Erklärungen zum Text von Atisha Dipamkara: „Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“
Über die drei Arten von Praktizierenden
„Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ wurde in Tibet von dem indischen Meister Atisha Dipamkara Shrijnana vefasst. Während der Herrschaft der Ngari-Könige Lhalama Yeshe Ö und seines Neffen Jangchub Ö wurden enorme Anstrengungen unternommen, Atisha von Indien nach Tibet einzuladen. Als ein Ergebnis dieser Bemühungen wurde Lhalama Yeshe Ö von einem benachbarten antibuddhistischen König gefangen genommen und verlor sogar sein Leben, aber Jangchub Ö blieb hartnäckig und war schließlich erfolgreich. Als Atisha in Tibet ankam, bat Jangchub Ö ihn, eine Lehre zu geben, die das ganze Dharma umfassen und für die gesamte tibetische Bevölkerung von Nutzen sein würde. Als Antwort darauf schrieb Atisha „Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“, was ihn zu einem einzigartigen Text macht, denn obwohl von einem indischen Meister geschrieben, wurde er in Tibet speziell für Tibeter verfasst. Die Metapher der Lampe wird verwendet, weil die Lehren in diesem Text die Dunkelheit der Unwissenheit vertreiben, so wie eine Lampe die Dunkelheit vertreibt. Sie vertreiben die Dunkelheit des Missverständnisses in Bezug auf den Pfad zur Erleuchtung. So wie eine Lampe alle Objekte beleuchtet, die sich in ihrem Umkreis befinden, so erhellt dieser Text alle die verschiedenen Elemente und subtilen Punkte des Pfades, der zur vollen Erleuchtung führt.
Illuminating the path to enlightement. A commentary on Atishas´s Dipankara A Lamp for the Path to Enlightenment von Tenzin Gyatso H. H. 14. Dalai Lama. S. 14
Im seinem Text erklärt Atisha die verschiedenen Aspekte des Pfades innerhalb des Rahmens von Praktiken, die für Praktizierende mit den drei Kapazitäten geeignet sind – Praktizierende mit kleiner, mittlerer und höchster Kapazität. Er bezieht sich hierbei nicht unbedingt auf drei unabhängige Kategorien von Individuen, einige mit einer höheren Kapazität, einige mit einer mittleren oder durchschnittlichen Kapazität und andere mit einer kleinen oder begrenzten Kapazität. Worauf sich diese Einteilung hauptsächlich bezieht, sind die verschiedenen Ebenen der geistigen Kapazität, die ein einzelnes Individuum auf den verschiedenen Stufen seiner geistigen Entwicklung durchlaufen kann. Anfänglich kann man daher sagen, dass einzelne Praktizierende eine kleinere Kapazität haben. Durch die Praxis erreichen sie die nächste Stufe und werden zu jemandem mit mittlerer Kapazität, und mit weiterer Praxis erreichen sie die höchste Kapazität. Wir können hier eine Analogie mit dem modernen Bildungssystem sehen. Grob gesagt, entsprechen diese drei Fähigkeiten den Stufen der Grundschule, der Oberschule und der Universität, da die Studenten durch immer höhere und spezialisiertere Stufen des Studiums gehen.
An Introduction to Buddhism. H. H. 14. Dalai Lama S. 61-62
Gampopa erklärt in seinem Werk „Der kostbare Schmuck der Befreiung“ warum das kostbare Menschendasein von „äußerst großem Nutzen“ ist und zitiert die drei Verse von „Eine Lampe für den Pfad zur Erleuchtung“ von Atisha folgendermaßen: „Drei Arten von fähigen Menschen sind bekannt: gering, mittelmäßig und hervorragend“. Ein Mensch geringer Begabung ist fähig, den Fall in die niederen Daseinsbereiche zu vermeiden und menschliche oder eine höhere Existenz zu erlangen. So heißt es im Text: „Wer, auf welche Weise auch immer, bloß auf das Glück im Daseinskreislauf und auf sein eignes Wohl bedacht ist – der wird ein Mensch geringerer Kapazität genannt.“ Ein Mensch mittlerer Begabung ist fähig, sich aus dem Daseinskreislauf zu befreien und so einen Zustand des Friedens und des Glücks zu erlangen. Hierzu lesen wir: „Wer den Freuden der Welt den Rücken kehrt, sich aller schädlichen Handlungen enthält, aber nur um den persönlichen Frieden besorgt ist – der wird ein Mensch mit mittelmäßigen Anlagen genannt.“ Ein hervorragend Begabter ist fähig, zum Nutzen der Wesen Buddhaschaft zu erlangen. Über ihn wird gesagt: „Wer sich aufgrund der Erkenntnis des eignen Leidens zutiefst wünscht, das Leid aller anderen vollständig zu beenden – der ist ein Mensch der höchsten Kapazität.“