Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Wir können immer Herzensgüte und Mitgefühl kultivieren

Ich denke, die Situation, in der wir uns gerade befinden, ist die beste Zeit, um Liebe und Mitgefühl in uns zu praktizieren oder zu kultivieren. Es ist sehr traurig zu hören und zu wissen, dass viele fühlende Wesen auf der ganzen Welt geistig und körperlich leiden, nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch wegen Armut, Flut, Erdbeben, Erdrutschen, Waldbränden und vielem mehr. Ich will damit sagen, dass die fühlenden Wesen leiden und Hilfe brauchen, und wir können ihnen helfen. Wir müssen dies als eine Gelegenheit nutzen, um Herzensgüte und Mitgefühl zu kultivieren.  

Ich denke auch, dass es Menschen gibt, die meinen: „Ich möchte freundlich sein, aber ich habe nicht genug zu bieten und ich brauche selbst Hilfe.“ Aber egal, ob wir uns in einer schlechten oder guten Situation befinden, wir können immer Herzensgüte und Mitgefühl kultivieren. Ich möchte gerne eine Geschichte mit euch teilen. Sie trägt den Titel „Das Fenster“ und zeigt genau, dass wir, egal in welcher Situation wir uns befinden, immer freundlich sein und anderen helfen können.

Also, die Geschichte beginnt mit einem Mann, der einen Unfall hatte und ins Krankenhaus gebracht wurde. Der Arzt sagte ihm, dass seine Wirbelsäule gebrochen sei und es lange dauern könnte, bis er sich erholt. Nach ein paar Tagen wurde er in ein Mehrbettzimmer verlegt, in dem noch ein anderer Mann lag, dessen Bett direkt am Fenster stand. Nach ein paar Tagen erfuhr der Mann, dass der Mann am Fenster jeden Nachmittag eine Stunde lang in seinem Bett aufrecht sitzen durfte, während er selbst die ganze Zeit flach liegend auf seinem Bett verbringen musste.

Die beiden Männer fingen an, sich stundenlang über ihre Familien, Freunde und Jobs zu unterhalten. Und an einem Nachmittag begannen der Mann am Fenster, die schönen Dinge zu beschreiben, die draußen vor dem Fenster passierten. Er beschrieb den Park mit dem schönen See, den Booten im Wasser, den schwimmenden Hunden und den Menschen, die dort mit ihren Familien und Freunden picknickten. Der Mann erholte sich also schneller als der Arzt erwartet hatte, und das alles nur, weil der Mann am Fenster ihm half, geistig bei Kräften zu bleiben.

Doch eines Tages starb der Mann neben dem Fenster. Nach ein paar Tagen war der Mann zwar traurig über den Tod seines Freundes, aber er bat die Krankenschwester, ihn in das Bett neben dem Fenster zu legen. Er wollte sich selbst die schöne Welt ansehen, die sein Freund beschrieben hatte, aber alles, was er sehen konnte, war ein altes, beschädigtes Gebäude. Der Mann fragte die Krankenschwester, wie sein Freund den Park und den See vor dem Fenster so schön beschreiben konnte. Die Krankenschwester antwortete ihm: „Ihr Freund war selbst blind und konnte sogar das alte Gebäude nicht sehen. Vielleicht wollte er Sie ermutigen und Ihnen helfen, glücklich zu bleiben.“  

Egal, in welcher Situation wir uns befinden, ob gut oder schlecht, wir können immer freundlich sein und uns bemühen anderen zu helfen, wenn wir wollen. Es mag schwierig sein, Herzensgüte und Mitgefühl zu kultivieren, aber man sagt, dass es nichts gibt, was nicht durch Übung leichter wird. Lasst uns beschließen, ein bisschen gütiger zu sein als gestern und diese Güte jeden Tag ein bisschen mehr zu erweitern.

  • Teaching angelegt von Frank
  • letzte Bearbeitung am: 20. Juli 2024