Karma
Die erste Botschaft des Buddha, nachdem er erleuchtet wurde, waren die Vier Edlen Wahrheiten. Aus diesem Grund sollten wir, wenn wir gute Praktizierende werden wollen, uns mehr mit dem Karma beschäftigen. Die Vier Edlen Wahrheiten basieren sehr stark auf der Botschaft des Karmas: Ursache und Ergebnis. Karma ist so tiefgründig. Je mehr wir den Zusammenhang des Karmas und seine Wirkung untersuchen und analysieren, desto mehr werden sich die edlen Qualitäten wie Mitgefühl, liebende Güte und Weisheit in uns entwickeln. Alles basiert auf Karma, daher betonen die Kadampa-Meister immer die Praxis von Karma und karmischem Handeln. Die Eigenschaften von Karma klar zu sehen, hat mit Weisheit zu tun. Es geht zum Beispiel nicht darum, krank zu sein und nur zu sagen, „es ist mein Karma“, ohne die Bedeutung von Karma zu verstehen. Woher weißt du, ob es dein Karma oder ein Unfall ist – es könnte ein Unfall sein. Wenn wir jedoch sagen, „es ist mein Karma“, bedeutet das, dass wir die Verbindung zwischen unserer Persönlichkeit und dem Karma erkannt haben. Wir sind uns daher sehr sicher, dass es das Ergebnis unseres vorherigen Karmas, also früherer Handlungen, ist. Darüber hinaus werden wir aufgrund dieses Verständnisses mehr Dharma-Praxis und mehr Geistestraining ausüben wollen, und wir werden mehr daran interessiert sein, mit unserem Karma zu arbeiten.
Wenn wir auf diese Weise vorgehen, geben wir dem Karma keine Schuld, aber wir lernen die Existenz von Karma zu schätzen. Was ich hier sagen will, ist, dass unsere Wertschätzung von Karma nicht allein aus unserer Erfahrung resultiert. Die Wertschätzung von Karma kommt aus dem Wissen über Karma, das durch Prüfung und eine lange Reflexion darüber und seine Anwendung auf jeden einzelnen Moment entstanden ist. Unabhängig davon, ob es sich um eine angenehme oder unangenehme Situation handelt, müssen wir schätzen, dass Karma in jeder Situation zum Ausdruck kommt. Wenn du dazu in der Lage bist, dann wirst du langsam fähig sein, dich der Realität mit ihrer jeweiligen Erfahrung zu nähern und in sie einzutreten. Ohne dies funktioniert es nicht. Es geht nicht, einfach zu sagen, „es ist Karma“, ohne in der Lage zu sein, eine Verbindung zwischen Wissen und Erfahrung herzustellen. Daher sagen die Kadampa-Meister: „Je mehr du dich mit Karma beschäftigst, dieses Gesetz von Ursache und Handlung analysierst und darüber nachdenkst, desto mehr wird deine Praxis zunehmen, desto mehr Mitgefühl entsteht und desto mehr liebevolle Güte wird sich entwickeln“.
Dies geschieht alles aufgrund der Kraft der Erkenntnis und Verwirklichung, die wir aus der Wertschätzung karmischer Eigenschaften gewonnen haben, und es bedeutet, dass Karma unser tägliches Leben ist, nicht nur unsere Praxis und unsere Meditation. Wir können so auch eine umfassende und tiefe Verbindung zu fühlenden Wesen herstellen, im Sinne eines Verständnisses des Karmas, das man mit ihnen teilt. Achtsamkeit ist der erste Schritt. Je mehr wir üben, um so weniger haben äußere Faktoren die Chance, uns zu beeinflussen. Das bedeutet, dass wir versuchen, Abstand zu Negativitäten, äußeren Hindernissen und unerwarteten Situationen zu wahren. Wenn wir dies nicht tun, entstehen in unserem täglichen Leben viele Hindernisse und ungewollte Situationen. Diese haben wir wegen unseres Mangels an Bewusstheit, Achtsamkeit und Umsicht. In unserer Praxis ist die Umsetzung wichtiger als intellektuelles, theoretisches und spirituelles Verständnis – diese reichen nicht aus. Der Intellekt und die Umsetzung des Gelernten müssen zusammenarbeiten; wir müssen eine umfassende und tiefe Verbindung herstellen. Ohne äußere Faktoren können wir Achtsamkeit jedenfalls nicht anwenden.
Nur immer wieder über das Thema Karma zu sprechen, reicht nicht aus. Wie Karma funktioniert, müssen wir in unserem täglichen Leben spüren und erfahren, und dazu müssen wir uns mit den Situationen und äußeren Faktoren, die auftreten, auseinandersetzen. Wir haben immer angenehme und unangenehme Situationen, günstige und ungünstige Umstände, eine/-n nach der/dem anderen. Dies sind hilfreiche Herausforderungen, die der Praktizierende braucht, um die wahren Faktoren des Funktionierens von Karma zu verstehen. Daher ist der erste Schritt Umsicht bei unseren Aktivitäten. Der zweite Schritt besteht darin, das Heilmittel anzuwenden, sobald wir gelernt haben, unseren Geist gut zu bewachen. Dann können wir unsere mächtige, zugrundeliegende Ignoranz bekämpfen. Gampopa sagt, dass Anfänger noch nicht in der Lage sind, die Überwindung der Wurzel von Samsara direkt in Angriff zu nehmen.
Für Anfänger besteht die wichtigste Übung darin, mit Situationen umzugehen, indem wir unseren Geist bewachen und achtsam sind. Dies ist die beste Übung für Anfänger. Aber wir erwarten zu viel, nicht wahr? Wir denken: “Heute werde ich Buddhist und nehme Zuflucht, morgen möchte ich Mahamudra praktizieren.” Das ist schwierig. Es ist schwierig, weil wir keine Grundlage haben. Wir brauchen ein solides Fundament. Da ein Gebäude ein solides Fundament braucht, damit es nicht nach einiger Zeit einstürzt, brauchen auch wir ein solides Fundament. Eine solide Grundlage ist das Wissen um Ursache und Wirkung und unsere Fähigkeit, mit unseren Emotionen im Alltag zu arbeiten. Wir brauchen jedoch immer noch Achtsamkeit und Klarheit, wenn wir die Heilmittel anwenden. Andernfalls werden wir bei der Anwendung dieser Heilmittel scheitern. Der dritte Schritt ist der Erfolg. Diese drei Kategorien wurden von Shantideva und Chandrakirti genannt.
Es gibt eine starke Verbindung zwischen Karma und der einzelnen Person, Karma und den Emotionen. Deshalb müssen wir über die Beziehung zwischen Karma und dem individuellen Wesen nachdenken. Unsere Erwartungen, unsere Wünsche und unsere Hoffnungen sind es, Erleuchtung und Freiheit zu erlangen – jeder will Freiheit, nicht wahr? Niemand möchte leiden und in diesem schmerzhaften Samsara weiterwandern; alle wollen raus – frei und glücklich sein. Wir verstehen also auf gewisse Weise, aber wir wissen nicht wirklich, wie es geht, was zu tun ist. Wenn wir eine Lehre über Karma – Ursache und Wirkung – hören, die sich auf Samsara und Nirvana bezieht, klingt das interessant; aber wir müssen wissen, wie wir sie umsetzen. Die Methode und das Training bestehen darin, mit Karma zu arbeiten; wir brauchen ein reiches Wissen über Karma, und wir müssen uns mit Karma auseinandersetzen. Solange Karma da ist, gibt es definitiv keine Befreiung. Ultimative Befreiung bedeutet, dass wir in der Lage sind, Karma in Weisheit umzuwandeln – vollständig und endgültig. Person und Karma sind also untrennbar verbunden; wenn wir negatives Verhalten anhäufen und nicht tugendhafte Handlungen ausführen, ist Samsara da; wenn wir tugendhafte Handlungen und gute Dinge tun, ist die Befreiung da. Aufgrund der Verbindung mit Karma liegt es ganz beim individuellen Menschen; Karma folgt uns überall hin
Alles funktioniert grundsätzlich allein durch Karma. Ich gebe euch ein Beispiel für die negative Emotion der Wut: Zuerst gibt es die Wut, dann die Ausführung der Handlung und dann die Befriedigung darüber – es gibt drei verschiedene Phasen. Die erste ist die egozentrische Motivation oder Absicht der Person – hier sammelt sich das negative Karma an. Die Anhäufung von negativem Karma beginnt mit der Motivation und nicht mit der Hauptausführung der Handlung. Dies ist der Fall bei Wut, Eifersucht, Stolz oder was auch immer belastende Emotionen es sind. Man kann jedoch nicht einfach sagen: „Das ist mein Karma, so ist es eben“. Wir alle würden gerne sagen: „Oh, das ist mein Karma, es tut mir leid“ – Karma ist eine gute Ausrede. Trotzdem können wir etwas tun, um Karma zu ändern; zum Beispiel, wenn wir Ärger empfinden und ihn in die Tat umsetzen, aber gleichzeitig Bedauern fühlen. Wenn uns unsere Absicht und Motivation nicht gefallen, und wir daher unsere Handlungen oder Sprache nicht mögen, dann wird uns dieses Bedauern helfen, das Karma zu verringern, da wir nicht alle drei Schritte abgeschlossen haben, da es keine Befriedigung gibt. Wenn der Ausführung der Handlung Zufriedenheit folgt, bedeutet dies, dass wir vollständig und umfassend Karma angesammelt haben. Es ist daher so wichtig, ein Heilmittel anzuwenden. Zu sich selbst zu sagen, „was ich tue, ist nicht richtig, es ist nicht gut“ ist wichtig. Dies muss bei jeder unheilsamen Handlung angewendet werden, und daraus entsteht die Notwendigkeit des Bedauerns.
Wir müssen mit einem Gefühl und einer Erfahrung des Bedauerns die schädliche Handlung eingestehen. Wir müssen unser Handeln und unsere negative Absicht und Motivation sehr bedauern. Wenn wir so bekennen, verringert dies die Kraft unserer negativen Handlungen sehr. Auf der anderen Seite, wenn wir mit negativer Motivation beginnen, dann entsprechend handeln und dann drittens Zufriedenheit über unsere negative Handlung und Motivation fühlen, bedeutet dies, dass alle Schritte zur Entwicklung von negativem Karma vollzogen sind. Shantideva sagt, dass Bedauern eines der besten Mittel für den Praktizierenden ist, um unsere inneren Schwierigkeiten zu überwinden. Anstatt jedoch ein Geständnis abzulegen, sind wir manchmal zu stolz zuzugeben, was wir getan haben. Selbst wenn wir etwas falsch gemacht haben, sagen wir selten: „Ich liege falsch“, wir sagen immer: „Vielleicht habe ich Recht“. Wir versuchen zu leugnen, was wir getan haben, aufgrund der Macht unserer Verwirrung und unserer negativen Emotionen. Die Leute sagen sehr selten: „Ich habe falsch gehandelt, es tut mir leid“; meistens sagen wir „Ich habe recht“, und deshalb gibt es kein Geständnis und keine Reinigung.
Wenn wir Bedauern und Vergebung anwenden, anstatt nur das Hundertsilben-Mantra zu singen, ist dies die beste Reinigungsmethode. Wir glauben, dass Dorje Sempa, Vajrasattva, wie ein von Buddha gesandter Agent ist, um Negatives zu reinigen. Also verehren wir Vajrasattva, bieten einige Schüsseln mit Wasser mit Blumen, Lichtlampen und Weihrauch an und sagen: „Ich werde deine Praxis machen, um sicherzustellen, dass du mir hilfst, mein negatives Karma zu reinigen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich morgen wieder Negatives ansammeln werde, aber du musst mir weiterhin helfen, mich zu reinigen.“ Dies ist nicht der Weg, Negatives zu reinigen. Die Reinigung von Negativität ist mit Weisheit verbunden, und um diese Weisheit zu entwickeln, müssen wir die Qualitäten haben, zu verstehen, was nicht richtig ist, und Bedauern und Vergebung empfinden. Wir müssen uns selbst eingestehen, dass das, was wir getan haben, nicht richtig war. Unsere eigenen Fehler und Fehltritte anerkennen sind die Prinzipien, die wir brauchen, um unsere Negativität zu reinigen.
Gedanken zu Karma
Wenn ihr zu sehr an schnellen Besserungen hängt, liegt darin eine große Gefahr. Was augenscheinlich von anderen kommt, hat tatsächlich seine Wurzel in unserem eigenen Karma. Darum hat der Buddha gesagt: »Wenn du wissen willst, was du in der Vergangenheit getan hast, betrachte einfach die Situationen, denen du in diesem Leben begegnest.« Vergangenes Karma wird in diesem Leben erfahren. Alle inneren und äußeren Erfahrungen sind nichts anderes als der Ausdruck von Karma. Jetzt sind in eurem Geist die Erfahrungen und Projektionen vermischt, manche gehören zur Welt und andere zum Dharma. Doch da euer Training in weltlichen Dingen noch größer ist als euer Training im Dharma, trefft ihr eher auf weltliche Erfahrungen und Situationen als auf jene des Dharma. All die verschiedenen Zustände des Geistes, die man erfährt, kommen nicht von nirgendwo, sondern von vergangenem Karma. Alle Gedanken, Vorstellungen, Gefühle im Geist und auch alle Situationen im Außen kommen nicht aus dem Nichts, sondern von vergangenem Karma. Durch euren eigenen Geist, durch eure eigene Erfahrung, könnt ihr verstehen, was vorher war, und auch beobachten, wie die Dinge ganz von selbst auftauchen. Es ist ein Vorgang, der völlig natürlich geschieht. Wir müssen uns nicht trainieren, um diese oder jene Emotion zu haben. Sie taucht plötzlich auf, weil wir uns bereits früher häufig in sie verstrickten.
Dies wird die Bildung von Gewohnheitstendenzen genannt. Wenn diese Gewohnheitstendenzen vollkommen aufgelöst sind, ist man erleuchtet. Meditation bedeutet nichts anderes, als sich darin zu üben, diese gewohnheitsmäßigen Neigungen loszulassen, sie nicht mehr zu greifen und festzuhalten. Erleuchtet zu werden bedeutet nicht, dass man sich seine eigenen Sehnsüchte erfüllt und von diesem oder jenem, was man gerade vermisst, mehr bekommt, sondern genau das Gegenteil. Wir werden uns all dieser Neigungen bewusst, fixieren uns nicht mehr auf sie, greifen nicht mehr nach ihnen, sondern lassen sie los, sodass sie allmählich immer schwächer werden. Und wenn von all diesen Gewohnheitsmustern nichts mehr übrig ist, bleibt der nackte Geist zurück. All die Probleme, die ihr jetzt habt, die Gefühle und Schmerzen, sie alle stammen von früheren weltlichen Verwicklungen. Und ihr verhaltet euch in weltlicher Weise zu ihnen und wollt sie mit irgendwelchen Tricks lösen. Aber dies wird euch nur immer mehr Leid einbringen, immer mehr Frustration und Schmerz. Jetzt ist es an der Zeit, dass ihr dies ändert und euch wirklich auf den Dharma einlasst im Vertrauen, dass all diese weltlichen Schwierigkeiten ganz gewiss durch die Praxis des Dharma gelöst werden.
Das Problem ist, dass die meisten Leute fast ausschließlich auf das schauen, was gerade jetzt vor ihnen liegt. Sie streben danach, dieses gegenwärtige Leben unmittelbar jetzt in einer sehr begrenzten und engen Weise zu verbessern. Und sie berücksichtigen nicht genügend die letztendliche, langfristige Wirkung von Karma, die weit über dieses Leben hinausreicht. Das zu verbessern, was gerade jetzt vor einem liegt, wird niemals funktionieren. Ihr müsst, was die Praxis des Dharma angeht, weiter schauen und einen längeren Zeitraum veranschlagen. Doch ihr habt es eilig, Ergebnisse zu erzielen, und wollt von der Dharma-Praxis nach Tagen oder Monaten bereits etwas zurück erhalten, etwas sollte sich ändern, eure Lage sollte sich irgendwie verbessern, sonst habt ihr kein Vertrauen mehr. Darin liegt die Schwierigkeit. Hegt ihr hingegen eine weitere Sichtweise und lasst die Dinge sich allmählich entwickeln, einfach mit Vertrauen in die langfristige Entwicklung, so wird alles wirklich gut, alles wird sich tatsächlich bessern und sich zum Positiven wenden. Wenn ihr zu sehr an schnellen Besserungen hängt, nur bezogen auf euer jetziges Leben und euren jetzigen Körper, liegt darin eine große Gefahr. Und ihr solltet euch daran erinnern, dass der Nutzen, den ihr sucht, nicht für euch selbst, sondern für andere ist, und ihr euch deshalb verbessern wollt, und nicht aus Eigennutz heraus. Gendun Rinpoche 1991
Reflexionen über Karma – Das Gesetz von Tat und Wirkung
vom 14. Dalai Lama
Karma bedeutet Handlung oder Tat. Es gibt zwei Hauptarten von Taten: weltliche, die in einem der sechs Daseinsbereiche heranreifen, und nicht-weltliche, die keine Wiedergeburt im Daseinskreislauf hervorrufen. Die Taten gewöhnlicher Wesen sind von der ersten Art, die Taten der Heiligen (ārya) sind von der zweiten Art.
Heilsame und unheilsame Taten
Unheilsam sind Taten, die als karmische Frucht Leid nach sich ziehen. Wie entsteht unheilsames Karma? Wenn man sich zum Beispiel ärgert und gereizt fühlt, erlebt man eine starke Anhaftung an das »Ich«. Man hat den Eindruck, dieses konventionell und abhängig existierende Selbst, das arbeitet, isst, lernt und stirbt, besäße eine wahre, unabhängige Existenz. Man verhält sich wie ein Mensch, der im Dunkeln ein Seil, das auf dem Boden liegt, mit einer Schlange verwechselt. Er fürchtet sich, weil er sich irrt, denn er sieht das Seil nicht als Seil, sondern fügt in seiner Vorstellung etwas hinzu, was nicht wirklich vorhanden ist. Was heute morgen geschah, ist Vergangenheit. Unser Geisteskontinuum bricht jedoch nicht ab, deshalb können wir uns an Vergangenes erinnern. Unzählige Arten heilsamen und unheilsamen Karmas sind in unserem Geist aufbewahrt. Haben wir in der Kindheit gelogen, so bleibt der Samen in uns und wird Frucht tragen, sobald seine Zeit gekommen ist – es sei denn, wir hätten die Wirkungen schon erfahren oder dieses Karma durch geeignete Mittel beseitigt.
Heilsam werden jene Taten genannt, die als karmische Frucht Glück hervorbringen. Wenn wir jemanden sehen, der einen Vogel töten will, so ruft das in uns Mitgefühl hervor. Mit dem Wunsch, das Leben des Vogels zu retten, entsteht heilsames geistiges Karma, das einen glückbringenden Eindruck in unserem Bewusstseinsstrom hinterlässt. Sollte die von Mitgefühl erfüllte Willensregung zu einer Handlung des Körpers oder der Rede führen, und würde daraufhin der Vogel befreit, so wäre die Kraft dieses heilsamen Karmas noch stärker. Das Ergebnis ist Glück für uns und andere. Mit dem Geist sammelt man schneller Karma an als mit körperlichen oder sprachlichen Taten. In einer einzigen Minute können viele Arten geistigen Karmas angesammelt werden. Wenn allerdings der Wunsch, jemandem zu schaden, so stark anwächst, da er sich in Handlungen des Körpers oder der Rede niederschlägt, ist die im Bewusstseinsstrom zurückbleibende schädliche Prägung um so tiefer. Diese Unwissenheit ist der Nährboden für alle Leidenschaften (Klesha); denn Hass, Gier und die anderen Verunreinigungen des Geistes entstehen daraus – in Abhängigkeit von wechselnden äußeren Reizen. Leidenschaften wecken zum Beispiel den Wunsch, anderen Menschen zu schaden. Wenn ein solcher Wunsch erwacht, wird eine geistige Tat, ein geistiges Karma, erzeugt. Die Tat hinterlässt einen Eindruck, einen Samen im Geisteskontinuum, der zur Reife gelangt, wenn die notwendigen Bedingungen gegeben sind.