Was ist Dharma?
Im Allgemeinen besteht der Dharma darin, unseren Geist, unsere Persönlichkeit und unsere Lebensweise zu verändern. Um uns auf positive Weise zu verändern, brauchen wir Anweisungen. Wir brauchen tiefgehende Anweisungen. Wir brauchen richtige, authentische Anweisungen. Wir müssen wissen, wie wir vorgehen können. Es heißt, dass wir diese Unterweisungen von einem echten Lama erhalten. Aber dann ist es nicht leicht, einen echten Lama zu finden. Manchmal hat man das Gefühl, einen echten Meister gefunden zu haben, aber dann stellt man später fest, dass unser Eindruck nicht stimmte. Es gibt zwei Arten von Meistern. Lehrer, die den Dharma voll und ganz praktizieren, und die die Erfahrung des Dharma haben, also das Praktizierte wirklich verinnerlicht haben. Das sind die, auf die man sich wirklich verlassen kann, zu denen man Zuflucht nehmen kann. Dann gibt es andere, von denen man Belehrungen erhalten kann, die uns helfen, den Dharma zu verstehen, aber man kann sich nicht wirklich im gleichen Maße auf sie verlassen oder in sie Zuflucht nehmen. Wichtig ist jedoch, dass du trotzdem Menschen finden kannst, mit denen du den Dharma studieren kannst. Diese Meister sind echte Lebewesen. Aber nicht alle Meister müssen Lebewesen sein. Manchmal wird gesagt, dass alles, was erscheint, ein Meister und eine Belehrung sein kann. Alles kann ein Lehrer sein. Alles kann ein Lama sein. In den Unterweisungen über Geistestraining heißt es, dass ein negatives Ereignis auch dein Lehrer sein kann. Sehen wir uns beispielsweise die vier Jahreszeiten an. Wenn wir nur äußerlich betrachten, dann haben wir das Gefühl, jetzt ist Winter, wir brauchen mehr Kleidung, jetzt ist Sommer, es ist heißer. Wir wissen, dass der Winter das Verschwinden der Wärme ist und die Vegetation ihre Blätter verliert, aber wenn du genau hinsiehst weißt du, dass sich alles ständig verändert. Wenn man genau hinsieht, versteht man die Vergänglichkeit, die die Jahreszeiten lehren. Das ist selbst eine Belehrung. Wenn man wirklich hinsieht, kann man alle möglichen pulsierenden, lebendigen Lehren im Leben selbst erkennen. Es ist nicht notwendig, Anweisungen nur in Worten zu hören, denn Anweisungen können in dem gefunden werden, was um dich herum ist, was du siehst. Es gibt viele verschiedene Wege, den Dharma kennen zu lernen und zu verstehen, es geschieht nicht nur durch Hören… (von S. H. XVII Karmapa Ogyen Trinley Dorje) Link: https://livingthedharma.eu/project/what-is-dharma-2-2/
Die acht weltlichen Dharmas
Die acht weltlichen Dharmas sind vier Paare von Gegensätzen, die unser Leben, Verhalten, Denken bestimmen, uns dadurch viel Leid bringen, und uns im Kreislauf der Existenz gefangen halten: Gewinn und Verlust, Glück und Leid, Lob und Tadel, Ruhm und Schmach. Die einen zu erlangen und die andren zu vermeiden ist die Triebfeder des gewöhnlich Strebens nach Glück und des Vermeidens von Leid in Samsara. Wir sind glücklich, wenn wir etwas bekommen, und unglücklich, wenn nicht; glücklich bei freudigen Anlässen, unglücklich bei schmerzhaften; glücklich, wenn wir gelobt werden, und unglücklich bei Kritik; glücklich, anerkannt zu sein, und unglücklich, gemieden zu sein. Sich von diesen Reaktionsmustern zu befreien, ist Teil des Weges zum großen Erwachen. (Gampopa – Der kostbare Schmuck der Befreiung, S. 270). Die Sangha Die Sangha: ein Interview mit Geshe Pema Samten. FRAGE: Was ist die genaue Bedeutung davon, Zuflucht zum Sangha zu nehmen? ANTWORT: Wenn wir Zuflucht zum Sangha nehmen, denken wir an die Heiligen, weil sie den wahren Pfad, die Erkenntnis der Leerheit, in sich hervorgebracht haben. Jeder Heilige oder „Realisierte“ ist ein echtes Zufluchtsobjekt. Die Heiligen haben unermessliche Vorzüge und Tugenden. Die wesentliche Qualität ist ihre Weisheit, denn sie bewirkt, dass dieser Mensch keinen üblichen Irrtümern mehr unterliegt. FRAGE: Welche Bedeutung hat die Gemeinschaft für die spirituelle Praxis ANTWORT: Wir sind in allen Belangen der Dharmapraxis auf die Gemeinschaft angewiesen. Wir brauchen Erklärungen, Anregungen und den Austausch mit anderen. Wären wir schon Realisierte, könnten wir für uns allein in Abgeschiedenheit praktizieren. Aber diese Stabilität und Festigkeit in der Praxis haben wir nicht. Deshalb wird es für die meisten unmöglich sein, außerhalb einer Gemeinschaft Dharma kennen zu lernen und zu üben. Es ist möglich, dass sich in der Gemeinschaft, in der wir praktizieren, realisierte Wesen befinden, wir sollten das nicht vorschnell verneinen, denn wir können es kaum beurteilen. Es ist gut, zumindest die Möglichkeit offen zu lassen, und Vertrauen in die Gemeinschaft zu entwickeln. FRAGE: In dem großen Lamrimtext von Dsche Tsongkapa steht, Sangha sei „die Sphäre der Unterweisungen“. ANTWORT: Ja, manchmal wird Sangha auch als „Wurzel der Lehren“ bezeichnet. Eine echte Dharmagemeinschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die Mitglieder die Zeit und die Möglichkeiten haben, den Dharma kennen zu lernen, zu studieren, zu praktizieren und ihn dann an andere weiterzugeben. Ohne Dharmagemeinschaften gäbe es keinen Ort für die Weitergabe des Dharma. Dann würde über kurz oder lang die gesamte Lehre untergehen. FRAGE: Wie pflegt man Gemeinschaft oder Gemeinschaftsleben? Antwort: Der eigentliche Zweck der Dharmagemeinschaft ist, dass wir die Befreiung erlangen wollen. Mit anderen Worten, wir möchten Glück erreichen und Leiden überwinden. Und dabei streben wir nicht nach weltlichem Glück, sondern nach dem dauerhaften, makellosen Glück der Befreiung. Aus diesem Grund kommen wir in einer spirituellen Gemeinschaft zusammen. Wir sollten uns dieser weit reichenden Zielsetzung stets bewusst sein. FRAGE: Wie kann der Einzelne zum Gedeihen der Gemeinschaft beitragen? ANTWORT: Das Wesentliche ist, die Qualitäten des eigenen Geistes weiterzuentwickeln. Das bezieht sich einerseits auf einen selbst — dass man den Dharma studiert, darüber nachdenkt und praktiziert —, aber auch auf andere. Wir überlegen uns, wie wir anderen helfen können, auch auf diesem Weg Fortschritte zu machen, etwa indem wir anderen den Dharma erklären, die eigenen Erfahrungen mit ihnen teilen und ein Vorbild für andere sind. Denn Gemeinschaften brauchen Vorbilder. Darüber hinaus ist es sehr wertvoll, die Gemeinschaft mit der eigenen Arbeit zu unterstützen. Traditionell wird von drei Aktionsfeldern innerhalb einer Gemeinschaft gesprochen: dem Studium, der Meditation und der Arbeit. FRAGE: Beinhaltet Gemeinschaftsleben auch eine Sorge um den anderen, z.B. wenn jemand krank ist? Hier im Westen haben wir immer wenig Zeit und viele Projekte. ANTWORT: Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Im Vinaya gibt es eine Regel für Mönche und Nonnen, die zeigt, dass die Sorge um die Gemeinschaft einen sehr großen Stellenwert hat. Wenn beispielsweise ein Mönch oder eine Nonne krank ist, soll man eigene Aufgaben erst einmal zurückstellen und sich um die Kranken kümmern. Dann sind sogar Handlungen erlaubt, die normalerweise verboten sind, wie Handel zu treiben, um das Geld für eine medizinische Behandlung aufzutreiben. Sogar der Handel mit Statuen, der eigentlich als sehr negativ angesehen wird, wäre in diesem Fall erlaubt. Wenn dies schon im Vinaya verankert ist, um wie viel mehr gilt dies für Mahayana-Praktizierende, wo das Hauptaugenmerk darauf liegt, anderen zu nutzen. Natürlich ist die Buddhaschaft ein sehr weit gestecktes Ziel, aber wir müssen auf diesem langen Weg hier und jetzt tun, was wir können, um anderen zu helfen. Wir können damit nicht warten, bis wir die Allwissenheit erlangt haben. Zumindest sollten wir uns geistig üben, Liebe und Mitgefühl mit denjenigen zu praktizieren, die in Not sind. FRAGE: Was bedeutet es ganz konkret, wenn wir sagen, dass die Mitglieder der Gemeinschaft in Harmonie miteinander leben sollten. ANTWORT: Ich verstehe darunter, dass die Mitglieder einer spirituellen Gemeinschaft aufeinander zugehen und sich als Freunde empfinden. Zwischenmenschliche Probleme sind normal. Jemand sagt vielleicht etwas und ein anderer versteht es falsch. Oder eine Person verhält sich in einer bestimmten Art und Weise, worüber ein anderer Argwohn entwickelt. Viel Unstimmigkeit beruht auf Vermutungen und Interpretationen: Was mag der andere denken, was mag er meinen? So baut sich Misstrauen auf, und dieses führt oft dazu, dass man sich voneinander entfernt und eben nicht mehr als Freunde empfindet. Harmonie zu pflegen würde bedeuten, dass wir Uneinigkeit erst einmal feststellen und dann aktiv gegensteuern. Denn Misstrauen führt schnell zu Konflikten, und Konflikte schaden der Gemeinschaft sowie jedem, der daran beteiligt ist. Wir sollten versuchen, wieder aufeinander zuzugehen, Misstrauen abzubauen und den anderen als Dharmafreund zu betrachten. Ein Gefühl der Verbundenheit und Nähe zueinander herzustellen ist ein wesentlicher Aspekt von Harmonie oder Einigkeit. Im Tibetischen sagen wir, wenn wir gegenseitig Zuneigung verspüren, dass Nähe da ist. Wo keine Zuneigung oder sogar Abneigung besteht, ist Distanz. Nähe entwickelt sich, wenn wir uns gegenseitig achten und mögen, wenn wir dem anderen Gutes unterstellen, statt Schlechtes. Misstrauen, Aggression und Abneigung sind die Gegenpole zu Harmonie und Liebe. FRAGE: Würde dies praktisch bedeuten, wenn ich merke, dass mir gegenüber jemand misstrauisch ist, gehe ich zu ihm und versuche, das im Gespräch zu klären? Ebenso, wenn ich mich über jemanden ärgere? ANTWORT: Ja, das ist richtig. Wenn man merkt, befürchtet oder vermutet, dass jemand mir mit Misstrauen oder Aggression begegnet, dann ist es richtig, mit ihm ins Gespräch zu kommen. So zeigen wir von unserer Seite die Bereitschaft, einen entstehenden Konflikt einzudämmen und Schaden von der Gemeinschaft abzuwenden. Wir sollten aber realistisch bleiben und uns bewusst sein, dass unser Ansinnen nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sein wird. Es gibt Menschen, deren Misstrauen sehr tief sitzt. Wenn wir dieses nicht auflösen können, sollten wir es akzeptieren. Im Tibetischen sagen wir: „Das Gehör ist ein ambivalentes Organ. Es kann nützlich oder schädlich sein.“ Schädlich ist es, wenn wir alles Mögliche an Gerüchten und Meinungen hören. Denn daraus bilden wir in unserem Geist negative Konzepte und Gedanken, die dann zu Misstrauen und einem Gefühl der Distanz führen. Der Konflikt ist dann nicht mehr weit. Andererseits kann das Ohr nützlich sein, weil wir uns den Dharma aneignen können. Ein weiterer Rat wird in den Texten gegeben, nämlich dass wir uns darin üben, bei anderen die Vorzüge zu sehen und nicht die Fehler. Denn wenn wir Fehler in einen anderen hineininterpretieren oder negative Züge überbewerten, und uns darauf konzentrieren, dann wird das Verhältnis zwangsläufig schlechter. In Bezug auf andere sollten wir deshalb hauptsächlich die Tugenden sehen, in Bezug auf uns selbst die Fehler. Stellen wir uns vor, dass sich alle so verhalten würden, dann hätte das unglaublich positive Auswirkungen.