Begegnung mit dem Dharma
von Lama Thubten Yeshe aus dem Kopan-Kloster, Kathmandu
Wenn wir auf die Vorgänge in unserem Geist achten, können wir negative Gedanken schon im Entstehen abfangen, bevor wir uns ihretwegen schlecht fühlen. Es gibt mindestens genau so viele Gründe, positiv über jemanden zu denken, wie ihn zu hassen. Wenn wir die notwendige, geistige Disziplin entwickelt haben und wissen, was in uns vorgeht, sind wir fähig, nur jene Gedanken auszudrücken, die uns und anderen Glück bereiten. Stellen wir uns vor, welchen Frieden wir erleben würden, wenn wir solch eine bewusste Kontrolle über unseren Geist ausüben könnten.
Es gäbe keine Verwirrungen, und wir brächten uns selbst und andere in keinerlei Schwierigkeiten. Eine solch tiefe Erfahrung des Wohlbefindens ist ein sicheres Ergebnis der Dharma-Praxis. Es kann von jedem gewonnen werden, der mit Ausdauer die innere Suche auf einem geistigen Weg fortsetzt. Probleme dadurch zu meistern, dass man Kontrolle über die eigenen, geistigen Prozesse erlangt, ist nicht nur die wirksamste Methode, sondern auch die leichteste und ungefährlichste. Wir können wahren, inneren Frieden gewinnen, ohne das Wohlbefinden eines anderen zu gefährden. Was wir mit Gedanken, Worten und Taten tun, ist sehr viel wichtiger als die bloßen Fakten, die wir aus Büchern oder meinetwegen von Lamas, Gurus, Yogis oder wem auch immer ansammeln. Schließlich liegt die Verantwortung für unsere Befreiung und Erleuchtung bei uns, nicht bei dem Lama, und was immer wir erreichen, wird aus unserer eigenen Persönlichkeit und aus unseren Fähigkeiten erwachsen, nicht aus denen anderer. Es einfach ein Fehler, pathetisch zu flehen „Oh Lama, was kann ich nur tun?“ Die Wirksamkeit unserer geistigen Übungen wird haargenau davon bestimmt, was wir mit unserem eigenen Potential, mit dem, was uns zur Verfügung steht, anfangen! Von der weiteren Perspektive des Dharma betrachtet, sind wir für unsere Verwirrung und unser Leiden ebenso verantwortlich, wie für unsere Befreiung davon, und wenn die Beschäftigung mit buddhistischer Philosophie uns geistige Konflikte einbringt, dann deswegen, weil wir es versäumt haben, uns um die Integration des Gelernten in unsere Gedanken und Taten zu kümmern.
Auf der anderen Seite kann, wenn wir verstehen das Gelernte zu verdauen, ein noch so kleines Teilchen der Lehren zu einem wahren Leckerbissen für unseren Geist werden – wie Schokolade oder etwa ein unglaublich köstliches Stück Torte. Gewöhnliches Wissen ist nichts dagegen; es vermittelt ja nicht einmal ein zusammenhängendes intellektuelles Bild der Wirklichkeit, geschweige denn ein intuitives, von innen erspürtes. Manchmal klagen Menschen, wie schwierig es sei, dauernde Wachsamkeit über die Handlungen von Körper, Rede und Geist aufrechtzuerhalten. Diese Schwierigkeit besteht aber nur, solange man sich des Gesetzes von Ursache und Wirkung nicht voll bewusst ist. Das momentane Verhalten beeinflusst auf direkte Art und Weise zukünftige Erfahrungen, und ebenso ist das gegenwärtige Geschehen nur Resultat vergangener Handlungen. Sobald wir das wirklich verstehen, werden wir die Verantwortung für unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten einzig und allein uns selbst zuschreiben können und wir werden sehen, dass es grundsätzlich unsere eigene Entscheidung ist, mit der wir über unser Glück oder unser Elend bestimmen.
Wenn wir die Disziplin aufbringen, gütig, liebevoll und offen zu sein, wird Glück unser Lohn sein; sind wir gedankenlos, grausam, selbstsüchtig und verschlossen, werden wir nichts als Leiden erfahren. Disziplin ist also nur solange eine schwierige Aufgabe, wie es an Wissen um das Gesetz von Ursache und Wirkung, und damit an Motivation zur rechten Achtsamkeit fehlt. Verstehen wir aber die enge Verbindung zwischen Handlungen und ihren Konsequenzen für uns und andere, werden wir ganz von selbst vorsichtig und bewusst sein – und das ist dann wache Bewusstheit sich selbst gegenüber! Mit zunehmender Bewusstheit der eigenen Handlungen entwickelt man mehr und mehr Weisheit und die Fähigkeit, Ursache und Wirkung zu kontrollieren, oder mit anderen Worten, das eigene Karma bewusst zu beeinflussen. So kann man also wahrhaft spontan sein, ohne der eigenen Unwissenheit ausgeliefert zu sein.