Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Glück und Unglück sind in dir selbst:  Anregungen zum Annehmen dessen, was ist 

Der Königsweg, die Krönung der Weisheit, die wichtigste Haltung, die wir einnehmen können, ist es, das Leben zu akzeptieren und mit ihm die Wirklichkeit dessen, was ist. Nichts zurückzuweisen, was auch immer sich zeigen mag. Bestimmte Dinge können und müssen verändert werden.

Doch zunächst einmal sollten wir Ja zum Leben sagen. Eine Krankheit stellt sich ein: Wir akzeptieren sie und tun alles, was nötig ist, um geheilt zu werden. Wir sind zu Recht traurig oder wütend, aber lasst uns doch über Trauer und Wut hinausgehen. Wir mögen unser Gesicht, unseren Körper nicht? Wir sind unzufrieden mit unserem Charakter? Vielleicht sollten wir einfach lernen, uns anzunehmen und zu lieben, wie das Leben uns gemacht hat. Im zweiten Schritt können wir tun, was nötig ist, um das, was uns nicht gefällt, zu ändern. Manchmal lässt sich das nicht bewerkstelligen, denn einige Dinge im Leben können wir nicht beeinflussen. So lernen wir loszulassen, nicht alles kontrollieren zu wollen, vertrauensvoll zu wachsen – voller Gelassenheit, Demut, Heiterkeit und Liebe. Häufig geschieht es, dass wir das Leben zurückweisen, andererseits aber der festen Meinung sind, dass das Leben uns zurückweist.

Wenn wir eine Prüfung durchleben, eine Krankheit zum Beispiel, sind wir aufgebracht über unser Leben. Und doch ist es nicht selten so, dass wir selbst für diese Prüfung verantwortlich sind, ja, dass sie uns geschickt wurde, um uns einen Anstoß zu geben. Manchmal nämlich verschließen wir uns dem Leben, dem Wandel, der Wirklichkeit, und dann tauchen die Hindernisse auf, eines nach dem anderen. Sie sind da, damit wir uns weiterentwickeln. Damit wir uns etwas bewusst machen, was an unserem Leben nicht stimmt. Dass wir ein Ereignis ins Unbewusste verdrängt haben, das wir uns nicht anschauen wollen. Doch statt die Hindernisse als Signale des Lebens zu erkennen, versteifen und verkrampfen wir uns in unserer Ablehnung. Dann wird unser Leiden immer schlimmer.

Verlang nicht, dass das geschieht, was du dir wünschst, sondern wünsche dir das, was geschieht. Dann wirst du glücklich sein. Nicht die äußeren Gegebenheiten müssen wir ändern, sondern unsere Gedanken und Glaubenssätze. Sie bestimmen größtenteils darüber, was uns widerfährt. Wir sind, was wir denken. Und tatsächlich üben unser Denken und unser Glauben einen enormen Einfluss auf den Lauf unseres Lebens aus. Nicht selten wird unser Leben zu genau dem, was wir denken und glauben. Denn gewöhnlich filtern wir die Realität und nehmen nur das wahr, was unsere Glaubenssätze bestätigt. Ein pessimistischer Mensch sieht überall schlechte Omen, die seinen Pessimismus bestärken. Ein optimistischer Mensch hingegen entdeckt überall Zeichen der Hoffnung, die seinen Optimismus bestätigen. So stark sind unsere Glaubenssätze, dass sie häufig sogar jene Ereignisse herbeiführen, durch die sie bestätigt werden. Ein ängstlicher Mensch läuft viel eher Gefahr, Opfer einer Gewalttat zu werden, als ein furchtloser. Ein komplexbeladener Mensch wird viel öfter zurückgewiesen als ein selbstsicherer. Unsere Sicht der Welt und von uns selbst ist es, die bestimmt, was uns widerfährt. In jedem Wesen, in jedem Augenblick, sei er glücklich oder unglücklich, einfach oder schwierig, begegnen wir immer nur uns selbst. Akzeptiere die Gesetze des Lebens und nichts wird dich mehr bedrücken. Ein Gesetz lautet: Jede Handlung ruft eine Wirkung hervor, du erntest also, was du säst. Bewusst oder unbewusst, durch dein Tun oder Denken, in diesem Leben oder vielleicht in einem anderen. Ein anderes lautet: Alles ist vergänglich, flüchtig, im steten Wandel begriffen. Versuche nicht krampfhaft, an der Illusion von Stabilität und Sicherheit festzuhalten. Akzeptiere vielmehr den Wandel, die Unsicherheit, den Tod. Dann wird dein Herz Frieden erfahren. Nicht trotz, sondern aufgrund der Hindernisse und Schwierigkeiten, die uns begegnen, machen wir Fortschritte. So wie man von einem Stockwerk ins nächste nicht trotz, sondern wegen der Stufen, die dorthin führen, gelangt. Hindernisse sind die Stufen, die uns weiterbringen. Sehen wir uns also nicht als Opfer der äußeren Ereignisse, sondern als ihre Schüler.

Lernt, nichts im Leben zurückzuweisen. Zurückweisung verursacht viel mehr Schmerz als Akzeptanz. Selbst wenn ihr körperlichen Schmerz zu erdulden habt, ist es leichter, wenn ihr ihn nicht ablehnt, sondern annehmt. Lasst euch in den Schmerz hineinfallen, öffnet euch ihm, wie ihr euch von Kälte durchdringen lasst, gegen die anzukämpfen sinnlos wäre. Seltsamerweise wird der Schmerz dadurch geringer. Seht den Schmerz als Teil einer Erfahrung, die das rein körperliche Leiden übersteigt. Nehmt ihn auf, lasst ihn sich im weiten Raum des Bewusstseins ausdehnen, und schon wird er erträglich. Lehnt vor allem den Schatten nicht ab, die Düsternis, die unscharfen Zonen, die ihr in euch tragt. Wenn ihr sie leugnet, wenn ihr ihrer Herr werden wollt, wenn ihr zu streng oder zu lasch mit ihnen seid, verleiht ihr ihnen nur noch mehr Kraft. Dann kehren sie eines Tages mit Gewalt zurück und zwingen euch in die Krankheit, in die Dunkelheit, in die Verdrängung. Nehmt alles an, was in euch ist und holt es ins Licht der Gewissheit. Akzeptiert, was ist. Erst dann könnt ihr beginnen, an euch zu arbeiten – voller Vertrauen und voller Liebe. Lernt, eure Zerbrechlichkeit anzunehmen. Die Schattenseiten des Seins schaffen ebenjene Risse im Gewebe des Ich, durch die das Leben uns in Liebe mit anderen verbindet. Jedes Wesen hat seine Gaben, mit denen es anderen zur Stütze werden kann. Doch es hat auch seine Schwachstellen, seine Brüche, seine Anfälligkeit, weshalb es die Hilfe anderer benötigt.    

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 21. Juli 2024