Die Dichtkunst des 17. Karmapa
Die tibetische Literatur ist von Poesie durchwoben. Fast alle meditativen Praktiken und viele philosophische Texte sind in Versform abgefasst. Die poetische Form beflügelt die Einsicht und dient zudem als Gedächtnisstütze, wobei das metrische Maß dazu beiträgt, sich die Worte besser einprägen zu können.
Der Karmapa sagt:
Etwa drei oder vier Jahre nach meiner Ankunft in Tsurphu habe ich damit begonnen, Gedichte zu schreiben. Mein erster Lehrer auf diesem Gebiet war Lama Nyima, der mir den Spiegel der Poesie erklärt hat. Im Anschluss an seine Erklärung habe ich angefangen, ein wenig zu dichten, wenn ich nicht zu viele Gefühle habe, weder starke Glücksgefühle noch starke Leidensempfindung. Manchmal schreibe ich aber auch, wenn ich freudvoll bin. Wenn ich betrübt bin, schreibe ich nur wenig, nicht viel.
S. H. XVII Karmapa Ogyen Trinley Dorje
Auf die Frage nach dem Anfang seiner Malerei antwortete der Karmapa: „Richtig damit angefangen habe ich erst in Gyuto in Indien. Als ich noch in Tibet war, habe ich aber bereits etwas mit Farben gearbeitet und vorgezeichnete Umrisse ausgemalt. Als ich in Indien angekommen war, fing ich dann wirklich an zu zeichnen. Es gibt eine enge Verbindung zwischen Poesie und Malerei. In der Malerei benutzt man schön gezeichnete Formen wie die von Bergen, Seen und Bäumen, um etwas den Augen Angenehmes zu erschaffen. In der Poesie, die ja an Sprache gebunden ist, verwendet man Worte, um etwas Interessantes und Schönes zu erschaffen. Musik und Gesang sind angenehm für das Ohr und eng mit der Dichtkunst verbunden. Als ich die Poesie schätzen lernte, fing ich an, auch die anderen Künste zu mögen.“
Karmapa komponiert auch gern Musik. Über die Verbindung zwischen Musik und Meditation sagt er: „Eine schöne Melodie zu hören kann deinen Weisheitskörper erwecken, und dadurch eine friedvolle und harmonische Wirkung auf deinen Geist ausüben, und zwar auf gleiche Weise, wie die Meditation des Ruhigen Verweilens inneren Frieden herbeiführt. Wenn du Ruhe bewahren kannst, wirst du dich innerlich weiterentwickeln, und durch tiefere Einsicht den langen Weg bis hin zur höchsten Ebene der Realisation emporsteigen.“