Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Meditation

In der täglichen Meditationspraxis arbeiten wir mit zwei Aspekten des Geistes: erstens mit seiner Fähigkeit, zu denken und Vorstellungen zu entwickeln — dem Intellekt — und zweitens mit der Qualität, die über das Denken hinausgeht — mit der universellen, nicht an Vorstellungen gebundenen Natur des Geistes. Nutze die rationalen Fähigkeiten deines Geistes, und widme dich der Kontemplation. Lasse den Geist danach ausruhen. Denke, und entspanne dich anschließend; widme dich der Kontemplation, und entspanne dich. Benutze nicht ausschließlich den einen oder den anderen Aspekt des Geistes, sondern beide zusammen, so wie ein Vogel seine beiden Flügel. 

Um dies zu tun, brauchst du nicht unbedingt auf einem Kissen zu sitzen. Du kannst auf diese Weise überall meditieren: während einer Autofahrt ebenso wie während der Arbeit. Dazu sind weder besondere Hilfsmittel noch eine besondere Umgebung erforderlich. Du kannst diese Art der Übung in allen Bereichen des Lebens üben. 

Manche Menschen glauben, wenn sie fünfzehn Minuten am Tag meditierten, müssten sie nach eineinhalb Wochen erleuchtet sein. Aber so funktioniert das nicht. Selbst wenn sie eine Stunde täglich meditieren, beten und sich der Kontemplation widmen, ist das immer noch nur eine Stunde, in der sie meditieren, wohingegen sie es in den restlichen 23 Stunden nicht tun. Welche Chancen hat beim Tauziehen eine Person gegen 23? Der Einzelne zieht in die eine Richtung, die 23 der anderen Partei in die andere Richtung — wer wird da wohl gewinnen? 

Man kann den Geist nicht verändern, wenn man nur eine Stunde täglich meditiert. Du musst dich während des ganzen Tages auf deinen spirituellen Fortschritt konzentrieren: bei der Arbeit, beim Spiel und während du schläfst. Der Geist muss sich unablässig auf das letztendliche und höchste Ziel, auf die Erleuchtung, zubewegen. 

Lasse deinen Geist bei allem, was du tust, das Geschehen beobachten. Wenn du schreibst, dann konzentriere ihn auf den Stift, den du benutzt. Wenn du nähst, dann richte ihn auf das Nähen. Lasse dich nie ablenken. Denke nicht an hundert Dinge gleichzeitig. Und grübele nicht darüber nach, was gestern geschehen ist und was in der Zukunft geschehen könnte. Es spielt keine Rolle, welcher Arbeit du nachgehst, solange du den Geist fokusierst und mit deinem Gewahrsein bei dem bist, was du tust. Wenn du bei allem, was du tust, gleichzeitig aufmerksam und entspannt bist, schulst du dadurch deinen Geist. 

Überprüfe dich ständig mit größter Sorgfalt. Verringere negative und vermehre positive Gedanken, Äußerungen und Verhaltensweisen. Denke sorgsam, und richte die Aufmerksamkeit immer wieder neu aus, denn sie kann sich sehr leicht zerstreuen. Durch Meditation wird der Fokus unablässig erneuert. Du musst die reine Absicht immer wieder bekräftigen. Und dann entspannst du den Geist, um ein direktes, subtiles Erkennen dessen, was jenseits allen Denkens liegt, zu ermöglichen. 

Es gibt Zentren, in denen die Lehren des Buddha vermittelt werden, Orte, an denen Menschen mit dieser Weltsicht in Kontakt treten und sich zusammen mit anderen Menschen der Meditation und Kontemplation widmen können. Es ist sehr schwer, Fortschritte zu erzielen, wenn man nur auf sich selbst gestellt ist. Es ist schwer, sich zu verändern, wenn man die Lehren nur ein einziges Mal gehört hat. Deshalb ist es sehr nützlich, solche Zentren zu besuchen, denn es erfordert unablässige Aufmerksamkeit, ein andauerndes Hören und Anwenden der Lehren. 

Der Geist verändert sich zwar nicht sehr schnell, aber zumindest ist es möglich, ihn zu verändern. In Indien lebte einmal ein Mann, der beschloss, seine Gedanken zu messen. Das war nicht leicht, denn selbst wenn man sich fest vornimmt, die eigenen Gedanken zu beobachten, entgehen einem viele, nämlich diejenigen, die kommen und gehen, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst werden. Trotzdem legte dieser Mann für jeden tugendhaften Gedanken einen weißen Stein auf einen Haufen und für jeden untugendhaften Gedanken einen schwarzen Stein auf einen anderen. Zuerst entstand ein riesiger Haufen schwarzer Steine, doch im Laufe der Jahre wurde der Haufen der schwarzen Steine kleiner, und der Haufen der weißen Steine wuchs. Wenn wir uns aufrichtig bemühen, können wir einen solchen allmählichen Fortschritt erreichen. Fortschritte des Geistes sind nun einmal nichts Spektakuläres, sondern schreiten nur sehr langsam und stetig voran und erfordern Sorgfalt, Aufmerksamkeit, Geduld und enthusiastische Ausdauer. 

Meditation ist uns selbst Zeit zu geben, nur wir selbst zu sein. Nichts anderes, nichts Besonderes, nur uns erlauben zu entspannen und wir selbst zu sein, ohne Sorgen, was in der Vergangenheit passierte oder was in der Zukunft sein wird. Einfach entspannen und im eigenen natürlichen Zustand ruhen, das ist alles, was wir tun müssen.Karmapa OrgyenTrinley Dorje

Teachings zu: Meditationsübungen

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 30. März 2024