Persönliche Erlebnisse von SH 17. Karmapa Ogyen Trinley Dorje
Bis zum Alter von sieben Jahren lebte ich ein normales Leben, und hatte ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu meiner Familie. Unsere war nicht diese Art von Familie, deren Vater weggeht, weil er woanders eine Arbeit hat, und in der die Mutter ebenfalls arbeitet. Wir waren die meiste Zeit zusammen. In den Abendstunden saßen wir gewöhnlich im Kreis um ein Feuer, und meine Eltern, oder andere ältere Verwandte erzählten Geschichten. Dadurch entstand ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie.
Wie ich schon erwähnte, war ich ein Nomadenkind, und wir zogen häufig von einem Ort zum nächsten. Wir waren viel unterwegs und besaßen sehr viel Freiheit. In der weiten, offenen Landschaft, die uns umgab, konnten wir Kinder überall hinrennen, wohin wir wollten. Die Gefahr, von einem Auto angefahren zu werden, bestand dort nicht. Es gab in unserer Umgebung nicht einmal feste Gebäude – außer da, wo wir im Winter waren –, und im Sommer lebten wir in einem Zelt aus Yakhaar. Daher wuchs ich mit großer Bewegungsfreiheit auf.
Im Alter von sieben Jahren verließ ich ganz plötzlich meine Familie, um in einem weit entfernten Kloster zu leben. Das Kloster Tsurphu hat drei Stockwerke, und man quartierte mich in Wohnräumen ein, die sich ganz oben befanden. Ich war nun von meiner Familie getrennt, und mein früheres Lebensgefühl wurde durch ein neues verdrängt. Als das passierte, fühlte ich etwas, das man als Leiden oder Unglücklichsein bezeichnen könnte. Kinder brauchen andere Kinder im selben Alter, um mit ihnen zu spielen, aber als ich nach Tsurphu kam, gab es dort niemanden, der gleichaltrig mit mir war. Alle um mich herum waren alt, und nicht genug, dass sie alt aussahen, sie strahlten auch noch Ernst aus. Sie schauten mich so an, als wollten sie sagen: „Ich will nicht mit dir spielen. Was machst du da eigentlich?“
Ich erzähle das, weil ich in dieser Situation herausfand, dass auch andere die Rolle meiner Eltern und Freunde übernehmen konnten. Ich hielt also Ausschau. Viele Menschen aus der ganzen Welt kamen, um mich zu sehen. Die meisten von ihnen sahen mich als ihren Lehrer an. Für sie war ich eine hochgestellte Persönlichkeit, und sie nahmen mich sehr ernst. Ich dagegen vermisste meine Eltern und meine Freunde. In mir gab es eine Leere, und ich versuchte, die Lücke, die sie hinterlassen hatten, zu füllen.
Wenn ich mich umschaute, sah ich, dass mir das meiste, was ich besaß, von anderen gegeben worden war. Das weckte in mir das Gefühl, dass da immer Menschen waren, die sich um mich kümmerten. Langsam erkannte ich, dass ich nicht nur meine biologischen, sondern auch andere Arten von Eltern hatte, die mir halfen. Wenn es darum geht, die Welt von innen heraus zu verändern, dann beinhaltet dies das Kultivieren von starker Liebe und Zuneigung im eigenen Geist. Dies geschieht schrittweise, aus freien Stücken und auf eine Weise, die sich sehr angenehm anfühlt. Entwickelt man so Mitgefühl, dann entsteht es ganz natürlich und ist authentisch.
S. H. XVII Karmapa Ogyen Trinley Dorje -Mitgefühl entfalten und leben