Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Das sechste Paramita: Die Weisheit

Weisheit, auch transzendentes Wissen genannt, beinhaltet die Kenntnis der absoluten Wahrheit jenseits gewöhnlicher Vorstellungen, der Objekt-Subjekt-Dualität und der zeitweiligen Erfahrungen von Glückseligkeit, Klarheit und Stabilität. Jenseits davon gibt es nichts, was gekannt werden könnte. Jenseits davon gibt es kein Ziel.

Die ersten fünf der sechs Vollkommenheiten oder Paramitas sind Subjekt-Objekt-orientiert. Im Fall der Großzügigkeit beispielsweise sprechen wir von dem Subjekt — uns selbst —, das gibt; dem Objekt, der Person, die etwas erhält; und dem Akt des Gebens. Subjekt, Objekt und das, was zwischen beiden geschieht, wird auch die drei Sphären genannt. Der Glaube an die Festigkeit der drei Sphären ist der Bereich der relativen Wahrheit.

Die Wirklichkeit hat zwei Aspekte: den der höchsten Wirklichkeit oder der absoluten Wahrheit — der Dinge, so wie sie an und für sich sind — und den der relativen Wirklichkeit oder relativen Wahrheit der Dinge, so wie sie auf der Ebene der konventionellen Realität erscheinen.

Der tibetische Begriff für relative Wahrheit, kundzob, besteht aus kun, was »alle« oder »viele« bedeutet, und dzob für »das, was nicht wahr ist«. Kundzob beinhaltet also die Manifestation der Myriaden von Phänomenen, die etwas zu sein scheinen, was sie tatsächlich nicht sind.

Wie Kinder, die einem Regenbogen nachjagen, behandeln wir die traumartige Manifestation der Erscheinungen als tatsächlich vorhanden und greifbar. Doch ist nichts an diesen Erscheinungen von Dauer. Außerdem ist nichts davon unteilbar — beispielsweise besteht ein Berg aus vielen verschiedenen Dingen wie Erde, Felsen, Atomen und Molekülen. Und nichts ist frei und unabhängig, denn alles wird von anderen Dingen beeinflusst.

Wir nennen diese Phänomene »Wahrheit«, weil sie uns im Kontext unserer traumartigen Erfahrung als wahr erscheinen. Beispielsweise ist Feuer nicht dauerhaft, unteilbar oder frei, doch da es uns verbrennt, wenn wir eine Hand in die Flammen halten, ist unsere relative Erfahrung in diesem Sinne wahr. Gleichzeitig bleibt die höchste Natur der Erfahrung unveränderlich und absolut rein und leer, so wie die nächtliche Traumerfahrung leer bzw. nicht wirklich existent ist. In einem nächtlichen Traum scheinen Dinge zu geschehen, doch wenn wir aufwachen, stellen wir fest, dass im Grunde nichts geschehen ist. Dies ist die wahre Natur aller Phänomene in Samsara.

Der große indische Buddhist Shantideva hat gesagt, dass die höchste Wahrheit dem gewöhnlichen Geist nicht zugänglich ist. Der gewöhnliche Geist befasst sich mit der konventionellen Wirklichkeit, wohingegen die höchste Wirklichkeit frei von allen Vorstellungen und jenseits von ihnen ist — man kann weder sagen, dass Dinge existieren, noch, dass sie nicht existieren, dass sie sind oder nicht sind. Wenn wir Unterweisungen hören, uns der Kontemplation widmen und meditieren, wird unser zunächst rein intellektuelles Verständnis allmählich zu einem tieferen Wissen, einer direkten Erfahrung und schließlich zur stabilen Realisation unserer höchsten Natur. Dann entdecken wir, wie es in einem berühmten tibetischen Gebet heißt, dass die absolute Wahrheit kein Ding ist, das existiert, denn selbst der Buddha kann sie nicht sehen.

Dennoch können wir die relative Wirklichkeit nicht leugnen, indem wir sagen, sie existiere gar nicht, denn wie sollten wir dann Samsara und Nirvana erklären — den unablässigen Ausdruck der sich manifestierenden Phänomene? Es liegt kein Widerspruch darin zu sagen, dass die Grundnatur der Dinge unveränderlich ist, obwohl sich diese auf der relativen Ebene als veränderliche, flüchtige Erscheinungen manifestieren, oder dass die Phänomene wie in einem Traum letztendlich nicht existieren, obwohl sie sich manifestieren. Aus diesem Grund sagen wir, dass Phänomene leer sind.

Die Leerheit unserer Erfahrung, ihre geburtlose, todlose Natur, in der es kein Kommen und Gehen gibt, die Natur jenseits der Extreme von Existenz und Nichtexistenz, ist vom unablässigen Ausdruck manifester Erscheinungen nicht zu trennen. Die wahre Natur unserer relativen Erfahrung ist die absolute Wahrheit. Das Wissen um die Untrennbarkeit von absoluter und relativer Wahrheit wird als die „wahre Sichtweise“ bezeichnet.

Wenn wir diese Sichtweise auf unsere Übung der ersten fünf Vollkommenheiten anwenden, bewegen wir uns über deren gewöhnliche Bedeutung hinaus. Geben wir in einem nächtlichen Traum einem Bettler einen Apfel, ist in Wirklichkeit weder ein Bettler noch ein Apfel da. Ist unsere Großzügigkeit von Weisheit durchtränkt, dem Wissen über die wahre Natur der drei Sphären, wird sie zur Vollkommenheit der Großzügigkeit. Zu wissen, dass unser Handeln zum Wohl anderer jeder inhärenten Existenz entbehrt, und trotzdem zu handeln, ist die Essenz der Übung der sechs Vollkommenheiten und des Bodhisattva-Pfades.

Prajna (Skt.) 

»Transzendentes Wissen«, oft als »Weisheit«, manchmal als »ursprüngliche Intelligenz« übersetzt; die Einsicht in die wahre Natur der Dinge. Prajna wird in der Tradition symbolisch dargestellt durch ein scharfes, zweischneidiges Schwert, das jegliche Verwirrung durchschneidet. Prajna ist die ursprüngliche Intelligenz, das alles sehende Auge, das im Gegensatz zu der ständigen Selbstbeobachtung des Ego steht. 

»Pra« bedeutet »über«, »jna« heißt »Wissen«: also Über-Wissen, ein vollkommenes, ein genaues Wissen, das alles sieht. Das auf »dieses« und »jenes« — auf Subjekt und Objekt — fixierte Bewusstsein ist durchschnitten worden, und dadurch entsteht ein zweifaches Wissen: Prajna der Erkenntnis und Prajna des Sehens. (CHÖGYAM TRUNGPA: Spirituellen Materialismus durchschneiden, S.189 f.)

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 21. Juli 2024