Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Eine kurze Übersicht über die drei Fahrzeuge im Buddhismus

Gautama Buddha wurde ca. 500 v. Chr. in Nordindien als Sohn eines Königs geboren und zum Thronfolger erzogen. Seine Geburt und seine Kindheit waren ungewöhnlich und von Anfang an war klar, dass der junge Prinz Siddharta dafür bestimmt war, ein außerordentliches Wesen zu werden. Er verbrachte eine sorgenfreie Kindheit und Jugend im Luxus des königlichen Palastes, und zeichnete sich sowohl in den akademischen Studien als auch in den sportlichen Betätigungen seiner Zeit aus. Dennoch begann er bald, den Wert dieses weltlichen Lebensstils in Zweifel zu ziehen. Auf der Suche nach einem sinnvolleren Leben entfloh er dem väterlichen Palast, um unter einer Reihe hochangesehener Meister der Philosophie und Meditation zu studieren. Seine Bemühungen waren so ernsthaft, dass er in kurzer Zeit die höchsten meditativen Resultate dessen erreichte, was diese Meister ihn lehrten. Doch auch das befriedigte ihn noch nicht. Nach Jahren extremer asketischer Praxis fand er heraus, dass keines dieser Lehrsysteme ihn über die Begrenztheit der bedingten Existenz hinausführen konnte. Und so entschloss er sich, seinen Weg allein fortzusetzen, und erlangte schließlich aus eigener Anstrengung in Bodhgaya die Erleuchtung. Das, was er gefunden hatte, war so tief und so weit, dass er anfänglich zögerte, es zu offenbaren. Er fürchtete, niemand würde es verstehen. Als er dann später doch zu lehren begann, sammelte sich rasch eine große Gefolgschaft von Jüngern um ihn, von denen viele hohe meditative Verwirklichung erlangten. Die Vielfalt der Menschen, die zum Buddha kamen, um seine Lehren zu erhalten und seinen Weg zu praktizieren, verlangte nach einer entsprechenden Vielfalt der Lehrmethoden, und verschiedene Einzelwesen oder Gruppen erhielten verschiedene, auf ihr jeweiliges Temperament und ihre intellektuellen Fähigkeiten abgestimmte Unterweisungen. Die vom Buddha während seines Lebens gegebenen Unterweisungen kann man deshalb in großen Zügen in drei Kategorien einteilen: zuerst die Lehren, die später im Pali-Kanon zusammengefasst wurden, und die die Grundlage der Theravada-Schule bilden. Sie legen die Betonung auf Ethik und moralische Disziplin, um die eigene Befreiung zu erlangen.  „In der Erkenntnis, dass das Leben sehr kurz und die Zeit für die eigene Entwicklung sehr begrenzt ist, geben sich die Shravakayana-Praktizierenden* nicht mit überflüssigen Aktivitäten ab und schränken ihre Bedürfnisse nach Nahrung und Kleidung ein. Sie verstehen das Leiden der drei unteren Daseinsbereiche und sie verstehen die uns alle betreffenden Leiden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Sie sind betroffen über diese Leiden und haben einen immensen Wunsch, sich aus Samsara zu befreien. Mit dem Wunsch, die Befreiung von Samsara zu erfahren, betonen sie, wie wichtig es ist, nicht an etwas anzuhaften, insbesondere nicht an Vergnügungen.“ (Karma Chakme) Die Lehren des Mahayana oder Großen Fahrzeugs heben das Mitgefühl und die Sorge um andere hervor. „Der Mahayana-Praktizierende hat einen enormen Sinn für Mut. Es ist der Mut, jegliches Leiden zu ertragen, körperlich und geistig, was notwendig ist, um jedes fühlende Wesen aus Samsara zu befreien. Das ist der Mahayana-Pfad, nämlich kein fühlendes Wesen aus dem Wunsch zu helfen, auszuschließen. Ohne dass wir alle fühlenden Wesen einbeziehen, ist eine vollständige Erleuchtung nicht möglich. Indem wir im Geist den Wunsch entwickeln, allen fühlenden Wesen helfen zu wollen, was uns selbst mit einschließt, arbeiten wir wirklich daran, allen zu nützen und alle zur Erleuchtung zu führen.“ (Karma Chakme) Und schließlich die tantrischen Lehren des Vajrayana oder geheimen Mantrayana. Hier wird eine große Vielfalt von „geschickten Methoden“ verwendet, um in relativ kurzer Zeit tiefe Verwirklichung hervorzubringen. Buddha selbst hat die tantrischen Lehren nur in begrenztem Ausmaß gelehrt, sagte aber voraus, sie würden in dieser Welt von anderen erleuchteten Wesen verbreitet, die nach ihm kämen.  Nach seinem Tod bildeten sich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Unterweisungen, die er gegeben hatte, stärker heraus, und verschiedene Richtungen und Traditionen entstanden. Die heutige Theravada-Schule zum Beispiel begann mit einer Gruppe von Buddhas Schülern, und teilte sich später in achtzehn Schulrichtungen auf. „Hinayana“ ist heutzutage ein Sammelbegriff für diese achtzehn buddhistischen Schulen, von denen nur noch der Theravada existiert. In ähnlicher Weise verzweigte sich das Mahayana in eine Reihe von Schulen mit subtilen philosophischen Unterschieden. Dasselbe gilt für das Vajrayana. Hier gibt es eine immense Vielfalt von Übungen, von denen viele anfänglich vom Lehrer immer nur einem einzigen Schüler weitergegeben wurden.

Quellen: Patrul Rinpoche – Die Worte meines vollendeten Lehrers; Khenpo Karthar Rinpoche. * Hinayana ist in zwei Teile unterteilt: Shravakayana und Pratyekabuddhayana

Die drei Yanas oder Fahrzeuge ein paar weitere Aspekte zum besseren Verständnis

1. Hinayana

Dieser Begriff ist sehr umstritten, da er wörtlich übersetzt „geringeres Fahrzeug“ bedeutet. Er wurde von den Anhängern des Mahayana (großes Fahrzeug) geschaffen und wird von den Theravada Buddhisten abgelehnt. Sie schlagen vor, „Theravada“ (Die Lehre der Älteren) als Gegenbegriff zu verwenden. Dies ist aber auch nicht korrekt, da Theravada eine Tradition ist, die sich in Shri Lanka entwickelte, und dort auch verschiedene Änderungen durchlaufen hat. Sie nimmt für sich in Anspruch, die einzig ursprüngliche und unvermischte buddhistische Tradition zu sein, und wird in Sri Lanka, Burma und Thailand bis heute praktiziert. 

Ein besser Begriff ist „basic vehicle“ also grundlegendes Fahrzeug. Dies bezeichnet die Lehren der ersten Drehung des Dharmarades, die erste Lehrrede Buddhas nach seiner Erleuchtung im Hirschpark von Sarnath. Diese beinhaltet die vier Edlen Wahrheiten, den Edlen Achtfachen Pfad, sowie die Meditationsmethoden Samatha (Shiné) und Vipassana (Lakthong). Im Gegensatz zu manchen Annahmen wird auch in diesem Zusammenhang ausdrücklich Liebe und Mitgefühl gelehrt und ausgeübt. Diese Lehren der ersten Drehung des Rades sind absolute Grundvoraussetzung für den buddhistischen Pfad, und werden durch spätere Lehren nicht außer Kraft gesetzt, nur der Schwerpunkt ändert sich. 

Hinayana wird auch als der „Pfad der individuellen Befreiung“ bezeichnet. Das beschreibt sehr präzise, worum es in diesem Fahrzeug geht. Und mit etwas Nachdenken wird deutlich, warum es unerlässlich ist, bei sich selbst anzufangen. Wer sich selbst nicht versteht, und nicht bis zu einem gewissen Grade Stabilität und Weisheit erreicht hat, kann nicht hoffen, anderen zu helfen. 

2. Mahayana

Diesem Fahrzeug gehören alle buddhistischen Schulen an, außer dem Theravada Buddhismus. Sie beruft sich auf die zweite Drehung des Dharmarades, den zweiten Lehrzyklus, der auf dem Geierhügel vor einer Versammlung von Bodhisattvas, Gottheiten und Nagas abgehalten wurde. Hier erklärte Buddha Shunyata oder Leerheit. Ergänzt wurden sie durch die Lehren der dritten Drehung des Dharmarades, in welcher der Buddha an verschiedenen Orten einer ausgewählten Zuhörerschaft die „letztendliche Bedeutung“ lehrte und alles, was er bis dahin gelehrt hatte, als „hinführende Bedeutung“ klassifizierte. Hierzu gehört besonders die Lehre der Buddhanatur.

Um dieses Fahrzeug wirklich verstehen und praktizieren zu können, braucht man einen sehr weiten, großen, d.h. offenen Geist. Die meisten Lehren sind mit dem gewöhnlichen, in seinen Konditionierungen und Gewohnheiten verhafteten, Intellekt nicht zu erfassen. Die grundlegende Motivation ist die Befreiung aller Wesen, die unermesslich in der Zahl sind. Dies Versprechen legt man ab, bis alle Wesen Erleuchtung erlangt haben, eine Zeitspanne, die für uns nicht vorstellbar ist, genauso wie auch die absolute Wahrheit, die Leerheit oder Shunyata, intellektuell nicht zu erfassen ist. Man geht normalerweise inhaltlich erst darauf ein, wenn man die grundlegenden Lehren verstanden und verinnerlicht hat. Trotzdem gehören sie von Anfang an dazu, und deshalb sprechen wir vor und nach jeder Praxis die Wunsch- und Widmungsgebete, die hoch entwickelte Bodhisattvas gelehrt haben, und streben danach, auch so einen weiten Geist zu bekommen, und wirklich zum Wohle unermesslich vieler Wesen wirken zu können. 

Für diesen Weg benutzt man auch den Titel „Der heldenhafte Weg zur Erleuchtung“. Das Sanskritwort „Bodhi“ bedeutet Erleuchtung oder Erwachen, und ein „Sattva“ ist ein Held. Es gehört wirklicher Mut dazu, dieses Versprechen abzulegen und diesen Weg zu gehen. 

Was die Übungen oder Methoden angeht, sind dies vor allem die sechs Vollkommenheiten (Paramitas) und die Meditation über Leerheit (Sunyata). 

3. Vajrayana

Dies ist auch als „Tantra“ oder „geheimes Mantrayana“ bekannt. Diese Lehren basieren auf dem grundlegenden buddhistischen Fundament, mit der Philosophie des Mahayana. Der Unterschied liegt hauptsächlich in den Methoden. Wenn man für das Mahayana schon einen unvorstellbar großen, weiten Geist braucht, sprengen diese Methoden jeden Rahmen des rational erfassbaren. Ganz wichtig sind die richtige Motivation, und eine reine Verbindung mit einer ungebrochenen Übertragungslinie. 

Bevor man diese Methoden praktiziert, muss man Zuflucht genommen und gut in der grundlegenden Ethik und Denkweise des Hinayana Fuß gefasst haben. Zusätzlich hat man sich mit dem Mahayana Weg vertraut gemacht, und das Bodhisattva Gelübde abgelegt. Anschließend (bzw. währenddessen) baut man eine Vertrauensbeziehung zu einem Lehrer auf, und entscheidet sich endgültig für eine Übertragungslinie. Der Lehrer und die Linie sind in der Vajrayanabeziehung ungeheuer wichtig. Im Vajrayana nehmen wir das Ziel als Weg. Wir praktizieren die „reine Sichtweise“, d.h wir bemühen uns, alle Wesen als Buddhas, alle Geräusche als Mantra und alle Gedanken als ursprünglich rein zu sehen. Wenn wir die Welt tatsächlich so wahrnehmen, sind wir erleuchtet.

Praktisch gesehen, beginnt der Weg des Vajrayana mit den vier vorbereitenden Übungen (Tib. Ngöndro). Das sind zunächst vier grundlegende Kontemplationen, und dann Niederwerfungen, Reinigungsmantras, Opfergaben und Guru Yoga. Im Guru Yoga entwickeln wir starke Hingabe zu unserem Lehrer und verschmelzen unseren Geist mit seinem. Durch den daraus entstehenden Segen können wir ungeheuer starke Entwicklungsschritte vollziehen. 

Der weitere Weg ist individuell verschieden – bereits beim Ngöndro wird die Anzahl der Wiederholungen mit dem Lehrer abgesprochen. Anschließend praktiziert man entweder den Weg des Mahamudra, oder beginnt, mit der Yidampraxis. Hierfür erhält man eine Einweihung (wang), eine Textübertragung (lung) und mündliche Erklärungen (tri). 

Im allgemeinen wird gesagt, dass das äußere Verhalten dem Hinayana entsprechen sollte, die innere Sichtweise dem Mahayana und die geheime Praxis dem Vajrayana. Geheim bedeutet, dass man außer mit seinen Lehrern mit niemandem über Inhalt der eigenen Praxis sprechen sollte. Die Texte sind „selbst-geheim“, d.h. ohne Erklärungen erfährt der Leser nur die oberflächliche Bedeutung. Die Instruktionen darf der Praktizierende nicht an Uneingeweihte weitergeben, da ein Praktizieren mit der falschen Motivation und Vorbereitung mehr Schaden als Gutes verursachen könnte. 

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 30. März 2024