Zufrieden sein, mit weniger Bedürfnissen
Karmapa Ogyen Trinley Dorje. 2016 – Bulach, Schweiz
In dieser Unterweisung verknüpfte der Karmapa die Anregung, mit weniger zu leben, mit der Frage nach der Umwelt: „Ich möchte darüber sprechen, einfacher zu leben und mit weniger zufrieden zu sein, um die Umwelt zu schützen“, erklärte er. Die Wissenschaft habe viele Informationen über die Umweltkrise geliefert, fuhr er fort, aber das Wissen an sich ist nicht genug. Der springende Punkt ist, wie man das Wissen in die Tat umsetzen kann. Der Karmapa gab mehrere Empfehlungen.
Erstens könnten sich Umweltwissenschaftler mit religiösen Führern beraten und mit ihnen zusammenarbeiten, um Wege zum Schutz der Umwelt zu finden. Zweitens sollte jeder von uns eine ehrliche Einschätzung seines täglichen Lebens und seiner Auswirkungen auf die Umwelt vornehmen, damit wir unsere Lebensweise zum Schutz der Umwelt ändern können. Drittens, da Motivation der Schlüssel ist, müssen wir alle die entsprechende Motivation entwickeln und sie stärken. Informationen, Statistiken und Wissen regen zwar unseren Intellekt an, bewirken aber nicht unbedingt einen Sinneswandel oder eine Verhaltensänderung. Die Unwissenheit ist so stark, dass wir oft nicht erkennen, wie die Dinge wirklich sind. Viertens müssen wir innere Zufriedenheit entwickeln, die Karmapa als „eine natürliche Ressource“ bezeichnete. Wenn wir zufrieden sind, haben wir das Gefühl, dass wir alles haben, was wir brauchen. Zu lernen zufrieden zu sein, ist wichtig, denn ohne Zufriedenheit werden wir nie zur Ruhe kommen. Wir werden immer unerfüllte Wünsche haben und das Gefühl, dass uns etwas fehlt.
Karmapa schlug vor, wie wir durch Meditationspraxis Zufriedenheit entwickeln können. Indem wir unser Gewahrsein auf dem Atem ruhen lassen, konzentrieren wir uns auf den gegenwärtigen Moment und jagen nicht Erinnerungen aus der Vergangenheit hinterher oder spekulieren über die Zukunft. Durch Praktiken wie diese kann die innere Zufriedenheit allmählich wachsen. Wenn wir uns manchmal ein wenig hilflos fühlen oder denken, dass uns etwas fehlt, oder wir uns verloren fühlen und uns dann daran erinnern, uns auf unseren Atem zu konzentrieren, können wir Glück erfahren. Darüber hinaus erinnert uns die Konzentration auf den Atem an unsere gegenseitige Abhängigkeit mit der Umwelt und den Pflanzen, denn sie versorgen uns mit dem nötigen Sauerstoff. Wir erkennen, dass das Atmen zu etwas Wunderbarem werden kann. Aufgrund unserer ständigen Begierden können unser Geist und unser Körper keine Ruhe finden.
„An einem gewissen Punkt müssen wir sagen, genug ist genug“, riet Karmapa, denn die Wünsche können grenzenlos sein, und wenn wir viele Wünsche haben, werden wir nicht in der Lage sein, Zufriedenheit zu finden. Letztendlich müssen wir einen weiteren Schritt machen und uns von unseren Wünschen abwenden, und die Anhaftung loslassen. Dies ist Entsagung. Das Prinzip der Entsagung beinhaltet die Ablehnung von schädigenden sozialen Konstrukten der Gesellschaft, in der wir leben. Karmapa wies auf ein Beispiel aus Neu-Delhi in Indien hin. Als er im Jahr 2000 nach Indien kam, gab es viel weniger Autos auf den Straßen, aber jetzt gibt es überall Staus und die Luft ist stark verschmutzt.
Ein großer Teil des Problems sind die mehr als fünf Millionen Privatautos, und es wird noch dadurch verschlimmert, dass jeden Tag zwischen 4000 und 5000 neue Autos hinzukommen. Er erzählte, wie er einmal einen tibetischen Fahrer gefragt hatte, warum es so viele Autos gibt, und der Fahrer antwortete: „Wenn dein Nachbar ein Auto kauft, musst du auch ein Auto kaufen.“ „Das ist die heutige Situation“, kommentierte Karmapa. Anstatt unsere eigene Intelligenz und Weisheit zu nutzen, folgen wir aufgrund der Macht unserer Unwissenheit einfach dem, was andere Menschen tun. Wir stehen unter dem Einfluss von äußeren Faktoren und Umständen, die unser Leben bestimmen.
Wenn wir über Entsagung und das Loslassen von Verlangen sprechen, bedeutet das, dass wir nicht mehr unter diesen Einflüssen stehen, sondern die Intelligenz und Weisheit haben, unseren eigenen Weg zu wählen. Wir müssen erkennen, dass das, was die Gesellschaft als real darstellt, eher eine Lüge ist, fuhr er fort, und dann können wir unseren eigenen Weg gehen. Am Ende geht es darum, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Wenn wir ein Auto kaufen, ist das unsere Entscheidung, aber diese Entscheidung hat Konsequenzen. Wenn wir mit diesem Auto auf der Straße fahren, tragen wir zur Luftverschmutzung, zu Verkehrsstaus und so weiter bei.
Wir können es nicht vermeiden, in der Gesellschaft zu leben, und wir sollten in Harmonie mit allen leben, aber es ist von größter Wichtigkeit, dass wir wissen, wie wir uns richtig verhalten. Der Karmapa öffnete die Runde für Fragen. In Beantwortung der Frage ob sich die Erde erholen könnte, wenn die Menschen ihr Verhalten ändern würden, sagte er: „Zu hoffen, dass sich die Erde erholen wird, hilft nicht viel. Wir müssen tatsächlich etwas tun.“ Weitere Naturkatastrophen könnten ein Weckruf sein, aber es ist nicht einfach, unser Verhalten und unsere Einstellung zu ändern.
Die Umweltkrise hat ein riesiges Ausmaß und es ist schwierig, die Situation insgesamt zu ändern. Es gibt jedoch ein tibetisches Sprichwort „Tropfen für Tropfen wird der Ozean gefüllt. Tropfen für Tropfen wird ein Loch in den Felsen gehöhlt.“ Wenn wir alle zusammenarbeiten, können wir etwas tun. Wenn wir auf die Regierung warten, könnte es lange dauern, also müssen wir unsere eigene Entscheidung treffen und etwas unternehmen. Wir können uns dafür entscheiden, Dinge zu verwenden, die weniger schädlich für die Umwelt sind. Wenn wir unsere Art zu konsumieren ändern, werden wir ein Beispiel für andere setzen, und auch eine Veränderung in ihrer Einstellung bewirken.