Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

S.H. der 14. Dalai Lama und Erzbischof Desmond Tutu

Im April 2015 feierte Desmond Tutu den achtzigsten Geburtstag mit dem Dalai Lama. Dabei ergründeten sie eine der Wichtigsten Fragen überhaupt: „Wie können wir Freude finden trotz des Leidens in der Welt?“

Sie tauschten fünf Tage lang ihre außergewöhnlichen Lebenserfahrungen aus. Das „Buch der Freude“ lässt uns diese wegweisende Begegnung zweier der bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Zeit miterleben. Es folgt ein Auszug aus dem 1. Kapitel zum Thema Sichtweisen. Ein zentrales Thema im Buddhismus, darum hier einige Gedanken aus dem Treffen.

1. Blickwinkel: Es gibt viele verschiedene Sichtweisen. 

Erzbischof Tutu beginnt das Treffen mit dem Beitrag, dass die Freude ein Nebenprodukt ist. Er sagt: »Wenn du dir vornimmst Ich will glücklich sein, und entschlossen die Zähne zusammenbeißt, dann wirst du todsicher den Bus verpassen.« Wenn also Freude und Glück Nebenprodukte sind, wovon sind sie denn eigentlich Nebenprodukte? Wir müssen nun tiefer eintauchen in die Geistes- und Herzenseigenschaften, die wir zu stärken haben, so wir denn diesen »Bus« erreichen, sprich die Gelegenheit nicht verpassen wollten.   

Im Gespräch von Dalai Lama und Desmond Tutu kamen die Teilnehmer so zu der Erkenntnis, dass die geistige Immunität Angst, Wut und andere Hemmnisse auf dem Weg zur Freude aus dem Weg räumen kann. Aber der Dalai Lama erklärte, dass diese geistige Immunität unseren Geist und unsere Herzen gleichzeitig mit positiven Gedanken und Gefühlen erfüllt. In ihrem Austausch einigten sie sich schließlich auf acht Säulen der Freude.   

Vier davon waren Geisteshaltungen: Blickwinkel, Bescheidenheit, Humor und Akzeptanz. Dazu kamen vier Eigenschaften des Herzens: Vergebung, Dankbarkeit, Mitgefühl und Großzügigkeit. 

Gleich am ersten Tag des Treffens hatte der Erzbischof die rechte Hand auf sein Herz gelegt, um dessen Bedeutung zu betonen. Am Ende gelangten sie tatsächlich zu den Begriffen Mitgefühl und Großzügigkeit, und beide Männer waren sich darin einig, dass diese beiden Eigenschaften für das Erlangen dauerhafter Freude wahrscheinlich die entscheidenden waren. Dennoch müssen wir beginnen mit grundlegenden Geisteshaltungen, die es uns erlauben, uns leichter und häufiger auf mitfühlende und großzügige Verhaltensweisen einzulassen. Wie der Dalai Lama beim Beginn der Dialoge gesagt hatte, bereiten die Menschen sich das meiste Leid selbst und sollten deshalb in der Lage sein, auch mehr Freude zu schaffen. Der Schlüssel dazu sei unser Blickwinkel; unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen ergäben sich dann daraus.   

Der überwiegende Teil der Ergebnisse der Gespräche dieser Tage ist durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt. Die Faktoren, die der Psychologin Sonja Lyubomirsky zufolge den größten Einfluss auf unser Glück haben, decken sich weitgehend mit den acht Säulen. Da ist zunächst einmal unsere Perspektive auf das Leben zu nennen oder, wie es Lyubomirsky beschreibt, unsere Fähigkeit, unsere Situation in einem positiveren Licht zu sehen. Andere Faktoren sind die Fähigkeiten, Dankbarkeit zu empfinden und uns anderen gegenüber gütig und großzügig zu erweisen.   

Ein vernünftiger Blickwinkel ist tatsächlich Grundlage für Freude und Glück, denn so, wie wir die Welt sehen, erleben wir sie auch. Wenn wir unsere Perspektive verändern, erfahren wir die Welt auch anders und handeln anders, was umgekehrt die Welt verändert. Oder, wie der Buddha im Dhammapada sagt: »In unserem Geist schaffen wir uns unsere eigene Welt.«   

»Zu jedem Ereignis im Leben«, bemerkte der Dalai Lama, »gibt es verschiedene Blickwinkel. Betrachtet man dasselbe Ereignis in einem größeren Rahmen, empfinden wir weniger Sorge und Angst und verspüren größere Freude.« Die Bedeutung einer weiter gefassten Perspektive hatte der Dalai Lama bereits an dem Beispiel erläutert, wie er den Verlust seines Heimatlandes als Chance hatte begreifen können. Den Teilnehmern blieb der Mund offenstehen, wie er ein halbes Jahrhundert im Exil »in einem positiveren Licht betrachtete«. Er hatte nicht nur das gesehen, was verloren war, sondern auch das, was er gewonnen hatte: mehr Kontakt und neue Verbindungen, weniger Formalitäten und mehr Freiheit, die Welt zu entdecken und von anderen zu lernen. Er hatte daraus geschlossen: »Betrachten wir etwas nur aus einer Richtung, dann denken wir: »Oh, wie schlimm, wie traurig!« Sehen wir dasselbe Unglück aber aus einem anderen Blickwinkel, dann erkennen wir, dass es uns neue Möglichkeiten bringt.«   

Edith Eva Eger berichtet von einem Besuch bei zwei ehemaligen Soldaten am William Beaumont Army Medical Center in Fort Bliss. Beide waren durch Verletzungen an der Front querschnittsgelähmt und konnten ihre Beine nicht bewegen. Sie hatten dieselbe Diagnose und dieselbe Prognose. Tom, der erste Kriegsveteran, lag in Embryonalhaltung gekrümmt auf seinem Bett, schimpfte auf sein Leben und haderte mit dem Schicksal. Der zweite, Chuck, saß im Rollstuhl und erklärte, es käme ihm vor, als habe er eine zweite Chance für sein Leben bekommen. Während er sich im Rollstuhl durch den Garten schob, hatte er bemerkt, dass er den Blumen nun viel näher war und den Kindern direkt in die Augen sehen konnte.   

Eger zitiert häufig einen Ausspruch von Viktor Frankl — Auschwitz-Überlebender wie sie —, der besagte: „Unsere Einstellung in jeder Situation zu wählen ist unsere letzte und endgültige Freiheit“. Sie erklärt, unsere Perspektive trage die Macht in sich, uns am Leben zu erhalten oder unseren Tod zu bewirken. Eine Mitgefangene in Auschwitz war schwer erkrankt und sehr schwach, und die anderen in der Baracke fragten sie, was sie am Leben erhielte. Sie antwortete, sie habe gehört, dass sie bis Weihnachten alle befreit sein würden. So hielt sie trotz allem durch, starb aber am Weihnachtstag, als sie noch nicht befreit waren.  

Ein Teilnehmer erklärte, es ist zwar schwierig, unsere Gefühle zu verändern, aber bei unserem Blickwinkel ist das vergleichsweise leicht. Er gehört zu jenem Teil unseres Geistes, über den wir die Kontrolle haben. Die Art, wie wir die Welt sehen, und die Bedeutung, die wir dem beimessen, was wir sehen, beeinflusst die Weise, wie wir fühlen. Dies kann der erste Schritt einer »geistigen und neuronalen Reise sein, die zu mehr und mehr Gelassenheit führt, sodass Freude immer mehr zu unserem Normalzustand wird«, wie es der Psychologe und Autor Daniel Goleman formulierte. Der Blickwinkel ist dabei nichts anderes als der Generalschlüssel zu allen Türen, die unser Glück gefangen halten.  

Wie kann es sein, dass sich ein Perspektivenwechsel so entscheidend auswirkt? Und wie genau ist dieser ideale Blickwinkel, den der Dalai Lama und Desmond Tutu vorleben und der sie all dem Leid in unserer Welt mit so viel Frohsinn begegnen lässt?   

Der Dalai Lama verwendete die Begriffe »größerer Rahmen« und »weite Perspektive«. Dazu müssen wir im Geist einen Schritt zurücktreten und das ganze Bild betrachten; wir müssen unsere beschränkte Eigenwahrnehmung und unsere Eigeninteressen hinter uns lassen. Jede Situation, der wir im Leben gegenüberstehen, entsteht aus dem Zusammenwirken vieler Faktoren. Der Dalai Lama hatte erklärt: »Wir müssen jede Situation und jedes Problem von vorn und von hinten betrachten, von den Seiten und von oben und unten, also mindestens aus sechs verschiedenen Blickwinkeln. So erhalten wir eher ein vollständiges und ganzheitliches Bild der Realität und können viel wirkungsvoller darauf reagieren.“

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 16. April 2024