Die Gemeinschaft ist der beste Lehrer
Aus dem Heft „Tibet und Buddhismus“ Aug/Sept. 2004 von Karl Schmied
In einer Gemeinschaft zu üben ist eine sehr starke und heilsame, die eigene Praxis immer neu formende Übung. Unser Bemühen um Achtsamkeit wird im Energie- und Trainingsfeld einer Sangha ständig gestärkt, vertieft und erneuert. Die Gemeinschaft ist der beste Lehrer. Wer sich mutig und aufrichtig in die spirituelle Gemeinschaft einbringt, zieht allmählich großen Nutzen aus der Weisheit, Erfahrung und Übung jedes einzelnen Mitglieds. Wenn du es zulassen kannst, dass die Gemeinschaft dir hilft, kann die Lebenserfahrung und Menschlichkeit jeder Dharma-Schwester, jedes Dharma-Bruders ein Licht auf deine Probleme werfen, und dir somit helfen, sie durch Erkennen zu lösen und zu überwinden.
Verlasse deine Gemeinschaft nicht, auch wenn sie dir manchmal zusätzliche Probleme oder Unbehagen bereitet. Thich Nhat Hanh erwähnt oft ein vietnamesisches Sprichwort: „Wenn ein Tiger die Berge verlässt, wird er von den Menschen gefangen und getötet.“ Wer seine Gemeinschaft verlässt, wird früher oder später seine Praxis aufgeben. In der Gemeinschaft wirst du ebenso einen Lehrer finden wie in dir selbst. Die Sangha ist ein Trainingsfeld. Meditation ist keinesfalls nur eine individuelle Angelegenheit. Wir müssen zusammen üben. Auch in unserem Alltagsleben hilft uns die spirituelle Familie, tiefer hinzusehen, genauer hinzuhören und achtsamer und liebevoller, weniger von Gier und Wut bestimmt, zu handeln.
In den folgenden Erfahrungen, die der Autor des Artikels in verschiedenen Gemeinschaften sammeln konnte, und die zum Aufbau und zur Bewahrung von Gemeinschaft von Nutzen sein können:
- Stärke dein Vertrauen in die heilsame Kraft der Drei Juwelen (Buddha, Dharma, Sangha), in der die Gemeinschaft eingeschlossen ist. Arbeite in der Gemeinschaft überzeugt mit und überprüfe ständig deine eigenen Wünsche, Konzepte und Vorstellungen sowie die Absicht, sie in der Gemeinschaft durchzusetzen.
- Kontinuität ist überaus wichtig. Ob ihr drei oder hundert seid, spielt keine Rolle. Trefft euch regelmäßig. Legt Zeiten der gemeinsamen Praxis fest, die ihr auch einhaltet.
- Helft mit, die Bereitschaft zu fördern, dass sich möglichst alle Teilnehmer der Gruppe einbringen, mitgestalten und mitwirken, und somit allmählich den „Konsumenten-“ und „Hörer-Status“ überwinden und zu echten Dharma-Freunden werden.
- Gebt den Sangha-Treffen eine klare Struktur. Der zeitliche Ablauf, die Rituale und Rezitationen, Gesprächsabläufe (Diskussionsdisziplin) sollten klar vereinbart sein, damit kein unverbindliches „Teekränzchen“ entsteht.
- Die Gemeinschaft, besonders Meditationsgruppen, sind fast immer personenbezogen. Klare Orientierung an bestimmten Menschen, die den Dharma nicht nur lehren, sondern leben, sind für die meisten Sangha-Mitglieder wichtig und notwendig. Räte-Modelle oder rotierende Systeme der Gruppenleitung haben sich nach meiner Erfahrung nicht bewährt.
- Die Gemeinschaft ist eine spirituelle Familie, jedoch kein warmes Nest. Schwierige, durch psychologische Probleme instabile Freunde können nur in geringer Zahl und von einer gefestigten Gemeinschaft aufgenommen, unterstützt und vielleicht sogar integriert werden. Die Sangha ist kein psychotherapeutischer Ersatz.
- Konflikte, und seien sie noch so klein, sollten regelmäßig rechtzeitig gelöst werden. Immer wieder müssen wir gegenseitiges Zuhören und das Verstehen anderer Personen einüben und einen tragbaren Konsens anstreben, was nicht mit faulen, unbefriedigenden Kompromissen gleichzusetzen ist, die einem falsch verstandenen Harmoniebedürfnis zuliebe geschlossen werden.
- Keine Spaltung der Gemeinschaft betreiben. Offen bleiben, um eine möglichst große Vielfalt von Auffassungen und Übungen zuzulassen und ein lebendiges Dharma-Verständnis mit kraftvoller Praxis zu ermöglichen. Dies gilt besonders für Gemeinschaften, die sich stark an Traditionen und Lehrern orientieren.
- Klärt präzise Kompetenzen und Verantwortlichkeiten in Fragen der Vereinsführung und Finanzen. Nehmt euch nicht zu viel vor, damit kein „Beschaffungs-Buddhismus“ entsteht (Wie finanziere ich das Dharma-Geschäft?). Zentren, größere Projekte und Veranstaltungen sollten genau geplant werden, und sich an den Möglichkeiten der Gemeinschaft orientieren.
- Finanzieller Druck erzeugt oft unheilsamen Aktivismus und schafft nicht nur beträchtliche Spannungen innerhalb der Gemeinschaft, sondern gefährdet sie auch.
- Lasst uns Feste feiern: Freude, Heiterkeit und ein befreiendes Lachen sind etwas Wunderbares. Das Vesakhfest im Frühsommer, ein Fest für den Buddha Maitreya im Advent sind gute Gelegenheiten zu zeigen, wie schön es ist, dass es uns gibt, und dass wir uns auf diesem wunderbaren Weg befinden.
Mögen wir alle dazu beitragen, dass das Sangha-Juwel hell strahlt und die wertvollste Stütze ist auf unserem Weg zu einem ganzen, erwachten, von Gier, Hass und Verblendung befreiten Menschen. Mit der Gemeinschaft können wir inneren und äußeren Frieden, tiefe Freundschaft, umfassendes Verstehen und Liebe in unser Leben bringen.