Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Die Umwelt

S. H. 14. Dalai Lama

Für einen Bereich haben die Bildungsinstitutionen und die Medien meiner Meinung nach eine besondere Verantwortung: für unsere Umwelt. Dabei geht es weniger um Bewertungen wie richtig oder falsch, sondern einfach um die Frage, wie wir überleben wollen. Die Natur ist unsere Heimat. Sie ist nicht unbedingt heilig. Wir leben einfach in ihr. Deshalb müssen wir uns um sie kümmern. Das ist gesunder Menschenverstand.

Erst vor kurzem haben unsere Bevölkerung und die Macht von Wissenschaft und Technik so stark zugenommen, dass sie einen direkten Einfluss auf die Umwelt haben. Anders ausgedrückt: Bisher hat Mutter Erde es noch ertragen können, dass wir so achtlos mit ihr umgegangen sind. Jetzt ist allerdings ein Punkt erreicht, an dem sie unser Verhalten nicht mehr stillschweigend hinnehmen kann. Die Probleme, die durch Umweltkatastrophen verursacht werden, kann man als ihre Antwort auf unser verantwortungsloses Handeln begreifen. Sie warnt uns, dass auch ihre Toleranz irgendwann ein Ende hat.

Wir müssen unbedingt Herstellungsprozesse entwickeln, die die Umwelt nicht beeinträchtigen. Wir müssen unseren Verbrauch von Holz und anderen begrenzt verfügbaren natürlichen Rohstoffen verringern. Ich bin auf diesem Gebiet kein Experte, und ich kann keine Vorschläge machen, wie dieses Vorhaben umzusetzen ist. Ich weiß nur, dass es möglich ist, wenn die nötige Entschlossenheit vorhanden ist. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich bei einem Besuch in Stockholm vor einigen Jahren hörte, dass zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder Fische in den Fluss zurückgekehrt waren, der durch die Stadt fließt. Davor hatte es aufgrund Verschmutzung durch Industrieabwässer lange Zeit keine Fische mehr dort gegeben. Und diese Veränderung war keineswegs darauf zurückzuführen, dass alle umliegenden Fabriken geschlossen worden wären.

Bei einem Besuch in Deutschland zeigte man mir eine Industrieanlage, die betrieben werden konnte, ohne die Umwelt zu belasten. Es gibt also durchaus Lösungen, die den Schaden an der Umwelt begrenzen, ohne dass gleichzeitig die Industrie zum Stillstand kommen müsste. Ich glaube allerdings nicht, dass wir uns nur auf Technologien verlassen sollten, um all unsere Probleme zu lösen. Genauso wenig glaube ich, dass wir es uns leisten können, destruktive Praktiken anzuwenden und dann zu hoffen, dass Techniken entwickelt werden, die den Schaden wieder beheben.

Es ist übrigens nicht die Natur, die reparaturbedürftig ist. Unser Verhalten gegenüber unserer Umwelt muss sich ändern. Ich bezweifle, dass man jemals eine Methode finden wird, Schäden zu beheben, die durch so große drohende Katastrophen wie den Treibhauseffekt entstehen, und sei es nur auf einer theoretischen Ebene. Und selbst wenn es uns gelänge, müssten wir uns fragen, ob es jemals möglich wäre, eine solche Methode auch in dem erforderlichen Umfang einzusetzen. Was würde das kosten? Und welchen Preis müssten wir in Bezug auf unsere natürlichen Rohstoffe zahlen?

Ich glaube, der Preis wäre zu hoch. Außerdem muss man berücksichtigen, dass schon jetzt in vielen anderen Bereichen wie z.B. der humanitären Hilfe bei Hungerkatastrophen die Mittel fehlen, um die nötige Arbeit zu leisten. Deshalb wäre der Einsatz so kostspieliger Methoden, selbst wenn man argumentieren könnte, dass das erforderliche Geld aufgetrieben werden könnte, in Anbetracht solcher Notlagen in moralischer Hinsicht kaum zu rechtfertigen. Es wäre nicht richtig, hohe Summen dafür bereitzustellen, damit die Industrienationen weiterhin ihre zerstörerischen Praktiken ausüben können, während Menschen in anderen Ländern nicht einmal in der Lage sind, sich zu ernähren. All dies zeigt, dass wir die universelle Dimension unseres Handelns erkennen und uns einschränken müssen. Glücklicherweise erkennen immer mehr Menschen, wie wichtig ethische Disziplin ist, wenn es darum geht, eine gesunde Lebensumgebung zu schaffen.

Deshalb bin ich zuversichtlich, dass eine Katastrophe verhindert werden kann. Vor noch nicht allzu langer Zeit hat sich kaum jemand Gedanken gemacht, welche Auswirkungen das menschliche Handeln auf unseren Planeten hat. Darüber hinaus ist die Tatsache, dass die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Wälder und Ozeane, die Millionen unterschiedlicher Lebensformen beherbergen, sowie die Klimastrukturen, die unser Wettergeschehen bestimmen, allesamt jegliche nationalen Grenzen überschreiten, eine Quelle der Hoffnung. Das bedeutet, dass kein Land, und mag es noch so mächtig sein, es sich leisten kann, nichts für den Schutz unserer Umwelt zu tun.

Was uns als Einzelpersonen angeht, werden wir durch die Probleme, die aufgrund unserer Vernachlässigung der Umwelt entstanden sind, mit Nachdruck daran erinnert, dass wir alle einen Beitrag leisten müssen. Das Handeln eines Einzelnen mag zwar keine großen Auswirkungen haben – insgesamt aber hinterlassen die Taten von einer Million Individuen sicher einen spürbaren Effekt. Deshalb ist es an der Zeit, dass die Bewohner der Industrienationen sich ernsthaft überlegen müssen, wie sie ihren Lebensstil ändern können. Auch das ist wiederum weniger eine Frage der Ethik. Die Tatsache, dass die übrige Weltbevölkerung das gleiche Recht hat, ihren Lebensstandard zu verbessern, ist in jedem Fall viel wichtiger, als dass die Bewohner reicher Nationen ihren Lebensstil aufrechterhalten können.

Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, ohne der Umwelt irreparablen Schaden zuzufügen – mit all dem Unglück, das damit einhergehen würde -, dann müssen die reicheren Länder eine Vorbildfunktion übernehmen. Für einen immer weiter ansteigenden Lebensstandard müsste der Planet und mit ihm die gesamte Menschheit einen zu hohen Preis zahlen. 

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 1. April 2024