Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Ein großes Verzeihen

Quelle: Weisheit. Die schönsten Texte tibetischer Meister. – Matthieu Ricard

Schon seit über einem Jahr beschäftigen wir uns in unseren Meditationssitzungen mit „Die 37 Handlungsweisen eines Bodhisattva“ – einige Male sind wir schon an unsere Grenzen gestoßen, vielleicht, weil es scheint, als seien die Handlungsweisen eines Bodhisattva von einer anderen Welt.

Ungefähr im Juni letzten Jahres hörte ich die Geschichte von Wilhelm Hammelmann und seither muss ich immer wieder daran denken, ganz besonders dann, wenn ich an die Verse 13 und 20 denke:

„Selbst wenn jemand daran ginge, dir den Kopf abzuschlagen, ohne dass du dir das Geringste zuschulden kommen ließest: Ihre Negativität mit Mitgefühl auf sich zu nehmen ist die Praxis eines Bodhisattva.“

„Den Feind, unseren eigenen Ärger und Zorn, nicht zu besiegen, dafür aber mit äußeren Feinden zu kämpfen, wird bloß noch mehr solche hervorbringen. Unseren Geist daher mit einer Streitmacht von Liebe und Mitgefühl zu zähmen ist die Praxis eines Bodhisattva.“

Ursprünglich lebte Wilhelm Hammelmann mit seiner Frau und vier Kindern in Bremen. Aber da Bremen zerbombt war, waren er und die Familie bei seinen Eltern im Bremer Blockland auf dem Bauernhof „Kapelle“ untergekommen. In der Nacht des 20. Januar 1945 waren zwölf Menschen auf dem Hof versammelt. Neben Wilhelm Hammelmann und seiner Familie auch seine Eltern, seine Schwiegereltern und zwei Hausgehilfen. Mitten in der Nacht wurde Hammelmann geweckt und als er aufstand, sah er sich mit zehn Fremden konfrontiert, die ihn mit Waffen bedrohten. Alle Anwesenden wurden in ein Zimmer gebracht, die Eindringlinge verdunkelten sämtliche Fenster und schnitten die Telefonleitung durch. Noch dachten alle Anwesenden, die Fremden seien Plünderer. Doch dann wurden alle in den niedrigen Keller geführt und von vier der zehn Fremden erschossen. Wilhelm Hammelmann überlebte schwer verletzt, weil er sich totstellte. Als er sicher sein konnte, dass die Eindringlinge den Hof verlassen hatten, schleppte er sich zum nächsten Bauernhof und verständigte die Polizei. Er selbst wurde ins Krankenhaus gebracht.

So weit ist Wilhelm Hammelmanns Geschichte „einfach nur“ grausam. Aber da Wilhelm Hammelmann ein tiefgläubiger Christ war, entwickelte sich seine Geschichte anders als man das vielleicht erwarten würde. Da er so schwer verletzt war und mehrere Monate im Krankenhaus zubringen musste, konnte er nicht an der Beerdigung seiner Familie teilnehmen. Daher verfasste er eine Trauerrede, die jemand an seiner statt halten sollte. In dieser Rede heißt es:

„Unser Haus war stets ein Haus der Liebe, wo die Niedrigen geachtet und den Ärmsten geholfen wurde. Gerade die heutige Zeit ist dazu angetan, dass die Menschen wieder anfangen, sich gegenseitig zu schätzen und wohlzutun. Das ganze Volk hält Ausschau nach denen, die fähig sind, in der Tat der Liebe und nicht des Hasses zu führen.“

Doch damit nicht genug: Wilhelm Hammelmann setzte sich dafür ein, dass die Täter, die mittlerweile gefasst worden waren, nicht, wie es 1945 üblich war, für ihr Verbrechen zum Tode verurteilt wurden – mit Erfolg. Allerdings musste er sich dafür wüste Beschimpfungen von seinen Mitmenschen anhören, die nicht verstehen konnten, dass Wilhelm Hammelmann denjenigen verzieh, die ihn seiner Familie beraubt hatten. Wilhelm Hammelmann gründete eine neue Familie, bekam wieder vier Kinder, von denen nur die jüngste Tochter nicht den Namen eines der 1945 verstorbenen Kinder trug – ihr Geburtstag fiel genau auf den Tag des Verbrechens. In seiner Familie thematisierte Wilhelm Hammelmann die Vergangenheit selten; dafür setzte er sich um so mehr dafür ein, dass diejenigen der Täter, die nach ihren langen Haftstrafen wieder freikamen, eine Arbeitsstelle fanden.

Einen der Täter unterstützte er besonders, er nahm ihn bei sich auf. Allerdings nicht für lange, denn er wurde abermals von seinen Mitmenschen bedroht, weil er dem Verbrecher verziehen und ihn aufgenommen hatte. So ermöglichte er dem Mann einen neuen Start in einer anderen Stadt. Über die Nacht des 20. Januar 1945 hat Wilhelm Hammelmann ein dünnes Büchlein geschrieben, das „Vergeben statt vergelten“ heißt. 

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 21. Juli 2024