Sich der Situation stellen
Fühlen wir uns von Meditation angezogen, wollen wir vielleicht schweben oder fliegen lernen; es ist jedoch sehr viel sinnvoller, wenn wir zuerst einmal lernen, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Vielleicht halten wir uns auch schon für sehr weit fortgeschritten und meinen, keine Belehrungen mehr zu brauchen, obwohl wir unbewusst immer wieder die gleichen Leiden für uns und andere schaffen. Aber es geht vor allem darum, wie wir lernen können, die gewöhnlichen Situationen unseres täglichen Lebens zu akzeptieren und angemessen mit ihnen umzugehen. Gestehen wir uns nicht ein, Anleitungen zu brauchen, ist es eher unwahrscheinlich, dass wir irgendwelche echten Fortschritte machen.
Haben wir erst einmal erkannt, dass ein Weg notwendig ist, müssen wir ihn auch gehen. In einer Traumwelt wie Shangri-la können wir uns einfach hinsetzen, mit einer Zigarette in der einen und einem guten Glas Wein in der anderen Hand, einem oder einer bildschönen Geliebten an jeder Seite und trotzdem Erleuchtung erreichen. In der realen Welt funktioniert das jedoch nicht; wir müssen etwas Mühe aufwenden. Auch noch so viel Wunschdenken kann uns nicht vor tiefem Leid bewahren, wenn wir uns nicht mit den grundlegenden Situationen unseres gegenwärtigen Lebens befassen und wenn wir die Zähmung unseres Geistes vernachlässigen.
Zunächst müssen wir unseren Geist zähmen und damit ein solides Fundament für unsere weitere Entwicklung legen. Das ist sehr wichtig. Dabei sollten wir immer bedenken: Diese menschliche Existenz ist eine große Chance; alles ist vergänglich; gute Taten führen zu Glück, während schlechte, unbedachte Taten nur Leiden verursachen. Vor allem sollten wir niemals das Ziel der Zähmung unseres Geistes vergessen — die Entwicklung von Mitgefühl zum Wohl aller Wesen.
Von diesem festen Fundament aus können wir uns dann Schritt für Schritt weiterentwickeln. Ohne dieses Fundament kann unsere Entwicklung leicht aufgehalten werden, und wir kommen vielleicht sogar ganz vom wahren Weg ab. Lassen wir also unseren Stolz beiseite und akzeptieren die Ebene, auf der wir uns gerade befinden. Gleichgültig, wie intelligent oder erfolgreich wir im weltlichen Sinne sind; solange wir befürchten, unseren Wohlstand, geliebte Menschen oder unseren Besitz zu verlieren — ganz zu schweigen von unserem Leben —, so lange leiden wir noch und müssen unseren Geist zähmen. Für uns alle gilt: der einzige Punkt, an dem beginnen können, ist der Anfang.
Bislang haben wir uns damit befasst, was geschieht, wenn wir versuchen, vor unseren Problemen davonzulaufen. Selbstmitleid kann zu allen möglichen Problemen führen, ohne auch nur ein einziges zu lösen. Wir sehen: Es gibt offensichtlich viele verschiedene Möglichkeiten, unseren Vorsatz, Mitgefühl für uns und andere zu entwickeln, zu vergessen. Schulen wir unseren Geist, können wir lernen, uns dem, was wir gegenwärtig als schmerzhaft oder quälend empfinden, zu stellen und vernünftig damit umzugehen.
Wenn wir Situationen vermeiden oder vor ihnen davonlaufen, verdrängen wir nur unsere Probleme und tun nichts, um sie zu lösen. Tun wir einfach nur, was uns gefällt, und weichen dem aus, was uns nicht gefällt, nehmen unsere Schwierigkeiten lediglich zu und wiederholen sich unaufhörlich. Unterdessen schaden wir unserer Gesundheit und unserem Geist und nehmen alle möglichen schlechten Gewohnheiten an, die immer schwerer zu durchbrechen sind. Geben wir unserer Schwäche nach, werden wir nur schwächer und können uns auf lange Sicht immer weniger vom Leiden befreien. Ein Bauer verwendet vielleicht viele Tonnen Dünger, damit er für ein paar Jahre eine gute Ernte hat; später stellt er fest, dass er den Boden ausgelaugt und vergiftet hat. Wir sollten mit etwas mehr Weisheit handeln, nicht so sehr an kurzfristig wirksame Heilmittel denken, sondern nach langfristigen Lösungen suchen, die uns helfen, die Ursachen des Leidens hinter uns zu lassen.
Bislang haben wir uns damit befasst, was geschieht, wenn wir versuchen, vor unseren Problemen davonzulaufen. Schulen wir unseren Geist, können wir lernen, uns dem, was wir gegenwärtig als schmerzhaft oder quälend empfinden, zu stellen und vernünftig damit umzugehen.