Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Meditation über Vergänglichkeit im täglichen Leben

Ich weiß, dass das für viele Menschen schwer in ihre Tradition oder in ihre Kultur zu integrieren ist. Die Menschen wollen eben nicht über die Vergänglichkeit nachdenken. Sie glauben, dass es zu schmerzvoll sei. Wenn dann wirklich etwas passiert, können sie damit nicht umgehen, weil sie Vergänglichkeit vorher immer verleugnet haben. Wenn ich als Buddhist über die Vergänglichkeit nachdenke, und ich habe das schon vor langer Zeit getan, weiß ich um Vergänglichkeit. Wenn ich dann eines Tages mit Vergänglichkeit konfrontiert werde, dann kann ich damit gut umgehen.

Es gibt keinen sinnvollen Grund, das alles zu verleugnen, es ist einfach die Wahrheit. Für mich gilt die asiatische Denkweise: Jedes Jahr werde ich älter und ich denke mir dann, dass ich wieder ein Jahr zu meinem Leben hinzufügen konnte. Wenn ihr mich fragt, wie alt ich sei, so sage ich nicht 20 oder 30, sondern 50 oder 60, und ich fühle mich wohl dabei! Aber hier wollen Leute noch nicht einmal über ihr Alter nachdenken, wenn sie schon Falten und Runzeln sehen. Niemand kann uns das ewige Leben geben. Die Menschen sind glücklich, wenn sie Unmengen an Geld ausgeben können, um ihre Haut straffen zu lassen, aber das ist doch für gar nichts gut! Das sind keine glücklichen Menschen. Sie wollen nicht glauben, dass sie sterben müssen, sie wollen auch nicht daran denken und deshalb auch überhaupt nicht alt werden.

Buddhismus im täglichen Leben schließt alle Situationen ein. Ich höre schon manche sagen: Oh, mit Buddhismus sollten wir uns gar nicht beschäftigen, da geht es sowieso nur um das Leiden! Aber Buddhismus bewirkt nicht das Leiden, sondern zeigt nur die Wahrheit auf. Wir alle wissen, dass selbst wenn ich einen wunderbaren Partner habe, die Zeit uns trennen wird. Und auch, wenn wir nicht so gut harmonisieren, wird er uns eines Tages verlassen. Nur wir wollen die Menschen nicht gehen lassen und wenn sie bleiben, leiden wir ebenso, wie wenn sie uns verlassen. Wären wir vorbereitet, wäre das für uns in Ordnung.

Das Nachdenken über die Vergänglichkeit ist keine schädliche Sache, es kann unser Leben bereichern — warum? Wenn ich um das Wesen der Vergänglichkeit weiß, wenn ich weiß, dass eine Trennung zu jedem Zeitpunkt kommen kann, dann ist mir auch klar, dass es unsinnig ist, ein Zusammenleben in Ärger und Streit zu führen. Ich kann stattdessen ein friedvolles Leben in Liebe und fürsorglicher Partnerschaft leben. Wenn wir zusammenleben, können wir alles darauf ausrichten, uns zum Guten zu entwickeln, und wenn eine Trennung ansteht, dann wissen wir, wie wir damit umgehen müssen. Das Nachdenken über die Vergänglichkeit ist deshalb sehr hilfreich! 

Wenn wir also über den Buddhismus im täglichen Leben sprechen, dann möchte ich dazu einen guten Ratschlag geben: In diesem Teil der Erde gibt es zwei verschiedene Menschentypen; manche sind ziemlich stolz und arrogant und sehen sich als etwas Besseres als die übrigen Menschen. Diese sollten die Meditation im alltäglichen Leben machen, um zu erkennen, dass sie in vieler Hinsicht so wie alle anderen sind. Sie müssen einfach ihren Stolz und Ego auf ein normales Maß bringen.

Und dann sind da noch die Menschen, die ein geringes Selbstbewusstsein haben, die sich sagen: „Ich bin nichts wert“, „Ich bin nicht gut genug oder nützlich für andere.“ Wenn ihr euch so fühlt, dann solltet ihr daran denken: „Auch ich habe die Buddha-Natur in mir“, „Ich habe ein grenzenloses Potential in mir“, „ Ich bin ein menschliches Wesen und Menschen sind etwas Besonderes, denn sie verfügen über Intelligenz, Weisheit und viele Kenntnisse. Sie können lernen und sich verändern, und deshalb bin auch ich ein nützlicher Mensch!“ Man muss sich klar machen, dass man alles erreichen kann, was man erreichen möchte. Alles, was wir in unserem Leben machen müssen, ist den mittleren Weg anzustreben: das heißt, wenn wir arrogant und stolz sind, dann nützt das niemandem, und wir müssen uns durch die Meditation im täglichen Leben wieder auf den Boden zurückbringen. Wenn wir uns dagegen nutzlos, bedeutungslos oder insgesamt niedergedrückt fühlen, dann müssen wir uns an unsere Buddha-Natur erinnern und daran, dass wir sein können, was immer wir wollen.

  • Teaching angelegt von Frank
  • letzte Bearbeitung am: 19. Juli 2024