Der Zweck einer Sadhana oder Puja
Sadhanas oder Pujas, mit ihren Visualisierungsübungen und Mantras, enthalten die gesamte Bedeutung des Stufenwegs zur Erleuchtung. Dies ist wichtig zu verstehen, da Menschen manchmal nur über Gottheiten meditieren, um sich gut zu fühlen, es aber verpassen, sich dabei mit der Bedeutung der Sadhana auseinanderzusetzen oder sie zur Veränderung ihres Geistes zu benutzen. Das mag aus einem allgemeinen, unter Menschen im Westen verbreiteten Missverständnis des tibetischen Buddhismus resultieren. Ich habe Menschen von Theravada, Mahayana und Vajrayana sprechen hören, als wären es drei unterschiedliche Arten von Buddhismus und als ob folglich jene, die Vajrayana praktizieren, keine Theravada- oder Mahayana-Praktiken ausführen würden. Andere sind der Meinung, jemand, der Mahayana praktiziere, praktiziere keine Theravada-Lehren. Einige Menschen im Westen glauben, der tibetische Buddhismus sei nur Vajrayana und schließe Theravada- oder allgemeine Mahayana-Lehren nicht ein. Diese Vorstellungen sind nicht korrekt.
Tibetische Lehrer heben deutlich hervor, dass jemand, der dem tibetischen Buddhismus folgt, nicht nur Vajrayana praktiziert. Visualisierungen und Mantra-Gesänge sind keine eigenständigen Übungen ohne Beziehung zu anderen buddhistischen Übungen. Für tantrische Praktiken müssen wir fest in den grundlegenden Lehren des Theravada verwurzelt sein – in den drei höheren Schulungen von ethischer Disziplin, Konzentration und Weisheit. Zusätzlich müssen wir den allgemeinen Mahayana-Pfad praktizieren, um Bodhicitta zu entwickeln und über Weisheit zu meditieren. Dann, auf der Grundlage all dieser Praktiken, nehmen wir Einweihungen und führen Praktiken mit Visualisierungen und Meditationen aus. Wenn wir die grundlegenden Lehren und die Sadhana-Praxis verstehen, werden wir erkennen, dass eine Sadhana beinahe sämtliche grundlegenden Lehren beinhaltet – Zuflucht, den Entschluss, Befreiung zu erlangen, die Vier Unermesslichen Gedanken, die drei höheren Übungen, Bodhicitta und Weisheit. Wenn wir das nicht verstehen, werden wir auch nicht in der Lage sein, in korrekter Weise über eine Sadhana zu meditieren. Verstehen wir dies aber gut, so wird unsere Praxis sehr reich und umfassend werden. (Auszug aus dem Buch „Tara, die Befreierin“ von Thubten Chodron)
Pujas oder Sadhanas, Praxis der Gottheiten
Im obigen Text geht es um die Erzeugung des Erleuchtungsgeistes. Hier ist eine Art von Praxis beschrieben, nämlich die Chenrezig-Puja, um an der Entwicklung mit speziellen Methoden zu arbeiten. Die Art der Praxis, in der wir Gottheiten visualisieren, gehört zum Vajrayana oder Tantrayana. Dies sind die höchsten Lehren, die Lord Buddha gab. Die Visualisierung einer Gottheit ist ein Weg, um Vertrauen in unsere eigene wahre Natur, und auch in die wahre Natur anderer zu erzeugen. So eine ‚“Meditations-Gottheit“ ist Chenrezig, aber das bedeutet nicht, dass er von uns getrennt ist. Chenrezig ist nicht wie ein Gott außerhalb von uns, sondern er ist Ausdruck unseres eigenen Geistes, und die Praxis hilft uns dabei, uns mit dem zu verbinden, was wir wirklich sind. Im Tibetischen ist das Wort für Gottheit „Yidam“, ein Wort, das „Geistes-Verbindung“ bedeutet. Der ganze Zweck der Visualisierung eines Yidam besteht darin, uns selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Unser verwirrter, aus der Balance geratener Geist, muss wieder ins Gleichgewicht gebracht werden und alle Praktiken dienen diesem Zweck. Die Yidam-Praxis ist eine sehr kraftvolle Art zu lernen, in unserer ursprünglichen Natur zu ruhen. Der Yidam ist Ausdruck unserer eigenen inneren Reinheit. Die tiefste Essenz unseres Geistes ist völlig rein, ohne Leiden. Egal was mit uns passiert, egal wie viel Verwirrung und Leid wir erleben, es wirkt sich nicht auf unsere reine Natur aus, die kontinuierlich und unveränderlich ist, und als „Buddha-Natur“ bezeichnet wird. Alle Yidams wie Chenrezig, Tara, Medizinbuddha, sind Ausdruck oder Manifestation dieser Buddha-Natur. Durch die Praxis arbeiten wir daran, die Hindernisse, die im Wege stehen, zu überwinden, so dass sich die Qualitäten unserer Buddhanatur manifestieren können. Die Pujas beziehen alle Aspekte unseres Wesens mit ein, wir arbeiten gleichzeitig an körperlichen, sprachlichen und geistigen Aspekten.
1. Körper
Normalerweise beziehen wir uns auf uns selbst als leidende und verwirrte Individuen. Wir haben immer Angst um unseren Körper und befürchten, dass er krank wird oder dass wir Schmerzen haben. Wir sorgen uns immer um unsere physische Form und unser Aussehen. Aber wenn wir uns unseren Körper als den Körper einer Gottheit vorstellen, wird er frei und offen, wie der offene Raum, und es gibt nichts daran, was man festhalten könnte, nichts Festes. Durch die Praxis reinigen wir unser Festhalten an einer soliden Existenz. In dem grenzenlosen, offenen Raum, können wir als alles erscheinen – und warum nicht als die perfekte Form wie Chenrezig, Tara oder Manjushri?
2. Rede
Alle Geräusche, alle Wörter, die wir hören, wirken sich normalerweise sehr stark auf uns aus. Wenn wir angenehme Worte hören, fühlen wir uns gut, wenn wir wütende Worte hören, fühlen wir viel Schmerz. Wenn wir jedoch eine Gottheitspraxis machen, betrachten wir alle Klänge als Mantras, als Echos der Leerheit. Die Töne sind neutral, offen. Wir beurteilen sie nicht, es sind nur natürliche Ausdruckweisen von Mantras oder Gebeten.
3. Geist
Unsere Gedanken und Gefühle können sich normalerweise sehr solide und schmerzhaft anfühlen, und uns tief beeinflussen. Aber in der Praxis der Gottheit können alle unsere Gedanken zum Samadhi oder Erleuchtungsgeist der Gottheit werden.
4. Reine Wahrnehmungen
Die Visualisierung der Gottheit verwandelt unseren Körper, unsere Sprache und unseren Geist in etwas sehr Reines. Wenn wir uns die Gottheit vorstellen, wird alles im Universum wie ein reines Land. Das heißt, wir lernen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Es ist die Grundlage für die Entwicklung eines totalen Vertrauens in unsere eigene reine Natur, und die reine Natur von allem um uns herum.
Wer oder was ist Chenrezig?
Chenrezig ist die vielleicht am meisten praktizierte Puja in Tibet und auch in den verschiedenen Zentren im Westen. Aber wer ist Chenrezig wirklich? Eine Gottheit mit einem weißen Körper und vier, manchmal sogar tausend Armen? Wer ist diese Gottheit, für die die Tibeter eine besondere Hingabe empfinden, und deren Meditation heutzutage auch von vielen Westlern praktiziert wird. Auch wir machen sie hier im Zentrum regelmäßig jeden Donnerstag. Ist Chenrezig ein leuchtender Gott, sanft und mitfühlend, der vom fernen Himmel aus das Schicksal der Wesen im Auge behält, wie die meisten Tibeter glauben? Ist es ein einfaches symbolisches Bild, wie Westler manchmal denken? Oder ist es noch eine andere Realität, tiefgründiger und reichhaltiger? Zuerst müssen wir verstehen, dass Chenrezig sowohl eine Erscheinung, eine göttliche Manifestation, als auch eine Essenz, eine innere Realität, ist, wobei die eine die andere nicht ausschließt oder ihr widerspricht. Die Erscheinung von Chenrezig ist das Symbol seiner manifestierten Essenz. Durch diese Erscheinung können wir uns der Essenz von Chenrezig nähern. Die Erscheinung erschöpft die Essenz nicht, die Essenz widerlegt nicht die Erscheinung. Zu behaupten, dass Chenrezig nur außerhalb von uns existiert, wäre ein Fehler. Es wäre aber auch ein Fehler, ihn nur als Abstraktion zu sehen. Das Verständnis der Verbindung zwischen den beiden Aspekten der Gottheit (Erscheinung und Wesen) ist notwendig, um sowohl seine Natur als auch seine Meditation zu verstehen. Wer ist also Chenrezig in seiner Essenz? Chenrezig ist die Ebene des Geistes, die die Vereinigung von Leerheit und Mitgefühl ist. Unter dem Gesichtspunkt der endgültigen Bedeutung ist Chenrezig die letztendliche Natur des Geistes. Mit anderen Worten kann man sagen, Chenrezig ist Bodhicitta, das große Mitgefühl in zwei Aspekten: absolutes Bodhicitta, das der Leerheit entspricht, relatives Bodhicitta, das dem Mitgefühl entspricht. Chenrezig ist also die erwachte Natur des Geistes eines jeden Wesens, die Liebe und das Mitgefühl, die dem offenen, erwachten Geist innewohnen. Chenrezig ist in uns, weil Liebe und Mitgefühl nicht Qualitäten sind, die man dem Geist hinzufügen muss. Diese Qualitäten sind Teil des erwachten Zustands, auch wenn dieser Zustand im Moment nur als Potential für uns existiert. Die unterschiedlichen Grade der Liebe und des Mitgefühls, die wir von einem Wesen zum anderen beobachten können, entsprechen einer größeren oder kleineren Verwirklichung dieses Potenzials, und dem mehr oder weniger starken Einfluss von Chenrezig auf uns selbst. Aber man kann nicht sagen, dass irgendein Wesen völlig ohne Liebe und Mitgefühl ist, denn dies würde leugnen, dass es die erwachte Natur besitzt, die allen Wesen gemeinsam ist. Lediglich die Schleier, die den Geist bedecken, können vorübergehend so dick sein, dass sich die latenten Qualitäten überhaupt nicht ausdrücken können. Die grundlegende Funktionsstörung unseres Geistes erfolgt in Form einer Trennung zwischen mir und anderen. Wir halten fälschlicherweise fest an einem „Ich“, auf das sich die Anhaftung gleichzeitig mit der Vorstellung eines „Anderen“ pfropft, das die Grundlage der Abneigung ist. Diese Dualität verhindert den freien und spontanen Ausdruck von Liebe und Mitgefühl, und hält sie in einem nur latent existierenden Zustand. Das Ergebnis ist, dass wir uns nicht das Glück der Wesen wünschen, sondern unser eigenes Glück. Anstatt nach der Beseitigung des Leidens aller Wesen zu streben, streben wir nur nach der Beseitigung unseres eigenen Leidens. Anstatt uns über das Glück anderer zu freuen, freuen wir uns über unser eigenes Glück. Anstatt alle Wesen gleichermaßen zu betrachten, werden wir in Spiele der Vorliebe und Parteilichkeit verwickelt. Deshalb bleibt „unser“ Chenrezig verborgen. Zu sagen, dass Chenrezig die letztendliche Natur des Geistes ist, negiert nicht seine Formmanifestation. Die Essenz drückt sich durch eine Erscheinung aus. Chenrezig existiert auf der Ebene der endgültigen Bedeutung, und auch auf der Ebene der wörtlichen Bedeutung, wo er in Form der Gottheit erscheint, unter der er normalerweise bekannt ist. Er ist der sichtbare Ausdruck, den alle Buddhas nehmen, um uns zu helfen, die Liebe und das Mitgefühl zu aktivieren, die gegenwärtig nur ein Potenzial in uns sind, und um den letztendlichen Chenrezig in uns selbst zu offenbaren. Sogar sein Name drückt seine Natur aus: Chen bedeutet Auge; re gibt eine Vorstellung von Kontinuität; Zig bedeutet schauen. Deshalb ist Chenrezig derjenige, der „ständig alle Wesen mit dem Auge des Mitgefühls betrachtet“. Wenn wir Chenrezig-Praxis machen und erkennen, dass Liebe und Mitgefühl in uns wachsen, ist dies ein Zeichen, dass die Praxis fruchtbar ist. Der relative Chenrezig ist dann eine Unterstützung für die Entwicklung des letztendlichen Chenrezig, der in Form grenzenlosen Mitgefühls immer in uns weilt. Wir verstehen dann, dass Chenrezig in Wirklichkeit nie von uns getrennt ist, weil er unserem Geist innewohnt.
Das Mantra von Chenrezig: OM MANI PEME HUNG
Für alle, die Mantras rezitieren, hier ein paar Informationen zur Bedeutung von Mantras allgemein und im speziellen dem Mani-Mantra oder „OM MANI PEME HUNG“-Mantra. Wenn wir nervös, verwirrt und emotional aus der Balance geraten sind, kann das inspirierte Singen oder Rezitieren eines Mantras den Zustand unseres Geistes vollkommen verändern, indem seine Energie und Atmosphäre transformiert werden. Er wendet sich automatisch den Qualitäten von Weisheit und Mitgefühl zu. Egal, ob wir ein Mantra hören, rezitieren, visualisieren, schreiben, malen, all das hilft, sich daran zu erinnern. Mantras sind ursprüngliche Laute oder Schlüsselworte, die den Geist vor Ablenkung oder Negativität schützen. Sie sind die Verkörperung der Wahrheit in der Form von Tönen. Jede Silbe ist mit spiritueller Kraft durchdrungen, drückt eine tiefe spirituelle Wahrheit aus und vibriert mit dem Segen der Sprache der Buddhas. Durch das Aussprechen und Wiederholen der Silben wird der Geist gereinigt von Negativität und alten Konzepten, die uns von der Wahrheit trennen und kann dann die eigene wahre Natur allmählich manifestieren. Es wird auch gesagt, dass der Geist sich durch die subtile Energie des Atems bewegt, das Prana, welche durch die subtilen Kanäle des Körpers fließt und sie reinigt. Wenn wir ein Mantra rezitieren, laden wir unseren Atem und unsere Energie mit der Energie des Mantras auf und arbeiten so direkt an unserem Geist und subtilen Körper. Das „Mani-Mantra“ kann von jedem Menschen rezitiert werden, man braucht keine Vorkenntnisse oder muss nicht Buddhist sein. Es ist das Mantra von Chenrezig, der die Erscheinung und Symbol von Liebe und Mitgefühl ist, Qualitäten die universell und die wahre Natur von uns allen sind. OM MANI PEME HUNG bedeutet in etwa: „Das Juwel in der Lotusblume“. Das Juwel hier symbolisiert ein wunscherfüllendes Juwel, das durch Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Unparteilichkeit alle Wünsche und Bedürfnisse der Lebewesen erfüllen kann. Die Lotusblüte steht für die Reinheit der Buddhanatur, die aus dem Schlamm und dem trüben Wasser herauswächst und dennoch ihre Reinheit behält. Chenrezig ist der, der Körper, Rede, Geist aller Buddhas, der die Erleuchtung aller Buddhas verkörpert und das Leid aller Wesen entfernen kann.