Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Erklärungen zum ersten der acht Verse des Geistestrainings

Indem ich alle fühlenden Wesen für kostbarerer halte
als jedes wunscherfüllende Juwel,
um das höchste Ziel zu erreichen,
werden sie mir stets am Herzen liegen

Ziemlich lange habe ich gebraucht, um herauszufinden, was hier mit „wunscherfüllendes Juwel“ gemeint ist und wie man es am besten erklären kann. Das wunscherfüllende Juwel ist ein Edelstein, der aus dem Ozean stammt. Er ist äußerst schwer zu erlangen. Man muss auf eine lange Seereise gehen, um ihn vom König der Nagas zu erhalten. Hast du das Juwel erst einmal gefunden und betest zu ihm und opferst Gaben, dann wird es, laut dem Mythos, all deine Wünsche erfüllen.

Für mich war es sehr schwierig, etwas zu finden, mit dem wir das Juwel ersetzen könnten. Ich habe aus mehreren Blickwinkeln darüber nachgedacht und schließlich fiel mir ein, dass wir heutzutage oft Geld für etwas Ähnliches wie ein wunscherfüllendes Juwel halten, denn wir können unsere Wünsche erfüllen, wenn wir Geld haben. Man kann gutes Ansehen erreichen, Einfluss nehmen und so weiter. Geld zu haben ist also eigentlich dasselbe wie ein wunscherfüllendes Juwel zu besitzen. Das wunscherfüllende Juwel verschafft Glück oder Buddhaschaft ebenso wenig wie Geld das kann.

Heutzutage halten wir Geld für besonders wichtig. In Wirklichkeit ist Geld aber nur ein Mittel, um uns materielles Glück zu verschaffen. Und dennoch identifizieren wir Geld irrtümlicherweise als das Glück selbst und es wird zu unserem Hauptaugenmerk. Bei diesem Vers also, denke ich, wird es einfacher, die Bedeutung des wunscherfüllenden Juwels zu verstehen, wenn man erkennt, dass alle fühlenden Wesen weitaus wichtiger als Geld sind. Was ist der Grund dafür, dass die fühlenden Wesen sogar bedeutsamer und wichtiger als das wunscherfüllende Juwel sind? Der Grund ist, dass das wunscherfüllende Juwel uns nur äußerlichen Reichtum bringen kann; es kann nicht unser Mitgefühl entwickeln. Es kann uns nicht prajna (große, umfassende Weisheit) geben. Es kann uns kein Glück verschaffen. Es kann uns nicht die Buddhaschaft bringen. Und doch, wenn wir die fühlenden Wesen hochschätzen, wenn wir in uns selbst die Haltung und die Motivation tragen, für den Nutzen der anderen zu arbeiten, dann werden wir liebende Güte, Mitgefühl, prajna, den Zustand der Buddhaschaft und Glück entwickeln können.

Aus diesem Grund ist es wertvoller, andere hochzuschätzen als ein wunscherfüllendes Juwel zu besitzen. Normalerweise stellen wir Buddhas und Bodhisattvas an eine sehr hohe Stelle. Wir opfern ihnen und werfen uns vor ihnen nieder. Aber wenn wir jemanden sehen, der nicht so schön ist, der vielleicht schmutzige Kleidung trägt und dessen Gesicht dreckig ist, dann tun wir alles, was wir können, um diese Person von uns fern zu halten, sie daran zu hindern, uns zu nahe zu kommen. Wenn wir aber eigentlich von allen fühlenden Wesen als Buddhas denken, dann können wir den Ton-Vergleich ziehen: Wir können aus Ton viele verschiedene Formen schaffen, aber das Wesen des Tons bleibt das gleiche. Wenn wir dann diesen Ton nehmen und ihm die Form eines Buddhas geben und ihn an eine besondere Stelle stellen, dann schätzen wir ihn, machen Opfer und werfen uns nieder. Wenn wir denselben Ton in die Form eines Hundes oder eines Schweins bringen würden, dann würden wir all das nicht tun. Das Material ist dasselbe, aber die Form ist eine andere – die eine Form ist ein Buddha, die andere ein Hund oder ein Schwein.

Wenn wir meinen, die äußere Form sei wichtiger als der Ton selbst, dann werden wir Hunden und Schweinen weder einen besonderen Platz einräumen noch ihnen Opfer darbringen. Dieser Vers drückt dies aus: Wenn wir selbst Glück und den Zustand der Buddhaschaft erreichen wollen, dann müssen wir verstehen, dass es keinen Unterschied zwischen Buddhas und fühlenden Wesen gibt; was das Material, die Qualitäten, den Nutzen betrifft, sind sie ein und dasselbe. Es sei wichtig, wird gelehrt, den Buddhas Opfer darzubringen und zum Nutzen der fühlenden Wesen zu handeln, um Buddhaschaft zu erlangen, und wir betrachten Buddhas, Bodhisattvas und Gottheiten als am wichtigsten. Aber wir müssen auch die fühlenden Wesen wertschätzen und ihre Qualitäten anerkennen.

Quelle: Finding Genuine Practice – the Eight Verses of Training the Mind, ein Teaching von S.H. Karmapa Ogyen Trinley Dorje

  • Teaching angelegt von Stephan
  • letzte Bearbeitung am: 21. April 2024