Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Die Dana-Gesellschaft

Dieser Artikel ist aus dem Magazin „Dharma-Nektar“. Auch wenn er in Bezug auf ein anderes Zentrum geschrieben wurde, treffen die Punkte auch für unser Zentrum zu, und sind relevant für uns hier in Kirchheim.

Lama Sonam Rinchen: „Die 37 Praktiken eines Bodhisattvas“

Woran erkennt man einen Buddhisten? Daran, dass er viel über Buddhismus weiß, viel gelesen hat oder meditiert und in höheren Geisteszuständen weilt, bei der Ordination einen neuen Namen oder Roben erhält, mit anderen über die Lehre redet? All dies sind sicher wichtige Bestandteile eines buddhistischen Lebens: Meditation, Dharma-Studium, Gespräche und vielleicht Ordination. Aber was außerdem wichtig ist, vielleicht sogar wichtiger als all die vorher genannten Elemente, ist das Handeln, ist der Umgang mit Situationen des alltäglichen Lebens, ob im Kreis anderer Buddhisten, ob für sich allein oder in der Gesellschaft.

Der Buddha formulierte ethische Vorsätze – Prinzipien heilsamen Verhaltens, die wir als Orientierungshilfe nutzen können, um mehr und mehr im Einklang mit der Realität zu leben. Darunter gibt es ein Prinzip, das es besonders einfach macht, den Effekt unserer Praxis zu erkennen, und das deshalb als die ‚grundlegende buddhistische Tugend‘ bezeichnet wurde: Dana, Großzügigkeit oder Freigebigkeit. In einem seiner Vorträge zum Edlen Achtfältigen Pfad sagte Sangharakshita: „In gewissem Sinn ist Dana oder Geben die buddhistische Grundtugend schlechthin. Wer sie nicht praktiziert, dürfte sich eigentlich nicht als Buddhist bezeichnen.“
Dana bedeutet „nicht so sehr den Akt des Gebens selbst wie vielmehr die Bereitschaft, geben zu wollen: den Wunsch, mit anderen zu teilen, was man selbst besitzt. Dieser Wunsch zu geben ist oft das erste Anzeichen des spirituellen Lebens.“

In allen Strömungen der buddhistischen Tradition misst man Dana große Bedeutung bei. So sieht man sie in der Freigebigkeit der Laien, die Mönche und Nonnen mit Nahrung versorgen, um ihnen zu ermöglichen, sich intensiver ihrer Praxis zu widmen. Ein starkes Symbol für Dana ist die Figur Avalokiteshvaras, der in jeder seiner eintausend Hände etwas hält, womit er Wesen helfen kann. Der Weg des Buddha selber, seine Suche nach einem Ausweg aus Dukkha, der Unzulänglichkeit oder dem Leiden, die alles Leben durchzieht, und seine jahrzehntelange unermüdliche Lehrtätigkeit sind hervorragende Beispiele der Verkörperung von vollkommener Großzügigkeit.

In der westlichen Welt scheint uns dieses Prinzip nicht so selbstverständlich zu sein. Karriere, Wettbewerb und das Streben nach dem Besten für uns selbst stehen für die meisten Menschen unserer Kultur im Vordergrund. Natürlich gibt es auch hier Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, aber oft richten die sich nur auf den engen Freundes- und Familienkreis. Wie können wir als Buddhisten innerhalb eines solchen Umfeldes wirksam praktizieren? Wie können wir eine Atmosphäre schaffen, die uns hilft, großmütiger und vertrauensvoller zu geben? Wer es ernst meint mit dem Streben nach Erleuchtung, wird nicht umhinkönnen, den Dämonen des Eigennutzes zu begegnen, ob im eigenen Herzen oder in der Welt um uns herum.

Wie können wir also Dana zu einer stabilen Grundlage unserer Praxis machen, die zugleich in die Welt hineinwirkt, in der wir leben?

Im Zentrum als Treffpunkte der Sangha versuchen wir im weitesten Sinne, ob zu Meditationsabenden, Studienveranstaltungen oder sonstigen Zusammentreffen, als Ort von Dana beispielhaft zu sein. Wir wollen das übliche Prinzip des Marktes hinter uns lassen, das letztlich, auch wenn es nicht so gemeint war – so klingt wie: „Meditation plus Vortrag, macht zusammen zwölf Euro.“ Wir haben zwar schon immer die Kostenbeiträge niedrig angesetzt und außerdem die Möglichkeit zu Ermäßigungen angeboten. Aber wir versuchen hier weiterzugehen und der oft unbewussten Annahme entgegenwirken, dass man Dharma, Meditation, spirituelle Unterweisung, ja sogar spirituelle Entwicklung kaufen könnte.

Der Dharma ist unbezahlbar und so wollen wir alle Freunde dazu ermutigen, aus ihrer eigenen Liebe zum Dharma und aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus, das zur inneren Vitalität und Entwicklung der Sangha und zum Gelingen und zur Erhaltung des Zentrums beizutragen, was sie selbst geben können und wollen. Materiell-finanzielle Beiträge sind ein wichtiger Teil unter anderen. Es gibt unzählige Möglichkeiten und Ebenen der Freigebigkeit. Wir können Materielles geben, vielleicht einfach Blumen für den Schrein oder etwas zu essen. Wir können auch Zeit und Energie schenken, praktische Unterstützung oder Ratschläge. Freundliche und liebevolle Rede, Lob oder Wertschätzung der Beiträge anderer oder ein ermutigendes Lächeln sind wertvolle Gaben. Anderen Menschen Interesse schenken ist ein wichtiger Akt der Großzügigkeit, die Liste könnte sehr lang werden. Unser Ziel ist, unseren Willen und unsere Fähigkeit zur Großzügigkeit in einigen oder all diesen Bereichen zu stärken.
Andererseits machten wir kein Geheimnis daraus, dass Vieles nötig ist, um das Zentrum zu erhalten und zu entwickeln – dazu gehört auch Geld. Manche überweisen vielleicht regelmäßig feste Geldbeträge, andere helfen auf praktische Weise mit – bei Büroarbeiten, dem Saubermachen des Zentrums, Gartenpflege und ganz besonders auch bei Umbau- und Renovierungsarbeiten, die ohne die Hilfe gar nicht möglich wären. Wie schön ist es, wenn die verschiedenen Aktivitäten des Zentrums spürbar vom Geist gegenseitiger Großzügigkeit und des Vertrauens getragen werden.
Einige Besucher haben aber nur geringe finanzielle Mittel – und vielleicht nicht einmal viel Zeit, um zu helfen. Die innere Haltung und Bereitschaft zu geben ist entscheidend. Wer selbst nur wenig Gelegenheit zum Besuch von Veranstaltungen hat, kann durch regelmäßige Spenden unterstützen.
Die Frage danach, wie und was wir alle geben könnten, ist manchmal auch mit inneren Widerständen verbunden. Der amerikanische Dichter Walt Whitman sagte: „Wenn ich gebe, gebe ich mich selbst.“ – Will ich das? Kann ich das? Was brauche ich für mich? Wo und wann halte ich mich zu sehr zurück? Wir können deutlich erkennen, dass es leicht ist, sich in einigen Bereichen von (vermeintlichen) Besitztümern zu trennen, während in anderen das Festhalten oder die Angst, etwas zu verlieren, sehr stark sind. Dies eröffnet Möglichkeiten, die Übung von Dana auszuweiten, eben gerade dadurch, dass man sich mit den eigenen Schwierigkeiten auseinandersetzt.

Natürlich kommen auch interessante Aspekte unserer Beziehung zu Geld zutage. Geld ist etwas, von dem sich viele Leute nur sehr zögerlich trennen, wenn es auch andere gibt, denen ein freundliches Wort mehr Schwierigkeiten verursacht! Häufig, so scheint es, ist Geld ein Tabu – es gilt als unfein, darüber zu reden, und das insbesondere in Verbindung mit höheren, geistigen Dingen. Aber es ist nichts Peinliches an diesem Thema. Es gibt keinen Grund, es aus dem spirituellen Leben auszuklammern. Es ist wie Dünger: Je mehr wir davon haben, desto mehr sollten wir verteilen. Geld ist nur ein Mittel, das auf nützliche oder schädliche Weise verwendet werden kann. Es ist ‚geronnene‘ Energie, Stärke, ja Macht, die missbraucht werden kann, die aber auch nötig ist, um den Dharma mehr und mehr Menschen im Westen zugänglich zu machen. So gesehen ist Geld willkommen – so viel davon, wie nur irgend möglich!

Wir alle haben unermessliche Schätze in uns, es gibt niemanden, der oder die nichts geben kann. Selbst wenn wir nur an unserer eigenen Entwicklung interessiert sind, gilt Shangharakshitas Behauptung: „Man kann sich nicht wirklich selbst helfen, ohne anderen zu helfen.“ Die Praxis von Dana ist eigentlich nichts anderes als eine bewusste Einübung der Wirklichkeit universaler gegenseitiger Abhängigkeit.

Dharmacharini Jayachitta
  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 21. Juli 2024