Milarepa – Tibets großer Yogi
Milarepas bewegende und anregende Lebensgeschichte ist die am besten erhältliche von allen bis heute veröffentlichte tibetische Biographien. Sie ist, für sich genommen, eine äußerst spannende Geschichte, und kann dem Leser nur wärmstens empfohlen werden.
Milarepa wurde im Jahre 1052 in gute Verhältnisse hineingeboren, doch der Tod des Vaters erschütterte noch in seiner Kindheit die Familie. Ein habgieriger Onkel und dessen Frau eigneten sich das Vermögen der Verwaisten an und sie missbrauchten Milarepa, seine Schwester und seine Mutter als Sklaven. Milarepas Mutter wartete geduldig, bis ihr Sohn alt genug war, das Land, das Haus und das Vermögen der Familie vom Onkel zurückzufordern. Doch der Versuch missglückte. Eine letzte Möglichkeit, die Ungerechtigkeit zu rächen, sah die Mutter darin, ihren Sohn in der Magie ausbilden zu lassen, um die Verwandten zu verfluchen. Sie drohte, sich umzubringen, wenn der Sohn nicht nach ihrem Willen handelte. Milarepa verließ das Haus und suchte einen Lehrer auf, der ihn in der Kunst der Magie unterrichtete.
Dann kehrte er zurück, beschwor Dämonen und veranlasste diese, das Haus des Onkels während eines Festes zu zerstören, wobei fünfundzwanzig Familienangehörige umkamen. Danach gab Milarepa seine Täterschaft bekannt und drohte, noch Schlimmeres zu tun, wenn seine Familie ihr Eigentum nicht zurückerhalten würde. Obwohl sich die Leute vor ihm fürchteten, war es für Milarepa doch nicht ratsam, in der Gegend zu bleiben, und so kehrte er zu seinem Lehrer zurück. Dieser war alt geworden und hatte begonnen, die dunklen Taten zu bereuen, die er und seine Schüler bewirkt hatten. Er setzte alle Hoffnungen in Milarepa, da er spürte, dass dieser entschlossene, gutherzige junge Mann sie beide retten könnte. Er schickte ihn zu Dharma-Lehrern, bei denen er Tugend und vor allem die Reinigung von seinen schlechten Taten lernen sollte. Dies führte Milarepa schließlich zu Marpa.
Marpa sorgte dafür, dass es dem reuigen Massenmörder nicht zu gut ging. Er bestand darauf, dass Milarepa einen Turm für ihn errichtete. Sobald der fertig war, befahl er, ihn wieder einzureißen. Dies wiederholte sich einige Male. Marpa verlangte immer neue Formen für das Bauwerk. Am Ende musste Milarepa einen acht Stockwerke hohen Schlossturm bauen, bevor sich Marpa bereit erklärte, ihn als Schüler anzunehmen. Diese scheinbar grausame Ausnutzung war in Wahrheit Marpas Weg, um Milarepa zu helfen, sich von seinem schlechten Karma zu reinigen. Nur mit einem oder zwei Werkzeugen versehen, arbeitete Milarepa mit seinen bloßen Händen, bis er körperlich und seelisch fast zerbrochen war.
Einmal rannte er völlig verzweifelt davon, doch verlor er nie sein Vertrauen. Als der Turm beinahe fertig war, wurde er nach der härtesten aller spirituellen Lehrzeiten unter die Schüler Marpas aufgenommen. Er bekam Weihen und Lehren und ging in Einzelklausur, wobei er, ohne sich bewegen zu dürfen, mit einer Butterlampe auf dem Kopf so lange meditieren musste, bis diese ausgebrannt war. Er erzielte gute Ergebnisse, und Marpa schickte ihn schließlich viele Jahre lang in die Berge, um in einsamen Höhlen zu meditieren. Milarepas Vertrauen und seine Hingabe sind unübertroffen. Dadurch erreichte er etwas außerordentlich Seltenes, tatsächlich fast Einzigartiges: die Erleuchtung in einem einzigen Leben.
Er war berühmt für die Meisterschaft in Naropas sechs Yogas und vollbrachte viele Wunder wie Fliegen, durch Felsen Gehen und monatelang in 5000 Metern Höhe, in dünnes Baumwolltuch gekleidet, im Schnee Leben, von nichts anderem als seinem eigenen Atem ernährt. Daher auch sein Name: Mila lautete sein Familienname und repa bedeutet: der in Baumwolle Gekleidete.
Er lebte immer wieder als Einsiedler und ist das vollkommenste Beispiel eines buddhistischen Yogi. Seine erleuchteten Lieder, spontan aus seinen Erkenntnissen heraus entstanden, sind einer der größten Schätze der Kagyu-Lehren. Sie inspirierten seit ihrer Übersetzung ins Englische unzählige Menschen. Er hatte außer seinen vielen tausend Anhängern einen herausstechenden Schüler, den er mit der Sonne verglich (Gampopa), einen anderen seiner besonderen Schüler verglich er mit dem Mond (Rechungpa) und weitere fünfundzwanzig mit Sternen.