Von schwierigen Situationen auf dem Weg: Gefühle, Gedanken und der Glaube an das Selbst
(Dilgo Khyentse: The Heart of Compassion, S. 120-121)
Ein Bodhisattva versucht als Ausgleich für Unglück, das ihm zugefügt wurde, Hilfe und Verdienst zurückzugeben. Wenn du jemanden siehst, der etwas Schlechtes tut, denk an all das Leiden, das er für sich selbst dadurch ansammelt, und bete dafür, dass all die Ergebnisse seiner negativen Handlung dich betreffen mögen, statt dass er in den niederen Daseinsbereichen wiedergeboren wird; widme ihm die Folgen all deiner positiven Handlungen.
Auf diese Weise zu praktizieren hilft auch, deinen Glauben an ein wirklich existierendes Selbst zu beseitigen. Denn schließlich sind deine wahren Feinde nicht irgendwelche rücksichtslosen Menschen, die gerade an der Macht sind, grimmige Räuber oder mitleidlose Konkurrenten, die dich ständig schikanieren, dir alles wegnehmen oder dir mit gerichtlichen Schritten drohen. Dein wahrer Feind ist dein Glaube an ein Selbst. Diese Vorstellung eines beständigen Selbst ist der Grund dafür, dass du seit unzähligen vergangenen Leben hilflos in den niederen Bereichen von Samsara umherirrst. Es ist eben das Ding, das dich nun davon abhält, dich selbst und andere aus der bedingten Existenz zu befreien.
Wenn du nur einfach diesen einen Gedanken an das „Ich“ loslassen könntest, würdest du es einfach finden, frei zu sein und auch andere zu befreien. Wenn du heute den Glauben an ein tatsächlich existierendes Selbst überwindest, wirst du heute erleuchtet sein. Wenn du ihn morgen überwindest, wirst du morgen erleuchtet sein. Aber wenn du ihn niemals überwindest, dann erreichst du auch nie Erleuchtung. Dieses „Ich“ ist nur ein Gedanke, ein Gefühl. Ein Gedanke hat eigentlich keine Stabilität, Form, Gestalt oder Farbe. Wenn beispielsweise ein starkes Zorngefühl in dir aufsteigt mit einer solchen Macht, dass du mit jemandem kämpfen und ihn zerstören willst, hält dann das Gefühl die Waffe in der Hand? Könnte es eine Armee anführen? Könnte es jemanden wie ein Feuer verbrennen, wie ein Stein zerquetschen oder mit sich fortreißen wie ein tobender Fluss? Nein. Zorn, wie jeder andere Gedanke oder jedes andere Gefühl, hat keine echte Existenz. Er kann nicht einmal irgendwo in deinem Körper, deiner Rede oder deinem Geist lokalisiert werden. Er ist wie Wind an einem leeren Ort. Statt solchen wilden Gedanken zu erlauben, das zu bestimmen, was du tust, solltest du dir die Leerheit ihres Wesens ansehen. Du könntest, zum Beispiel, plötzlich jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, von dem du glaubst, dass er dich verletzen will, und Angst würde in dir aufwallen. Sobald du aber erkennst, dass diese Person dir gegenüber tatsächlich gute Absichten hat, verschwindet deine Angst. Sie war nur ein Gedanke.
Obwohl du viele Leben lang an die Realität dieses „Ich“ geglaubt hast, wird der Glaube daran einfach verschwinden, sobald du erkannt hast, dass es keine tatsächliche Existenz besitzt. Nur weil du seine wahre Natur nicht kennst, hat dieses „Ich“ die Macht, dich zu beeinflussen. Ohne den Glauben an ein Selbst können Zorn, Verlangen, Angst und so weiter nicht mehr entstehen. Schau dir die eigentliche Natur des Unglücks an: es ist unfassbar, so wie eine Zeichnung, die man auf der Wasseroberfläche macht. Wenn du dies wirklich erfährst, verschwindet Verbitterung von selbst. Sobald die hitzigen Wellen der Gedanken abklingen, wird alles wie ein leerer Himmel, der weder etwas zu gewinnen noch zu verlieren hat. „Ich“ ist nur ein Name, den du einer vergänglichen Kombination aus Konzepten und Anhaftungen an deinen Körper, deine Rede und deinen Geist gegeben hast.
Es ist keine absolute, ewige, unzerstörbare Wahrheit, wie die Dharmakayanatur der Buddhas. Nutze jede Praxis, die du übst, um diese Idee des „Ich“ und die selbstbezogenen Motivationen, die es begleiten, aufzulösen. Selbst wenn du anfangs keinen Erfolg hast, versuche es weiter.