Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Tonglen –  eine kraftvolle Praxis zum Entwickeln von Mitgefühl

Aus: The Heart of Compassion von Dilgo Khyentse (S. 98-101)

Gerade jetzt, wenn du dich selbst glücklich fühlst, bist du wahrscheinlich ziemlich zufrieden. Andere Menschen mögen momentan nicht glücklich sein, aber du siehst das nicht als dein Problem an. Und wenn du dich selbst unglücklich fühlst, bist du viel zu sehr damit beschäftigt, das loszuwerden, was dich gerade durcheinanderbringt, um dich darum zu sorgen oder überhaupt daran zu erinnern, dass andere gerade auch unglücklich sein könnten. Das alles zeigt unsere Verblendung.

Es gibt ein Mittel, mit dem du üben kannst, die Dinge von einer höheren Warte aus zu sehen. Dabei handelt es sich um eine Praxis, die Tonglen oder „sich mit anderen austauschen“ genannt wird und die darin besteht, dass man versucht, andere an den eigenen Platz und uns an deren Platz zu stellen. Die Idee besteht darin, sich einerseits vorzustellen, dass man alles Gute, das einem widerfährt, und sei es auch noch so klein – sogar ein Löffel guten Essens – an alle anderen Wesen weitergibt; und sich andererseits der unerträglichen Leiden, die andere erdulden müssen, zu erinnern und zu der Entscheidung zu kommen, diese Leiden auf sich selbst zu nehmen – und zwar mit der gleichen Bereitschaft, die eine Mutter empfindet, wenn sie das Leiden ihres Kindes auf sich nimmt.

Wenn du darüber nachdenkst, dass alle Wesen zur einen oder anderen Zeit eigentlich einmal deine gütigen Eltern waren und dass du es ihnen schuldig bist, so viel für sie zu tun wie du nur kannst, dann wirst du tatsächlich in der Lage dazu sein, alle Nöte, die du auf dich nehmen musst um anderen zu helfen, glücklich zu ertragen. Wenn es dir tatsächlich gelingt, das Leiden der anderen auf dich zu nehmen, dann erfreue dich daran, dass du dein Ziel erreicht hast; glaube niemals, dass die anderen nicht so viel Hilfe verdient hätten oder dass du nun eigentlich genug für sie getan hättest.

Wenn du die Meditationspraxis, das Leiden der anderen mit deinem Glück zu tauschen, ernsthaft übst, wirst du schließlich in der Lage dazu sein, die Krankheiten anderer auf dich zu nehmen und sie zu heilen und ihnen dein Glück zu geben. Außerdem werden diejenigen mit schädlichen Absichten, sogar böse Geister, die versuchen die Lebenskraft der Menschen zu stehlen, nicht in der Lage dazu sein, dir oder irgendjemand anderem zu schaden, wenn du ihr Leiden und ihren Hass mit deinem Glück und Frieden tauschst.

Es gibt einige Belehrungen, die detailliert beschreiben, wie man diese Praxis effektiver macht. Zuerst ist es wichtig damit zu beginnen, ein tiefes Gefühl der Wärme, Empfindsamkeit und des Mitgefühls für alle Wesen zu erzeugen. Um dies zu erreichen, denke zuerst an jemanden, der dir gegenüber sehr freundlich und liebevoll war; in den meisten Fällen ist das wohl deine eigene Mutter. Erinnere dich an ihre Freundlichkeit und denke über sie nach – wie sie dir das Leben geschenkt hat, wie sie die Beschwerden der Schwangerschaft und die Schmerzen der Geburt ertragen hat, wie sie auf dich aufgepasst hat, als du heranwuchst, und dabei keine Mühen gescheut hat. Sie war dazu bereit, für dich jedes Opfer zu bringen und dein Wohlergehen über ihr eigenes zu setzen.

Wenn du starke Liebe und starkes Mitgefühl spürst, stell dir nach und nach vor, wie deine Mutter die Leiden der sechs Daseinsbereiche erlebt.

Stell dir weiter vor, wie sie in schneller Folge ein Leiden nach dem anderen erlebt. Dabei wird unweigerlich starkes Mitgefühl in deinem Geist entstehen. Weite dieses Mitgefühl in diesem Moment auf alle Wesen aus, weil du erkennst, dass jedes dieser Wesen ganz sicher zu vielen Zeiten deine Mutter war und dieselbe Liebe und dasselbe Mitgefühl verdient wie deine Mutter in deinem gegenwärtigen Leben. Es ist wichtig, alle diejenigen einzubeziehen, die du jetzt als Feinde betrachtest oder die dir Schwierigkeiten machen.

Reflektiere über alles, was diese Wesen durchmachen müssen, während sie ohne Ende den Teufelskreis des Leidens in Samsara durchlaufen. Denk an alle alten, unsicheren Menschen, die nicht für sich selbst sorgen können, an all diejenigen, die krank und voller Schmerzen sind, an die Menschen, die verzweifelt und arm sind und denen es sogar an den grundlegendsten Dingen fehlt, an die Menschen, die Hunger und Durst leiden, an diejenigen, die erblindet sind – und an die, die spirituell verarmt sind, denen die Nahrung des Dharma fehlt und die blind für jede wahrhaftige Sicht der Wahrheit sind. Denk an all diejenigen, die als Sklaven ihres eigenen Geistes leiden und ständig von Verlangen und Aggression verrückt gemacht werden, und an die, die einander ohne Pause gegenseitig schaden. Visualisiere all diese empfindungsfähigen Wesen als eine Menge vor dir und lass all die unterschiedlichen Formen, die ihr Leiden annimmt, in deinem Geist lebhaft entstehen.

Beginne nun die Praxis des Gebens und Nehmens mit einem intensiven Mitgefühl. Fang damit an, dich auf deinen größten Feind zu konzentrieren, oder konzentriere dich auf jemanden, der dir viel Ärger und Schwierigkeiten bereitet hat. Denke, dass mit deinem Atem, der dich verlässt, deine Zufriedenheit, deine Lebenskraft, dein Verdienst, Glück, Gesundheit und Vergnügen zu dieser Person getragen werden in der Form eines kühlen, wohltuenden, leuchtenden weißen Nektars. Sag das Gebet: „Möge dies wahrhaftig meinen Feind erreichen und ihm gänzlich gegeben werden!“ Stell dir vor, wie er diesen weißen Nektar aufnimmt, der ihn mit allem versorgt, was er braucht. Falls sein Leben kurz sein sollte, stell dir vor, dass es nun verlängert wird. Falls er Geld braucht, stell dir vor, dass er nun wohlhabend ist; falls er krank ist, so ist er nun geheilt; und wenn er unglücklich ist, dann stell ihn dir so voll Freude vor, dass ihm nach Singen und Tanzen ist.

Stell dir beim Einatmen vor, dass du alle Krankheiten, Verdunkelungen und Geistesgifte, die dein Feind möglicherweise hatte, wie eine schwarze Masse aufnimmst und dass er dadurch vollständig von all seinen Leiden befreit wird. Stell dir vor, dass sein Leid so schwerelos zu dir kommt wie der Nebel in den Bergen vom Wind verweht wird. Indem du sein Leiden in dich aufnimmst, fühlst du große Freude und Glückseligkeit gemischt mit der Erfahrung von Leerheit.

Mach dasselbe für die unendlich vielen Wesen, die du dir vor dir vorstellst. Schick ihnen allen deine Zufriedenheit und nimm ihre Leiden auf dich. Wiederhole dies immer und immer wieder, bis es zu deiner zweiten Natur wird.

Du kannst diese wertvolle, unverzichtbare Praxis jederzeit und bei jeder Gelegenheit anwenden, selbst wenn du gerade mit Aktivitäten des gewöhnlichen Lebens beschäftigt bist, egal, ob du krank oder gesund bist. Du kannst während oder außerhalb der Meditation praktizieren. Indem du ständig übst, dich und andere zu tauschen, erreichst du den eigentlichen Kern der Praxis des Mitgefühls und von Bodhicitta.

Stell dir manchmal dein Herz als eine glänzende Lichtkugel vor. Wenn du ausatmest, strahlt sie Licht in alle Richtungen aus und trägt deine Zufriedenheit zu allen Wesen. Wenn du einatmest, kommen ihre Leiden, Negativität und Not als dichtes, dunkles Licht zu dir, das in dein Herz aufgenommen wird und in seinem hellen, weißen Licht spurlos verschwindet und so alle Wesen von ihrem Schmerz und ihren Sorgen befreit.

Visualisiere dich manchmal als wunscherfüllendes Juwel, strahlend und blau wie ein Saphir, ein bisschen größer als dein eigener Körper, oben auf einer Siegesfahne. Das Juwel erfüllt mühelos alle Bedürfnisse und Bestrebungen von allen, die ein Gebet zu ihm sprechen.

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 31. März 2024