Wie können wir unsere Praxis lebendig halten?
Zitate und Refelxionen
Die Frage nach der Lebendigkeit der eigenen Praxis stellt sich nach einiger Zeit für viele Übende. Im Folgenden teilen buddhistische Lehrende und Übende mit uns, was man da tun kann und wie sie selbst es hinbekommen, dass ihre Praxis lebendig bleibt.
Jetsu Mila lehrte
„Hungrige werden nicht davon satt, von Nahrung zu hören; sie müssen sie essen. Vom Dharma zu hören reicht nicht, er muss praktiziert werden.“ Der Zweck der Praxis ist es, als ein Gegenmittel gegen die negativen Emotionen und das Festhalten am Ich zu wirken. Als Potowa Geshe Tönpa fragte, wo die Trennungslinie zwischen Dharma und nicht Dharma sei, antwortete der Geshe: „Was negativen Emotionen entgegenwirkt, ist Dharma. Wenn es das nicht tut, ist es kein Dharma. Was nicht zu einem weltlichen Leben passt, ist Dharma. Was dazu passt, ist kein Dharma. Was mit den Schriften und euren Unterweisungen übereinstimmt, ist Dharma. Wenn es das nicht tut, ist es kein Dharma. Was sich heilsam einprägt, ist Dharma. Was sich unheilsam einprägt, ist kein Dharma. (Quelle: Patrul Rinpoche. Die Worte meines vollendeten Lehrers, S. 332-333)
Mingyur Rinpoche – Buddhistischer Meditationslehrer in der tibetischen Tradition
Bei der Meditation nicht immer nur bei einer Körperhaltung, einer Augenposition und einer Meditationstechnik zu bleiben, sondern sie auch mal zu verändern, hilft sehr, die Meditation lebendig zu halten.
Die Meditationsposition von Zeit zu Zeit zu wechseln ist gut für den Körper – der nach längerer Zeit in einer Haltung vielleicht schmerzt, das Blut zirkuliert nicht mehr so gut -, aber es ist auch gut für den Geist, der so seine Frische bewahren kann. Das Nächste sind die Augen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man hält die Augen geschlossen oder geöffnet. Hält man sie geschlossen, sollte sich das natürlich und entspannt anfühlen, als wären sie zum Schlafen geschlossen. Wenn man sie geöffnet hält, sollte sich auch das ganz natürlich anfühlen. Es gibt dann drei Möglichkeiten: Der Blick ist leicht gesenkt, geradeaus oder leicht nach oben gerichtet. Man fokussiert sich dabei nicht auf spezifische Objekte, sondern mehr auf den umgebenden Raum. Die Ausrichtung des Blicks kann man während einer längeren Meditation variieren; allerdings sollte man auch nicht ständig wechseln, das bringt Unruhe.
Im tibetischen Buddhismus gibt es viele verschiedene Meditationstechniken, weil es so viele unterschiedliche Persönlichkeiten gibt. Manche fühlen sich besser mit Visualisierungen, andere mit Mantras, wieder andere mit einer Fokussierung auf den Atem oder auf die Sinneswahrnehmungen. Man sollte zunächst die für sich passende Technik finden und dabei so lange bleiben, wie sie sich lebendig anfühlt. Bei Dumpfheit oder Langeweile wechselt man. Man sollte immer bedenken: Im Grunde geht es nur um eines: Gewahrsein. Das Gewahrsein hat aber unterschiedliche Geschmäcker, ob wir nun Geräusche, Gedanken oder Gefühle als Objekte nehmen. Sie sind das Mittel, um das Gewahrsein zu stärken und zu stabilisieren. Diese Objekte von Zeit zu Zeit zu variieren, kommt unserem Geist entgegen, der sich immer neugierig auf etwas Neues stürzt und von Gewohntem schnell gelangweilt ist.
Ursula Richard – Zen-Übende
Der höchste Weg ist gar nicht schwer, wenn man nur aufhört zu wählen« – Die Frage, wie ich meine Praxis lebendig halten kann, ist letztlich die Frage, wie ich mein Leben lebendig leben kann. Die Praxis ist ja kein Selbstzweck, auch wenn wir das manchmal glauben und sie so sehr in den Vordergrund stellen, dass wir dahinter fast verschwinden oder uns nur noch als defizitär wahrnehmen (wir üben zu wenig, zu schlecht, das Falsche…). Lebendigkeit erlebe ich besonders dann, wenn ich aus der Welt meiner Ideen, Konzepte und Urteile hinaustrete und zulasse, dass mich das Leben berührt, in Form meiner Sinneswahrnehmungen, Gefühle, anderer Menschen, der Natur. Und manchmal spüre ich, wie all das in einer nährenden Stille beheimatet ist – der Quelle der Lebendigkeit.
Jetsunma Tenzin Palmo – Buddhistische Lehrerin in der tibetischen Tradition
Manchmal habt ihr vielleicht bei der Meditation das Gefühl: „Was für eine Zeitverschwendung, das ist alles echt albern, wozu mache ich das alles?“ Aber ihr macht es. Zu einem anderen Zeitpunkt ist es total wundervoll: „Echt toll, ich bin kurz vor der Erleuchtung!“ Vergesst das alles, macht es einfach. Lasst es geschehen. Warum hängen wir nur an den Höhepunkten des Lebens? Warum empfinden wir eine Abneigung gegenüber den Tiefpunkten? Das alles sind nur Vorstellungen des Geistes. Wir können unseren Geist nicht verstehen, wenn wir nur die guten Teile wollen. Und wir werden nie aufrichtige Praktizierende werden, könnten wir nur üben, wenn es uns gutgeht. Alle durchleben das. Sogar Milarepa und die großen Heiligen haben solche Phasen durchlebt. Es ist einfach ein Teil des Geistes. Und es ist belanglos, das ist das Entscheidende. Also machen wir einfach weiter. Schritt für Schritt für Schritt – das reicht. Und komme, was kommen mag, gute Zeiten, schlechte Zeiten, Regenwetter, Sonnenschein, es spielt keine Rolle. Manchmal regnet es, manchmal scheint die Sonne, aber wir gehen einfach weiter.
Martine Batchelor – Meditationslehrerin
In Südkorea sagte einmal die Zen-Nonne Songou Sunim zu mir: „Je beschäftigter du bist, desto langsamer solltest du gehen.“ Mir scheint dieser Satz eine gute Basis dafür zu sein, unsere Praxis und unseren Umgang mit uns frisch und lebendig zu halten. Denn wenn wir getrieben durchs Leben hetzen, dann agieren wir vielfach nur noch automatisch. Dieser Satz kann uns helfen, genauer hinzuschauen: Lade ich mir immer zu viel auf? Schätze ich realistisch ein, wie viel ich schaffen kann? Muss ich immer geschäftig und in Eile sein, um mich lebendig und wertvoll zu fühlen? Was würde es bedeuten, langsamer zu werden? So können wir unsere Prioritäten besser festlegen: Was ist jetzt wichtig und wirklich dringlich – und was nicht? Ein Schlüssel zu diesen Fragen ist unser kreatives Gewahrsein oder unsere Achtsamkeit. Wenn wir merken, dass wir geschäftig und immer schneller und hektischer werden, dann können wir innehalten und uns unseres Körpers bewusst werden: wie wir gehen, stehen, sitzen oder liegen. Wir entwickeln keine Idee von unserem Körper, sondern spüren hin: Wie fühlt er sich an, jetzt in diesem Moment? Die Füße auf dem Boden, der Rücken an der Stuhllehne, die Hand eines anderen Menschen schüttelnd, den Wind im Gesicht. Hilfreich kann auch sein, zwei, drei Atemzüge oder die unmittelbare Umgebung bewusst wahrzunehmen: das Grün der Felder, das Blau des Himmels, die Freundlichkeit der Kollegen.
Und sich dann wieder der anstehenden Aufgabe zuwenden, und dann der nächsten und der nächsten, alle in ihrer Zeit, und dabei nicht wieder in eine Eile geraten und sich selbst überholen wollen. „Je beschäftigter du bist, desto langsamer solltest du gehen.“
Die Macht der Gedanken »Seid wachsam, ihr Menschenkinder, was eure Gedanken angeht. Sie sind genauso wichtig wie euer Handeln. Gedanken schaffen eine Energie und drücken eine Absicht aus. Diese Energie, diese Intention bleibt nie ohne Wirkung sowohl in euch selbst wie in der äußeren Welt. Negative Gedanken, die wir anderen gegenüber hegen, haben Folgen — sowohl für uns als auch für andere. Sie erreichen den anderen und können ihn verletzen, ohne dass wir etwas gesagt oder getan hätten. Darüber hinaus verdunkelt die negative Energie unsere Seele. Positive, liebevolle Gedanken aber können Menschen auch auf weite Distanz helfen, und sie erleuchten die Seele. Auch Gedanken über uns selbst und unser Leben haben diese positiven oder auch negativen Effekte.