Zufriedenheit ist der größte Reichtum
von S. H. XVII Karmapa Ogyen Trinley Dorje
Es gibt gesunde und ungesunde Beziehungen zum eigenen Besitz. Ich bin zutiefst überzeugt, dass Zufriedenheit der größte Reichtum ist. Jeder kann sie für sich entwickeln. Jeder kann sie besitzen. Zufriedenheit ist ein unglaublicher Reichtum, der uns nichts kostet, und den wir nirgendwo außerhalb von uns suchen müssen. Die natürlichen Ressourcen für diesen Reichtum sind die Qualitäten unseres Geistes.
Zufriedenheit sorgt für tiefste Befriedigung. Wir erreichen sie, indem wir unseren Geist gut kennenlernen, und seine Ressourcen ausschöpfen. Wir können das Wissen darum, dass wir genug haben, entwickeln, uns vergegenwärtigen, dass wir nicht mehr brauchen, als wir bereits haben, und vollkommen zufrieden damit sein. Normalerweise glauben wir, wir bräuchten noch dieses und jenes, um glücklich sein zu können. Aber eigentlich ist es doch ganz einfach. Das wurde mir eines Tages während eines Spaziergangs um das Kloster bewusst.
Es war ein schöner Tag und es wehte ein leichter Wind. Die sanfte Brise ließ mir meinen Atem bewusst werden, und mir wurden zwei Dinge klar: Ich atme, und das hängt nicht nur von mir alleine ab. Es braucht Sauerstoff dafür, und dessen Existenz wiederum hängt von tausend anderen Bedingungen ab. Jeder einzelne meiner Atemzüge ist möglich durch diese vielen Voraussetzungen. Diese Erkenntnis ließ mich staunen. Ich wusste auch vorher schon, dass ich selbst keinen Sauerstoff herstellen kann. Doch nun wurde mir noch einmal sehr klar, dass ich praktisch mit jedem Atemzug existentiell von seiner Verfügbarkeit abhänge. Ich habe schon so oft geatmet und hätte es auch nur einen Moment lang keinen Sauerstoff gegeben, wäre mein Leben beendet gewesen. Doch er war immer da, und ist es auch jetzt in diesem Augenblick.
Diese Erkenntnis erfüllte mich mit vollkommenem Wohlbehagen. Diese gewöhnlichsten Dinge können so wundervoll sein. Fast nie richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die grundlegenden Bedingungen unserer Existenz, obwohl sie immer präsent und frei verfügbar sind. Wenn wir uns das immer wieder einmal bewusst machen, kehrt die Freude in unser Leben zurück. Wir müssen weder etwas kaufen noch etwas besitzen, um glücklich zu sein. Unsere wechselseitige Abhängigkeit sorgt einerseits dafür, dass unsere Gier nach Konsum verheerende Folgen für die Umwelt hat, sie sorgt andererseits aber auch dafür, dass die natürliche Umwelt eine Quelle grenzenloser Freude für uns ist. Um dies zu erleben, reicht es zu atmen. Wie wir unsere Verbundenheit leben, liegt bei uns.
Letztlich kommt es auf unsere ganz persönliche Einstellung an. Gelingt es uns, die Gier zu stoppen, nicht mehr nach Dingen zu jagen, die wir noch nicht haben, und die Dinge, die wir haben nicht für selbstverständlich zu halten, dann können wir Wertschätzung und Freude empfinden. Wir haben wirklich alles, was wir brauchen. Zufriedenheit ist ein unerschöpflicher Reichtum. Wir können grenzenloses Glück erfahren, indem wir einfach nur atmen.
Quelle: S. H. XVII Karmapa Ogyen Trinley Dorje. Das edle Herz – Die Welt von innen verändern, S. 111-112