Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Motivation und Verhalten

Eine gute Haltung für alle unsere Aktivitäten ist es, alles was wir tun, mit der Einstellung auszuüben, dass es das letzte Mal sein könnte, dass wir die Gelegenheit dazu haben. Wir sollten uns daran erinnern, wenn wir Belehrungen anhören, meditieren, wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, beten, oder die Gelegenheit haben, positive Dinge zu tun. Wenn wir etwas das letzte Mal tun, wird es – sofern wir die Gelegenheit dazu haben – beim nächsten Mal einen neuen Geschmack, eine neue Bedeutung erhalten. Es wird uns helfen, das Beste aus jeder Gelegenheit zu machen, da wir nicht wissen, ob sie wiederkommt.

Zur Erinnerung: Gelegenheiten kommen nicht automatisch wieder, darum lieber nun jede Chance ergreifen und Dinge, die wichtig sind, nicht auf später verschieben.

Wenn der Geist im Einklang mit dem Dharma ist, dann gibt es keine Begrenzung dafür, was er tun kann. Wenn der Geist vollkommen im Dharma und dem Wunsch, sich zu verändern, verankert ist, ist das Bedürfnis, die Lehren des Buddha anzuwenden so stark, dass man nicht anders kann.

Die Haltung eines Bodhisattvas ist folgendermaßen: Wir denken bei unseren Handlungen nicht vorwiegend an den eigenen Nutzen. Wenn wir an uns selbst, an den eigenen Interessen und Bedürfnissen nicht so festhalten, erleben wir mehr Frieden und Leichtigkeit im Geist. Wenn es immer nur darum geht, zu erfüllen was „Ich“ brauche und möchte, macht dies unglücklich.

Ein Bodhisattva kann für den Nutzen anderer lange Zeit viel Leid und Schwierigkeiten auf sich nehmen. Aber diese Bodhicitta-Haltung des großen Mitgefühls braucht Kraft und Tiefe. Egal welche Handlung wir ausüben, Kraft, Stärke und die Fähigkeit dazu sind nötig, um erfolgreich zu sein. Dann können wir allen Schwierigkeiten und Hindernissen ins Auge sehen. Wir brauchen ein dringliches Gefühl von „Ich muss etwas tun, ich muss etwas erreichen und bewirken.“ Die Vielfalt verdienstvoller, d.h. guter, hilfreicher, positiver Handlungen trägt dazu bei, Weisheit zu entwickeln.

Lebewesen, die zufrieden sind mit dem, was sie haben, die nicht viel brauchen und weniger an Dingen und Menschen anhaften, sind glücklicher.

Wie sich unser Geist in Knoten verstrickt 

Der Geist ist nicht wie ein materieller Gegenstand, aber wenn er in eine bestimmte Denkweise verwickelt ist, kann er sich quasi in sich selbst verknoten. So, wie sich eine Seidenraupe einwickelt, wenn die Seidenfäden herauskommen, verknotet sich unser Geist, wenn unsere Denkweise nicht wirklich gut ist.

Dass sich unser Verstand auf diese Weise verheddert, ist die Quelle all unserer Probleme. Dies führt zu unserm Unglücklichsein und macht uns viele Schwierigkeiten. Wir können den physischen Körper als Beispiel nehmen. Wenn wir viel gearbeitet haben und müde werden, machen wir eine Pause. Wenn wir uns ausruhen, ist unsere Geisteshaltung die des Nichtstuns, nicht wahr? Wir lassen einfach los, was wir getan haben. Wir hören einfach auf und legen die Dinge beiseite. Arbeiten ist das Gegenteil davon, nicht wahr? Arbeiten ist aktives Tun, oder Machen. Ausruhen ist das Loslassen und Beiseitelegen der Tätigkeit. Vielleicht ruhen wir uns in unserem Bett oder auf unserem Stuhl aus, aber wir geben die Aktivität auf. Indem wir uns ausruhen, beginnen wir, uns wohler und glücklicher zu fühlen. 

Und was ist es, das dieses Gefühl des Ausgeruhtseins und des Wohlbefindens hervorruft? Es ist das Nichtstun, nicht wahr? Wir lassen alles los und legen unsere Geschäftigkeit beiseite. Und wie lange wir auch immer ruhen, wir sind entspannt, und das ist angenehm. Der Körper ist hier das Beispiel, aber es ist dasselbe für unseren Geist. Wenn unser Geist sehr aktiv und aufgewühlt ist, dann kommen die Probleme. Diese Verstrickung unseres Geistes hat im Buddhismus einen Namen. Wir nennen es ‚An das Ego anhaften‘ oder ‚das Greifen nach einem Selbst‘. Es gibt verschiedene Bezeichnungen dafür, aber kurz gesagt ist der Geist nicht mehr offen und entspannt, wenn dies geschieht. Er ist weder natürlich gefestigt, noch ohne jegliche Beeinflussung. Stattdessen ist der Geist angespannt, und das bringt Leiden und Schwierigkeiten mit sich.

Ein großer Teil unserer geistigen Aktivität basiert auf dieser Tatsache. Es ist ein Tun oder ein Festhalten an unserem eigenen Geist, ein danach Greifen, durch das sich der Geist selbst fesselt. Ideen wie „Ich muss glücklich sein, ich brauche etwas, oder ich muss jemand sein“ – dies ist die ständige Aktivität, etwas zu machen oder zu tun, nach etwas zu greifen oder zu suchen. Und wenn diese mentale Einstellung sehr stark wird, dann leiden wir sehr darunter. Für diejenigen, die nicht so stark auf diese Weise denken, die nicht so stark greifen und klammern, gibt es weniger Probleme. Und es gibt viele Methoden, die im Dharma gelehrt werden, um uns zu helfen, dieses Greifen, dieses Festhalten an sich selbst, zu reduzieren.

Uns von den Fesseln befreien

Eine solche Methode, die uns helfen kann, diese Anhaftung zu lösen, besteht darin, sich nicht so sehr um dieses Leben zu kümmern, sondern mehr Rücksicht auf unsere zukünftigen Leben zu nehmen. Das Ziel oder der Gedanke ist also, dieses Leben zu nutzen, um das zu tun, was in der Zukunft, in unseren zukünftigen Leben, gut für uns sein wird. An diesem Punkt haben wir das „Ich“ oder das Ego noch nicht ganz losgelassen. Aber wir denken jetzt langfristiger über „Mein zukünftiges Leben, meine zukünftigen Leben“ nach. 

Wenn wir uns jetzt ansehen, woran wir hängen und welches Glück wir suchen, werden wir feststellen, dass das alles mit diesem Leben zusammenhängt. Alle unsere gegenwärtigen Gedanken beziehen sich darauf, dass wir uns jetzt in Körper und Geist gut fühlen. Das, woran wir hängen, und die Art und Weise, wie wir arbeiten, um diese angenehmen Erfahrungen zu erlangen, basiert alles auf der Sorge um dieses Leben. Wir denken nicht an unser Glück und Wohlbefinden in zukünftigen Leben. Wir wollen sie jetzt. Und da wir so sehr an dieses Leben gebunden sind, stoßen wir auf viele Probleme und Leiden. Wenn wir anfangen, an unser zukünftiges Leben zu denken, beginnen wir, unsere Sorgen um dieses Leben aufzugeben, und ganz natürlich entspannt sich unser Geist, er ist weniger angespannt. Mit dieser Methode denken wir also weniger an dieses Leben, unsere Anhaftung lässt nach und wir erfahren größeren Frieden.

Dies ist die Denkweise derjenigen, die als „fähige Individuen mit geringerer Kapazität“ bezeichnet werden, oder die Motivation der Shravakas, der „Hörer“. Aber bei dieser Motivation gibt es immer noch Probleme, weil wir immer noch nicht das „Festhalten an einem Ich“ und das Ego losgelassen haben. Wir sind immer noch mit „meinem“ zukünftigen Glück und dem Wohlergehen „meiner“ zukünftigen Leben beschäftigt. Solange dieses „Ich“, das Ego, präsent ist, wird es Probleme und Leiden geben. Erst wenn das Ego transzendiert worden ist, fallen Probleme und Schwierigkeiten weg. Aber wenn wir auf unserer gegenwärtigen Ebene in der Lage wären, die Aussicht zu erlangen, die Sorgen um dieses Leben aufzugeben, wäre das wirklich erstaunlich. Man könnte sagen, es wäre perfekt. Aber da es viele verschiedene Ebenen und Denkweisen gibt, ist es, wenn wir das Gesamtbild betrachten, immer noch nicht ganz perfekt.

Von den beiden Arten der Motivation, die wir hier sehen, kann die weitreichende Einstellung des erwachenden Geistes wirklich als die perfekte Motivation, die perfekte Art zu denken, betrachtet werden. Warum ist das so? Weil jetzt das „Ich“, das Ego, losgelassen wurde. Wenn wir das „Ich“ und das Anhaften an uns selbst wirklich losgelassen haben, dann haben wir auch die Sorge um uns selbst in Bezug auf dieses und zukünftige Leben losgelassen, und so sind alle Bindungen des Geistes verschwunden.

Quelle Meditation Retreat (Samye Ling, 2016) – Motivation and Conduct

  • Teaching angelegt von Frank
  • letzte Bearbeitung am: 17. Juli 2024