Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Gedanken zur Zähmung des wilden Geistes

Der Geist ist die Wurzel all unserer Erfahrungen mit uns selbst und mit anderen Menschen. Nehmen wir die Welt nur undeutlich wahr, werden daraus Verwirrung und Leiden erwachsen. Wir gleichen einer Person mit einem Sehfehler, die die ganze Welt verkehrt herum sieht, oder einem ängstlichen Menschen, der sich vor allem fürchtet. Wir mögen uns unserer Unwissenheit und unserer falschen Wahrnehmung gar nicht bewusst sein, doch lässt sich unser gegenwärtiger Geist mit einem wilden Tiger vergleichen, der durch unser tägliches Leben tobt. Getrieben von Verlangen, Hass und Verwirrung, jagt dieser ungezähmte Geist blindlings allem nach, was er begehrt, und schlägt auf alles ein, was ihm im Weg steht; dabei hat er wenig oder gar kein Verständnis dafür, wie die Dinge wirklich sind. 

Diese Wildheit, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, ist nicht nur die der Wut und Raserei; sie ist sehr viel grundlegender. Die Neigung, uns von Unwissenheit, Hass und Verblendung antreiben zu lassen, ist es, die uns gefangen hält, und der Vorherrschaft von Verwirrung und negativen Gefühlen den Weg bahnt. So wird unser Geist wild und unkontrollierbar, und unsere Freiheit wird nachhaltig zerstört. 

Normalerweise sind wir so blind, dass uns nicht einmal bewusst ist, wie wild unser Geist tatsächlich ist. Misslingt uns etwas, geben wir lieber anderen Personen und Umständen die Schuld, statt in uns selbst nach den Ursachen des Leidens zu suchen. Wenn wir aber jemals wahren Frieden und wahres Glück finden wollen, müssen wir uns dieser inneren Wildheit stellen und mit ihr arbeiten. Nur so können wir mit der Zeit unsere Energie positiver und ausgeglichener einsetzen und hören auf, uns und anderen Schaden zuzufügen. 

Wollen wir den Tiger zähmen, müssen wir ihn zunächst einmal aufspüren. Beides ist nicht einfach; doch müssen wir uns den Schwierigkeiten und Gefahren einfach stellen. Bei der Schulung unseres Geistes brauchen wir Festigkeit; auch wenn sie zunächst schwierig oder sogar schmerzhaft ist, müssen wir es einfach versuchen und dabeibleiben. 

Wir Menschen wollen viel und hängen an vielen Dingen im Leben. Das kann für uns und andere viel Leid bringen. Wird ein Wunsch nicht erfüllt, sind wir unglücklich. Und selbst wenn wir bekommen, was wir wollen, ist unser Glück nicht von Dauer; unweigerlich entsteht ein neuer Wunsch und tritt an die Stelle des alten. Immer wieder befriedigen wir nur unser Verlangen; es ist endlos, grenzenlos und so weit wie der Himmel. 

Von Verlangen getrieben, häufen wir materielle Besitztümer an, haben ein ganzes Sortiment verschiedener Kleidungsstücke, kaufen besondere Nahrungsmittel und sammeln Häuser, Autos, Radios und Fernseher an. Weniger offensichtlich vielleicht sind unsere Wünsche nach Schönheit und Gesundheit. Manchmal werden wir sogar krank, um Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Freundlichkeit zu erhalten. Sind wir dann schließlich krank, möchten wir wieder gesund sein.  Trotz all unserer Bemühungen, Anstrengungen und Ausgaben gelingt es uns nie, unsere Wünsche zu erfüllen. 

Der Fehler liegt darin, dass wir unser Glück außerhalb von uns suchen; wir begreifen nicht, dass wirkliches Glück nur von innen kommen kann. Wir müssen also die Art und Weise, wie wir die Welt betrachten, verändern. Es geht darum, unser Verlangen zu akzeptieren, ohne uns davon antreiben zu lassen. Erst dann sind wir zufrieden mit dem, was wir haben, statt unaufhörlich mehr zu wollen. 

Wie der Geist keine Form und kein Ende hat, hat auch Verlangen keine Form und kein Ende — es ist ohne Gestalt, es setzt sich einfach immer fort. Deshalb hört die endlose Suche nach Befriedigung erst dann auf, wenn wir unseren Geist zähmen und unser Verständnis entwickeln. Gelingt uns das, sind wir vielleicht ein wenig reifer, ein bisschen erwachsener geworden.

Wir können erst dann reifen, wenn wir akzeptieren, wer wir sind. Es hilft nichts, wenn wir versuchen, die Schuld für unsere Wildheit der Gesellschaft, unserer Familie oder unseren Feinden zuzuweisen. Wir müssen mit uns zurechtkommen, so wie wir wirklich sind, und unser Denken akzeptieren, sei es nun gut oder schlecht. Alle aufkommenden Gedanken lassen wir durch uns hindurchfließen. Wir agieren sie nicht impulsiv aus, wir versuchen nicht, sie zu unterdrücken oder einzusperren. 

Versuchen wir nämlich die schlechten Gedanken auszusondern und sie in einem Müllbeutel zu verstecken, statt sie anzunehmen, wird der Beutel irgendwann einmal so voll, dass er platzt. Das kann zu psychischen Störungen führen und ähnlich einem ungezähmten Tiger können wir viel Schaden anrichten und anderen großen Schmerz zufügen. Daher sollten wir lieber mit dem Negativen in uns arbeiten und es umwandeln. Dann findet die Kraft des Tigers in einem guten Sinn Anwendung. Wir sind auf dem richtigen weg, wenn wir den Tiger mit Würde und Akzeptanz zähmen.

  • Teaching angelegt von Frank
  • letzte Bearbeitung am: 8. Juli 2024