Karmapa Orgyen Trinley Dorje über Meditation
Meditation ist uns selbst Zeit zu geben, nur wir selbst zu sein. Nichts anderes, nichts Besonderes, nur uns erlauben zu entspannen und wir selbst zu sein, ohne Sorgen, was in der Vergangenheit passierte oder was in der Zukunft sein wird. Einfach entspannen und im eigenen natürlichen Zustand ruhen, das ist alles, was wir tun müssen. Wenn wir uns diese Gelegenheit geben, erkennen wir, dass sich diese Gegenwärtigkeit in andere Bereiche unseres Lebens ausdehnt. Dann verlieren wir die eigene wahre Natur nicht, wenn wir unseren täglichen Aktivitäten nachgehen.
Gedanken vom Karmapa
Am ersten Tag hat er in seiner kurzen Einleitung vor den Gebeten über Interdependence oder gegenseitige Abhängigkeit gesprochen und betont, wie wichtig es ist, uns über dieses zentrales Thema Gedanken zu machen und entsprechend unser Verhalten und unsere Einsicht zu verändern. Die Pandemie hätte sich seiner Meinung nach nicht so verbreiten können, wenn wir uns über gegenseitige Abhängigkeit mehr bewusst wären. Normalerweise empfinden wir eine Distanz zwischen uns und anderen, wir fühlen uns getrennt und unabhängig von anderen als völlig eigenständig existierende Personen.
Aber nun wird auf schmerzhafte Weise deutlich, dass diese Distanz nicht so groß ist, wie wir meinen. Wegen unserer Ego-Zentriertheit oder unseres Egoismus sehen wir unsere Familien, Länder, Kontinente als separat und getrennt an und nehmen Dinge nur ernst, wenn sie uns direkt betreffen. Aber jetzt können wir beobachten, dass die Pandemie uns alle betrifft, und die Situation macht deutlich, dass wir uns ständig gegenseitig beeinflussen. Jeder unserer Atemzüge hat eine Auswirkung auf andere. Wir sind abhängig und nicht ohne Bezug, wir sind betroffen und abhängig davon, was andere tun, was in anderen Ländern, was auf der Welt geschieht. Daher ist diese Zeit auch eine Chance, diese grundlegende gegenseitige Abhängigkeit tiefer und direkter zu verstehen, zu verinnerlichen und somit in unserer Praxis zu wachsen.
Durch diese Auseinandersetzung haben wir die Chance zu erfahren, dass die Distanz oder der Unterschied zwischen unserem Leben, also der Person, die Dharma praktiziert und der Dharma-Praxis selbst, immer geringer wird. Wir und das Dharma sollten immer mehr zur Einheit oder eins, und wir somit zu wirklichen Dharma-Praktizierenden werden. Dharma ist nichts außerhalb unseres Lebens. Es sollte nichts von uns Getrenntes sein, wir hier und die Dharmapraxis dort, sondern wir werden zum Dharma, wir sind ständig davon durchdrungen und begleitet.
Wir praktizieren es nicht nur äußerlich und wenn wir auf dem Meditationskissen sitzen. Es geht dabei nicht um religiöse Dinge, sondern darum, wie wir ein besseres, gutes Lebewesen werden, nützlich für uns selbst und andere. Es geht darum, unsere natürlichen Qualitäten wie Herzensgüte und Mitgefühl zu verbessern. Wir haben nun die Chance zu realisieren, dass wir als Menschen die Verantwortung: für uns selbst, für unsere Familie, Freunde, die ganze Welt haben. Wir können nicht ohne all diese überleben.
Dieses Verständnis wird natürliche Fürsorge für die Umwelt erzeugen. Sind wir aber nur auf uns selbst konzentriert und gefangen in EgoZentriertheit, ist unser Potential, anderen zu nutzen und ein bedeutungsvolles Leben zu führen, begrenzt. Dieses Gefühl der Verantwortung kann aber zum Druck und zu schwerer Bürde werden durch einen Mangel an Mitgefühl. Egoismus schließt die Tür zu Mitgefühl, darum brauchen wir Anregung, unser Leben in großer, nutzbringender Weise zu leben, und dieses Leben, das so wertvoll ist, bedeutungsvoll zu machen. Laut Karmapa können wir als Menschen so viel erreichen – wie wunderbar das ist!