Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Die Lebensgeschichte von Patrul Rinpoche

Es folgen ein paar Ausschnitte aus der inspirierenden Lebensgeschichte von Patrul Rinpoche, dessen Buch „Die Worte meines wertvollen Lehrers“ wir auch als Grundlage für unsere Dharma-Studien benutzen.

Patrul Rinpoche wird zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Kham in Tibet geboren und schon als Kind als Reinkarnation eines Lamas, eines sogenannten Tulkus, aus der Tradition der Großen Vollendung anerkannt. Von seinen beiden Hauptlehrern, Gyalwe Nyugu und dem tantrischen Yogi Do Khyentse, erhält er eine  Fülle von Belehrungen, auch zu den Lehren des Dzog-Chen, der Tradition, die er sein Leben lang studieren, praktizieren und lehren wird. Er empfängt aber auch Übertragungen und Unterweisungen aus allen anderen Dharma-Traditionen Tibets. Dadurch eignet er sich ein Wissen und eine Gelehrtheit an, die es ihm ermöglichen, die eigene Tradition und die der anderen Schulen unvoreingenommen und vorurteilslos zu sehen. Vor allem erlangte er aber eine außerordentlich hohe Stufe der Verwirklichung. 

Als anerkannte Reinkarnation steht Patrul Rinpoche ein Kloster, Besitz, Dienerschaft, viel Komfort und ein hoher Status zu, doch er verlässt bald den Sitz seines spirituellen Vorgängers und beginnt, sein Leben als wandernder Einsiedler zu verbringen. Sein Interesse gilt ausschließlich den großen Fragen von Leben und Tod, von Leiden und Befreiung. Vollkommen desinteressiert ist er an den Dingen der Welt, die niemals bleibendes inneres Glück bringen können. Sein Enthusiasmus für den Weg zur Erleuchtung ist so groß, dass er nicht zögert, alles Unwesentliche loszulassen und sich mit Haut und Haaren der Praxis hinzugeben. In einem Lehrtext, den er an sich selbst gerichtet hat, schreibt er: 

Es ist Zeitverschwendung! Hör auf damit!  Über hundert Plänen zu brüten, die du ausführen möchtest, ohne je genügend Zeit, sie zu vollbringen, überfordert nur deinen Geist. Sie kommen nie zu einem Ende, sondern breiten sich aus wie Wellen im Wasser.  Sei kein Narr und für einmal: Halt still!

Patrul folgt in vielem dem Vorbild seines Meisters Gyalwe Nyugu. Dieser hat sich, nachdem er lange Zeit mit seinem eigenen Lehrer verbrachte, ins abgelegene Bergland zurückgezogen. Dort praktiziert er alles, was dieser Meister ihn gelehrt hat, und er haust dabei in einer Vertiefung im Boden, noch nicht einmal in einer Schutz bietenden Höhle, und ernährt sich einzig von Wildpflanzen. Gyalwe Nyugu hat eine unerschütterliche Gelassenheit gegenüber allen weltlichen Belangen entwickelt und strebt unaufhörlich nach höchster Verwirklichung. Allmählich scharen sich Schüler um ihn, und einer davon ist der junge Patrul Rinpoche. Dieser widmet sich dann der spirituellen Praxis mit derselben Konsequenz wie Gyalwe Nyugu. 

Inspiriert durch die außergewöhnliche innere und äußere Freiheit seines Lehrers, zieht Patrul Zeit seines Lebens durchs Land, er lebt sowohl in Höhlen und Einsiedeleien als auch in großen Klöstern und religiösen Bildungsstätten, wobei er unermüdlich praktiziert, Belehrungen gibt, seine Schüler unterrichtet und Kommentare zu Dharma-Texten und Meditation verfasst. Er lehrt und schreibt in einer gut verständlichen, praxisbezogenen Weise, so dass sowohl das einfache Volk, wie zum Beispiel die meist sehr gläubigen Nomaden, als auch die Mönche, Nonnen und gelehrten Lamas ihn verstehen und Nutzen daraus ziehen können. Jahrelang praktiziert er als Yogi in einer abgelegenen Eremitage, die auch als Yamantaka-Höhle bekannt ist. Dort verfasst er sein bedeutendstes und einflussreichstes Werk “Die Worte meines vollerdeten Lehrers”.

In diesem umfangreichen Text beschreibt er alle wesentlichen Praktiken seiner Tradition auf dem Weg zur Erleuchtung, wobei er betont, dass alles ausnahmslos die Worte seines Lehrers seien, so wie er sie im Gedächtnis behalten habe, ohne dass er von seiner Seite etwas hinzugefügt habe. Dabei muss man wissen, dass er manchen Belehrungen seines Meisters bis zu fünfundzwanzigmal gelauscht hat. 

Patrul Rinpoche ist ein großer Tantriker, aber er weiß auch um die Bedeutung der altruistischen Motivation von Bodhicitta, von der ein Meister gesagt hat: »Ohne sie werden beide, eure Mahamudra- und eure Dzogchen-Praxis, verdorben sein.« 

Die Wirksamkeit einer Meditationspraxis hängt zu einem großen Teil von der Motivation ab, aus der heraus sie geübt wird. Selbstzentrierte Absichten machen Herz und Geist eng. Patrul Rinpoche ist an dieser mitfühlenden inneren Haltung des Mahayana, an Bodhicitta, sehr interessiert, und Shantidevas Denken und Werk hat auch auf ihn — elf Jahrhunderte später — einen sehr bedeutenden Einfluss. 

Es heißt, er habe die Bodhicaryavatara von Shantideva, dessen tausend Verse er auswendig kennt, über hundert Mal gelehrt. Wunderschöne große Blumen mit bis zu fünfzig Blütenblättern beginnen zu blühen, so eine Legende, als er in der Nähe von Dzogchen Shri Singha während mehrerer Jahre diesen Text lehrt. Sie Werden als »Bodhicaryavatara-Blumen« bekannt, Er bemüht sich auch sehr darum, das Räuber- und Banditentum in seiner Region einzudämnmen, und schafft auch den Brauch ab, bei besonderen Versammlungen Fleisch zu servieren.

Nutze die Zeit deines Lebens. Kultiviere inneres Glück. Erkenne die Vergänglichkeit aller äußeren Vergnügungen. Übe dich in deiner spirituellen Praxis. Wirke als Bodhisattva — für eine glückliche Welt. Und widme deine Handlungen dem Wohle der Wesen.

Patrul lebt als Vagabund und Bettler ein unbeschwertes und sorgenfreies Leben. Wenn er von Schülern und Gönnern Gold oder wertvolle Geschenke erhält, lässt er sie oft einfach liegen. Durch nichts lässt er sich binden und doch ist er jederzeit bereit, den Menschen zu helfen und sein tiefes Verständnis der Lehren mit ihnen zu teilen — auch durch das unmittelbare Beispiel seines Verhaltens. 

Einmal reist er als Bettler unerkannt durchs Land und schließt sich einer armen Frau mit ihren Kindern an. Sie hat kürzlich ihren Mann verloren und ist nun unterwegs zu einem entfernten Kloster, wo sie die Belehrungen und den Segen eines berühmten Lamas empfangen will. Patrul unterstützt sie, hilft ihr beim Kochen, hütet ihre Kinder und trägt diese auf dem Rücken, wenn sie erschöpft sind vom Wandern. Sie ist schließlich so von seiner Hilfsbereitschaft und Fürsorge angetan, dass sie ihm sogar einen Heiratsantrag macht, was er aber dankend ablehnt. Als sie am Ende der langen Reise beim Kloster ankommen, verabschiedet er sich von ihr und den Kindern. Die Frau weiß, dass die Belehrungen von einem sehr berühmten Lama namens Patrul Rinpoche gegeben werden. Wie groß ist daher ihre Überraschung, als sie sieht, dass ihr Weggefährte den hohen Thron einnimmt, um die riesige versammelte Menschenmenge mit seinen tiefgründigen Belehrungen zu segnen! Am Ende der Unterweisungen verfügt der Lama, dass alle Gaben, die ihm zugedacht sind, an diese Frau und ihre Kinder gehen sollen. 

Seine Bescheidenheit und seine Fürsorglichkeit sind sprichwörtlich. Er verwirklicht wahrhaftig die Worte Shantidevas:

Wann immer mein Blick auf andere fällt, möge er offen, ehrlich und voller Liebe sein.

Gestrenger und mitfühlender Lehrer

In Bezug auf seine eigene Praxis ist Patrul Rinpoche streng und konsequent und er glaubt auch, der beste Lehrer sei jener, der nach Atishas Motto wirke: »Der beste spirituelle Freund ist jener, der deine versteckten Fehler attackiert.« Ein solcher Lehrer oder spiritueller Freund hilft wirklich, die nicht förderlichen Gewohnheiten des eigenen Geistes zu hinterfragen und neue, bessere Verhaltensweisen zu kultivieren. Patrul Rinpoche selbst ist stets darauf bedacht, achtsam seinen Geist zu bewachen und unheilsame Regungen und Tendenzen durch förderliche zu ersetzen. Obschon er als Dzogchen-Meister eine Sichtweise der nicht-erfassbaren, offenen Weite des Geistes vertritt, hält er sich strickt an die Aussage des Vorvaters dieser Tradition, Padmasambhava, die lautet: 

“Meine Sichtweise ist unbegrenzt wie der weite Raum, aber meine karmischen Handlungen sind so fein wie Gerstenmehl.”

von Fred von Allmen „Buddhas Tausend Gesichter“

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 21. Juli 2024