Das erste Paramita: Die Großzügigkeit
Über das Geben: Der Strom des Lebens ist nichts anderes als die harmonische Interaktion aller Elemente und Kräfte, die unsere Existenz ausmachen. Diese harmonische Interaktion aller Elemente und Kräfte in einem Leben drückt sich als Gesetz des Gebens, oder man könnte auch sagen, das Gesetz von Geben und Annehmen, aus. Da sich Körper, Geist und Universum in einem ständigen, dynamischen Austausch befinden, hat das Unterbrechen dieses Energiekreislaufes den gleichen Effekt wie ein Stillstand des Blutkreislaufes. Immer, wenn Blut nicht mehr frei fließen kann, wird es klumpig, gerinnt und stagniert. Daher muss man geben und annehmen, damit Wohlstand und alles andere, was man sich im Leben wünscht, frei strömen können.
Jede Beziehung besteht aus Geben und Annehmen. Geben erzeugt Annehmen, und Annehmen erzeugt Geben. Was unten ist wird oben sein, was fortgeht muss zurückkommen. Geben ist tatsächlich das gleiche wie Annehmen, denn Geben und Annehmen sind nur verschiedene Aspekte des gleichen Energieflusses im Universum. Und wenn man diesen Fluss aufhält, greift man in die Intelligenz der Natur ein. In jedem Samenkorn liegt das Versprechen von Tausenden von Wäldern. Aber man darf den Samen nicht horten. Er muss seine Fähigkeit zu wachsen an einen fruchtbaren Boden weitergeben. Durch diese Gabe fließt die unsichtbare Energie in eine materielle Manifestation.
Je mehr man gibt, um so mehr wird man empfangen, denn man hält den Überfluss des Universums damit aufrecht. Alles, was im Leben einen Wert hat, vervielfacht sich, wenn man es gibt. Was sich durch Geben nicht vervielfacht, ist weder die Gabe wert, noch das Empfangen. Wenn man beim Akt des Gebens das Gefühl hat, etwas zu verlieren, ist es nicht wahrhaft geschenkt und wird nicht wachsen. Wenn man grollend gibt, steckt keine Energie in dem Geschenk. Am wichtigsten ist daher die Absicht, die hinter Geben und Annehmen steckt. Die Absicht sollte sein, dass man für den Gebenden und Nehmenden Glück erzeugt, denn Glück ist lebensstützend und lebenserhaltend und vermehrt sich. Der Gegenwert steht in proportionalem Verhältnis zum Geben, solange es bedingungslos geschieht und von Herzen kommt. Daher sollte der Akt des Schenkens ein freudiger sein. Man sollte so eingestimmt sein, dass man sich über den bloßen Akt des Gebens freut. Dann vermehrt sich die Energie hinter der Gabe viele Male.
Die Anwendung des Gesetzes des Gebens ist eigentlich sehr einfach: Wenn man Freude wünscht, gibt man anderen Freude, wenn man Liebe will, sollte man lernen, Liebe zu geben. Wenn man Aufmerksamkeit und Zuwendung möchte, sollte man Aufmerksamkeit und Zuwendung geben. Wenn man materiellen Wohlstand will, so hilft man anderen, materiell wohlhabend zu werden. Der leichteste Weg, das zu erreichen, was man will, besteht darin, anderen zu helfen, das zu bekommen, was sie wollen. Dieses Prinzip funktioniert für Individuen, Firmen, Gesellschaften und Nationen gleichermaßen. Wenn man mit allen guten Dingen des Lebens gesegnet sein will, sollte man lernen, alle anderen Menschen mit den guten Dingen des Lebens zu beglücken. Schon der Gedanke an Schenken, der Gedanke an Segnung oder ein einfaches Gebet hat die Kraft, auf andere einzuwirken. Gedanken haben die Macht zu verwandeln.
Der beste Weg, das Gesetz des Gebens praktisch umzusetzen — den Prozess des Kreislaufs in Gang zu bringen —, besteht darin, dass man jedes Mal, wenn man Kontakt mit einem anderen Menschen hat, die Entscheidung trifft, ihm etwas zu geben. Dies braucht keine materielle Form anzunehmen, sondern könnte eine Blume sein, ein Kompliment oder ein Gebet. Am Stärksten wirkt ohnehin das Geben von nicht-materiellen Dingen. Die Geschenke von Zuwendung, Aufmerksamkeit, Zeit, Wertschätzung und Liebe sind die kostbarsten Geschenke, die man sich vorstellen kann, und sie kosten nichts. Wenn man jemandem begegnet, kann man ihm oder ihr Glück, Freude, Kraft und Humor wünschen. Solche stillen Geschenke sind sehr wirksam.
Wie wäre es, den Entschluss zu fassen, immer etwas zu geben, wenn man irgendwohin geht, oder wenn man jemanden besucht? Man könnte darauf entgegnen: »Wie kann ich anderen geben, wenn ich momentan nicht genug für mich selbst habe?« Doch man kann eine Blume mitbringen. Eine einzelne Blume oder man kann ein Kompliment machen. Man kann ein Gebet schenken oder den Wunsch, der oder die anderen können Freude, Liebe, Lachen, Frieden, Harmonie und Wissen empfangen und erleben. Wenn man diese Dinge zuallererst anstrebt, und nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, dann fällt einem alles Weitere von selbst zu.
Solange man gibt, wird man auch empfangen. Je mehr man gibt, um so stärkeres Vertrauen wird man in die wundersame Wirkung dieses Gesetzes entwickeln. Und wenn man selbst mehr empfängt, wächst die Fähigkeit, zu schenken.
Anwendung des Gesetzes vom Geben
Heute nehme ich mir vor:
- Ganz gleich, wohin ich gehe und wem ich begegne, ich werde ein Geschenk mitbringen. Dieses Geschenk könnte ein Kompliment sein, eine Blume oder ein Gebet. Heute werde ich jedem etwas schenken, dem ich begegne, und so beginne ich den Kreislauf aus Freude, Wohlstand und Überfluss in meinem Leben und im Leben anderer.
- Ich werde heute dankbar alle Geschenke empfangen, die das Leben mir bietet. Ich werde die Geschenke der Natur annehmen, die Sonne und den Vogelgesang, den Frühlingsregen oder das Aufblühen der Knospen auf den Bäumen. Ich werde auch offen für Geschenke von anderen sein, ob es sich dabei um materielle Gaben handelt, um Geld, ein Kompliment oder ein Gebet.
- Ich werde mich verpflichten, den Kreislauf der Fülle in meinem Leben aufrechtzuhalten, indem ich die kostbarsten Geschenke des Lebens weitergebe und empfange: die Gaben der Zuwendung, der Zuneigung, der Wertschätzung und der Liebe. Jedes Mal, wenn mir jemand begegnet, werde ich ihm in der Stille Glück, Freude und Lebenslust wünschen.
Freigiebigkeit
Wenn wir Freigiebigkeit üben, sind einfache Gaben materielle Dinge, auch wenn es sich nur um eine Handvoll Teeblätter oder ein Schüsselchen Gerste handelt. Wenn die Gabe mit einer vollkommen reinen Absicht gegeben wird, spielt die Menge keine Rolle. (Patrul Rinpoche, Die Worte meines vollendeten Lehrers)
Die vollkommene Qualität der Großzügigkeit entwickeln
Wenn wir zum Wohle aller Lebewesen Erleuchtung erlangen wollen, müssen wir bereit sein, alles zu geben, auch unseren geliebten Körper, unsere Fleisch und unsere Knochen, die wir über alles schätzen. Aufgrund dessen besteht keine Notwendigkeit, andere völlig unzuverlässige Dinge wie Geld, Land und Häuser überhaupt erst zu erwähnen.
Das ist erschreckend, nicht wahr? Wir schätzen unseren Körper und unseren Besitz, klammern uns an sie und können es nicht ertragen, uns von ihnen zu trennen. Der Gedanke, sie zu verschenken, ist definitiv unattraktiv. Sich von ihnen zu trennen ist schwer genug, aber noch schwieriger ist es, es nur aus Liebe und Mitgefühl zu tun, ohne Hoffnung auf eine Gegenleistung in diesem oder zukünftigen Leben. Aber genau dies ist die unvorstellbare Großzügigkeit der Bodhisattvas.
Die Praxis der Großzügigkeit in Bezug auf unseren Körper zum Beispiel, hat vier Aspekte: „Geben“ bezieht sich auf die Entwicklung der Bereitschaft, uns selbst vollständig zu geben. „Schützen“ bedeutet, den Körper nicht zu opfern, bis wir dies mit Leichtigkeit tun können. „Reinigen“ bedeutet sicherzustellen, dass unsere Großzügigkeit nicht durch negative Handlungen beeinträchtigt wird. „Vermehren“ bezieht sich auf die Schaffung von Tugend und positiver Energie, um sicherzustellen, dass wir in Zukunft ein menschliches Leben nach dem anderen haben werden.
Geben in der Hoffnung, etwas dafür zurückzuerhalten, wird zu einem Geschäftsvorgang. Wenn wir ein materielles Geschenk machen, Schutz oder Anweisungen geben und hoffen, dass unsere Bemühungen anerkannt und gewürdigt werden, laufen wir Gefahr, enttäuscht zu werden. Wenn wir aber etwas ganz zum Nutzen anderer tun und keinen Dank erwarten, werden wir nicht enttäuscht und können angenehm überrascht sein.
Wenn der andere Mensch irgendwelche Manieren hat, wird er oder sie uns für das danken, was wir getan haben. Denn es ist auch wichtig, Freundlichkeit zu schätzen und etwas zurückgeben zu wollen, zumindest ein „Dankeschön“.