Wut und Ärger
Wut, Ärger, Hass, Aversion, Aggression sind die stärksten und zerstörerischsten negativen Emotionen. Man kann aber leichter damit arbeiten, weil es für uns selbst und andere leicht ist, sie zu erkennen. Der tiefe Grund für Wut ist die Angst, bedroht und verletzt zu werden. Wut entsteht, wenn man Dinge außer Proportion, auf extreme Art und Weise sieht; entweder als sehr gut oder sehr schlecht. Dies ist sehr kindisch und wenn wir wütend sind, werden wir wie ein Kind. Entweder bewundern wir dann einen Menschen oder sehen nur die schlechten Seiten aufgrund unserer engen Sichtweise.
Wut beginnt in der Kindheit. Es ist unsere erste Energie, sie führt dazu, dass wir den Mutterleib verlassen, weil er zu eng wird und wir genug haben. Nach der Geburt empfinden wir uns als in Einheit mit der Mutter, nicht als von ihrem getrennten Wesen. Nach etwa 6 Monaten beginnen wir zu bemerken, dass wir getrennt von ihr sind. Wir denken dann, dass wir zwei Mütter haben, eine gute Mutter und eine schlechte Mutter. Wenn sie schlecht ist, schreien wir, und dies ist unser erster Wutanfall, eine Explosion. Der erste Wutausbruch ist sehr schmerzhaft, wie eine Art Vorärger, die richtige Wut kommt später. Im Lauf der Entwicklung realisiert das Kind dann, dass die gute und die schlechte Mutter eins sind, dass die Wut aus ihm selbst entsteht, nicht von der Mutter herrührt. Aber dieses gute-schlechte-Mutter Muster folgt uns das ganze Leben lang. Nur projizieren wie sie nun nach außen. Wenn Menschen sich entsprechend unserer Erwartungen verhalten und nett sind, sind sie unsere gute Mutter. Wenn Menschen sich nicht verhalten, wie wir wollen sind sie die schlechte Mutter, und wir werden immer wieder wütend. Wenn wir diesen Prozess verstehen und dann versuchen, die Situation zu erkennen, ist dies der Hauptgrund, die Wut zu beenden. Mit Verständnis kommt das Ende des Unmuts. Je nachdem wie stark diese erste Erfahrung des Einteilens in gut und schlecht, gute und schlechte Menschen beibehalten wird, kann dies bis zu Fanatismus führen. Darum müssen wir üben, eine offenere Sichtweise zu entwickeln.
Der Höllenbereich
Jede der negativen Emotionen wird einem der sechs Daseinsbereiche zugeordnet. Wut, Hass, Ärger usw. sind die vorherrschenden Emotionen im Höllenbereich, wo sie voll ausgedrückt werden. Der Höllenbereich ist ein Geisteszustand mit so viel Wut, Aggression, Hass, dass man innerlich vor Hitze, Brennen kocht. Man fühlt sich so erhitzt, dass man verbrennt. Man erlebt eine Situation, in der man so gefangen ist, dass es keinen Ausweg gibt. Man kann den Ärger sogar sehen und leidet darunter, aber kann ihn nicht aufhalten, selbst wenn man möchte. Dieser Zustand kann auch nach dem Tod erfahren werden. Dies ist umso schlimmer, da die Sinne verloren sind und man nur noch den eigenen Geisteszustand in voller Intensität erlebt. Nach dem Tod erlebt man die stärkste Emotion. Der Ärger kommt zurück, es scheint, als ob das ganze Universum gegen uns ist, wir angegriffen werden. Aber all dies ist nur Ausdruck des eigenen Geistes. Wenn Eltern, Lehrer während unserer Kindheit zu viel Autorität ausübten, und uns nicht erlaubten, wild zu sein, unterdrücken wir den Ärger und haben später im Leben mehr Probleme damit. Wir projizieren ihn auf andere, können Gewalt nicht ertragen, selbst wenn wir sie in anderen erkennen. In den buddhistischen Lehren wird Wut in heiße und kalte Wut unterteilt und entsprechend auch die Höllenbereiche in heiße und kalte Höllen. Heißer Ärger explodiert leicht, kann sich aber auch leichter auflösen. Aggressivität ist ein Ausdruck von Wut. Kalte Wut kann Ausdruck finden durch das Abtrennen oder Unterbrechen von Kommunikation, indem man eine Wand zwischen sich und anderen aufbaut, oder die Vorbehalte, die man hat, nicht ausdrückt. Man wendet sich aber ab und handelt entsprechend. Man leidet darunter, weil man sich vollkommen alleine fühlt, nichts ausdrücken kann und es damit auch schwierig ist, Hilfe zu erhalten.
Subtile Weisen, Wut und Ärger auszudrücken
Eine subtile Form von Wut ist Ungeduld, zum Beispiel beim Warten in der Kassenschlange, oder die Ungeduld Menschen gegenüber, die langsamer, unorganisierter sind, etwas nicht gleich verstehen etc. Auch schlechte Laune, die offen ausgedrückt wird, kritisch sein, bewertend, auch Gewalt, die andere ausüben, zu genießen, sind subtile Ausdrucksweisen von Wut. Dazu kann Fußball spielen, Gewaltfilme anschauen etc. gehören. Auch Bosheit, anderen Schlechtes zu wünschen, Gehässigkeit, Gewaltverherrlichung sind Aspekte davon etc. Emotionen drücken sich im Verhältnis zu anderen aus. So können durch den Partner alle Kindheitsprobleme, die man mit Mutter oder Vater hatte, wieder hervorkommen. Dann projizieren wir unsere Probleme auf den Partner. Wenn wir aber bereit sind, mit den Emotionen zu arbeiten, dann kann jeder Mensch, jede Beziehung, jede Situation, Lehrer für uns sein und eine gute Möglichkeit, ein guter Weg, zu lernen und zu wachsen.
Eigenschaften wütender Menschentypen
Sie sind oft sehr intelligent, effizient und gut in dem, was sie tun. Sie haben viel Klarheit, um Dinge auf die richtige Weise zu erledigen. Leider werden sie leicht ungeduldig, irritiert, wütend, wenn andere langsam, nicht so klug oder so gut organisiert sind, und Dinge nicht zu ihrer Zufriedenheit erledigen.
Gegenmittel und Methoden zur Arbeit mit Wut und Ärger
Lerne, die Wut, die Abneigung oder den Ärger zu erkennen, und werde damit vertraut. Beobachte, wie die Emotion entsteht, sich ausdrückt und auflöst. Wenn wir viel Wut haben, können wir uns selbst sagen: „Gut, ich habe viel Energie, und damit kann ich viele gute Dinge erzielen.“ Versuche, die Energie umzuwandeln und dafür zu verwenden, anderen zu helfen. Nutze die Energie, um die Wut zu heilen. Wie auch mit allen anderen negativen Energien ist auch hier hilfreich, Herzensgüte, Liebe und Mitgefühl zu entwickeln. Außerdem sollten wir Liebe und Verständnis für uns selbst entwickeln, uns selbst guter Freund oder Freundin sein. Die Qualität oder Empfindung, die Wut und Ärger heilt, ist Geduld. Geduld ist das Gegenteil von Wut. Geduld bedeutet Verständnis, Weisheit und Bewusstheit für die gesamte Situation zu haben. Wut hat kein Element von Weisheit in sich, Verständnis fehlt und man kann nur eine Seite sehen. Im wahrsten Sinne des Wortes „verliert man den Kopf“.
Mit Geduld arbeiten
Geduld ist wichtig für jegliche Dharmapraxis, zum Beispiel auch bei der Reflektion über Vergänglichkeit. Wir reflektieren darüber, wie uns oft im Moment etwas so groß erscheint, und in ein paar Tagen hat es keine Bedeutung mehr und ist vergessen. Wir brauchen uns also nicht darüber aufzuregen oder traurig zu sein. Sehr hilfreich ist auch zu lernen, Feinden dankbar zu sein, denn durch das Leid, das sie uns bereiten, helfen sie uns am meisten, uns zu verändern. Sie zwingen uns, etwas zu unternehmen und Wege zu finden, mit der Situation klar zu kommen. Ein anderes Hilfsmittel ist, die Dinge richtig zu sehen, das heißt realistischer, objektiver und nicht so in Extremen von gut und schlecht, schwarz und weiß.
Akzeptanz entwickeln
Dies ist wichtig, denn wenn wir Dinge akzeptieren, sind sie nicht so schlimm. Eine grundlegend positive Einstellung allem gegenüber, das auf uns zukommt, gibt uns Zuversicht, Freiheit und Kraft. Viele Menschen leben in ständiger Angst vor Katastrophen oder Negativem, das auf sie zukommen könnte. Wenn wir in einer Situation nicht klar darüber sind, ob wir reagieren sollen oder nicht, sollten wir uns fragen: „ist es etwas wirklich Wichtiges, oder bin ich wütend, weil mein Ego angegriffen wurde? Schadet es anderen und ist es auf lange Sicht gesehen schädlich und schlecht?“ Wir müssen uns auch klar machen, dass wir schlechtes Karma für uns schaffen, wenn wir aus Wut heraus handeln.
Achtsamkeit entwickeln
Dies tun wir, indem wir lernen, Wut, Ärger, Hassgefühle, Irritation wahrzunehmen und zu beobachten, aber nicht zu handeln oder die Emotion auszuleben. Wenn wir es schaffen, achtsam zu sein für den Moment, in dem das Gefühl entsteht, also solange es noch nicht so stark ist, können wir meist verhindern, unüberlegt aus dem Reflex heraus zu reagieren und die Wut kann sich wieder auflösen. Ein kurzer Moment, in dem wir unsere Wut ausleben, kann lange Freundschaften und gute Beziehungen untereinander zerstören. Wenn sich unsere Wut allerdings nicht so leicht auflöst, dann sollten wir sie akzeptieren, Mitgefühl für uns selbst haben, und uns sagen: „Ok, ich bin sehr wütend“. Ein sehr guter Weg der Transformation ist die Tonglen Praxis, in der wir die Wut aller Wesen zusätzlich zu unserer eigenen aufnehmen und mit den guten Gefühlen, dem Positiven in uns, austauschen.
Was immer wichtig ist Wir sollten uns nicht schuldig fühlen, weil wir Wut oder Ärger empfinden. Wir sind nicht Buddha, deshalb ist klar, dass wir negative Emotionen haben und nicht perfekt sind. Wir können langsam und beständig daran arbeiten. Am allerwichtigsten ist, nicht aufzugeben und anderen nicht zu schaden. Sind wir wütend, gibt es noch eine Methode, nämlich so zu tun, als ob alles in Ordnung und gut ist. Wir lächeln und zählen dabei bis 10, geben uns somit Zeit, die Wut nicht auszuleben, nicht zu explodieren. Durch das Lächeln wird eine Nachricht ans Gehirn gesendet, dass alles in Ordnung ist. Das ist eine gute Methode, wenn wir wütend sind.