Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Das Erzeugen des Erleuchtungsgeistes II

Den Geist zähmen

Dharma zu praktizieren bedeutet nicht, dass man einfach seine Kleider, seinen sozialen Status oder seinen Besitz verändert. Es bedeutet vielmehr, dass wir unsere innere Einstellung verändern und unseren Geist zähmen. Egal wer wir sind: Niemand kann als ein Dharma-Mensch angesehen werden, wenn sein Geist nicht gezähmt ist – das gilt auch für mich, den Dalai Lama. Wir können nie anhand der Kleider, die jemand trägt, sagen, dass er oder sie einen solchen Geist hat, sondern nur aufgrund der tatsächlichen geistigen und emotionalen Verfassung dieser Person. Sie alle hier sollten sich selbst untersuchen.

Jeder von uns wünscht sich, glücklich zu sein und niemand wünscht sich, zu leiden. Keiner von uns würde sich nicht wünschen, seine Kopfschmerzen loszuwerden, wenn er welche hat. Nicht wahr? Dies gilt sowohl für körperliche Schmerzen als auch für geistige Leiden. Doch um das unerwünschte Leiden zu beseitigen und das erwünschte Glück zu erlangen, muss man die richtigen Methoden benutzen. Es ist nicht etwas, das sofort geschieht. Sogar wenn wir einem Tier helfen oder es zähmen wollen, um ihm etwas Gutes zu tun, müssen wir dies in mehreren Stadien tun, die diesem speziellen Tier angepasst sind. Wir versuchen zum Beispiel, es zu füttern; wir achten darauf, dass wir es nicht erschrecken oder schlecht behandeln und so weiter.

Dasselbe gilt in Bezug auf unser Verhalten uns selbst gegenüber: Wir müssen uns selbst schrittweise helfen. Indem wir Stufe um Stufe durchlaufen, machen wir Fortschritte. Wir beginnen damit, zu überlegen, wie wir uns im nächsten Jahr hin zu mehr Handlungsspielraum und positiverem Verhalten erweitern und verändern können.  Es ist äußerst wichtig, jetzt wo, wir Menschen sind, auch an die Zukunft zu denken – und zwar nicht nur auf einer kurzfristigen, oberflächlichen Ebene, sondern vielmehr, indem wir versuchen, das letztendliche Glück, das unvergänglich ist, zu erlangen.

Letztendlich denken wir daran, wie wir es schaffen können, auch im nächsten Leben wieder eine menschliche Wiedergeburt zu erlangen, um so auf lange Sicht Glück zu erfahren und Leiden zu vermeiden. Gewöhnlicherweise versuchen wir Glück zu finden, indem wir danach streben, unseren Körper mit Nahrung, Kleidung, einer Unterkunft und so weiter zu versorgen. Doch das Menschsein erschöpft sich nicht in diesen Dingen. Selbst wenn wir reich sind, können wir feststellen, dass auch reiche Menschen noch immer sehr viel geistiges Leiden erfahren. Wir können dies im Westen sehr deutlich sehen.

Es gibt viele Menschen, die zwar viel Geld und viele körperliche Annehmlichkeiten besitzen und trotzdem zahlreiche psychische Probleme haben, wie Depressionen, einen verwirrten Geist, und die verschiedensten Lebensumstände erleben, in denen sie sich sehr unglücklich fühlen. Tatsächlich begegnet man im Westen zahlreichen Menschen, die Drogen und Medikamente nehmen, um zu versuchen, diese Zustände zu lindern. Obwohl sie über materiellen Komfort und Reichtum verfügen, und alle materiellen Vergnügungen haben, sehnen sie sich am allermeisten nach Glück im Geist.

Dies zeigt, dass Reichtum alleine ihnen nicht sowohl körperliche Annehmlichkeiten als auch geistiges Glück verschaffen kann. Leicht können wir erkennen, dass unser Geist wichtiger ist als unser Körper, da er bestimmt, wie wir mit Problemen und Herausforderungen umgehen. Daher muss das Augenmerk darauf liegen, dass wir in unserem eigenen Geist Glück hervorbringen.

Kommentar zu „37 Bodhisattva-Praktiken“ – Der 14. Dalai Lama. Der Dalai Lama lehrte die Bodhisattva-Praktiken 1983 in Bodhgaya mit besonderen Ratschlägen für tibetische Flüchtlinge und Pilger  

Ein graduierlicher Prozess der Veränderung

„Ganz gleich, welche störenden Emotionen und Geisteshaltungen wir haben, wir müssen die jeweils notwendigen Gegenmittel anwenden und uns nicht entmutigen lassen. Wenn wir dies tun, werden wir nach und nach dazu in der Lage sein, unsere Schwierigkeiten zu überwinden und uns eines Tages endgültig von ihnen zu befreien. Wir werden feststellen, dass wir uns schrittweise jedes Jahr ein bisschen mehr vervollkommnen. Das Leiden, das wir erleben, ist das Ergebnis davon, dass unser Geist nicht diszipliniert oder gezähmt ist. Aber da der Geist von Natur aus nicht durch störende Emotionen und Geisteshaltungen befleckt ist, können wir unseren Geist zähmen, von Negativem reinigen und so zum Guten hin verändern. Doch die Ergebnisse der Zähmung werden sich nicht sofort einstellen.  

Es ist wie bei Kindern, die am Anfang überhaupt nichts wissen und vollkommen ungebildet sind. Doch sie durchlaufen die verschiedenen Schulklassen, die erste Klasse, die zweite, und so weiter, und durch diesen graduellen Prozess lernen sie Jahr für Jahr dazu. Dasselbe gilt auch beim Hausbau: Wir bauen schrittweise eine Etage nach der anderen. Wir arbeiten uns durch die verschiedenen Stadien voran, bis wir die Aufgabe fertig gestellt haben. Dieselbe Einstellung müssen wir auch entwickeln, wenn wir uns mit unserem Geist befassen. Wir müssen versuchen, unsere Motivation so gut es geht auszurichten, und zwar auf der Ebene, auf der wir uns gerade befinden. Langsam werden wir auch in diesem Fall dazu in der Lage sein, unsere Motivation stufenweise zu verbessern.“

Quelle: Kommentar zu „37 Bodhisattva-Praktiken“ – Der 14. Dalai Lama. Der Dalai Lama lehrte die Bodhisattva-Praktiken 1983 in Bodhgaya mit besonderen Ratschlägen für tibetische Flüchtlinge und Pilger 

  • Teaching angelegt von Frank
  • letzte Bearbeitung am: 20. Juli 2024