Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Offenheit und Mitgefühl

Eine Übung aus dem Buch „Den Tiger zähmen“ von Akong Rinpoche

Mit dieser Übung wollen wir Offenheit und Hilfsbereitschaft anderen gegenüber entwickeln und fördern. Öffnet euch für all eure Gedanken, Gefühle und Empfindungen, in dem Bewusstsein, dass euer natürliches Erleben das Rohmaterial für eure positive Weiterentwicklung ist. Das gilt nicht nur für die guten Erfahrungen. Selbst sehr negative Gedanken und Gefühle können zur Grundlage von Mitgefühl werden. Wird ein Mensch beispielsweise häufig wütend, wird er anderen wütenden Menschen gegenüber so lange negative Gefühle empfinden, bis er in der Lage ist, seine eigene Wut anzuerkennen. Kennt er dann seine Wut und deren schädliche Folgen, entsteht ganz natürlich Mitgefühl für andere Menschen, die unter ihrer Wut leiden, denn er weiß, was für ein schrecklicher Zustand das ist. So kann sogar Wut zur Quelle des Mitgefühls werden.

Diese Übung gibt uns die Gelegenheit, unsere eigenen Erfahrungen im jeweiligen Augenblick anzuerkennen, und sie dann für andere fruchtbar und wertvoll zu machen, indem wir sie umwandeln. 

Zunächst ist es wichtig, mit allem in Kontakt zu treten, was wir erfahren (sei es auf einer körperlichen, emotionalen oder intellektuellen Ebene). Erlaubt euch, eure Stimmungen und eure Emotionen wahrzunehmen, und achtet auf die Gedanken, die in eurem Geist kommen und gehen. Versucht, nichts zu behindern, sondern vertraut darauf, dass ihr mit allem, was entsteht, arbeiten könnt. Lasst alle Gedanken und Gefühle, die in euch aufsteigen, zum Wohle aller Wesen hinausfließen. Euch stärkt dabei das Gefühl: »Von jetzt an arbeite ich zum Wohle aller«.

Diese Übung trägt zur Entspannung bei, denn wir müssen keine Gedanken und Gefühle mehr zurückhalten, auch wenn sie zerstörerisch und beunruhigend sind. Für die Entwicklung des Mitgefühls sind sie alle gleich wertvoll. Diese Übung eignet sich ausgezeichnet dazu, verdrängte und aufgestaute Gefühle loszulassen. 

Die Übung 

Nehmt euch mindestens fünf Minuten Zeit zur Einstimmung. Setzt euch bequem hin und haltet den Rücken aufrecht. Spürt den Raum um euch und achtet auf die Körperempfindungen beim Sitzen. Spürt, wie der Atem in den Körper fließt und ihn wieder verlässt — macht, wenn nötig, eine Atemübung — und fangt dann mit der Übung an.

Fasst den Entschluss, alles, was in euch aufsteigt, sei es positiv, negativ oder neutral, als brauchbares Rohmaterial für die Entwicklung des Mitgefühls anzunehmen. Schaut euch alle drei Arten von Erfahrungen an, die körperlichen, emotionalen und geistigen. Visualisiert dann einen völlig offenen Raum. Mitten im Raum seht ihr ein Tor, das sich nach außen öffnet. Konzentriert euch dann auf das Ausatmen. Atmet alle Gedanken, Gefühle und Empfindungen, die auftauchen, durch das Tor hinaus, im Vertrauen darauf, dass sie sich in allumfassendes Mitgefühl in Form von goldenem Licht verwandeln, das durch das Tor zu allen Lebewesen gelangt. Spürt, wie das goldene Licht allen gleichermaßen zukommt, wo immer sie auch sind, und ihre Bedürfnisse und Wünsche erfüllt. 

Spürt, wie der ganze Raum allmählich von goldenem Licht erfüllt wird; absolut niemand ist ausgeschlossen von der Wirkung des allumfassenden Mitgefühls, und am Ende kommt das goldene Licht zu euch zurück. Ihr seid in dieses Mitgefühl eingeschlossen, und alles, was ihr braucht oder ersehnt, kommt ebenso zu euch wie zu allen anderen Wesen. 

Akong Rinpoche schlägt vor, diese Meditation zwei Wochen lang täglich zwanzig Minuten zu machen. Später könnt ihr für einen Tag oder auch länger zu ihr zurückkehren, wenn es im Lauf der weiteren Übungen zu irgendwelchen Verspannungen kommt.

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 31. März 2024