Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Das Alltagsleben als spirituelle Übung

von Chagdud Tulku

Das Thema der Meditation im täglichen Leben möchte ich mit einigen Bemerkungen über persönliche Erfahrungen und über meine Ausbildung in Tibet einleiten. Ich wurde dort im Alter von zwei Jahren als Tulku erkannt, als jemand, der mehrere Wiedergeburten zum Wohle anderer erlebte. Deshalb erwartete man von mir, dass ich etwas ganz Besonderes würde. Im Alter von fünf Jahren lernte ich Lesen und Schreiben. Ich hatte einen eigenen Lehrer, was einerseits ein sehr großes Glück war, weil Tag für Tag von morgens bis abends jemand bei mir war und mich unterrichtete. Andererseits machte ich dadurch bei jedem Fehler und wenn ich etwas, das ich bereits gelernt hatte, wieder vergaß, schmerzhafte Bekanntschaft mit seinem Stock.

Schon als kleines Kind lernte ich tiefgründige spirituelle Lehren kennen. Ich befasste mich schon damals mit dem Wesen der absoluten und der relativen Wahrheit. Außerdem machte ich erste Bekanntschaft mit der Tatsache der Vergänglichkeit. Über Vergänglichkeit und die Kostbarkeit des menschlichen Lebens Es gab einmal eine Zeit, in der unser Universum nicht existierte. Dann entstand es allmählich, und im Laufe der Zeit altert es und löst sich irgendwann wieder auf. Auch unser Körper war einmal nicht da. Jeden Tag wird er älter, und eines Tages wird er nicht mehr existieren. Unsere gesamte Erfahrung ist der Vergänglichkeit unterworfen. Diese Wahrheit zu erkennen ist für die Entwicklung einer spirituellen Perspektive ausschlaggebend. Viele von uns widersetzen sich der Tatsache, dass alles vergänglich sein soll. Ich merkte nur, dass mein Greifen, mein Verlangen nach den Dingen, denen gegenüber wir normalerweise Anhaftung entwickeln, ein wenig nachließ. Diese sehr subtile Veränderung basierte auf der Erkenntnis, dass die Dinge nicht ganz so real waren, wie sie mir zuvor erschienen.

Diese Veränderung meiner Sichtweise half mir sehr, als meine Mutter starb; ich war damals erst elf Jahre alt. Diese Erfahrung des Todes und der Trennung waren für mich nicht leicht, doch machte die Veränderung der Sichtweise, die durch meine Kontemplation über Vergänglichkeit eingetreten war, diese schmerzlichen Erlebnisse erträglicher und half mir später auch, mit dem Verlust meines Klosters und meines Heimatlandes fertig zu werden.

Ich erkannte, dass unser Schmerz über den Verlust von Besitz und über die Trennung von lieb gewonnenen Menschen um so stärker ist, je wichtiger und unverzichtbarer uns diese zuvor erschienen. Deshalb ist die Kontemplation über Vergänglichkeit so wichtig. Von ebensolcher Wichtigkeit ist es, sich bewusst zu machen, wie glücklich wir uns schätzen können, einen menschlichen Körper zu haben. Die meisten von uns halten ihre Existenz als Menschen für eine Selbstverständlichkeit. Wir stumpfen gegenüber der natürlichen Freude, eine menschliche Form zu haben, ab. Wir verfügen nicht alle über das Auge der Weisheit, doch diejenigen, die es haben, berichten, dass es auch andere Daseinsbereiche als den des Menschen gibt. Die besten Möglichkeiten jedoch bietet uns eine Geburt im Reich der Menschen. In anderen Bereichen mögen wir einen Körper haben, der dem äußeren Anschein nach dem des Menschen vorzuziehen ist, doch können wir darin niemals das erreichen, was uns als Menschen möglich ist, weil wir in jenen anderen Daseinsbereichen einfach nicht über die zum Erzielen von Fortschritten erforderlichen Fähigkeiten verfügen.

Manchmal ist Menschen nicht klar, welche unvergleichliche Chance sie haben, denn sie empfinden ihr Leben als enttäuschend oder sehr anstrengend. Sie verlieren das Interesse daran, ihre menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen. Doch das ist ein schwerer Fehler. Die Chancen, die dieser menschliche Körper uns im Augenblick eröffnet, sind so groß, dass es eine unvorstellbare Verschwendung wäre, sie aufgrund von Enttäuschungen oder Schwierigkeiten zu übersehen.  Es ist so, als würdest du ein Boot leihen, um einen Fluss zu überqueren, und dann, statt es sofort zu benutzen, vergessen, dass es nicht dein Eigentum ist und du es nur geliehen hast. Wenn du es nicht nutzt, solange es dir zur Verfügung steht, wird es dir nie gelingen, den Fluss zu überqueren, denn früher oder später müssen wir alle unser Boot zurückgeben, und damit ist die Chance, das andere Ufer zu erreichen, ungenutzt verstrichen.

Unser menschlicher Körper ist ein kostbares Fahrzeug, das wir gut und ohne zu zögern nutzen sollten. Der höchste Sinn und Zweck einer kostbaren Geburt als Mensch ist der spirituelle Fortschritt. Sind wir zu einer weiten Reise nicht in der Lage, können wir zumindest einen gewissen Fortschritt erzielen. Besser noch: Wir können anderen helfen, sich weiterzuentwickeln. Das absolute Minimum ist, andere Menschen nicht unglücklich zu machen.  Wir haben nicht viel Zeit im Leben. Es ist so ähnlich wie beim Picknick an einem Sonntagnachmittag: Einfach die Sonne zu genießen, die Pflanzen wachsen zu sehen und die frische Luft einzuatmen, macht Freude. Wenn wir jedoch die kurze Zeit, die wir haben, vergeuden, indem wir darüber streiten, wo die Decke liegen soll, wer wo sitzen soll oder das Stück Kuchen bekommt, dann ist das reine Zeitverschwendung. Nun könntest du meinen: Wenn doch alles vergänglich und nichts von Dauer ist, wie kann dann irgendjemand glücklich sein? Tatsächlich können wir uns letztendlich nicht an den Dingen festklammern, aber wir können dieses Wissen nutzen, um das Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen, es nämlich als eine sehr kurze und kostbare Chance verstehen. Wenn wir uns dem Leben mit der reifen Sicht nähern, dass alles vergänglich ist, werden wir feststellen, dass unsere Erfahrungen reicher und unsere Beziehungen aufrichtiger werden, und dass wir die Dinge, derer wir uns erfreuen, mehr zu schätzen lernen.

Außerdem sind wir dann geduldiger. Uns wird klar, dass auch unglückliche Umstände nicht von Dauer sein können, so finster uns eine Situation zeitweilig auch erscheinen mag. Wir stellen fest, dass wir solche Situationen ertragen können, bis sie vorüber sind. Und wenn unsere Geduld größer wird, werden wir auch gegenüber den Menschen in unserer Umgebung sanftmütiger. Eine liebevolle Geste fällt uns nicht mehr so schwer, wenn uns klar geworden ist, dass wir eine Großtante vielleicht nie mehr wiedersehen werden. Zu einem Verständnis der Vergänglichkeit zu gelangen und den aufrichtigen Wunsch zu entwickeln, andere in der Zeitspanne, die wir mit ihnen zusammen sind, glücklich zu machen, ist der Anfang wahrer spiritueller Übung. Diese Art von Aufrichtigkeit führt zu einer echten Transformation des Geistes und des Seins. Wir brauchen dazu weder unseren Kopf zu rasieren noch spezielle Gewänder zu tragen. Spirituelle Übung erfordert keine besonders asketische Lebensweise, sondern nur ein gutes Herz und die Reife, die zum Verständnis der Vergänglichkeit erforderlich ist. Schon dies allein ermöglicht spirituellen Fortschritt.  

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 21. Juli 2024