Bodhicitta des Wünschens und der Anwendung
Bodhicitta, die Haltung des großen Mitgefühls, hat zwei Zielrichtungen: das Wohl anderer zu fördern oder Mitgefühl zu entwickeln, und Erleuchtung oder Weisheit zu erlangen. Nach Erleuchtung streben wir nicht nur, um selbst dem Leiden in Samsara zu entfliehen, sondern auch zum Wohl all jener, die uns sehen, hören, berühren oder sich an uns erinnern. Nun mögen wir die Fähigkeit haben, zehn, hundert, tausend oder, wenn wir berühmt sind, vielleicht sogar Hunderttausenden oder gar Millionen von Menschen zu helfen, doch reicht das nicht aus, denn die Zahl der Wesen, die in Samsara leiden, ist unendlich.
Wenn wir danach streben, für uns und alle Wesen Erleuchtung zu erlangen, so wird dies Bodhicitta des Wünschens oder des Strebens genannt. Obwohl für unsere Übung unverzichtbar, können wir allein dadurch unser Ziel nicht erreichen. Wenn wir auf das große Meer Samsaras blicken und uns und andere ans andere Ufer bringen wollen, jedoch kein Boot haben oder nichts, um ein Boot fortbewegen zu können, werden wir unser Ziel trotz allen Wünschens und Strebens nicht erreichen.
Vielmehr müssen wir außerdem auch aktiv werden — den Pfad der Übung wirklich beschreiten. Die Methoden anzuwenden, die negative Gedanken und Handlungen verringern und reinigen und die positiven Qualitäten verstärken, und gleichzeitig die wahre Natur des Geistes zu erkennen, so dass wir uns selbst und alle Wesen zur Buddhaschaft führen können. Dies wird Bodhicitta der Anwendung oder des Handelns genannt und ist der Pfad des Bodhisattva.
Trainieren und Dienen
Bodhisattvas übernehmen bereitwillig die Verantwortung zu helfen und wählen Wege, die den Voraussetzungen und Anlagen, den Interessen und Fähigkeiten anderer entsprechen, dies bedeutet, dass sie Fachwissen in vielen Bereichen benötigen. Als Teil ihres Verhaltens praktizieren sie die sechs Vollkommenheiten (oder Paramitas) von Großzügigkeit, ethischem Verhalten, Geduld, Disziplin, Konzentration und Weisheit, und verpflichten sich zu dieser Lebensweise, weil sie zum Wohle aller Lebewesen Erleuchtung erlangen wollen.
Wir behaupten, ihnen nachzustreben, daher sollte unser Interesse an den Lehren nicht nur aus Neugier oder dem Geschmack für außerordentliche Fakten resultieren. Wir kennen bereits viele davon, und es gibt anderswo noch viel mehr zu entdecken. Hoffentlich sind wir wirklich daran interessiert, was uns und anderen Glück bringt, und haben erkannt, dass externe Faktoren nicht die Hauptquelle dafür sind. Glück entsteht durch die Veränderung unseres Denkens, Fühlens und Handelns.
Eine Methode, die uns hilft, Bodhicitta in jeden Aspekt unseres Lebens einzubeziehen, ist die Übung der sechs Vollkommenheiten oder (in Sanskrit) der Paramitas: Großzügigkeit, moralisches Verhalten, Geduld, Beharrlichkeit, Konzentration und Weisheit.
Großzügigkeit
Großzügigkeit verringert unsere Tendenz, an Dingen festzuhalten. Man kann unterscheiden zwischen materieller Großzügigkeit, die im Teilen von Nahrung und Kleidung und anderer Dinge zum Ausdruck kommt; spiritueller Großzügigkeit, die in der Übermittlung spiritueller Lehren besteht oder darin, Menschen, die Angst haben, von ihrer Angst zu befreien und sie zu schützen; und schließlich einer Großzügigkeit, die darin besteht, dass wir anderen unsere Zeit, Energie und Rede schenken, indem wir uns ihnen mitteilen, sie lehren, sie beraten und ihnen gegenüber liebevolle Güte zum Ausdruck bringen. Ganz gleich, welchen Glücks wir uns zurzeit erfreuen, es ist die Frucht früherer Großzügigkeit, die wir nun genießen können, indem wir sie mit anderen teilen.
Moralisches Verhalten
Bei der Übung moralischen Verhaltens überprüfen wir ständig unsere Motivation, um sicherzustellen, dass wir unseren Körper, unsere Sprache und unseren Geist auf eine Weise benutzen, die nicht nur nicht schadet, sondern anderen von Nutzen ist. Außerdem streben wir Bedingungen an, unter denen wir die größtmögliche positive Wirkung erzielen können — Bedingungen, die uns helfen zu lernen, was wir lernen müssen und um die erforderlichen Methoden, Qualitäten und Stärken zu entwickeln und dergleichen mehr. Und schließlich bemühen wir uns unermüdlich um Disziplin.
Geduld
Wir üben Geduld, indem wir in unseren Bemühungen, zum Wohl anderer zu wirken, nie nachlassen, ganz gleich, wie sie auf uns reagieren oder welche Einstellung sie uns gegenüber haben mögen. Außerdem entwickeln wir Geduld als Gegengift zu Aggression, Zorn und Hass. Ein buddhistisches Sprichwort lautet: »Gegen ein Übel wie Zorn gibt es keine bessere Übung als Geduld.« Dies fördert unseren Geistesfrieden und kommt letztendlich auch unserem Streben nach Erleuchtung zugute.
Es gibt drei grundlegende Arten von Geduld: Geduld angesichts von Bedrohungen oder Schädigungen durch andere, Geduld im Akzeptieren der Schwierigkeiten bei unserer spirituellen Übung und im Umgang mit ihnen, und schließlich Geduld, die im Akzeptieren der tiefgründigen Implikationen der wahren Natur der Wirklichkeit und im furchtlosen Umgang mit ihr zum Ausdruck kommt.
Geduld kann auf persönlicher, regionaler oder nationaler Ebene wichtig werden. Wenn Einzelne oder Gruppen anderen Menschen Probleme bereiten, sollten wir auf deren Aggression nicht mit Wut reagieren, sondern uns vergegenwärtigen, dass alle Wesen einmal unsere Mutter gewesen sind und uns große Güte erwiesen haben.
Aus Unwissenheit verstehen sie die Verbindung zwischen uns und ihnen nicht, und ihnen ist auch nicht klar, dass sie die Samen für zukünftiges Leiden säen. Indem wir davon absehen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, fördern wir das Wohl aller Beteiligten, denn unsere Geduld zerstreut Aggression sehr schnell, und wir verhindern, dass die Probleme noch zahlreicher werden.
Als Buddha Shakyamuni in Bodhgaya unter dem Bodhi-Baum saß, unternahmen die Kräfte Maras, der Verkörperung all dessen, was uns an Samsara bindet, einen letzten Versuch, ihn zu bezwingen und seine Erleuchtung zu verhindern. Zu diesem Zweck versammelten sie ein Dämonenheer, das den Buddha angriff. Doch durch die Kräfte der Geduld, der Liebe und des Mitgefühls, die sich durch seine Realisation auf natürliche Weise manifestiert hatten, verwandelten sich ihre Waffen in Blumen.
Freudiger Eifer
Beharrlichkeit oder Fleiß beinhaltet, dass man sich auf eine Aufgabe vorbereitet und sie umsetzt, wobei man eine unerschütterliche Ausdauer darin entwickelt, das Begonnene zum Abschluss zu bringen und danach nie mehr zurückzublicken. Wir entwickeln nicht nur innere Qualitäten, sondern auch die Mittel, die wir brauchen, um anderen helfen zu können. Beispielsweise mag jemand über liebevolle Güte verfügen und beabsichtigen, kranken Menschen zu helfen, doch um dies wirklich zu können, muss man sich jahrelang hingebungsvoll dem Studium und der Praxis der Heilkunst widmen.
Wir üben uns in Beharrlichkeit, um unser Ziel zu erreichen: das kurzfristige und letztendliche Glück aller Wesen. Wenn es uns nicht möglich ist, einen Schritt vorwärts zu tun, sollten wir zumindest nicht zurückgehen. Allmählich, Schritt für Schritt, kann selbst ein Esel den Weg um die Welt schaffen.
Meditation
Wir entwickeln Konzentration oder Stabilität in der Meditation, indem wir unseren Geist schulen. Der tibetische Begriff für diese Vollkommenheit ist samten, wobei sam »denken« bedeutet — gemeint ist, dass wir das rationale Denken in der Kontemplation nutzen. Ten bedeutet »stabil« oder »fest«. Die Erfahrung meditativer Stabilität wird oft mit dem tibetischen Begriff shinay gleichgesetzt, der beinhaltet, dass der Geist in einsgerichteter Konzentration zur Ruhe kommt, wobei er entweder auf eine Vorstellung gerichtet ist oder im natürlichen Zustand des Gewahrseins weilt.
Eine Art meditativer Stabilität besteht darin, ohne jede Ablenkung über eine einzige Idee nachzusinnen oder sich auf sie zu konzentrieren, so dass der Geist nicht zu anderen Gedanken abschweift, nicht einmal zu sehr ähnlichen. Konzepte und die Worte, die sie zum Ausdruck bringen, verweisen auf einen tieferen Sinn.
Weisheit
Eine andere Form meditativer Stabilität ist die natürliche Rückkehr des Geistes in seinen ursprünglichen Zustand, ohne dass er durch Gedanken der drei Zeiten verdunkelt wird — durch Erinnerungen an die Vergangenheit, Gedanken an die Gegenwart oder Vorwegnahmen dessen, was in Zukunft geschehen könnte. Eine noch tiefere Art meditativer Stabilität ist von der sechsten Vollkommenheit, der Vollkommenheit der Weisheit, durchtränkt, die als Siegel fungiert, das dem Zustand ruhigen Verweilens aufgeprägt wird.