Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Wie Patrul Rinpoche die Geduld eines Einsiedlers auf die Probe stellte

Quelle: Matthieu Ricard – Weisheit

Es war eines der Hauptanliegen von Patrul Rinpoche, dass die Übenden achtsam und auf ihre Praxis ausgerichtet blieben, während er sie gleichzeitig daran hinderte, in Selbstzufriedenheit abzugleiten. Eines Tages hörte er von einem Einsiedler, der seit Langem völlig zurückgezogen lebte, und beschloss, ihm einen Besuch abzustatten.

Ohne dass er ihn benachrichtigt hatte, kam er an und setzte sich mit zweifelnder Miene in eine Ecke der Höhle. „Woher kommst du und wohin willst du?“, fragte der Einsiedler. „Ich komme von dort, woher mich mein Weg geführt hat, und ich gehe in die Richtung, die vor mir liegt“, antwortete Patrul Rinpoche. Perplex fuhr der Einsiedler fort: „Wo wurdest du geboren?“ „Auf der Erde.“ Der Eremit wusste nicht so recht, was er von diesem überraschenden Besucher halten sollte. Einen Augenblick darauf fragte ihn Patrul Rinpoche, warum er an einem so entlegenen Ort lebe. »Ich bin seit zwanzig Jahren hier. Im Moment meditiere ich über die Vollkommenheit der Geduld«, erwiderte der Einsiedler ohne Zögern, mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. »Na, das ist aber mal ein guter Witz!«, rief Patrul Rinpoche aus. Er neigte sich dem Einsiedler zu, als wollte er ihm ein Geheimnis anvertrauen, und murmelte ihm ins Ohr: »Wir beiden alten Scherzbolde kommen ganz gut klar, was?«

Sofort explodierte der Einsiedler: »Also wirklich, was glaubst du, wer du bist? Kommst einfach schamlos hierher und störst meine Abgeschiedenheit! Hat dich vielleicht jemand gebeten, hier vorbeizugehen? Kannst du einen einfachen Praktizierenden wie mich nicht in Frieden meditieren lassen?« »Und … wie steht es jetzt um deine schöne Geduld?«, fragte Patrul Rinpoche ihn in ruhigem Ton.

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 21. Juli 2024