Das Nutzen von negativen Umständen als Teil des Weges zu Verwirklichung
Es gibt viele Arten von negativen Umständen, wie z. B. Krankheiten und alle Unannehmlichkeiten, die von den Wesen ausgehen, die beispielsweise ärgerlich auf uns sind oder uns das Leben schwer machen. Manchmal ist ihr Handeln das Ergebnis früherer Negativität, und manchmal schafft es eine neue Ursache für Negativität, weil es die Reaktion von Begierde, Ärger, Unwissenheit, Eifersucht oder Stolz in uns auslösen kann. Wie auch immer die Umstände sein mögen, es hängt von unserem Verständnis und nicht nur von den Umständen selbst ab, ob sie negativ oder positiv für uns sein werden, wenn sie auftreten.
Wenn wir mit der Situation nicht in geeigneter Weise umgehen können, sind sie negativ. Wenn wir das Verständnis und das Geschick besitzen, die Umstände in einen „Brennstoff“ für unsere Praxis zu verwandeln, dann sind sie positiv. Sollte beispielsweise jemand aggressiv uns gegenüber sein und wir üben Vergeltung, dann ist die gesamte Situation negativ. Wenn wir jedoch verstehen, dass mit diesem Geschehen unser eigenes Karma reif wird, und dass das Karma in dieser äußeren Manifestation als Aggression erschienen ist, dann können wir das Geschehen einfach mit Liebe und Geduld hinnehmen und es als ein Mittel zur Reinigung von diesem besonderen Karma begreifen. Das heißt, aber nicht, dass wir auf die Straße hinauslaufen und zu Aggression auffordern sollten, damit wir unser vergangenes Karma reinigen können. Es gibt manche Leiden, denen wir ausweichen können, und andere, bei denen dies nicht möglich ist.
Normalweise verwenden wir eine Menge Zeit und Anstrengung darauf, selbst das geringfügigste Leiden zu umgehen; wenn wir aber auf ein unausweichliches Leiden stoßen, dann müssen wir es als ein Reifwerden von Karma erkennen und es freudvoll in dem Wissen annehmen, dass das Reifwerden von Karma an sich die Ursache für dieses Karma aufhebt, und dass es irgendwann einmal dazu kommen würde. Zum Zeitpunkt des karmischen Reifwerdens wendet der geschickt Praktizierende eine der Methoden für die Reinigung von Karma an und macht sich sein Vorhandensein in vollem Masse zunutze. Ohne eine solche Einstellung, reagiert man negativ auf widrige Bedingungen und sät die Samen für weiteres Karma.
Genau in dieser Weise läuft der samsarische Kreislauf ab – negative Aktion und Reaktion setzen sich unaufhörlich fort und schaffen die weltliche Existenz wieder neu. Verwirklichung ist nichts in sich selbst, sie bedeutet an sich nichts anderes als eine Befreiung aus dem Teufelskreis von Samsara, und deshalb bildet das Durchbrechen von negativen Reaktionsmustern einen Teil des Weges zur Verwirklichung. Wenn wir jede neue Ursache für Samsara tilgen und das bereits vorhandene Karma reinigen, können wir die wahre Natur unseres Geistes wiederfinden.
Aus „…den Weg gehen“, S. 95-96