver Anstrengung liegen wird. Aber wenn wir diesen ersten Geschmack erlebt haben, können wir in jeder Situation, in allen Ecken der Welt und mit jedem erdenklichen Menschen üben und werden nicht nur in uns selbst entspannen, sondern auch nicht mehr Urteile fällen über andere, weil sie nicht „richtig“ praktiziert haben.


GUTE TAGE UND SCHLECHTE TAGE
Der Charakter unserer Praxis ändert sich je nachdem, ob wir uns im Retreat befinden oder im Alltag praktizieren. Da die menschliche Konstitution unwiderruflich an die sich ständig ändernden Elemente des Universums gebunden ist, könnte man den Menschen als Nebenprodukt solcher Interaktionen bezeichnen. Als Ergebnis verändern sich unsere körperliche Verfassung und unser Geist ständig. An einem Tag ist unsere Meditation inspirierend und ermutigend, weil wir uns leicht konzentrieren und klar visualisieren können, und am nächsten eine langweilige, frustrierende Katastrophe. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass diese Erfahrungen unsere Erwartungen an die Praxis verfärben.

Wenn das Üben gut verläuft, versuchen wir, nicht überreizt zu werden, oder bleiben bei diesem Maß an Konzentration und Inspiration als Maßstab für alle zukünftigen Übungen. Tsele Natsok Rangdröl sagte, dass Dharma-Praktizierende nicht wie das Kind sein sollten, das auf einem Spielplatz voller Spielsachen so aufgeregt ist, dass es sich nicht für ein Spielzeug zum Spielen entscheiden kann und am Ende überhaupt nichts tut. Wenn unsere Praxis schlecht läuft, lassen wir nicht zu, dass sie unsere Entschlossenheit untergräbt oder verdirbt. Der Rat, den Jigme Lingpa gibt, lautet, „wenn du plötzlich mit schlechten Umständen und Hindernissen konfrontiert wirst, betrachte sie alle als mitfühlende Segnungen des Gurus und des Dharma und als Ergebnis der Praxis“.
Unser Leben wird durch die Praxis aufgewühlt. Wir könnten sogar Hindernisse anziehen, wie Shakyamuni Buddha, der Mara’s Zorn in den Stunden vor seiner Erleuchtung auf sich zog. Schwierigkeiten sind daher ein Zeichen dafür, dass unsere Praxis funktioniert und dies sollte uns glücklich machen.

Der Schlüssel ist Konsistenz. Was oft passiert, ist, dass Praktizierende in der Hitze der Inspiration eine Überdosis beim Üben einnehmen und dann zutiefst frustriert sind, wenn sie keinen guten Traum erleben, oder sich nicht richtig konzentrieren oder ihr Temperament kontrollieren können. Nachdem sie sich mit Übung vollgestopft haben, hören sie für ein paar Monate auf, und wenn sie schließlich dazu zurückkehren, stellen sie fest, dass sie wieder am Anfang stehen. Bei diesem Tempo ist der Fortschritt sehr langsam.

Ein weitaus besserer Ansatz ist der einer Schildkröte. Jeder Schritt mag ewig dauern, aber egal wie uninspiriert man sich fühlt, man befolgt den Trainingsplan weiterhin genau und konsequent. Auf diese Weise können wir unseren größten Feind, die Gewohnheit, gegen sich selbst einsetzen. Die Gewohnheit klammert sich an uns wie ein blutsaugender Blutegel, wird von Moment zu Moment fester und sturer, und selbst wenn wir es schaffen, ihn abzuschütteln, bleibt uns immer noch eine juckende Erinnerung an seine Existenz. Indem wir uns jedoch an die regelmäßige Dharma-Praxis gewöhnen, benutzen wir unseren Feind gegen sich selbst, indem wir unseren schlechten Gewohnheiten die gute Gewohnheit der Praxis entgegensetzen. Und wie Shantideva betonte, ist nichts schwer, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat.

 

Haben wir diesen Schatz erst einmal gehoben, brauchen wir ihn nicht für uns zu behalten. Die Liebe kennt keine Grenzen. Wir brauchen nicht geizig mit ihr umzugehen. Wir wachen gern eifersüchtig über sie, doch ist die Liebe keine Ware, mit der man handelt. Der Vorrat an Liebe ist endlos, so dass wir sie endlos verschenken können. Eine Möglichkeit, an diese reiche Ernte ausdrucksstarker Liebe anzudocken, ist die buddhistische Metta-Meditation.

Das edle Gefährt

Ein weiser Mann sagte folgendes: »Ihr solltet also, oh Menschenkinder, die beiden Pferde, den materiellen und den psychischen Körper, und den Kutscher, den Geist, kennen- und lieben lernen, damit ihr für alle drei gleichermaßen gut sorgen könnt. Dann wird euer Gefährt auf der Straße des Lebens ohne Schwierigkeiten vorankommen. Um es jedoch wirklich zu beherrschen, müssen sowohl das Gespann als auch der Kutscher lernen, wie sie am besten zusammenwirken. Der Kutscher lenkt das Gefährt, sodass die beiden Pferde es im Einklang miteinander ziehen. Er weiß, wohin die Reise geht, gibt die Richtung vor und bestimmt die Geschwindigkeit.

So muss auch der Geist die Kräfte des Körpers und der Psyche meistern. Meistern aber bedeutet nicht, dass er sie kontrolliert oder gar tyrannisiert. Der Geist lenkt den Körper und die Emotionen, indem er sie respektiert und von ihnen lernt. Denn die Pferde kennen den Weg nicht. Sie reagieren nur auf ihre unmittelbaren Eindrücke. Der Geist aber gibt dem Leben Richtung und Sinn. Er öffnet sich für die Stimme der Vernunft und des Herzens und legt den richtigen Weg fest, der zum Ziel führt. Er bringt die Wertmaßstäbe in die rechte Ordnung, sodass er an jeder Kreuzung des Lebensweges eine gute Entscheidung treffen kann.« 
 
Ein anderer Weiser merkte an: »Es gibt eine großartige Übung, die uns hilft, Gespann und Kutscher kennen- und meistern zu lernen: die Meditation. Die Meditation eint Körper, Psyche und Geist. Sie ist im materiellen Körper verankert: Der Meditierende sitzt so, dass sein Rücken gerade bleibt. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf den Atem, den er frei fließen lässt, sodass er sich immer mehr vertieft. Dann geht er aufmerksam jeden Teil seines Körpers durch. Er nimmt die verschiedenen körperlichen Empfindungen wahr, die aufsteigenden Emotionen, die Gedanken. Er folgt ihnen nicht, lässt sich auch nicht auf einen Dialog ein, sondern beobachtet sie nur und lässt sie vorüberziehen. Wenn er sich darin lange genug übt, wird er hinter all den Gedanken und Emotionen die Tiefe seines Geistes kennenlernen. Er entdeckt, dass er einen Raum in sich hat, der fern vom Aufruhr der Emotionen ist, eine Stille, die hinter dem Lärm der Gedanken liegt, eine Freude und einen tiefen Frieden, die ihm immer offenstehen. Die tägliche Übung der Meditation (und seien es am Anfang nur zehn Minuten) stärkt unseren Geist und eint Körper und Seele. Beim ersten Mal scheint es noch schwierig Alles tut weh, und wir haben das Gefühl, als reiße der Strom der Gedanken niemals ab. Doch allmählich entspannt sich unser Körper, die Atmung wird tiefer und der Geist immer ruhiger und stiller. Wir können die Erfahrung des inneren Raumes trainieren wie einen Muskel. Dann wird er unempfindlich gegen jede Art von Angriff: Gedanken, Emotionen, verletzende Worte, Psychoterror, negative Energien – alles prallt von ihm ab und wird zurückgeschickt.« 
(Frederic Lenoir aus „Die Seele der Welt“)

Eine Reihe von Ratschlägen von Atisha über „Die Vier Ziele“

Das erste Ziel ist:
„Ziele deinen Geist auf den Dharma.“

Das heißt, unser Geist sollte auf das ausgerichtet sein, was wahr und bedeutungsvoll ist, anstatt auf weltlichen Erfolg. Wenn wir unseren Geist auf den Dharma ausrichten, können wir Befreiung und Erleuchtung erlangen. Wenn wir jedoch auf weltliche Ziele hinarbeiten, gibt es keinerlei Möglichkeit zum Erlangen von Befreiung und Erleuchtung. 

Atisha erklärte zum zweiten Ziel: 
„Verfolge mit deiner Dharmapraxis ein einfaches Leben.“

Das heißt, versuche nicht etwa großen Reichtum anzusammeln. Es ist leichter, den Belehrungen zu folgen, wenn wir einfache Praktizierende sind. Wenn wir erst großen Reichtum angesammelt haben, bevor wir mit dem Praktizieren beginnen, glauben wir, immer einen gewissen Lebensstandard aufrechterhalten zu müssen. Es bedarf immenser Mühe, unseren Reichtum zu vermehren, unsere Rücklagen zu schützen und sicherzustellen, dass sie nicht aufgebraucht werden. Eine Menge Mühe und Sorge ist damit verbunden, daher ist es das Beste, mit seiner Praxis ein einfaches Leben zu verfolgen. 

Das dritte Ziel lautet:

„Ziele darauf ab, dein ganzes Leben lang einfach zu leben.“

Denkt nicht: „In Ordnung, ich werde für eine Weile den Dharma als einfacher Schüler praktizieren. Aber später werde ich den großen Durchbruch erzielen und reich und wichtig werden.“ So sollte man nicht denken. Zielt stattdessen darauf ab, ein einfacher Praktizierender zu bleiben, euer ganzes Leben hindurch, bis zum Zeitpunkt des Todes. 

Und schließlich sagte Atisha:

„Ziele darauf ab, in Einsamkeit zu sterben.“

Das bedeutet, allein zu sterben, ohne Freunde, am besten in einer Klausurhütte oder an einem einsamen Ort, ohne von Bediensteten und Gefährten umringt zu sein.

Dies waren „Die Vier Ziele“.
 

Atisha gab weitere Ratschläge wie: „behalte einen niedrigen Sitz.“

Das heißt, unauffällig zu bleiben. Strebt nicht danach, wichtig zu sein. Tragt einfache Kleidung, keine aufwendigen oder teuren Dinge. Tragt, was immer ihr bekommen könnt. Weiterhin sagte er: „Lasst Nahrung, Kleidung und euren Ruf die Niederlage davontragen.“ Wenn zum Beispiel ein Streit beigelegt wird, verliert die eine Seite, während die andere gewinnt. Versucht nicht wegen Nahrung, Kleidung und Ruf Siege zu erzielen. Mit anderen Worten, gestattet dem Geist, nicht von Nahrung, Kleidung, Ruhm oder Gedanken um die eigene Wichtigkeit abgelenkt zu werden. 

 Atisha sagte auch: „Sei dein eigener Lehrer.“
Sei dein eigener Führer auf dem Weg. Verweile nicht in einer Situation, in der du ständig die Befehle anderer ausführen musst. Lebe auf eine Weise, die es dir gestattet, dich auf dich selbst zu verlassen. Wenn du so leben kannst, hast du die Möglichkeit, ein reiner Praktizierender zu werden. 

Der große Meister Atisha hat selbst nach diesen Prinzipien gelebt und große Verwirklichung erlangt. Wir sollten unser Bestes geben, so viel wie möglich von seinen Ratschlägen in die Tat umzusetzen. 

Wer sich einmal entschieden hat, den Dharma zu praktizieren, sollte es auch zum Ende bringen. Ansonsten ist es so, wie Patrul Rinpoche gesagt hat: „Wenn wir jung sind, werden wir von anderen kontrolliert und können nicht praktizieren.“

Bis man siebzehn oder achtzehn Jahre alt ist, lebt man normalerweise bei seinen Eltern und ist von ihnen abhängig. Man geht zur Schule oder hat zu Hause zu tun, und kann nicht einfach weggehen, um zu praktizieren. Wenn wir dann endlich erwachsen sind, jagen wir den Objekten unserer Gelüste nach und können nicht praktizieren. Wenn wir alt sind, verlieren wir unsere physische Kraft und können nicht praktizieren. „Ach, ach! Was tun wir nun?“ 

Wenn wir also praktizieren wollen, sollten wir uns darüber klar werden, wie wir dies tun wollen. Das Beste wäre, von ganzem Herzen ein perfekter, reiner Praktizierender zu werden. Sollte uns das nicht möglich sein, sollten wir zumindest versuchen, wenigstens die Hälfte von all dem Vorgenannten zu umzusetzen und zu verkörpern. Wenn auch das nicht möglich ist, sollten wir uns wenigstens einen der Ratschläge zu Herzen nehmen und ihn wirklich leben. 

 Wenn wir die Lehren des Buddha anwenden, tun wir das in drei Schritten oder Stufen. Zuerst studieren wir sie gründlich. Dann reflektieren wir darüber, wir versuchen sie so klar wie möglich zu verstehen. Und schließlich üben wir uns in ihnen, wir machen das, was gelehrt wurde, zu unserer Erfahrung. All dies sollte einigen Effekt haben.

Die Lehren des Buddha zu studieren heißt, etwas über gute und schlechte Handlungen zu erlernen. Wir verstehen, vor welcher Wahl wir stehen. Es wird uns klar, dass alles durch karmische Handlungen und unsere eigenen störenden Gefühle entsteht, und wir entdecken, wie wir diese reinigen und beseitigen können. Durch dieses Erlernen, Reflektieren und schließlich Anwenden sollte sich ein Ergebnis einstellen, ein Resultat. Es heißt, dass man durch Studieren und Reflektieren sanft und diszipliniert wird. Das Resultat von meditativer Übung ist es, dass störende Gefühle wie Aggression, Anhaftung und Stumpfheit ständig abnehmen. Dies ist das wahre Zeichen meditativer Praxis. 

(Aus „Regenbogenbilder“ von Tulku Urgyen Rinpoche)

Als ich mich selbst zu lieben begann

 

„Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin, und dass alles, was geschieht, richtig ist – von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich: Das nennt man „Vertrauen“.
Als ich mich selbst zu lieben begann, konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben. Heute weiß ich: Das nennt man „authentisch sein“.
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war. Heute weiß ich, das nennt man „Reife“.
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben, und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen. Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht, was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo. Heute weiß ich, das nennt man „Ehrlichkeit“.

 

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, was mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das „Gesunden Egoismus“, aber heute weiß ich, das ist „Selbstliebe“.
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen, so habe ich mich weniger geirrt. Heute habe ich erkannt: das nennt man „Demut“.
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich mich geweigert, weiter in der Vergangenheit zu leben und mich um meine Zukunft zu sorgen. Jetzt lebe ich nur noch in diesem Augenblick, wo ALLES stattfindet, so lebe ich heute jeden Tag und nenne es „Bewusstheit“.
Als ich mich zu lieben begann, da erkannte ich, dass mich mein Denken armselig und krank machen kann. Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam der Verstand einen wichtigen Partner. Diese Verbindung nenne ich heute „Herzensweisheit“.

Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich: „Das ist das Leben“!

Rede von Charlie Chaplin anlässlich seines 70sten Geburtstag am 16. April 1959. Gefunden von Karin Kokot.

 

 

Über DANKBARKEIT von Drupon Rinpoche

Gib dein Bestes, um diejenigen nicht zu enttäuschen, die dich lieben, für dich sorgen, die dir vertrauen und das Beste für dich wollen. Versuche dein Bestes, um ihre Freundlichkeit zurückzuzahlen.

Zu erkennen, wer gut zu einem war, ist das Merkmal eines reifen und intelligenten Menschen. Es nicht zu erkennen, ist ein Zeichen von Dummheit und Unreife. Es gibt keinen schlechteren Menschentyp als denjenigen, der nicht gut mit denen umgehen kann, die freundlich zu uns waren. Und alle Ideen, die ein solcher Mensch über das Praktizieren des Dharma haben könnte, sind trügerische Vorstellungen.

Aus weltlicher Sicht gibt es niemanden, der freundlicher zu uns ist, als unsere Eltern. Sie sind bei unserer Erziehung vielleicht nicht sehr geschickt oder klug vorgegangen, trotzdem liebt uns niemand so, wie unsere Eltern. Würde es etwas Dauerhaftes auf der Welt geben, wäre es die Liebe unserer Eltern zu uns.

Betrachten wir die Situation wirklich ehrlich: ist es nicht seltsam, wie wir all unsere Liebe einem Fremden widmen, den wir nie zuvor gekannt haben, der nichts für uns getan hat, aber für den wir unsere lieben Eltern zurücklassen und vergessen?

 

Wir müssen uns fragen, was wir nach all dem, was unsere Eltern für uns getan und für uns geopfert haben, für sie tun! Als wir hilflos und völlig von anderen abhängig waren, um zu überleben, wer war für uns da? Wer war für uns da, als wir nichts zu bieten hatten, außer Schreien, Tränen und schmutzigen Windeln? Wir können diese Menschen nicht vergessen, besonders, wenn sie uns am dringendsten brauchen – wenn sie alt und einsam sind. Wir können nicht vergessen, wie unsere Mutter uns gefüttert, gewaschen, mit uns gespielt, uns unterrichtet, uns an der Hand gehalten und mit uns gekuschelt hat. Nicht nur ein- oder zweimal, oder nur ein oder zwei Wochen lang, sondern viele Jahre, Tag für Tag. Wir halten es für so selbstverständlich, dass wir uns kaum daran erinnern können.

Ist es nicht das, was uns zu anständigen und fähigen Menschen macht, dass wir dankbar und verantwortungsbewusst sind, um die Freundlichkeit zurückzuzahlen, die uns unsere Eltern, Geschwister, Lehrer und die Gesellschaft entgegengebracht haben? Dies ist besonders wichtig für uns

Buddhisten, weil jede Praxis des größeren Fahrzeugs (Mahayana) auf der Fähigkeit beruht, Dankbarkeit und Wertschätzung zu empfinden und auszudrücken.

 

Die Freundlichkeit der Menschen zurückzugeben, bedeutet nicht, dass wir nur versuchen, sie gut zu behandeln, sondern dass wir das, was die Menschen uns gegeben haben – seien es Fähigkeiten, Wissen oder Resourcen – nutzen, um wiederum anderen Menschen zu helfen, sich selbst zu verbessern und diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das wird das, was andere für uns getan haben, außerordentlich bedeutungsvoll machen.

 

Speziell auf den Dharma bezogen, heißt das, dass es niemanden gibt, der freundlicher zu uns ist, als unsere Lamas. Wenn Du mich zum Beispiel als deinen Lama ansiehst, denke nicht, dass es eine gute Möglichkeit ist, mir Geld oder andere materielle Dinge zu geben, um die Freundlichkeit zurückzuzahlen, die ich gezeigt habe. Versuche stattdessen zu verstehen, wie ich arbeite, was mir wichtig ist, welche Ziele ich habe, und versuche dann, Dich auf eine Weise zu verhalten, die diesen Werten und Zielen entspricht. Auf diese Weise können wir gemeinsam etwas auf der Welt hinterlassen, das unseren Eltern aus vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Leben zugute kommt – und das bedeutet, allen Lebewesen. Thrangu Sekhar Retreat Center, Nepal, 12 April 2020

 

 

 

In den Rundmails geht es in letzter Zeit meist um die Entwicklung von Mitgefühl, bzw. dem Erleuchtungsgeist oder Bodhicitta. Warum dies so wichtig ist, drückt HH. 17. Karmapa im Vers 11 des Textes der 37 Praktiken eines Bodhisattvas sehr treffend aus:

 

Alles Leid kommt davon, Glück für uns selbst zu wollen.

Vollkommene Buddhas gehen aus der Geisteshaltung hervor,

auf Wohl und Nutzen anderer bedacht zu sein.

Unser Glück gegen das Leid anderer auszutauschen

ist die Praxis eines Bodhisattva.

 

Warum ist es wahr, dass alles Leiden dieser Welt daher rührt, dass wir uns nur Glück für uns alleine wünschen? Wenn wir uns nur auf unsere eigene Bequemlichkeit und unser Glück konzentrieren, werden wir ichbezogen und überheblich, und früher oder später führt das zu Leiden. So viel ist uns allen klar.

Aber wenn wir sagen, anderen Glück zu wünschen, bringt uns selbst Glück, wen meinen wir dann mit den „anderen“? Eine naheliegende Antwort darauf ist: alle Lebewesen außer uns selbst. Wir können auch beobachten, dass das Leben auf keinen Fall weitergehen kann ohne den Ablauf von Geben und Nehmen zwischen allen diesen Lebensformen. Unser eigenes Atmen ist ein Beispiel dafür. Was wir ausatmen, ist gut für einige andere Lebewesen, und was sie ausatmen, ist wiederum gut für uns. Lebewesen sind auf verschiedene Weisen voneinander abhängig.

Leben hängt vom Geben ab: wir geben und empfangen deshalb. Diese gegenseitige Abhängigkeit ist natürlich. Es erfordert jedoch eine besondere Anstrengung, unseren Geist so zu trainieren, dass er dies gut genug weiß, damit unser Verständnis klar und stark ist.

 

Es gibt keine plötzliche Transformation – auch nicht für den Karmapa. Auch er musste hart dafür arbeiten, sich zu verändern. Es erfordert harte Arbeit, ausdauerndes, intensives Studieren und ausdauernde Anstrengung, um unsere Motivation und unser Verhalten zu verändern.

 

 

 

 

Ein anderer Aspekt in Bezug auf Anhaften und Festhalten ist das Loslassen und Weggeben, auch das Vergeben.

Hier einige Gedanken zum Vergeben

Im Gegensatz zum materiellen Weg geht die spirituelle Praxis nicht davon aus, dass durch Anhäufen, Bekommen, Festhalten Glück zu erreichen ist, sondern durch Loslassen. Spirituelle Lehren aller Zeiten vermitteln uns, dass wir das, was wir oft unser ganzes Leben gesucht, aber nicht gefunden haben, längst in uns tragen. Liebe, Frieden, Erfüllung und Glücklichsein sind nicht Dinge, die wir erwerben könnten, sondern Daseinszustände, die unser inneres Wesen ausmachen. Es geht also im Leben nicht darum, möglichst viel zu bekommen, oder zu werden, sondern darum, möglichst viel loszulassen, vor allem natürlich das, was uns offensichtlich unglücklich macht.
Ein wichtiger Teil auf diesem Weg ist die Übung des Vergebens – auch sie ist eine Form des Gebens und Loslassens. Vergeben hat etwas mit Hergeben, Erleichtern, sich befreien und Loslassen zu tun. Aber diese Übung fällt den meisten Menschen schwer. Wie für die Liebe, ist auch für das Vergeben der Hauptfeind der Hass oder die Abneigung. Oft glauben wir, wir müssten ablehnen, vielleicht sogar hassen, ja, dies sei sogar unsere Pflicht, um begangenes Unheil aus der Welt zu schaffen, oder für Gerechtigkeit zu sorgen. 

 

Aber selbst wenn Hass oder Übelwollen gerechtfertigt scheinen, ist es doch offensichtlich, dass wir selbst die Hauptleidtragenden sind, und uns selbst am meisten verletzen. Wenn wir versuchen, glühende Kohlen auf jemanden zu werfen – wer verbrennt sich da zuerst und am stärksten? Übelwollen wird niemals durch Übelwollen überwunden, Verletzung nie durch Vergeltung, sondern nur, indem wir es durch das Gegenteil ersetzen. 

Eine weitere große Schwierigkeit beim Vergeben ist das Anhaften am Schmerz, am begangenen Unheil. Interessanterweise haben wir alle die Tendenz, nicht nur an schönen Dingen und Erinnerungen festzuhalten, sondern auch an unserem Schmerz, unseren Problemen und Sorgen. Oft ist es sogar so, dass wir an dem, was uns am meisten schmerzt, am meisten festhalten. 

Aus einer spirituellen Perspektive ist es absurd, am Schmerz festzuhalten, doch davon will das Ego nichts wissen. Das Ich und der Schmerz sind sehr eng miteinander verwoben. Wenn wir genau hinsehen, können wir sogar erkennen, dass Ichbezogenheit immer Schmerz oder Leid bedeutet. Das Ich scheint nicht mehr ganz so wichtig zu sein, wenn es keine Probleme, Sorgen und Schmerzen mehr hat.

Auch Schuldgefühle sind etwas, an dem wir oft sehr anhaften, und sie sind in der Vergebenspraxis ein bekanntes und großes Thema. Sich schuldig zu fühlen, wird uns ja mehr oder weniger mit in die Wiege gelegt, und im Laufe des Lebens sammelt sich dann noch reichlich zusätzliches Material an. Spirituelle Praxis bedeutet aber nicht, sich für immer und ewig als Sünder zu fühlen, sondern unsere Unachtsamkeit, unsere Lieblosigkeit, unser unbewusstes Verletzen aus der Vergangenheit noch einmal ins Bewusstsein zu bringen, und es dann loszulassen, es zu vergeben. Gleichzeitig können wir den Entschluss fassen, unserer Mitwelt und uns selbst in Zukunft achtsamer und wohlwollender zu begegnen.

 

Vergeben in drei Schritten

  1. Schritt
    Hier spüren wir in uns hinein, machen uns bewusst, ob es eine Person gibt, die uns Schmerz zugefügt, uns verletzt oder irritiert hat. Wenn ja, dann kann man versuchen, sich diesen Menschen oder die damalige Situation vorzustellen. Nun bittet man diesen Menschen ins eigene Herz, und sagt innerlich zu ihm: „Ich vergebe dir, was du mir an Schmerz oder Irritationen zugefügt hast, sei es bewusst oder unbewusst geschehen, sei es mit Gedanken, Worten oder Handlungen – ich vergebe dir.“

 

  1. Schritt
    Hier erinnern wir uns daran, ob wir jemandem Schaden oder Schmerz zugefügt haben, oder mit jemandem unachtsam umgegangen sind; ob wir jemanden irritiert haben, nicht wahrgenommen, anerkannt oder wertgeschätzt haben. Wir laden dann diese Menschen in unser Herz ein, und bitten sie um Vergebung für die von uns zugefügten Verletzungen und Irritationen, seien sie bewusst oder unbewusst geschehen, in Gedanken, Worten oder Handlungen. Dann gilt es, auch wirklich loszulassen, und sich vorzustellen, dass diese Menschen die Vergebung annehmen oder davon berührt sind, dass wir uns um diese Herzenshaltung bemühen.

 

  1. Schritt
    Hier können wir uns bewusst machen, wo wir uns selbst lieblos behandelt, uns Schmerzen zugefügt, in uns Irritationen verursacht haben, und ob wir uns abgewertet, uns klein und schlecht gemacht haben – ein Verhalten, das wir alle gut kennen. Es ist der Fehlerfindergeist, der nicht nur außen Fehler sucht und findet, sondern auch bei uns selbst. Wir sollten uns da fragen: Wozu soll das gut sein? 
    Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass ein negativer, sich ständig tadelnder, kritisierender Geist nie glücklich sein oder werden kann. Wenn wir uns wohlfühlen wollen, dann müssen wir uns darum kümmern, dass unser Geist erfüllt, ist von Wohlwollen und nicht dem Gegenteil. Vergeben wirkt auch hier Wunder.  Ein Geist, der häufig mit Negativem beschäftigt ist, kann nie heil werden. 

Ein großes Verzeihen

Schon seit über einem Jahr beschäftigen wir uns in unseren Meditationssitzungen mit „Die 37 Handlungsweisen eines Bodhisattva“ – einige Male sind wir schon an unsere Grenzen gestoßen, vielleicht, weil es scheint, als seien die Handlungsweisen eines Bodhisattva von einer anderen Welt. Ungefähr im Juni letzten Jahres hörte ich die Geschichte von Wilhelm Hammelmann und seither muss ich immer wieder daran denken, ganz besonders dann, wenn ich an die Verse 13 und 20 denke:

„Selbst wenn jemand daran ginge, dir den Kopf abzuschlagen,
ohne dass du dir das Geringste zuschulden kommen ließest:
Ihre Negativität mit Mitgefühl auf sich zu nehmen
ist die Praxis eines Bodhisattva.“

 

„Den Feind, unseren eigenen Ärger und Zorn, nicht zu besiegen,
dafür aber mit äußeren Feinden zu kämpfen,
wird bloß noch mehr solche hervorbringen.
Unseren Geist daher mit einer Streitmacht von Liebe und Mitgefühl zu zähmen
ist die Praxis eines Bodhisattva.“

 

Ursprünglich lebte Wilhelm Hammelmann mit seiner Frau und vier Kindern in Bremen. Aber da Bremen zerbombt war, waren er und die Familie bei seinen Eltern im Bremer Blockland auf dem Bauernhof „Kapelle“ untergekommen. In der Nacht des 20. Januar 1945 waren zwölf Menschen auf dem Hof versammelt. Neben Wilhelm Hammelmann und seiner Familie auch seine Eltern, seine Schwiegereltern und zwei Hausgehilfen. Mitten in der Nacht wurde Hammelmann geweckt und als er aufstand, sah er sich mit zehn Fremden konfrontiert, die ihn mit Waffen bedrohten. Alle Anwesenden wurden in ein Zimmer gebracht, die Eindringlinge verdunkelten sämtliche Fenster und schnitten die Telefonleitung durch. Noch dachten alle Anwesenden, die Fremden seien Plünderer. Doch dann wurden alle in den niedrigen Keller geführt und von vier der zehn Fremden erschossen. Wilhelm Hammelmann überlebte schwer verletzt, weil er sich totstellte.

Als er sicher sein konnte, dass die Eindringlinge den Hof verlassen hatten, schleppte er sich zum nächsten Bauernhof und verständigte die Polizei. Er selbst wurde ins Krankenhaus gebracht. So weit ist Wilhelm Hammelmanns Geschichte „einfach nur“ grausam. Aber da Wilhelm Hammelmann ein tiefgläubiger Christ war, entwickelte sich seine Geschichte anders als man das vielleicht erwarten würde. Da er so schwer verletzt war und mehrere Monate im Krankenhaus zubringen musste, konnte er nicht an der Beerdigung seiner Familie teilnehmen. Daher verfasste er eine Trauerrede, die jemand an seiner statt halten sollte. In dieser Rede heißt es:
„Unser Haus war stets ein Haus der Liebe, wo die Niedrigen geachtet und den Ärmsten geholfen wurde. Gerade die heutige Zeit ist dazu angetan, dass die Menschen wieder anfangen, sich gegenseitig zu schätzen und wohlzutun. Das ganze Volk hält Ausschau nach denen, die fähig sind, in der Tat der Liebe und nicht des Hasses zu führen.“

Doch damit nicht genug: Wilhelm Hammelmann setzte sich dafür ein, dass die Täter, die mittlerweile gefasst worden waren, nicht, wie es 1945 üblich war, für ihr Verbrechen zum Tode verurteilt wurden – mit Erfolg. Allerdings musste er sich dafür wüste Beschimpfungen von seinen Mitmenschen anhören, die nicht verstehen konnten, dass Wilhelm Hammelmann denjenigen verzieh, die ihn seiner Familie beraubt hatten.

Wilhelm Hammelmann gründete eine neue Familie, bekam wieder vier Kinder, von denen nur die jüngste Tochter nicht den Namen eines der 1945 verstorbenen Kinder trug – ihr Geburtstag fiel genau auf den Tag des Verbrechens. In seiner Familie thematisierte Wilhelm Hammelmann die Vergangenheit selten; dafür setzte er sich um so mehr dafür ein, dass diejenigen der Täter, die nach ihren langen Haftstrafen wieder freikamen, eine Arbeitsstelle fanden. Einen der Täter unterstützte er besonders, er nahm ihn bei sich auf. Allerdings nicht für lange, denn er wurde abermals von seinen Mitmenschen bedroht, weil er dem Verbrecher verziehen und ihn aufgenommen hatte. So ermöglichte er dem Mann einen neuen Start in einer anderen Stadt. Über die Nacht des 20. Januar 1945 hat Wilhelm Hammelmann ein dünnes Büchlein geschrieben, das „Vergeben statt vergelten“ heißt.

 

(Quelle: Weisheit. Die schönsten Texte tibetischer Meister. Matthieu Ricard)

 

 

Beiträge von Dilgo Khyentse

 

„Nur ein Buddha kann zählen, wie häufig wir im anfangslosen Samsara wiedergeboren wurden, und nur ein Buddha kann sagen, wann Samsara seinen Anfang nahm. […] Während all dieser unzähligen Leben hat alles, was du unternommen hast, dein Leiden nur weiterhin fortgesetzt, ohne dich der Befreiung und wahrem, dauerhaftem Glück einen Zentimeter näherzubringen. Warum? Weil alle deine Taten bisher schädlich, egoistisch, bestenfalls nutzlos waren.

Lebewesen sind ständig beschäftigt. Wir Menschen sind ständig damit beschäftigt, miteinander zu wetteifern, Dinge zu verkaufen, zu kaufen, zu machen, aufzubauen, zu zerstören. Vögel sind andauernd beschäftigt damit, Nester zu bauen, Eier auszubrüten, Küken zu füttern. Bienen sind immer damit beschäftigt, Nektar zu sammeln, Honig zu machen. Andere Tiere sind immerzu damit beschäftigt, zu fressen, zu jagen, nach Gefahren Ausschau zu halten, ihre Jungen aufzuziehen. Je mehr du machst, umso mehr hast du zu tun, und umso mehr vervielfachen sich deine Probleme und Leiden – aber das letztendliche Ergebnis deiner harten Arbeit und deiner Mühen wird nicht länger Bestand haben als eine Zeichnung, die man mit dem Finger auf Wasser malt. Wenn du das Scheitern und die Nutzlosigkeit von so vielen bedeutungslosen Handlungen erkennst, wird klar, dass das einzig lohnenswerte Unterfangen die Dharmapraxis ist.“

Aus: Dilgo Khyentse – The Heart Treasure of the Enlightened Ones

 

 

Von schwierigen Situationen auf dem Weg: Gefühle, Gedanken und der Glaube an das Selbst

Ein Bodhisattva versucht als Ausgleich für Unglück, das ihm zugefügt wurde, Hilfe und Verdienst zurückzugeben. Wenn du jemanden siehst, der etwas Schlechtes tut, denk an all das Leiden, das er für sich selbst dadurch ansammelt, und bete dafür, dass all die Ergebnisse seiner negativen Handlung dich betreffen mögen, statt dass er in den niederen Daseinsbereichen wiedergeboren wird; widme ihm die Folgen all deiner positiven Handlungen.

Auf diese Weise zu praktizieren hilft auch, deinen Glauben an ein wirklich existierendes Selbst zu beseitigen. Denn schließlich sind deine wahren Feinde nicht irgendwelche rücksichtslosen Menschen, die gerade an der Macht sind, grimmige Räuber oder mitleidlose Konkurrenten, die dich ständig schikanieren, dir alles wegnehmen oder dir mit gerichtlichen Schritten drohen. Dein wahrer Feind ist dein Glaube an ein Selbst.

Diese Vorstellung eines beständigen Selbst ist der Grund dafür, dass du seit unzähligen vergangenen Leben hilflos in den niederen Bereichen von Samsara umherirrst. Es ist eben das Ding, das dich nun davon abhält, dich selbst und andere aus der bedingten Existenz zu befreien. Wenn du nur einfach diesen einen Gedanken an das „Ich“ loslassen könntest, würdest du es einfach finden, frei zu sein und auch andere zu befreien. Wenn du heute den Glauben an ein tatsächlich existierendes Selbst überwindest, wirst du heute erleuchtet sein. Wenn du ihn morgen überwindest, wirst du morgen erleuchtet sein. Aber wenn du ihn niemals überwindest, dann erreichst du auch nie Erleuchtung.

Dieses „Ich“ ist nur ein Gedanke, ein Gefühl. Ein Gedanke hat eigentlich keine Stabilität, Form, Gestalt oder Farbe. Wenn beispielsweise ein starkes Zorngefühl in dir aufsteigt mit einer solchen Macht, dass du mit jemandem kämpfen und ihn zerstören willst, hält dann das Gefühl die Waffe in der Hand? Könnte es eine Armee anführen? Könnte es jemanden wie ein Feuer verbrennen, wie ein Stein zerquetschen oder mit sich fortreißen wie ein tobender Fluss? Nein. Zorn, wie jeder andere Gedanke oder jedes andere Gefühl, hat keine echte Existenz. Er kann nicht einmal irgendwo in deinem Körper, deiner Rede oder deinem Geist lokalisiert werden. Er ist wie Wind an einem leeren Ort. Statt solchen wilden Gedanken zu erlauben, das zu bestimmen, was du tust, solltest du dir die Leerheit ihres Wesens ansehen. Du könntest, zum Beispiel, plötzlich jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, von dem du glaubst, dass er dich verletzen will, und Angst würde in dir aufwallen. Sobald du aber erkennst, dass diese Person dir gegenüber tatsächlich gute Absichten hat, verschwindet deine Angst. Sie war nur ein Gedanke.

Obwohl du viele Leben lang an die Realität dieses „Ich“ geglaubt hast, wird der Glaube daran einfach verschwinden, sobald du erkannt hast, dass es keine tatsächliche Existenz besitzt. Nur weil du seine wahre Natur nicht kennst, hat dieses „Ich“ die Macht, dich zu beeinflussen. Ohne den Glauben an ein Selbst können Zorn, Verlangen, Angst und so weiter nicht mehr entstehen. Schau dir die eigentliche Natur des Unglücks an: es ist unfassbar, so wie eine Zeichnung, die man auf der Wasseroberfläche macht. Wenn du dies wirklich erfährst, verschwindet Verbitterung von selbst. Sobald die hitzigen Wellen der Gedanken abklingen, wird alles wie ein leerer Himmel, der weder etwas zu gewinnen noch zu verlieren hat.

„Ich“ ist nur ein Name, den du einer vergänglichen Kombination aus Konzepten und Anhaftungen an deinen Körper, deine Rede und deinen Geist gegeben hast. Es ist keine absolute, ewige, unzerstörbare Wahrheit, wie die Dharmakayanatur der Buddhas. Nutze jede Praxis, die du übst, um diese Idee des „Ich“ und die selbstbezogenen Motivationen, die es begleiten, aufzulösen. Selbst wenn du anfangs keinen Erfolg hast, versuche es weiter.

(Dilgo Khyentse: The Heart of Compassion, S. 120-121)

 

Die dringende Notwendigkeit der Praxis

Du kannst dir sicher sein, dass der Tod kommen wird, aber du kannst niemals sicher sein, wann, wo oder wie – es könnte sogar heute sein. Der Tod ist sogar unbeeindruckt von all der Stärke und militärischen Macht in der Welt, unbewegt durch das redegewandteste Flehen, unempfindlich gegenüber der umwerfendsten Schönheit, nicht versucht durch die fabelhafteste Bestechung. Nichts und niemand kann den Tod hinausschieben, nicht einmal um einen Augenblick. Wenn deine Zeit gekommen ist, gibt es nur eins, das dir von Nutzen sein kann: das ist die Dharmapraxis, die du praktiziert hast. Erinnere dich immer des Todes. Wie die Kadampameister sagten: „Über den Tod nachzudenken ist, was deinen Geist zum Dharma hin wendet, dann deine Bemühung zu praktizieren anspornt und dir schließlich erlaubt, den Tod als Dharmakaya zu erkennen.“

Der Moment des Todes jedoch ist nicht die Zeit, zu der du mit der Meditationspraxis beginnen solltest. Diese Zeit ist jetzt, während dein Geist frei von Sorgen und dein Körper frei von Krankheit ist. Fang deine Praxis jetzt an, und selbst wenn der Tod dich unerwartet trifft, dann bist du schon vorbereitet, ohne Bedauern oder Angst.

Vergiss nie, wie schnell dieses Leben zu Ende sein wird, wie ein Blitz im Sommergewitter oder das Winken einer Hand. Jetzt hast du die Gelegenheit, den Dharma zu praktizieren, verschwende keinen einzigen Moment an etwas anderes.

(Aus: Dilgo Khyentse – The Heart Treasure of the Enlightened Ones, S. 156f.)

 

 

Über das Mani-Mantra und Chenrezig beim Zeitpunkt des Todes

aus Dilgo Khyentse The Heart Treasure of the Enlightened Ones (S. 57-62)

Das Sechs-Silben-Mantra OM MANI PADME HUM symbolisiert die mitfühlende Weisheit aller Buddhas als Klang. Darin ist die wesentliche Bedeutung aller 84.000 Teile von Buddhas Lehren enthalten. Von allen Mantras unterschiedlicher Art ist keines dem Sechs-Silben-Mantra von Chenrezig überlegen. Das Sechs-Silben-Mantra zu rezitieren vervollkommnet die sechs Paramitas [Großzügigkeit, sinnvolles Verhalten, Geduld, freudige Anstrengung, Meditation, Weisheit] und verhindert die Möglichkeit der Wiedergeburt in den sechs Bereichen von Samsara. Es ist eine einfache Praxis, einfach zu verstehen und für alle zugänglich, und zur selben Zeit enthält sie die Essenz des Dharma. Wenn ihr das mani [das Sechs-Silben-Mantra] als eure Zuflucht während glücklichen und sorgenvollen Zeiten nehmt, wird Chenrezig immer bei euch sein, ihr werdet ohne Anstrengung immer mehr Hingabe spüren, und die Realisierung des Mahayana-Weges wird in euch entstehen.

Es gibt nichts auf der ganzen Welt, das tatsächlich den Herrn des Todes erschrecken kann, aber die warme Ausstrahlung von Chenrezigs Mitgefühl kann den Schrecken, den man beim Herannahen des Todes verspürt, völlig vertreiben. Chenrezig ist vollkommen frei von Samsara und immer bereit, fühlenden Wesen zu helfen, und selbst seine winzigste Bewegung – eine Geste seiner Hand, ein Blinzeln seiner Augen – hat die Macht, uns von Samsara zu befreien. Wenn wir ihn anrufen, indem wir das mani rezitieren, sollten wir nie glauben, er sei in einem fernen Buddhafeld und zu weit entfernt, um uns zu hören; Chenrezig ist immer bei jedem, der Vertrauen und Glauben in ihn hat. Unsere eigenen Verdunkelungen halten uns davon ab, tatsächlich zum Potalaberg im Glückseligen Reinen Land von Sukhavati zu gehen, um ihn dort von Angesicht zu Angesicht zu treffen, aber in Wirklichkeit lässt sein Mitgefühl kein einziges Wesen im Stich. Er manifestiert sich ständig in der Form, die den Wesen am meisten nutzt, vor allem in der Gestalt von spirituellen Lehrern: darum sollten wir mit völliger Überzeugung verstehen, dass Chenrezig, der höchste Schützer, der allen Wesen den Weg zur Befreiung zeigt, tatsächlich niemand anderer als unser Wurzellehrer ist.

Buddhas Lehren sind unfassbar umfangreich und tiefgründig. Ihr erschöpfendes intellektuelles Verständnis zu erreichen, wäre tatsächlich eine seltene und bedeutende Leistung. Aber sogar das wäre für sich selbst gesehen noch nicht genug. Solange wir nicht auch innere Verwirklichung erreichen, indem wir die Lehren anwenden und mit unserem Geist vermengen, bleibt jedes Wissen, das wir erwerben mögen, theoretisch und wird nur dazu dienen, unsere Selbstverliebtheit zu vergrößern.

Wir haben viele Bücher gelesen und viele Lehrreden gehört, aber das zeigte keinen großen Nutzen bei der Veränderung unseres Geistes. Wenn man das Rezept des Arztes neben dem Bett liegen lässt, heilt das nicht die Krankheit. Wendet also euren Geist nach innen und denkt tief über die Bedeutung des Dharma nach, bis es euer ganzes Wesen durchdrungen hat.

 

 

 

„In unseren eigenen Geist zu schauen“ von Dilgo Khyentse Rinpoche

Normalerweise ist alles, was wir tun, sagen oder denken, Ausdruck unseres Glaubens an die wahre Existenz sowohl von uns selbst als Individuum als auch von den Phänomenen als Ganzes. Solange unsere Handlungen auf dieser falschen Annahme beruhen, können sie nur getäuscht und von negativen Emotionen durchdrungen sein. Wenn wir jedoch einem Lehrer folgen, können wir lernen, wie wir alles was wir mit Körper, Sprache und Geist tun, in Übereinstimmung mit dem Dharma halten können.

Intellektuell können wir wahrscheinlich richtig von falsch und Wahrheit von Täuschung unterscheiden. Aber solange wir dieses Wissen nicht ständig in der Praxis anwenden, kann es keine Befreiung geben. Wir müssen unseren eigenen wilden Geist selbst unter Kontrolle bringen – kein anderer kann das für uns tun. Niemand sonst als wir selbst kann wissen, wann wir in Verblendung gefangen sind und wann wir frei davon sind. Die einzige Möglichkeit, dies zu tun, besteht darin, immer wieder in unseren eigenen Geist zu schauen, als ob wir einen Spiegel benutzen würden. So wie ein Spiegel es uns ermöglicht, zu prüfen, ob unser Gesicht schmutzig ist und zu sehen, wo sich der Schmutz befindet, so ermöglicht er uns auch, in jeder Situation ständig präsent zu sein und unseren eigenen Geist genau zu betrachten, um zu sehen, ob unsere Gedanken, Worte und Taten mit dem Dharma übereinstimmen oder nicht.

Wir sollten unsere eigenen Schwächen erkennen, aber niemals die der anderen Menschen.

Sobald ein Dieb identifiziert ist, kann er verhaftet werden. Auf dieselbe Weise können negative Gedanken und Taten, sobald wir sie als solche erkannt haben, nicht mehr fortgesetzt werden. Sobald negative Emotionen auftauchen, sollte man sie mit Achtsamkeit überwinden. Wann immer positive Gedanken auftauchen, verstärken wir sie mit Hilfe der „drei höchsten Punkte“:

Mit einer Haltung beginnen, die auf Bodhichitta basiert, d.h. mit dem Wunsch, die Praxis zu ergreifen, um die Erleuchtung zum Wohle aller Wesen zu erlangen.

Frei von Konzepten und Ablenkungen zu sein, während wir mit dem Hauptteil der Praxis beschäftigt sind, die wir durchführen.

Am Ende schließen wir die Praxis mit einer Widmung ab. Wenn wir so praktizieren, wird selbst die bescheidene Praxis einer kleinen positiven Handlung zu einer Ursache für die Erleuchtung und die Widmung wird den Verdienst, den wir durch diese Praxis gewonnen haben, davor schützen, durch unseren Ärger und andere negative Emotionen zerstört zu werden.

Die einzige Möglichkeit, den Dharma authentisch zu praktizieren, besteht darin, die Lehren mit unserem eigenen Geist zu vermischen. Wenn wir es vernachlässigen, uns selbst auf Fehler und Irrtümer zu untersuchen, sind wir uns vielleicht nicht bewusst, wie sehr es uns an Lernfähigkeiten, Selbstbeherrschung, Zufriedenheit, Demut oder positiven Eigenschaften mangelt. Da wir blind für unsere offensichtlichen Mängel sind, fangen wir vielleicht an zu glauben, dass wir Dharma-Praktizierende sind, und bringen sogar andere Menschen dazu, es zu glauben – während es in Wirklichkeit nicht mehr als eine äußere Fassade ist.

Nur wenn wir immer achtsam sind, egal in welcher Situation, können wir verhindern, dass wir solchen Gefahren zum Opfer fallen. Wir müssen uns ständig bewusst sein, was zu tun und was zu vermeiden ist, und zwar mit der gleichen Sorgfalt, die wir auf einem gefährlichen Bergpfad aufwenden würden, um stets auf dem richtigen Weg zu bleiben.

 

Zu den Prinzipien von „Bodhichitta der Umsetzung“ gehören fünf grundlegende Verfehlungen, die wir uns abgewöhnen müssen.
Der erste Fehler ist, aus dem Wunsch nach Reichtum oder Prestige heraus, uns selbst zu loben und andere herabzusetzen.
Der zweite ist, sofern wir in der Lage dazu sind, aus Geiz den Dharma nicht an diejenigen weiterzugeben, die es wert sind, ihn zu erhalten. 
Der dritte Fehler besteht darin, aus Feindseligkeit und Hass andere verbal zu beschimpfen, sie vielleicht mit physischer Gewalt zu bedrohen, oder Groll gegenüber Übeltätern zu hegen, die sich um Vergebung bemühen und ihr Verhalten geändert haben.
Der vierte besteht darin, aus Unwissenheit die Mahayana-Lehren zu kritisieren und abzulehnen oder heuchlerisch die äußere Erscheinung eines Dharma-Praktizierenden anzunehmen. Ganz allgemein sollte man alles Schädliche oder Sinnlose unterlassen, das nur getan wird, um Reichtum, Ruhm, Status oder Befriedigung zu erlangen, denn aus solchen Handlungen kann man nichts gewinnen außer Leiden. Wir sollten Handlungen kultivieren, die in Übereinstimmung mit dem Dharma sind, denn sie werden uns näher zur Befreiung führen.

Um positive von negativen Handlungen zu unterscheiden, ist es wichtig, ständiges Gewahrsein zu bewahren. Wir müssen nicht nur zwischen richtig und falsch unterscheiden, sondern auch unseren Verstand und unsere Fähigkeiten wachhalten, um sicherzustellen, dass wir tatsächlich die richtigen Gegenmittel anwenden, anstatt einfach weiter unseren schlechten Gewohnheiten und Tendenzen zu folgen. Wenn wir z.B. wütend werden, müssen wir uns in Geduld üben. Wenn wir Gefühle von geistloser Verwirrung haben, besteht das Gegenmittel darin, ein klares Verständnis von Samsara und die Entschlossenheit zu kultivieren, sich davon zu befreien. Wenn wir uns nach etwas sehnen, sollten wir mit unserem starken Verlangen umgehen, indem wir darüber nachdenken, dass das, wonach wir uns sehnen, bei tieferer Analyse vielleicht gar nicht wirklich wünschenswert ist.
Die Fähigkeit, unseren eigenen Geist zu transformieren, bringt uns natürlich die Fähigkeit, dem Geist anderer zu helfen.

(Quelle: The heart of compassion. The thirty-seven verses on the practice of a Bodhisattva. Dilgo Khyentse)