Die Bedeutung des Widmens
S. H. XVII Karmapa Ogyen Trinley Dorje
Wir alle haben heilsame Aktivitäten durchgeführt. Ob sie ein umfassendes Resultat erzielen oder nicht, hängt vor allem vom Widmen des Verdienstes ab. Es ist daher sehr wichtig, dass wir unsere Widmung so umfassend wie möglich machen. Damit eine Widmung vollständig ist, müssen eine Reihe von Faktoren zusammenkommen. Zunächst sollten wir wissen, welche Verdienste, das heißt also, welche positiven, heilsamen Aktivitäten von Körper, Rede, Geist, wir widmen wollen. Traditionell werden sie in zwei Kategorien unterteilt: diejenigen, die wir selbst gesammelt haben, und jene, die andere gesammelt haben.
Die erste Kategorie enthält zum einen die Verdienste, die darauf beruhen, dass wir die Lehren studiert und über sie nachgedacht haben, und auch tugendhafte Handlungen, zu denen uns andere ermutigt haben. Die zweite Kategorie umfasst die Verdiente der anderen – sowohl die, über die wir uns gefreut haben, als auch solche, zu denen wir keine offensichtliche Verbindung haben.
Als Nächstes überlegen wir, welchem Zweck wir unsere tugendhaften Handlungen oder Verdienste widmen wollen. Es steht uns frei, sie dem Zweck zu widmen, ein mächtiger und gütiger Führer zu werden oder in einem Höheren Bereich Wiedergeburt zu erlangen, und das diesem Bereich entsprechende Glück zu erleben. An dieser Art der Widmung ist im Prinzip nichts auszusetzen. Allerdings wird sich der Vorrat an angesammelten Tugenden aufbrauchen, sobald wir das Resultat einer solchen Widmung erleben.
Außerdem können wir diesen Vorrat an angesammelter Tugend zerstören, falls wir ärgerlich werden, ehe wir das Resultat der Widmung erlangen. Deshalb sollten wir einen geeigneten Zweck für unsere Widmung wählen. Das höchste Ziel ist das Verwirklichen der vollkommenen Erleuchtung. Widmen wir unsere Verdienste diesem Zweck, werden sie sich bis zum Erlangen der vollkommenen Erleuchtung nicht verringern, sondern sogar vermehren. Selbst wenn wir vor Ärger oder einer anderen negativen Emotion überwältig werden, ehe wir das Resultat erlangt haben, wird dieser Zwischenfall unsere Verdienste nicht zerstören, da sie durch das Widmen sehr wirkungsvoll und umfassend geworden sind.
Drittens gilt unsere Widmung dem Wohl der anderen, damit unendlich viele Wesen von Leid befreit werden und wirkliches Glück sowie den endgültigen Ort des Glücks, die Ebene des kostbaren Erwachens, erlangen mögen. Es ist zwar legitim, die Verdienste nur dem eigenen Wohl zu widmen, doch wir sollten wissen, dass wir dann auch nur eine begrenze Wirkung erzielen. Deshalb ist es gut, wenn unsere Widmung umfassend ist und auch dem Wohl der anderen gilt. Ich möchte noch einen weiteren wichtigen Punkt erwähnen.
Während wir widmen, sollten die drei Aspekte (auch bekannt als die der Sphären oder drei Räder) gänzlich rein oder leer sein. Dies sind das Subjekt, das die Widmung durchführt, die Handlung des Widmens und das Objekt der Widmung. Alle drei sind von ihrer eigentlichen Natur her leer, und in diesem Bewusstsein führen wir die Widmung durch. Wenn wir bei unserer Widmung diese drei Aspekte beachten, ist sie vollständig rein und wirksam.
Anfängern wird es jedoch unter Umständen etwas schwer fallen, Verdienste in dem Bewusstsein zu widmen, dass die drei Aspekte der Handlung leer sind. Diese Art von Fokus ist nicht so einfach. Wenn wir nicht in der Lage sind, auf solche Art zu widmen, können wir das folgende Wunschgebet sprechen: „Wie die großen Bodhisattvas, zum Beispiel Chenrezig und Manjushri, ihre Verdienste in der Erkenntnis gewidmet haben, dass die drei Aspekte leer sind, so möchte auch ich meine Verdienste widmen.“
Ich bete dafür, dass Sie imstande sein werden, auf diese hervorragende Art zu praktizieren.