Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

 Die sechs störenden Geistesgifte/Emotionen

Ringu Tulku zu den negativen Emotionen

Der Sinn und Zweck aller buddhistischen Praktiken – egal ob Studium, Meditation, Opfergaben spenden, Gelübde, Reinungsgebete, Praktiken der Yidam-Gottheiten – der Zweck all dieser Aktivitäten ist es, unsere negativen Emotionen zu reduzieren. Sind wir weniger wütend, weniger stolz oder eifersüchtig, weniger besitzergreifend oder wertend, als Ergebnis unserer Praxis geworden? Wenn nicht, bedeutet es, dass unsere Praxis irrelevant ist, ganz egal wie viele Belehrungen wir von hundert Lamas über viele Jahre erhalten haben oder ob wir lange Zeit zurückgezogen in einer Höhle verbrachten. Die Form der Praxis ist nicht ausschlaggebend. Auf was es ankommt ist die Verbesserung, die sie in uns bewirkt hat. Wenn das Ergebnis unserer Praxis mehr Geduld, Toleranz, Mitgefühl und weniger Wut, Eifersucht, Stress sind, bedeutet das, dass wir wirklich etwas erreicht haben. Das ist das Ergebnis wahrer Praxis.    

Gedanken zu Samsara

Samsara ist kein anderer Ort, an den wir uns begeben oder ein Ort, den wir verlassen können, sondern der Zustand unseres Geistes. Samsara ist die Angst, dass wir erleben müssen, was uns Schwierigkeiten und Angst macht, es ist all unser Anhaften, all unsere Abneigung. Die fünf störenden Gefühle [Kleshas] machen Samsara aus: Anhaftung, Gier, Suchtverhalten; Abneigung, Wut, Hass und Groll; Unwissenheit, Dumpfheit, Depression; Eifersucht, Neid, Konkurrenz; Stolz, Überheblichkeit, Einsamkeit. Man könnte also sagen, dass Samsara die Zusammenfassung aller unbefriedigenden Zustände ist, in denen wir Menschen leben. Sie sind abhängig von unseren sich ständig verändernden Bedürfnissen, Stimmungen, Gefühlen, Erlebnissen, die wir nicht unter Kontrolle haben, und die uns hin und her wirbeln im unaufhörlichen Auf und Ab des Lebens. Wenn wir uns aber nicht mit dieser Realität befassen, bleiben wir in Samsara gefangen! Meditation mit einem friedlichen Geist allein ändert an unserer Situation nichts, wohl aber das genaue Hinsehen und die Reflexion, denn diese können als Basis für eine Veränderung dienen. Statt die Kleshas zu unterdrücken, sollten wir sie genau untersuchen, und versuchen, ihre Auswirkungen auf uns und andere zu erkennen. Nur wenn wir die störenden Gefühle kennen, können wir zu den geeigneten Gegenmitteln greifen. Und so gesehen sind die Kleshas in ihrer Essenz auch Weisheit. Durch die Erkenntnis der Geistesgifte und der Arbeit damit, können wir das Leid an der Wurzel abtrennen. „Nur ein Buddha kann zählen, wie häufig wir im anfangslosen Samsara wiedergeboren wurden, und nur ein Buddha kann sagen, wann Samsara seinen Anfang nahm. […] Während all dieser unzähligen Leben hat alles, was du unternommen hast, dein Leiden nur weiterhin fortgesetzt, ohne dich der Befreiung und wahrem, dauerhaftem Glück einen Zentimeter näherzubringen. Warum? Weil alle deine Taten bisher schädlich, egoistisch, bestenfalls nutzlos waren. Lebewesen sind ständig beschäftigt. Wir Menschen sind ständig damit beschäftigt, miteinander zu wetteifern, Dinge zu verkaufen, zu kaufen, zu machen, aufzubauen, zu zerstören. Vögel sind andauernd beschäftigt damit, Nester zu bauen, Eier auszubrüten, Küken zu füttern. Bienen sind immer damit beschäftigt, Nektar zu sammeln, Honig zu machen. Andere Tiere sind immerzu damit beschäftigt, zu fressen, zu jagen, nach Gefahren Ausschau zu halten, ihre Jungen aufzuziehen. Je mehr du machst, umso mehr hast du zu tun, und umso mehr vervielfachen sich deine Probleme und Leiden – aber das letztendliche Ergebnis deiner harten Arbeit und deiner Mühen wird nicht länger Bestand haben als eine Zeichnung, die man mit dem Finger auf Wasser malt. Wenn du das Scheitern und die Nutzlosigkeit von so vielen bedeutungslosen Handlungen erkennst, wird klar, dass das einzig lohnenswerte Unterfangen die Dharmapraxis ist.“ Aus: Dilgo Khyentse – The Heart Treasure of the Enlightened Ones    

Reflektion der störenden Emotionen

1. Anhaftung, Gier, Suchtverhalten 

Beobachte ehrlich das Auftreten von Verlangen im Alltag. Sieh, wie es die Haupttriebkraft im menschlichen Leben ist. Natürlich stehen das sexuelle Verlangen, sowie die Sinnesgelüste im 

Vordergrund, aber auch das Verlangen nach Wissen, Macht, Kontrolle, Anerkennung usw. gehören in diese Kategorie. Versuche, ehrlich zu dem Impuls zu stehen, auch wenn du dich dann bewusst entscheidest, ihm nicht zu folgen. Sieh auch den Unterschied zwischen dem Wunsch nach Deckung der Grundbedürfnisse (Hunger, Müdigkeit, Frieren) und den vielen zusätzlichen Wünschen und Impulsen, deren Erfüllung häufig noch mehr Unzufriedenheit nach sich zieht. 

2. Abneigung Wut, Hass und Groll 

Dies ist der umgekehrte Impuls zu Verlangen. Betrachte, wie schnell Wut oder Zorn aufflackern kann, wie schnell er aber auch wieder verraucht, wenn wir ihn nicht rechtfertigen und nähren. Erkenne auch die subtileren Formen: wenn uns jemand einfach unsympathisch ist oder uns vor etwas ekelt oder graut. Auch die meisten Formen der Angst gehören in diese Kategorie. Außerdem haben wir unsere eigene Abneigung oft logisch gerechtfertigt und nach außen projiziert. Wie mit Verlangen, versuche dir die eigenen Gefühle ehrlich einzugestehen, zu ihnen zu stehen, bevor du dich für eine Handlung entscheidest. Im Streitfall schaffe Raum, antworte nicht gleich, ziehe dich lieber zurück. 

3. Unwissenheit, Dumpfheit, Depression. 

Dies ist das grundlegendste aller Geistesgifte, und als solches oft schwer zu erkennen. Faulheit und Unwilligkeit zur Veränderung gehören dazu. Dieses Geistesgift ist die Ursache aller unserer Fehler: entweder schätzen wir etwas ganz bewusst falsch ein und handeln entsprechend, oder wir sind unaufmerksam. Die „Vogel Strauß“ Mentalität gehört dazu, das Gefühl „lasst mich in Ruhe“. Auch hier ist es wichtig, ganz ehrlich zu sein und nicht zu werten. 

4. Eifersucht, Neid, Konkurrenz 

Nach den drei oben beschriebenen Wurzel-Kleshas ist dieses Klesha besonders wichtig für uns als Bewohner der westlichen Welt. Achte auf jegliches Konkurrenzverhalten in deinen Handlungen, vor allem auch im Umgang mit Freunden. Beobachte, wie du jeden Menschen bewertest, dich mit ihm vergleichst, und wie das einen offenen, vertrauensvollen Umgang miteinander vergiftet. Dieses Verhalten haben wir uns schon so früh angeeignet, dass wir es gar nicht mehr bemerken und uns gar keine Alternative vorstellen können. 

5. Stolz, Überheblichkeit, Einsamkeit

Dies ist das letzte Geistesgift, vielleicht von allen das subtilste. Es ist so schwer zu erkennen, da wir ja denken, dass wir recht haben! Unterscheide ein gesundes Selbstwertgefühl und eine korrekte Einschätzung unserer Fähigkeiten von dem Geistesgift, das auf nicht vorhandene Vorzüge und Eigenschaften stolz ist. Solange wir stolz sind, sind wir unfähig, etwas zu lernen oder uns weiterzuentwickeln. Wir sind auch unfähig, andere wirklich zu verstehen und ihnen zu helfen. Erkenne den Unterschied zwischen echtem Mitgefühl und stolzem Mitleid, bei dem wir andere geringschätzen.

Über negative Emotionen

Wir lernen, dass negative Emotionen unseren Geistesfrieden zerstören und unser Leben vergiften. Unter ihrem Einfluss zu sein bedeutet, dass wir keine Kontrolle über unseren Geist haben. Sie sind wie Gift, das es unmöglich macht, uns anders zu verhalten oder zu denken, auch wenn wir dies wollten. Wir verursachen Schmerz und Leid für uns selbst und andere und schaffen als Folge schlechtes Karma, das irgendwann wieder zu uns zurückkommen wird.   Aber der Buddha hat gelehrt, dass die Essenz unseres Geistes vollkommen rein und perfekt ist. Wir sind von Natur aus keinen schlechten Menschen, im Gegenteil, wir sind perfekt mit allen erdenklichen positiven Qualitäten. Leider ist diese perfekte Natur, Buddhanatur genannt, überdeckt und versteckt hinter einem Schleier von Unwissenheit, Anhaftung, Abneigung, den drei wichtigsten Geistesgiften, zu denen Eifersucht, Gier und Stolz dazu kommen. Im Rad des Lebens sind sie ausgedrückt durch Schlange, die Wut und Ärger symbolisiert, Verlangen, ausgedrückt durch den Hahn, und Unwissenheit als Schwein dargestellt. Sie sind die Wurzeln all unserer Probleme. Der gesammte Dharmaweg, alle buddhistischen Lehren, haben das Ziel, diese negativen Emotionen oder Kleshas zu überwinden und bei allen Methoden geht es darum, sie zu reinigen und zu überwinden und dabei alle positiven Qualitäten zu fördern.       Im Folgenden werde ich in lockerer Abfolge auf die verschiedenen Geistesgifte näher eingehen. Als erstes einige Gedanken zu Anhaftung und Verlangen (aus einem Kurs mit Lama Tsöndu)  

Das Verlangen ist die vorherrschende Emotion in der menschlichen Welt, unser „Haupt-Geistesgift“.

Manchmal ist es schwer zu erkennen, aber wir leben in der Welt der Begierden. Wir wünschen uns ständig etwas, wenn auch nur eine Tasse Tee oder einen Spaziergang. Wir planen, was wir als nächstes tun könnten, wie wir Freude finden und uns gut fühlen können. Wir versuchen immer etwas zu finden, das uns zufriedenstellt. Als Menschen haben wir den Intellekt, verwenden ihn aber hauptsächlich, um Freude und Befriedigung zu finden, Dinge zu suchen, die uns glücklich machen, und um für die Zukunft zu planen.   Der Grund dafür, ständig im Außen zu suchen ist, dass uns etwas im Inneren fehlt. Uns fehlt der Kontakt zu unserer wahren Natur. Wir fühlen uns unvollständig, also brauchen wir einen Partner, der uns eins und vollständig fühlen lässt. Wir verlieben uns und projizieren all die Schönheit und Werte, die wir in uns selbst nicht sehen können, auf jemand anderen. Nach einer Weile stellen wir fest, dass die Person nicht so ist. Dann projizieren wir das, was wir nicht in uns sehen wollen und sehen alle Fehler in der anderen Person.   Buddhaschaft bedeutet, uns selbst so zu erleben, wie wir wirklich sind, und vollen Kontakt mit unserer wahren Natur zu haben. Große Meditierende brauchen nichts von außen, sie haben alles in sich. Buddha wünscht sich nichts, er hat alles in sich.   Wenn wir es schaffen, achtsam zu bleiben, wann immer wir uns etwas wünschen und auch nicht anzuhaften an Menschen, Dingen, Gedanken, Emotionen; wenn wir lernen, den gegenwärtigen Moment zu schätzen, können wir erkennen, dass wir schon alles haben. Meditation soll helfen, Glück in uns selbst zu finden. Je mehr wir meditieren und uns spirituell entwickeln, desto mehr Glück und Freude im Geist entstehen und wir beginnen, das wahre Selbst zu finden. Die Momente im Leben, in denen wir vollkommen glücklich sind, sind Momente, in denen wir nichts brauchen, und fühlen, dass wir alles haben. Echtes Glück bedeutet kein Verlangen mehr, nichts wünschen. Das Problem ist, dass wir unsere Schönheit nicht kennen und außen danach suchen.   Gerade für Menschen in reichen Ländern sind die Wünsche besonders endlos, nie haben wir genug. Dies wird gefördert durch Fernsehen und Werbung, denn Konsum und Geschäfte sollen wachsen. Aber es scheint, dass, je reicher die Menschen äußerlich sind, umso ärmer sind sie innerlich. Wir können uns fragen: Was brauche ich wirklich? Und uns sagen: genug ist genug.   Wünschen und Verlangen kann auch positiv sein. Wir können positives Verlangen nutzen, um negatives Verlangen zu überwinden. Wir sollten nie genug davon bekommen, dass wir anderen helfen wollen, uns verwandeln und Erleuchtung erreichen, dass wir aus dem Kreislauf von Samsara herauskommen wollen. Samsara bedeutet, dass wir immer Dinge erstreben, von denen wir uns Glück erhoffen, und weg kommen wollen von Dingen, die Schwierigkeiten oder Leid verursachen könnten.   Heilmittel gegen Begierde und Anhaftung

  1. Sei dir dessen bewusst, verstehe sie und betrachte sie tiefgehend. Fühle dich nicht schuldig, es ist keine Sünde, Anhaftung und Verlangen zu haben. Lerne zu akzeptieren und zu verstehen, dass Verlangen eine subtile Art des Leidens ist.
  1. Lerne, dich selbst zu lieben, dich selbst zu kennen, dir deiner positiven Eigenschaften bewusst zu sein, Selbstwertgefühl zu entwickeln. Das Verlangen ist da, weil wir uns nicht genug schätzen, und die guten Dinge nur außerhalb von uns sehen. Fang an, gute Dinge im Inneren zu sehen, dann brauchst du weniger.
  1. Genieße den gegenwärtigen Moment. Es ist die einzige Realität, deshalb schätze was hier ist, der Sonnenschein, die Gesundheit usw.
  1. Übe dich in Großzügigkeit, mach viele Opfergaben oder Spenden, geistig oder körperlich. Dazu gehört, dass man anderen Dinge anbietet, die man selbst sehr mag. Ein Aspekt ist auch, mental Dinge zu geben, an denen man sehr anhaftet.
  1. Wenn man viel Verlangen hat, dann sollte man nie genug haben von guten Dingen wie Meditation, guten Eigenschaften, guten Handlungen, guten Absichten, positiver Rede, viel Verdienst.
  1. Eine kraftvolle Methode als Heilmittel ist Tonglen, die Praxis, in der man das eigene Glück mit dem Leid anderer tauscht. Bei dieser Methode hat alles mit der Entwicklung von Liebe und Mitgefühl und mit dem Geben zu tun. Chenrezig Puja ist nützlich, um das Verlangen zu verringern, und AmithabaPraxis, um das Verlangen zu transformieren.

  Positive Energie des Begehrens ist empfänglich zu sein, kommunizieren zu können. Empfänglich sein bedeutet, sehen zu können, wie es anderen geht, Mitgefühl zu haben. Menschen mit viel Verlangen haben das beste Potential, um liebevolle Güte, Mitgefühl und Hingabe zu entwickeln.   Unterdrücktes Verlangen drückt sich in Menschen aus, die sich nicht erlauben, Vergnügen zu empfinden. Lern also, dir zu erlauben, Dinge zu genießen und Freude zu empfinden. Das Gegenteil von Verlangen ist Zufriedenheit mit allem, was da ist.          

Anhaften und Verlangen

Objekte, die wir begehren, sind wie Salzwasser: Je mehr wir sie genießen, umso mehr verlangt es uns danach. Auf der Stelle alles aufzugeben, was unsere Anhaftung auslöst, ist die Praxis eines Bodhisattva. (aus „Die 37 Praktiken eines Bodhisattva“) In den Meditationsgruppen geht es um Anhaftung, Verlangen, Festhalten, Wollen, nicht loslassen können. Der Grund ist die Tatsache, dass je mehr wir anhaften, wollen, wünschen, umso größer die Chance ist, dass wir enttäuscht werden und leiden. Unser Wollen und Wünschen ist wie Salzwasser – je mehr man davon genießt, umso übermächtiger wird es, und wird nie erfüllt werden. Wir strengen uns so an, Dinge anzusammeln, und dabei geht es nicht nur um materiellen Besitz, Wohlstand, Essen, Kleider, Freunde, etc. Es geht auch um Anerkennung, Einfluss, Kontrolle, Macht, Status, das Verlangen, gebraucht zu werden, wichtig zu sein. Wir haften an unseren Gedanken, Gefühlen, an unserer Intelligenz, unseren Überzeugungen, Meinungen, Standpunkten, an unserer Identität, an Ruhe oder Aufregung an. Wir haften oft sogar an leidvollen Situationen an. Drupon Rinpoche lehrt, dass es vier Blockaden gibt, die uns davon abhalten, Buddhaschaft zu erlangen, und dazu gehört die Anhaftung an weltliches Wohlbefinden im Allgemeinen, und an die Erfahrungen dieses Lebens. Dazu gehören Geld, Haus, Freunde, Familie, das, was wir normalerweise benutzen. Darum lehrt er, vorsichtig zu sein dabei, was wir wirklich brauchen und mögen. Wir sollten nicht zu fixierte Vorstellungen davon haben, was wir brauchen, und was unbedingt nötig ist für unser Wohlbefinden. Denn zu viel davon macht das Leben für uns, und macht uns für andere problematisch und schwierig. Wir haften zu sehr an Erscheinungen des Lebens an, und wie wir wissen, ändern diese sich ständig. Das heißt, wir leben auch in ständiger Angst, dass sich unsere Wünsche nicht erfüllen könnten, oder dass wir verlieren, was wir mühsam erarbeitet und erstrebt haben. Darum sollten vor allem Dharma Praktizierende diese Dinge anders betrachten, und weltliche Belange, Status, Ruhm, Wohlstand eher als Hindernis sehen und etwas, das nicht so erstrebenswert ist. Milarepa und die Einsiedler anderer Traditionen waren glücklich und zufrieden mit sehr wenig materiellem Komfort, für sie war ihr geringer Besitz genug, aber sie hatten und haben nie genug vom Studieren, Kontemplieren, Meditieren und der Praxis des Geistestrainings oder der Dharmapraxis. Wohlstand, Ruhm, Status können uns nie in die Lage versetzen, uns zu befreien.   Geld und Glück Nehmen wir die Beziehung zu den Dingen, die wir besitzen, einmal näher unter die Lupe. Was erwarten wir von ihnen? Häufen wir Dinge an, um Spaß zu haben, und auf diese Weise glücklich zu werden? Oder geht es schon gar nicht mehr um Glück, sondern nur noch um das Habenwollen? Wollen wir reich oder glücklich sein? Ich möchte Ihnen gern eine Geschichte erzählen, die mit diesen Fragen zu tun hat. Vor langer Zeit lebte an einem fernen Ort ein sehr reicher Mann. Gleich neben seinem stattlichen Haus lebte ein Bettler in einer einfachen Hütte. Was der Bettler tagsüber erbettelt hatte, aß er auf. Abends kehrte er dann ohne jede Habseligkeit in seine Hütte zurück. Der reiche Mann hingegen brachte jeden Tag Taschen voller Geld nach Hause. Er verbrachte den Abend damit, das Geld zu zählen, während der Bettler in seiner heruntergekommenen Hütte saß und sang. Jeden Abend hörte der Reiche den Armen singen und eines Tages fragt er sich: „Wie kann das sein? Woran kann er sich denn wohl erfreuen, er besitzt nichts und doch hört man ihn ständig singen. Wie kann er so fröhlich sein?“ Der reiche Mann beschloss, der Sache nachzugehen. Eines Tages nahm er einen Barren Gold und legte ihn in die Hütte des Armen, als dieser gerade betteln war. Als der arme Mann zurückkehrte und das Gold sah, dachte er: „Jemand muss es hier liegen gelassen haben. Ich muss herausfinden, wem es gehört und es zurückbringen.“ Doch dann hielt er inne und dachte: „Vielleicht hat es jemand mit Absicht hier hinterlegt. Ein reicher Mann hat möglicherweise Mitleid mit mir gehabt und es hier für mich zurückgelassen.“ Diese Idee begann, Besitz von ihm zu ergreifen. Er fing an, das Gold als sein Eigen zu betrachten und Pläne zu schmieden, was er damit anstellen könne. Zuerst würde er es verkaufen. Von diesem Geld würde er ein Haus bauen und eine Familie gründen. Er würde Urlaub an weit entfernten Ort machen, und für alles sorgen, was seine Kinder benötigen. In kürzester Zeit hatten sich seine Pläne so verdichtet, dass er vergaß zu singen. Und er hatte vergessen, glücklich zu sein. Der reiche Mannstand stand an seinem Fenster und wartete darauf, dass sein armer Nachbar anfangen würde, fröhlich zu singen. Doch er hörte nichts. Stattdessen sah er ihn angestrengt rechnen. Als er erkannte, was das Gold mit dem armen Mann angestellt hatte, verstand er, dass seine eigenen Anstrengungen, Geld anzuhäufen, mit der Zeit den Zweck zerstört hatten. Auch er hatte immer das Glück gesucht, doch auf dem Weg dahin war es ihm verloren gegangen. (S. H. 17. Karmapa Ogyen Trinley Dorje. Das edle Herz – Die Welt von innen verändern, S. 108-109.)             The Heart of Compassion   (37 Praktiken eines Bodhisattvas) Dilgo Khyentse

Vers 23
Es ist leicht zu glauben, dass wir vollkommen glücklich wären, wenn wir nur genug von den Dingen bekommen könnten, die wir wollen – Verwandte, Freunde, Besitztümer oder was auch immer. Das Problem ist, dass sich in der Praxis herausstellen kann, dass das, was unser Geist möchte, viel ist, wenn wir ihn seinen natürlichen Neigungen folgen lassen. Ein Mensch, der einen Freund hat, will hundert, ein General mit hundert Soldaten unter seinem Kommando möchte tausend.

  Je mehr Freunde du hast, von umso mehr Freunden wirst du dich trennen müssen, wenn plötzlich der Tod kommt und dir alles raubt, sogar deinen geschätzten Körper. Was bringt es eigentlich, so viele Freunde zu haben? Die besten Freunde, die wir haben könnten, sind ein friedlicher Geist und Selbstbeherrschung – das sind vielleicht strenge Lehrer, aber diese Freunde, sind so freundlich, uns den Weg zur Befreiung zu zeigen. Es gibt keine Gewissheit, das zu bekommen, wonach wir uns sehnen. Beobachten wir, wie reiche Menschen ausgeraubt werden, wie Generäle getötet und Verwandte getrennt werden. Die Menschen sehnen sich nach verschwenderischem Essen oder Alkohol, und töten Lebewesen, um ihren Wunsch nach Fleisch zu befriedigen, obwohl am Ende alles nur zu Exkrementen wird. Wir könnten leicht unsere ganze Zeit damit verbringen, reich genug zu werden, um unser Verlangen nach teurer Kleidung und dem Vergnügen, mehr materielle Güter zu besitzen, zu erfüllen. Das Verlangen bringt von Natur aus nur Ärger und Unzufriedenheit mit sich. Die Außenwelt und ihre Bewohner sind alle unbeständig. Unser Geist und unser Körper sind vorerst vereint – aber der Geist ist wie ein Gast und der Körper wie ein Hotel, in dem dieser Gast nur einen kurzen Aufenthalt verbringen wird. Sobald wir das wirklich verstanden haben, wird die scheinbare Realität unserer gewöhnlichen Ambitionen wegfallen, und wir werden erkennen, dass das wirklich Sinnvolle für die Gegenwart und die Zukunft darin besteht, den Dharma zu praktizieren.         Hier folgen weitere Anregungen und Informationen zur Arbeit mit den störenden Emotionen. Dharmapraxis bedeutet nicht hochtrabende Praktiken auszuüben, nicht in leerem Frieden zu verweilen, sondern genau zu erforschen, wo und wie unsere negativen Emotionen sich ausdrücken und dann daran zu arbeiten, sie zu verändern und umzuwandeln. Die Grundlage, um mit negativen Emotionen zu arbeiten, ist, dass wir uns deren bewusst werden. Je weniger sie uns bewusst sind, desto mehr Macht haben sie über uns und desto weniger Kontrolle haben wir über uns selbst. Das ist, was wir in der Meditation üben: achtsam sein, uns vollständig mit Körper und Geist beschäftigen. Wir arbeiten daran, unseren Geist kennenzulernen, zu erkennen, was ihn bestimmt, antreibt, hindert, beeinflusst. Das fängt damit an, unsere negativen Emotionen, Fehler, unguten Gewohnheiten zu erkennen. Wir finden heraus, was genau Anhaftung, Ablehnung, Gier, Wut, Eifersucht, Stolz sind, wann sie entstehen, was sie verstärkt, wann sie weniger werden. Wir erkennen, was den Geist wild macht, was uns ständig in Unruhe, Scham, Gereiztheit, Aufregung, kurz Schwierigkeiten, Leid und Unglück stürzt. Das hört sich einfach an, aber ist sicher für uns alle eine große und überwältigende Herausforderung. Nichtsdestotrotz ist es das Beste, was wir für unser eigenes Wohl und das der anderen im Leben tun können.      

Wut und Ärger

Wut, Ärger, Hass, Aversion, Aggression sind die stärksten und zerstörerischsten negativen Emotionen. Man kann aber leichter damit arbeiten, weil es für uns selbst und andere leicht ist, sie zu erkennen. Der tiefe Grund für Wut ist die Angst, bedroht und verletzt zu werden. Wut entsteht, wenn man Dinge außer Proportion, auf extreme Art und Weise sieht; entweder als sehr gut oder sehr schlecht. Dies ist sehr kindisch und wenn wir wütend sind, werden wir wie ein Kind. Entweder bewundern wir dann einen Menschen oder sehen nur die schlechten Seiten aufgrund unserer engen Sichtweise.   Wut beginnt in der Kindheit. Es ist unsere erste Energie, sie führt dazu, dass wir den Mutterleib verlassen, weil er zu eng wird und wir genug haben. Nach der Geburt empfinden wir uns als in Einheit mit der Mutter, nicht als von ihrem getrennten Wesen. Nach etwa 6 Monaten beginnen wir zu bemerken, dass wir getrennt von ihr sind. Wir denken dann, dass wir zwei Mütter haben, eine gute Mutter und eine schlechte Mutter. Wenn sie schlecht ist, schreien wir, und dies ist unser erster Wutanfall, eine Explosion. Der erste Wutausbruch ist sehr schmerzhaft, wie eine Art Vorärger, die richtige Wut kommt später.   Im Lauf der Entwicklung realisiert das Kind dann, dass die gute und die schlechte Mutter eins sind, dass die Wut aus ihm selbst entsteht, nicht von der Mutter herrührt. Aber dieses gute-schlechte-Mutter Muster folgt uns das ganze Leben lang. Nur projizieren wie sie nun nach außen. Wenn Menschen sich entsprechend unserer Erwartungen verhalten und nett sind, sind sie unsere gute Mutter. Wenn Menschen sich nicht verhalten, wie wir wollen sind sie die schlechte Mutter, und wir werden immer wieder wütend. Wenn wir diesen Prozess verstehen und dann versuchen, die Situation zu erkennen, ist dies der Hauptgrund, die Wut zu beenden. Mit Verständnis kommt das Ende des Unmuts.   Je nachdem wie stark diese erste Erfahrung des Einteilens in gut und schlecht, gute und schlechte Menschen beibehalten wird, kann dies bis zu Fanatismus führen. Darum müssen wir üben, eine offenere Sichtweise zu entwickeln.  

Der Höllenbereich

Jede der negativen Emotionen wird einem der sechs Daseinsbereiche zugeordnet. Wut, Hass, Ärger usw. sind die vorherrschenden Emotionen im Höllenbereich, wo sie voll ausgedrückt werden. Der Höllenbereich ist ein Geisteszustand mit so viel Wut, Aggression, Hass, dass man innerlich vor Hitze, Brennen kocht. Man fühlt sich so erhitzt, dass man verbrennt. Man erlebt eine Situation, in der man so gefangen ist, dass es keinen Ausweg gibt. Man kann den Ärger sogar sehen und leidet darunter, aber kann ihn nicht aufhalten, selbst wenn man möchte. Dieser Zustand kann auch nach dem Tod erfahren werden. Dies ist umso schlimmer, da die Sinne verloren sind und man nur noch den eigenen Geisteszustand in voller Intensität erlebt. Nach dem Tod erlebt man die stärkste Emotion. Der Ärger kommt zurück, es scheint, als ob das ganze Universum gegen uns ist, wir angegriffen werden. Aber all dies ist nur Ausdruck des eigenen Geistes.   Wenn Eltern, Lehrer während unserer Kindheit zu viel Autorität ausübten, und uns nicht erlaubten, wild zu sein, unterdrücken wir den Ärger und haben später im Leben mehr Probleme damit. Wir projizieren ihn auf andere, können Gewalt nicht ertragen, selbst wenn wir sie in anderen erkennen. In den buddhistischen Lehren wird Wut in heiße und kalte Wut unterteilt und entsprechend auch die Höllenbereiche in heiße und kalte Höllen. Heißer Ärger explodiert leicht, kann sich aber auch leichter auflösen. Aggressivität ist ein Ausdruck von Wut. Kalte Wut kann Ausdruck finden durch das Abtrennen oder Unterbrechen von Kommunikation, indem man eine Wand zwischen sich und anderen aufbaut, oder die Vorbehalte, die man hat, nicht ausdrückt. Man wendet sich aber ab und handelt entsprechend. Man leidet darunter, weil man sich vollkommen alleine fühlt, nichts ausdrücken kann und es damit auch schwierig ist, Hilfe zu erhalten.

 

Subtile Weisen, Wut und Ärger auszudrücken

Eine subtile Form von Wut ist Ungeduld, zum Beispiel beim Warten in der Kassenschlange, oder die Ungeduld Menschen gegenüber, die langsamer, unorganisierter sind, etwas nicht gleich verstehen etc. Auch schlechte Laune, die offen ausgedrückt wird, kritisch sein, bewertend, auch Gewalt, die andere ausüben, zu genießen, sind subtile Ausdrucksweisen von Wut. Dazu kann Fußball spielen, Gewaltfilme anschauen etc. gehören. Auch Bosheit, anderen Schlechtes zu wünschen, Gehässigkeit, Gewaltverherrlichung sind Aspekte davon etc.   Emotionen drücken sich im Verhältnis zu anderen aus. So können durch den Partner alle Kindheitsprobleme, die man mit Mutter oder Vater hatte, wieder hervorkommen. Dann projizieren wir unsere Probleme auf den Partner. Wenn wir aber bereit sind, mit den Emotionen zu arbeiten, dann kann jeder Mensch, jede Beziehung, jede Situation, Lehrer für uns sein und eine gute Möglichkeit, ein guter Weg, zu lernen und zu wachsen.    

Eigenschaften wütender Menschentypen

Sie sind oft sehr intelligent, effizient und gut in dem, was sie tun. Sie haben viel Klarheit, um Dinge auf die richtige Weise zu erledigen. Leider werden sie leicht  ungeduldig, irritiert, wütend, wenn andere langsam, nicht so klug oder so gut organisiert sind, und Dinge nicht zu ihrer Zufriedenheit erledigen.  

Gegenmittel und Methoden zur Arbeit mit Wut und Ärger

Lerne, die Wut, die Abneigung oder den Ärger zu erkennen, und werde damit vertraut. Beobachte, wie die Emotion entsteht, sich ausdrückt und auflöst. Wenn wir viel Wut haben, können wir uns selbst sagen: „Gut, ich habe viel Energie, und damit kann ich viele gute Dinge erzielen.“ Versuche, die Energie umzuwandeln und dafür zu verwenden, anderen zu helfen. Nutze die Energie, um die Wut zu heilen. Wie auch mit allen anderen negativen Energien ist auch hier hilfreich, Herzensgüte, Liebe und Mitgefühl zu entwickeln. Außerdem sollten wir Liebe und Verständnis für uns selbst entwickeln, uns selbst guter Freund oder Freundin sein.   Die Qualität oder Empfindung, die Wut und Ärger heilt, ist Geduld. Geduld ist das Gegenteil von Wut. Geduld bedeutet Verständnis, Weisheit und Bewusstheit für die gesamte Situation zu haben. Wut hat kein Element von Weisheit in sich, Verständnis fehlt und man kann nur eine Seite sehen. Im wahrsten Sinne des Wortes „verliert man den Kopf“.  

Mit Geduld arbeiten

Geduld ist wichtig für jegliche Dharmapraxis, zum Beispiel auch bei der Reflektion über Vergänglichkeit. Wir reflektieren darüber, wie uns oft im Moment etwas so groß erscheint, und in ein paar Tagen hat es keine Bedeutung mehr  und ist vergessen. Wir brauchen uns also nicht darüber aufzuregen oder traurig zu sein.   Sehr hilfreich ist auch zu lernen, Feinden dankbar zu sein, denn durch das Leid, das sie uns bereiten, helfen sie uns am meisten, uns zu verändern. Sie zwingen uns, etwas zu unternehmen und Wege zu finden, mit der Situation klar zu kommen. Ein anderes Hilfsmittel ist, die Dinge richtig zu sehen, das heißt realistischer, objektiver und nicht so in Extremen von gut und schlecht, schwarz und weiß.  

Akzeptanz entwickeln

Dies ist wichtig, denn wenn wir Dinge akzeptieren, sind sie nicht so schlimm. Eine grundlegend positive Einstellung allem gegenüber, das auf uns zukommt, gibt uns Zuversicht, Freiheit und Kraft. Viele Menschen leben in ständiger Angst vor Katastrophen oder Negativem, das auf sie zukommen könnte. Wenn wir in einer Situation nicht klar darüber sind, ob wir reagieren sollen oder nicht, sollten wir uns fragen: „ist es etwas wirklich Wichtiges, oder bin ich wütend, weil mein Ego angegriffen wurde? Schadet es anderen und ist es auf lange Sicht gesehen schädlich und schlecht?“ Wir müssen uns auch klar machen, dass wir schlechtes Karma für uns schaffen, wenn wir aus Wut heraus handeln.   Achtsamkeit entwickeln Dies tun wir, indem wir lernen, Wut, Ärger, Hassgefühle, Irritation wahrzunehmen und zu beobachten, aber nicht zu handeln oder die Emotion auszuleben. Wenn wir es schaffen, achtsam zu sein für den Moment, in dem das Gefühl entsteht, also solange es noch nicht so stark ist, können wir meist verhindern, unüberlegt aus dem Reflex heraus zu reagieren und die Wut kann sich wieder auflösen. Ein kurzer Moment, in dem wir unsere Wut ausleben, kann lange Freundschaften und gute Beziehungen untereinander zerstören. Wenn sich unsere Wut allerdings nicht so leicht auflöst, dann sollten wir sie akzeptieren, Mitgefühl für uns selbst haben, und uns sagen: „Ok, ich bin sehr wütend“. Ein sehr guter Weg der Transformation ist die Tonglen Praxis, in der wir die Wut aller Wesen zusätzlich zu unserer eigenen aufnehmen und mit den guten Gefühlen, dem Positiven in uns, austauschen.   Was immer wichtig ist Wir sollten uns nicht schuldig fühlen, weil wir Wut oder Ärger empfinden. Wir sind nicht Buddha, deshalb ist klar, dass wir negative Emotionen haben und nicht perfekt sind. Wir können langsam und beständig daran arbeiten. Am allerwichtigsten ist, nicht aufzugeben und anderen nicht zu schaden.   Sind wir wütend, gibt es noch eine Methode, nämlich so zu tun, als ob alles in Ordnung und gut ist. Wir lächeln und zählen dabei bis 10, geben uns somit Zeit, die Wut nicht auszuleben, nicht zu explodieren. Durch das Lächeln wird eine Nachricht ans Gehirn gesendet, dass alles in Ordnung ist. Das ist eine gute Methode, wenn wir wütend sind.    

In den Meditationsgruppen sind wir bei Vers 20 angelangt:

„Den Feind, unseren eigenen Ärger und Zorn, nicht zu besiegen,
dafür aber mit äußeren Feinden zu kämpfen, wird bloß noch mehr solche hervorbringen.
Unseren Geist daher mit einer Streitmacht von Liebe und Mitgefühl zu zähmen, ist die Praxis eines Bodhisattva.“

  Es folgen einige Gedanken dazu. Wir alle kämpfen mit Facetten von Wut, Aversion, Ärger, Irritation bis hin zu offenem Hass. Diese negativen Emotionen, die so viel Schaden in kürzester Zeit anrichten können, sind nicht leicht zu zähmen oder zu überwinden. Manchmal sind sie sehr leicht zu erkennen, wie z.B. einen Wutausbruch, aber manchmal drücken sie sich auch auf subtile Weise aus, z.B. durch Ungeduld, Abneigung, kalte, verletzende Worte oder Blicke. Wut entsteht immer, wenn wir den Feind oder die Störungsquelle im Außen sehen, und nicht erkennen, dass die negative Emotion im eigenen Geist der wirkliche Feind ist. Dilgo Khyentse schreibt: „Wenn wir den Hass im eigenen Geist zähmen, existiert kein einziger Feind mehr in der Welt draußen“. Er sagt: „Wenn du aus Wut tötest oder andere verletzt, sind deine Feinde endlos, wenn du aber die Wut tötest, sind alle Feinde für immer überwunden.“   Die Methode Wut und Aggression zu überwinden, ist, immer wieder über Herzensgüte und Mitgefühl zu meditieren und diese zu entwickeln. Außerdem können wir auch Dankbarkeit gegenüber einem Menschen entwickeln, der uns schadet. Warum? Weil dieser Mensch uns hilft, den Wunsch und die Entschlossenheit zu entwickeln, Samsara, diesen ständig wiederkehrenden Kreislauf der Existenzen, zu verlassen, unser negatives Karma zu reinigen und Liebe und Mitgefühl zu entwickeln. Dies bedeutet, dass diese Menschen uns helfen, uns weiterzuentwickeln und Lösungen für Schwierigkeiten zu finden. Wenn die Geistesgifte von Aversion, Anhaftung, Unwissenheit in der Welt abnehmen, werden auch alle Konflikte unter Menschen und Völkern abnehmen. Es ist ein entscheidender Punkt der Lehren sich bewusst zu machen, dass Anhaftung, Abneigung und Unwissenheit unsere ältesten Feinde sind und dass es, wenn man sie einmal überwunden hat, keine weiteren Feinde in der äußeren Welt gibt. Es wird die Zeit kommen, in der du dies sehr klar und präzise erkennst. Wenn du diesen Punkt nicht verstehst und unvorsichtig handelst, können deine Emotionen völlig außer Kontrolle geraten. Untersuche die Wut selbst und du wirst feststellen, dass sie nichts als ein Gedanke ist. Wenn dieser wütende Gedanke verschwindet, wird er nicht zu einer Handlung führen, die im Zorn ausgeführt wird mit ihren negativen karmischen Folgen. Zertrample den Ärger mit Erkenntnis und er löst sich auf wie eine Wolke am Himmel; und wenn er sich auflöst, verschwindet mit ihm auch die Vorstellung vom Feind. „Wenn du irgendjemanden als Feind siehst und Menschen einteilst in die, die dir nah oder andere, die dir fern sind, wirst du die Buddhaschaft nicht erlangen. Entwickle unvoreingenomme Liebe und Mitgefühl für alle fühlenden Wesen, die in ihrer Anzahl so unendlich sind wie der Raum groß ist.“ (Dilgo Khyentse. The Heart of Compassion – The thirty-seven verses on the practice of a Bodhisattva, S. 134)    

Eine Kontemplation, um Abneigung, Wut, Hass und Groll in uns zu erkennen.

Aggression und Ärger sind der umgekehrte Impuls zu Verlangen und Anhaftung. Betrachte, wie schnell Wut oder Zorn aufflackern können. Wie schnell sie aber auch wieder verrauchen, wenn wir sie nicht rechtfertigen oder nähren. Erkenne auch die subtileren Formen, z.B. wenn uns jemand einfach unsympathisch ist, oder uns vor etwas ekelt oder graut. Auch die meisten Formen der Angst gehören in diese Kategorie. Oft rechtfertigen wir unsere eigene Abneigung logisch, und projizieren sie nach außen. Eine andere subtile Art von Wut ist Ungeduld, zum Beispiel beim Warten an der Kasse, oder auch wenn andere Dinge nicht so schnell verstehen wie wir. Auch besonders kritisch oder wertend zu sein, oder seiner schlechten Laune freien Lauf zu lassen, gehören dazu. Vielleicht ist man nicht offensichtlich selbst aggressiv, aber schaut gerne gewalttätige Filme, oder man begibt sich in Situationen, in denen es leicht zu Gewalt kommt oder sie eskalieren könnte, z.B. auf dem Fußballfeld. Überlege, wo du vielleicht „kalten“ Ärger ausdrückst, zwar nicht explodierst, was offensichtlich wäre, aber stattdessen einfach eine Unterhaltung abrupt abbrichst, dich abwendest, eine Mauer um dich aufbaust, innerlich Vorbehalte entwickelst, die zwar nicht offensichtlich sind, aber trotzdem fühlbar für dein Gegenüber. Versuche, dir die eigenen Gefühle ehrlich einzugestehen, zu ihnen zu stehen, bevor du dich für eine Handlung entscheidest. Im Streitfall schaffe Raum, antworte nicht gleich, ziehe dich lieber zurück.      

Dummheit, Unwissenheit, Ignoranz

  Ignoranz manifestiert sich voll im Tierbereich. Dies können wir verstehen, wenn wir Tiere betrachten. Hierbei ist in Erinnerung zu behalten, dass es sicherlich Ausnahmen gibt, viele Tiere auch äußerst intelligent und vielleicht mitfühlender sind als viele Menschen, aber es geht hier um einen Überblick im Vergleich zum Menschenbereich. Allgemein kann man über Tiere sagen, dass sie sehr begrenzt, sind in ihren Ausdrucksmöglichkeiten. Einige Dinge können sie besonders gut, weil dies Qualitäten ihrer speziellen Tierart sind, und ohne spezielles Training verhalten sie sich nur auf eine bestimmte Art und Weise (z.B. können Bienen unglaubliche Bienenwaben schaffen, aber nichts anderes tun oder die Waben auf eine andere Art bilden) Im Allgemeinen werden Tiere geboren, leben, fressen, vermehren sich und sterben. Ihre Welt ist eng, begrenzt, reduziert. Sie stellen sich selbst nicht in Frage, reflektieren nicht über den Sinn ihres Lebens oder ihrer Handlungen. Sie wiederholen diesselben Muster, und können ihre Lebensweise von sich aus nicht ändern.   Sie sind in einer Situation gefangen. Ein Tiger kann nicht entscheiden, plötzlich Vegetarier zu werden oder Bücher zu lesen. Ihr Geist ist eher trübe, begrenzt, hat nicht viel Kapazität für Kreativität, Humor. Ihr Leben erscheint ständig bedroht, beherrscht von Angst, gefressen zu werden, selbst wenn sie nicht in Gefahr sind. Sie sind sehr oft dem Wohlwollen anderer unterworfen und werden gnadenlos ausgenutzt. Angst ist der Auslöser, warum sich viele in einer Herde versammeln. Dort fühlen sie sich sicherer, können dem Anführer folgen, brauchen sich weniger zu sorgen. Zum Beispiel wurden Schafe in der Vergangenheit von Wölfen bedroht, deshalb war es sicherer, in der Herde zu sein. Heutzutage gibt es keine Wölfe, aber sie bleiben immer noch zusammen, weil es sicherer ist, und falls sich ein Schaf verirrt, kann man gut beobachen, wie es panisch wird, wenn es nicht zur Herde zurückfindet. Dummheit und Ignoranz in der Welt der Menschen Sie wirklich zu erkennen, ist nicht so einfach, da unsere eigene Ignoranz uns daran hindert, sie zu erkennen. Sie macht uns blind und ein blinder Mensch kann sich selbst nicht sehen. In uns drückt sich Ignoranz als ein Zustand aus, in dem es dem Geist an Klarheit fehlt, man ist unentschieden, neutral. Es erscheint nicht so schlimm oder schlecht, da es kein offensichliches Leiden bereitet, wie dies bei Wut und Eifersucht der Fall ist. Ignoranz kann im Gegensatz dazu sogar angenehm sein. Aber Ignoranz wird die Schlimmste aller störenden Emotionen bezeichnet, da alles Schädliche, Schlechte durch Ignoranz oder Dummheit entsteht. Das Leben vieler Menschen ist geprägt von Ignoranz, ohne dass sie es realisieren. Sie folgen einfach dem, was alle tun, folgen unreflektiert der Herde, ordnen sich ein oder unter, ohne zu hinterfragen. Diese Menschen mögen keine Veränderung. Sie haben Angst, für sich selbst zu denken, weil sie sich ja irren könnten oder etwas Falsches sagen oder tun. Lieber folgen sie der Mode, den Regeln der Gesellschaft, dem was andere mögen, fließen mit dem Strom der Masse. Diese Menschen haften an Traditionen, suchen eine Nische, in der sie sich verstecken können. Die Angst ein Risiko einzugehen, ist sehr stark. Denn wenn man sich von der Herde entfernt, ist man auf sich gestellt, muss etwas riskieren und es könnte ja falsch sein. Kreativität, Vorstellungskraft, Sinn für Humor fehlen häufig oder sind schwer für sie zu entwickeln. Menschen mit viel Ignoranz Bei sich wiederholender, monotoner Arbeit sind sie in ihrem Element und diese Arbeit machen sie auch gut. Abends geht man nach Hause, sitzt vor dem Fernsehen, geht schlafen. Das Leben wird sehr ernst genommen und ein Bedürfnis nach Sicherheit ist sehr ausgeprägt. Bei sich wiederholenden Arbeiten sind sie sehr effizient, haben aber Schwierigkeiten bei Aufgaben, die Kreativität erfordern. Man sollte ihnen auch nicht zu viele Fragen stellen. Geistige Trägheit oder Unbeweglichkeit sind ein Hindernis, und es fällt ihnen schwer, Situationen in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Es besteht wenig Bedürfnis danach, Freiheit zu suchen. Faulheit, auch Faulheit im Denken, ist ein Problem für Menschen, bei denen Ignoranz vorherrschendes Geistesgift ist. Man überlässt es anderen, die Lösungen und Antworten zu finden. Blindheit, im Sinne von geistiger Blindheit, herrscht vor, das heißt, man kann sich selbst nicht sehen, nicht erkennen, wie man ist. Man glaubt daran, recht zu haben, und dann liegen alle anderen natürlich falsch. Es besteht kein Bewusstsein dafür, wie die Dinge sind, deshalb hält man stur und dickköpftig an den gewohnten Mustern und Gewohnheiten fest. Dies geschieht auch, weil man Angst hat, etwas falsch zu machen und geht dabei so weit, dass man lieber lügt, als Fehler zuzugeben.    

Zu diesem Thema auch einige Erklärungen von Akong Rinpoche

Keine inneren Kämpfe mehr aufgrund von Unwissenheit

Unwissenheit zu überwinden bedeutet, das Ego oder unsere SelbstBezogenheit zu verstehen. Dies ist die fundamentale Unwissenheit, die überzeugt ist, dass es eine solide, getrennte Selbsteinheit gibt, und dass dies alles ist, was uns ausmacht. Durch diese Art von Unwissenheit wird das „Ich“ sehr solide mit einer starken Identität. Durch diesen starken Glauben an die Solidität unserer selbst, entstehen alle negativen Emotionen oder die sogenannten Geistesgifte, die unser Leben sprichwörtlich vergiften. Anhaftung, Abneigung, Stolz, Eifersucht usw. gedeihen. Unser Ego kann gefährlich sein, wenn wir nicht sehen können, was passiert, und angemessen handeln können. Denn je stärker das Ego ist, desto mehr kämpfen wir für unsere Wahrnehmungen, Ideen, Wünsche, Bedürfnisse usw. und erschweren uns und anderen das Leben.   Begrenzte Perspektiven loslassen Der Weg der Selbstsucht ist eine Spirale, die zu Problemen führt, weil Verlangen und Begehren kein Ende haben. Je mehr wir haben, desto mehr wollen wir, und geraten in einen ständigen Kreislauf der Frustration. Aber wir können niemals gewinnen, wenn wir aggressiv mit dem Ego umgehen und es bekämpfen. Wir müssen es nicht als Feind betrachten und uns als Krieger, die dagegen kämpfen. Es ist klüger, die Natur des Verlangens selbst zu untersuchen und daran zu arbeiten und herauszufinden, was es wirklich befriedigen wird.   Wir projizieren Die Art und Weise, wie wir uns selbst und anderen gegenüberstehen, hängt von unserem Grad der Ego-Bezogenheit ab. Es ist, als würden wir durch Filter schauen, entsprechend unseren jeweiligen Emotionen: ein roter Filter für Wut, grün für Eifersucht. Natürlich sprechen wir nicht von wörtlichen Farben, sondern von einer Tendenz, die Wahrnehmung durch unsere Emotionen und falschen Konzepte zu verzerren   Wenn wir ein sehr starkes Ego haben und zu sehr in unseren eigenen Ansichten und Handlungen gefangen sind, können wir, egal was wir versuchen, nicht richtig und angemessen mit anderen in Beziehung treten. Bereichernde Beziehungen und eine bessere Koordination werden einfacher, wenn wir aufrichtig sind und verstehen, wer wir sind und welche Bedürfnisse andere haben. Dies erfordert, dass wir uns auf die Reise machen, unsere wahre Natur und unseren Platz in der Welt herauszufinden. Da unsere wahre Natur nicht Verlangen, Hass und Unwissenheit sind, müssen wir uns der Herausforderung stellen, unser Potenzial an Weisheit, Verständnis und Mitgefühl zu entdecken.   Wie wir anfangen Einerseits ist die Antwort einfach: Wir müssen Achtsamkeit und Bewusstheit fördern, damit wir uns nicht unangemessen und rücksichtslos verhalten oder andere unbeabsichtigt verletzen. Ohne Achtsamkeit und Bewusstsein könnten wir weiterhin neue Wunden verursachen, während wir versuchen, die alten zu heilen.   Meditation kann uns helfen, den Geist und seine Funktionsweise selbst, aber auch so, wie er sich durch unseren Körper und unsere Sprache ausdrückt, zu verstehen. Bis der egoistische, ichbezogene Geist aufgegeben oder transformiert werden kann, wird es keinen wirklichen Fortschritt geben, aber wenn wir dies erreicht haben, können wir beginnen, uns in die richtige Richtung zu bewegen. Meditation kann helfen, uns den Raum und die Zeit zu geben, um uns vom Problem zu distanzieren und es so klarer sehen zu können. Im Moment erkennen wir vielleicht nicht einmal seine Existenz, aber irgendwann müssen wir diesen Diktator identifizieren und konfrontieren. Dann können wir sagen: „Schau, du hast meinen Körper und meine Sprache zu lange beherrscht. Sie haben mehr als genug Schaden und Leiden verursacht. Jetzt musst du gezähmt werden! “ Bis jetzt war es ein weitgehend egoistischer, egozentrischer Geist, der unsere Worte und Taten inspiriert hat und der aufgrund unserer Unwilligkeit oder Unfähigkeit, seine Aktivitäten einzudämmen, große Stärke und Kraft besessen hat.  

Zeigen Sie Ihre Fehler – deutlich wie ein Kristall

Der Buddha machte klar, dass wir alle unsere Fehler zeigen sollten, wenn wir ein guter Mensch sein wollen. Andererseits sollten wir all die guten Qualitäten in anderen sehen. Wenn wir alle unsere Fehler sehr deutlich wie Kristall zeigen, haben wir keinen solchen Dialog im Kopf: „Ich sollte das sagen oder ich sollte das nicht tun“, weil wir authentisch geworden sind. Es spielt keine Rolle, was andere Leute denken oder was sie sagen. Solange wir in der Lage sind, alle unsere Mängel und Fehler zu zeigen und nur die guten und positiven Seiten anderer zu sehen, hat niemand Probleme.      

Fortsetzung des Berichts über Unwissenheit, Ignoranz, Dummheit

 

Unwissenheit und Dummheit beginnen im Mutterleib. Im Mutterleib brauchen wir uns um nichts kümmern. Wir schweben dort in einem Gefühl der Einheit mit der Mutter. Später im Leben sehnen wir uns zurück in diesen Mutterleib, des angenehme Gefühl, wo wir nichts zu tun brauchen, uns keine Sorgen über irgendetwas zu machen brauchen. Nun versuchen wir auf verschiedenen Wegen, diese Situation wieder zu finden.   Dummheit und Ignoranz können sich auf viele Weisen ausdrücken. Zum Beispiel redet man viel, einfach um das Reden willen, auch wenn es gar keinen Sinn macht, oder irgendeine Wichtigkeit besitzt. Auch Tratschen gehört dazu. Ein Ausdruck ist auch extreme Faulheit, die sich ausdrückt im einfach Herumliegen, Fernsehen, in den Tag leben, der Passivität der Herde folgen. Man hat Angst, eigene Gedanken und Wege zu entwickeln und ist unfähig, Entscheidungen zu treffen. Es erscheint viel leichter, blind der Tradition und den Konventionen zu folgen, und, ohne zu hinterfragen, einfach mit der breiten Masse mitzufließen.   Positive Energie der Unwissenheit Ignorante Menschen können sehr intelligent sein. Allerdings nutzen sie ihre Intelligenz nicht. Ihre Fähigkeit loszulassen, kann auch gute Aspekte haben, wenn an der richtigen Stelle eingesetzt. Je nachdem, um was es sich handelt, kann die Fähigkeit mitzufließen, ohne viel eigene Ideen und Vorstellungen durchsetzen zu müssen, sehr hilfreich sein. Leben die Menschen zum Beispiel in einer Gemeinschaft, fällt es ihnen leichter, sich der Gruppe unterzuordnen. Es ist die Energie, die dazu führt, dass wir unseren Sinn von Individualität verlieren, und wir uns vereint fühlen mit allen anderen. Man kann Dinge akzeptieren, wie sie sind.   Durch die Meditation kann man zurückfinden zu dem Gefühl, vereint zu sein mit dem ganzen Universum. Man fühlt sich angenehm wohl mit sich selbst. In gewisser Weise könnte die geistige Trägheit und Ignoranz dazu verhelfen, die besten Meditierenden zu werden. Denn in der Meditation versuchen wir, nicht von wilden Gedanken abgelenkt zu werden, sondern alles fließen zu lassen. Wir lassen die Gedanken fließen, aber wir erschaffen nichts Neues. Wir sind passiv, aber gleichzeitig voller Klarheit, Bewusstheit, Achtsamkeit.   Wenn wir Ignoranz in der Meditation nutzen und sie mit Klarheit des Geistes verbinden, erleben wir die richtige Meditation. Wenn wir versuchen zu meditieren, erkennen wir unsere unaufhörlich fließenden Gedanken. Nutzlose Gedanken sind ein Zeichen unserer Ignoranz. Normalerweise meinen wir, es ist sehr intellektuell, wenn wir viel denken, aber tatsächlich ist es ein Ausdruck mangelnder Klarheit. Weisheit bedeutet, die Dinge zu erkennen und augenblicklich zu verstehen. Es besteht keine Notwendigkeit, immer wieder hin und her zu überlegen. Tatsächlich ist ein Zeichen von Weisheit, dass keine Notwendigkeit besteht, so viel zu denken oder zu überlegen.  

Heilmittel für Unwissenheit, Ignoranz, Dummheit.

Es gibt nur ein Heilmittel dafür, und das ist Weisheit. Das gesamte Dharma ist dafür da, dass wir uns anstrengen und daran arbeiten, Weisheit zu erlangen. Meditation ist die wichtigste Methode und das wichtigste Hilfsmittel, um Unwissenheit zu überwinden, und Weisheit zu entwickeln. Buddha sagte, dass wir seine Lehren nie unreflektiert einfach glauben sollen, nur weil er etwas lehrte. Im Gegenteil, er fordert uns auf, zu reflektieren und herauszufinden, ob seine Lehren wahr sind. Vertrauen ist für Anfänger wichtig, um sich auf die Dharmapraxis einzulassen, aber später wird es eher als dumm erachtet. Wir müssen hinterfragen, nicht blind glauben, nur weil jemand anderes etwas gesagt hat, ganz egal, um wen es sich handelt.  Hingabe und Vertrauen müssen klare, reflektierte, und dadurch aus eigener Überzeugung heraus entstandene Hingabe und Vertrauen sein.  

Die positive Seite von Ignoranz und Unwissenheit nutzen.

Wenn Dummheit bedeutet, sich in einer kleinen Nische zu verstecken und darin Zuflucht zu suchen, dann können wir nun Zuflucht suchen in erleuchteten Wesen. Wir können Zuflucht nehmen in das, was zu Klarheit führt. Wenn wir uns gerne Anführern unterordnen, entwickeln wir nun Hingabe, aber Hingabe, die auf Klarheit beruht. Mit der Tendenz, der Tradition zu folgen, folgen wir nun dem Gesetz von Karma, Ursache und Auswirkung, und den zehn heilsamen Handlungen.  Wir nutzen das Bedürfnis, in einem Zustand des Nichtstuns zu verweilen, um uns in die Meditation zu versenken, aber auch hier immer mit Klarheit im Geist. Wir lernen, den ganzen Intellekt maximal zu nutzen, dann erkennen wir, wie sehr wir uns selbst beschränken.   Für Buddhisten sind auch die Praktiken von Dorje Sempa und Chenrezig sehr hilfreich, denn sie helfen uns, von Dummheit und Ignoranz gereinigt zu werden und einen klaren Geist, verbunden mit Mitgefühl, zu entwickeln.    

Stolz

  Wir alle haften an unserem Ego an und haben Probleme mit unserem Ego. Stolz ist ein riesiges Ego, das immer größer wird. Stolz genießt wirklich das „Ich“ des Ego. Man versucht, sich wichtig und anders als andere zu fühlen, besser und mächtiger.   Stolz wird dem Bereich der Götter zugeordnet, wo die Menschen sehr angenehm leben. Es gibt Menschen, die in diesem Leben großzügig sind, aber sie geben mit Stolz, und weil sie sich dadurch gut fühlen. In ihrer Großzügigkeit liegt Stolz. Wenn sie sterben, haben sie eine  gewisse Art von gutem Karma, sind aber einfach glücklich. Es ist nicht das gute Karma für die spirituelle Entwicklung. Nach dem Tod leben sie eine Weile in einer Art Paradies, in dem alles, was sie sich wünschen, sofort erfüllt wird. Es gibt Blumen und Musik. Die Menschen sind wunderschön, haben wundervolle Körper, guten Geruch und alles ist großartig und jeder ist glücklich. Dabei vergessen sie die Armut und das Leiden der Menschen. Aber in der letzten Woche ihres Lebens im Götterbereich, wenn das gute Karma beendet ist, wird es schrecklich. Sie verfallen schnell, werden hässlich, riechen schlecht, es ist der Fall der Götter aus dem Götterhimmel in die niederen Bereiche. Dann will man wegrennen, kann es nicht akzeptieren, aber man kann nicht entkommen.   Genauso ist es im menschlichen Leben. Hier gibt es auch viele Götter. Götter sind die Menschen, für die alles perfekt funktioniert, die alles bekommen, was sie erstreben. Sie haben Macht, Wohlstand und die Familie liebt sie. Es gibt keine Schmerzen oder Leiden, bis dieses Glück endet und sie dann um so schrecklicher leiden. Alles Schöne und Gute in ihrem Leben zerfällt, sie können nichts festhalten. Manche gehen dann soweit, sich umzubringen, weil sie Geld oder den Partner verloren haben.   Menschen mit viel Stolz: Sie machen den Eindruck, sehr selbstbewusst zu sein und zu glauben, dass sie gut, mächtig und reich sind. Hinter dieser Fassade verbirgt sich jedoch ein Minderwertigkeitskomplex. Aufgrund dieser Unsicherheit brauchen die Menschen, die vorgeben, so gut zu sein, die ständige Bestätigung anderer, die ihnen versichern, dass dies wirklich der Fall ist. Das Bedürfnis, gelobt und anerkannt zu werden, ist groß. Menschen mit viel Stolz verhalten sich wie Könige, die Untertanen unter sich brauchen, und die ihnen ein gutes Gefühl vermitteln. Sie können großzügige Menschen sein, aber mit dieser Großzügigkeit versuchen sie, die Untergebenen zu bestechen, damit sie von ihnen gelobt werden. Wenn wir aber Selbstvertrauen haben, brauchen wir nicht ständig das Lob anderer.   Stolz beinhaltet sehr starke Selbstsucht, man denkt nur an sich. Aufgrund der Selbstsucht merkt man nicht, was um einen herum vor sich geht, nimmt nicht wahr, dass andere Probleme haben oder leiden könnten. Kommunikation ist für einen König schwierig. Er kann nur über sich selbst sprechen. Das Hauptthema ist man selbst und was man macht oder möchte.   Im Eheleben wollen stolze Menschen, dass die Ehefrau, der Ehemann und die Kinder nach den eigenen Vorstellungen funktionieren, so dass man sie anderen vorführen kann. Sie müssen gut gekleidet sein und sich gut benehmen. Kinder müssen den eigenen Wünschen und Ideen folgen. Die Familie wird eher als Besitz betrachtet, man möchte damit angeben, wie gut der Besitz ist. Aber hinter dem Stolz steckt viel Angst. Die Angst, ignoriert zu werden, nicht gut genug zu sein, die Angst, vom Thron zu fallen.   In der Kindheit entsteht Stolz, wenn wir beginnen, uns als Individuum zu fühlen, wenn sich ein Gefühl für „mich“ entwickelt. Dann ist der richtige Zeitpunkt, sich wichtig zu fühlen und alles sollte sich um uns drehen. Die ganze Familie sollte für uns da sein. Zum Beispiel werfen wir Dinge auf den Boden und sobald jemand sie aufhebt, werfen wir sie erneut. Es besteht die Notwendigkeit, sich wie der König des Hauses zu fühlen. Aber dieses Gefühl das ganze Leben lang weiter zu behalten, ist nicht angemessen und hilfreich.   Es gibt verdrängten und offensichtlichen Stolz Es ist die schlimmste negative Emotion für Menschen, die einem spirituellen Weg folgen. Denn jeder spirituelle Weg hat das Ziel, den Sinn für das Ego zu verringern. Um eins mit Gott oder ein Buddha zu werden, muss das Ego abnehmen.   Wenn wir Dharma praktizieren und die Menschen uns preisen, sollten wir uns bewusst darüber sein, dass Stolz auf dem Weg ist. In jeder Situation im Leben, in der wir erfolgreich sind, und die Leute uns sagen, wie gut wir sind, ist es sehr wichtig, immer achtsam zu sein, weil der Stolz darauf lauert, uns zu erfüllen. Vielleicht sehen wir nicht viel Stolz in uns, aber wir können uns selbst beobachten, wie wir uns fühlen, wenn wir kritisiert oder gelobt werden.   Stolze Dharma-Praktizierende Sie hören sich die Belehrungen einmal an, und beim zweiten Mal denken sie, dass sie schon alles verstanden haben. Sie halten es für unnötig, dass der Lehrer sich wiederholt, und noch einmal über dasselbe Thema spricht. Sie sind wie eine umgedrehte Teetasse, in die nichts gefüllt werden kann. Patrul Rinpoche betonte, wie wichtig es ist, immer den Geist eines Anfängers beizubehalten, und jedes Mal wieder aufs Neue mit Aufmerksamkeit zu folgen, so, als ob man das Gesagte zum ersten Mal hört.   Stolz beinhaltet viel Blindheit und Ignoranz Als stolzer Mensch kann man nicht die Qualitäten der anderen Menschen wertschätzen, oder mit ihnen kommunizieren. Wir sind alleine auf unserem Thron, können andere nicht verstehen, und haben keine Ahnung von unserem eigenen Wert. Wir haben unsere eigenen Qualitäten nicht erkannt. Wenn wir dies getan hätten, würden wir das Gefühl haben, in Ordnung zu sein, hätten Selbstvertrauen und keine Notwendigkeit für Stolz.   Wenn wir uns gut in uns selbst fühlen, uns akzeptieren, können wir wirklich großzügig sein, können wir geben, weil wir uns über unseren inneren Reichtum im Klaren sind. Stolz ist nur nötig, wenn wir unseren inneren Reichtum nicht kennen.    

Die Gegenmitteln zu Stolz

  Das kraftvollste Gegenmittel gegen Stolz und Arroganz, ist Gleichmut oder Unparteilichkeit. Gleichmut bedeutet, alle Wesen so zu lieben, wie eine Mutter ihr einziges Kind liebt. Jeder Mensch ist dann der beste Freund oder die beste Freundin, und wir schätzen und lieben alle auf die gleiche Weise. Wir lernen auch, uns selbst nicht als überlegen und andere als unterlegen, minderwertig, oder umgekehrt, zu sehen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Wert und trägt das gleiche Potential in sich. Das wahre Wesen von uns allen ist das gleiche. Im Buddhismus bezeichnen wir diesen mitfühlenden, guten, positiven, mit allen reinen Qualitäten erfüllten Kern als Buddhanatur. Jede Praxis, die wir ausüben, hat zum Ziel, diesen Kern zum Vorschein und Leuchten zu bringen.   Um Stolz zu heilen, lernen wir uns selbst, unseren Wert, unsere Qualitäten, das, was uns ausmacht, wirklich kennen. Stolz bedeutet, dass wir uns nicht akzeptieren, und deshalb versuchen müssen, jemand anderes zu sein. Deshalb lernen wir, uns selbst so zu lieben und zu akzeptieren, genauso, wie wir sind. Dazu gehört, dass wir unsere Schwächen annehmen, und uns unserer Qualitäten bewusst sind. Denn nur, wenn wir all dies erkennen, können wir daran arbeiten, uns zu verändern.   Wir arbeiten daran, den Buddha-Geist in uns zu finden, unser eigenes echtes Juwel im Inneren. Das ist wahrer Reichtum und gibt uns Vertrauen in uns selbst. Hier sprechen wir über Vajra-Stolz, das heißt, wir sind völlig sicher, dass wir perfekt sind. Es ist kein normaler Stolz. Die eigene und die innere Essenz anderer zu erkennen, ist wirklich das Ende des Stolzes.   Ein weiteres Gegenmittel ist echte Großzügigkeit. Das heißt zu geben, ohne etwas im Austausch zurückzuerwarten. Wir geben, ohne dass es bemerkt wird oder andere davon wissen. Es gibt verschiedene Bereiche, in denen wir Größzügigkeit ausüben können. Dies fängt an mit dem Geben von materiellen Dingen, aber auch Schutz, wenn jemand zum Beispiel keine Bleibe hat, in Gefahr oder hilflos ist, gehört dazu. Auch die eigene Zeit geben zum Zuhören, und für jemanden dazusein, wo es hilfreich ist, gehört dazu. Im Buddhismus ist die höchste Form des Gebens das Weitergeben des Dharma, denn dies kann Menschen helfen, ihre Situation und sich selbst grundsätzlich zu verändern.   Ein gutes Heilmittel sind auch Niederwerfungen. Stolz macht es besonders für Menschen im Westen sehr schwer, sich vor jemandem oder etwas zu verneigen. Sich zu ergeben und anzuerkennen, dass wir Hilfe brauchen, dass wir unseren Geist, unser Leben, unsere Handlungen oder Gedanken nicht verstehen und sie nicht unter Kontrolle haben, ist für uns nicht leicht. Aber dies ist die Grundlage, wenn wir uns wirklich verändern wollen.    

Gier oder Habsucht

  Gier ist unersättliches, verzweifeltes Verlangen nach Besitz, Reichtum, Dingen oder Menschen. Durch diesen Geiz ist man auch nicht der Lage, diese Dinge loszulassen. Man ist unfähig zu geben und zu teilen, weil man alles behalten will. Gier ist die Übertreibung des Verlangens, wenn es neurotisch und krankhaft wird. Man hat niemals ein Gefühl der Zufriedenheit, und dass man genug hat. Gier drückt sich im Bereich der hungrigen Geister in extremer Form aus. Diese Wesen sind nie in der Lage, Befriedigung durch das zu erhalten, was wichtig für sie ist. Immer stehen ihnen Hindernisse im Weg, so dass sie nie bekommen können, was sie wollen. Mit Habsucht will man mehr Geld, mehr Drogen, Menschen, Alkohol, Sex, aber man kann es nicht nutzen oder genießen, ist einfach nur süchtig danach. Geiz ist das Bedürfnis, immer mehr für sich anzusammeln. Im Gegensatz zu Verlangen, wo man Dinge genießen kann, ist dies bei Geiz und Habsucht nicht möglich.   Verschiedene Arten von hungrigen Geistern

  1. Hungrige Geister, die riesige Mägen haben, aber einen Hals, der so dünn ist wie eine Nadel. Sie können also nichts essen. Wenn sie es versuchen, verwandelt sich die Nahrung in Feuer, Blut oder andere scheußliche Dinge. 2. Hungrige Geister, die deshalb nicht essen können, weil sie versuchen, andere davon abzuhalten, und somit nicht dazu kommen, selbst zu essen. 3. Hungrige Geister, die so stark an ihre Häuser oder Familien anhaften, dass sie nach dem Tod den Besitz nicht zurücklassen und weitergehen können. Also bleiben sie in der Nähe und versuchen, mit der Familie zu kommunizieren. Aber die Familienmitglieder bemerken es nicht, oder wenn sie es bemerken, wollen sie nichts mit ihnen zu tun haben. Die Bardo-Wesen fühlen sich somit immer abgelehnt.

  Gier beinhaltet ein starkes Gefühl der Armut. Man fühlt sich so arm, dass man immer mehr braucht und nichts teilen kann. Menschen, die von starker Gier oder Habsucht erfüllt sind, haben sehr starke Anhaftung an verschiedene Dinge, und leben in ständiger Angst davor, arm oder allein zu sein, und nicht genug zu haben. Es ist ein starkes psychisches Problem, und nimmt den Menschen die Hoffnung auf Glück.   In unserer Kindheit entsteht im Lauf unserer Entwicklung das Gefühl von „Das gehört mir, das ist meines“, wie zum Beispiel unser Spielzeug. Und dann ist es richtig und notwendig, um unsere Individualität zu bekräftigen. Wenn es Dinge besitzt, fühlt sich das Kind mehr als Individuum. Aber wenn es dasselbe ist im Erwachsenenleben, dann wird es ein Problem.   Wenn Menschen mit viel Habsucht verliebt sind. Sie wollen einen Menschen nur für sich selbst, deshalb haften sie so an, dass der andere nicht atmen kann. Sie können dem Partner keine Freiheit lassen und haben große Angst, ihn zu verlieren. Aber aus dieser Angst heraus nehmen sie dem Partner die Luft zum atmen, was am Ende genau zu dem führt, was sie so verzweifelt zu vermeiden versuchen – der Partner verläßt sie. Durch ihre besitzergreifende Art ist es unmöglich, mit ihnen zu leben.   Liebe und Anhaftung sind sehr unterschiedlich Liebe bedeutet, Freiheit zu geben. Man möchte, dass der Partner glücklich, sich selbst sein kann. Mit Liebe versucht man, die Bedürfnisse anderer zu verstehen. Anhaftung dagegen kann den anderen keine Freiheit lassen, will festhalten und kontrollieren.   Heilmittel gegen Gier und Anhaftung an Dinge und Menschen. Das wichtigste Gegenmittel ist Großzügigkeit. Großzügigkeit ist eine sehr positive Qualität, durch die man viele psychische Probleme heilen kann, und einen sehr gesunden Geisteszustand entwickeln.   Großzügigkeit bedeutet, der Geist ist immer offen dafür, jederzeit alles zu geben, was erforderlich ist. Wenn wir uns beobachten, stellen wir fest, dass wir alle in irgendeiner Weise gierig sind. Vielleicht können wir unsere Bücher nicht verleihen, oder sind gierig auf Schokolade. Wir können sehr großzügig sein in einem Bereich, und in einem anderen voller Habsucht. Vielleicht sind wir im allgemeinen sehr offen, aber haften extrem an einen bestimmten Menschen an. Es ist also gut, uns selbst zu beobachten und zu erkennen, wo in unserem Leben wir gierig sind. Außerdem können wir Stück für Stück lernen, alles, woran wir anhaften, loszulassen und frei zu werden von Anhaftung an Menschen und Dinge.   Wir lernen, die Menschen sich selbst sein zu lassen und versuchen zu sehen, was die anderen brauchen. Wenn wir ihnen helfen und sie mit dem versorgen können, was sie brauchen, ohne etwas zurück zu erwarten, lieben wir sie wirklich. Wenn wir gierig sind auf unsere eigene Zeit, und sie vermehren wollen, versuchen wir Zeit zu teilen. Wir üben das Loslassen, indem wir Dinge, an denen wir sehr anhaften, anderen Menschen geben und teilen. Das Problem ist hier, wie bei Verlangen, dass man den Reichtum im Inneren nicht gefunden hat, und daher Dinge von außen braucht. Da hilft nur aufzuhören, Dinge von außen zu wollen, und zu verstehen, dass äußere Dinge uns niemals glücklich machen werden. Weder Besitz, Menschen noch Macht werden dies jemals schaffen. Weil alles unbeständig ist, kann alles, das von diesen Äußerlichkeiten abhängt, kein dauerhaftes Glück geben. Finden wir aber dauerhaften Reichtum im Inneren, fühlen wir uns reich und können geben. Außerdem haben wir dann auch keine mentalen Probleme.   Nicht anzuhaften heißt nicht, dass man nicht lieben kann. Nicht-Anhaftung ist nicht gleichgültig, aber Liebe hat nichts mit Anhaftung zu tun. Wenn man die Kinder, Partner und andere Menschen liebt, kann man sehen, was sie brauchen oder wollen, und freut sich, wenn sie damit versorgt sind. Wir drängen ihnen aber nicht das auf, was wir für gut erachten.   Um Liebe für uns oder andere zu entwickeln, müssen wir Verständnis entwickeln. Um Verständnis für uns selbst zu finden, analysieren und untersuchen wir uns gründlich. Wir sind nicht blind für unsere Eigenschaften, Fehler oder Qualitäten. Wir lernen uns selbst tief kennen. Wenn wir uns klarer sehen, entwickeln wir Weisheit. Wir verstehen und akzeptieren uns selbst, und sind dann auch in der Lage, uns wirklich zu lieben. Liebe entsteht durch Akzeptanz. Akzeptanz entsteht aufgrund der Kenntnis der eigenen Fehler. Wenn wir unsere Fehler erkennen, können wir uns verändern, dann sind wir auf dem richtigen Weg.   Methoden zur Entwicklung der Liebe für uns selbst. Wir können nach Affirmationen suchen, wie zum Beispiel: „Möge ich immer glücklich sein. Möge ich niemals der Macht des Zorns ausgeliefert sein.“ oder  „Möge mein Geist immer friedlich und freundlich sein.“   Es ist auch gut, alleine an einem Ort zu sitzen, und sich an alle guten Dinge zu erinnern, die man in diesem Leben getan hat. Wir versuchen, unsere guten Eigenschaften zu erkennen, uns ihrer bewusst zu sein und uns darüber zu freuen. An die positiven, guten Dinge zu denken, gibt Selbstwertgefühl und hilft, Liebe zu entwickeln.   Wenn wir uns selbst lieben, werden alle negativen Emotionen abnehmen. Wie können wir andere lieben, wenn wir uns selbst nicht lieben können? Buddha sagte: „Erkenne, dass dein bester Freund du selbst bist. Erkenne, dass wir immer allein sind, uns immer nur ein Mensch begleitet, und das sind wir selbst. “ Nur wenn wir unsere eigenen Freunde werden, können wir wirklich in Freundschaft mit anderen verbunden sein. Das Buch von Akong Rinpoche „Den Tiger zähmen“ ist hierbei sehr hilfreich.   Es gibt auch gute Gier Bei positiver Gier strengen wir uns an, gutes Karma anzusammeln und nie genug von Meditation zu haben. Gutes Verlangen führt zu einem Zustand, in dem wir kein Verlangen mehr haben. Großzügigkeit ist nicht nur Geld geben, es umfasst viele Dinge, wie zum Beispiel auch für Rat da zu sein, Zeit zu geben, Schutz und vieles mehr. Für Praktizierende des großen Mitgefühls ist das Ablegen des Bodhisattva Gelübdes ein Ausdruck von echter Großzügigkeit.    

Eifersucht

Eifersucht entsteht, wenn jemand etwas hat, was wir wollen. Neid entsteht, weil jemand mehr hat als wir. Im Daseins-Bereich der eifersüchtigen Götter (Asura-Bereich) ist Eifersucht die vorherrschende Emotion, und daher besonders stark ausgeprägt. Der psychologische Typ eines eifersüchtigen Menschen ist, dass er alles hat, aber trotzdem nicht glücklich sein kann, weil jemand anderes mehr besitzt als er selbst, und diese Tatsache erzeugt Leid für ihn. Es ist kindisch, so zu sein, aber dies ist die Situation. Für ein Kind ist es wichtig, dass man ihm nicht das Gefühl von Eifersucht abspricht und es nicht von der Emotion der Eifersucht abzuschneiden. Auch für uns selbst ist es normal und menschlich, Eifersucht zu empfinden. Beim Kind beginnt das erste Anzeichen von Eifersucht mit Bruder oder Schwester oder wenn es in die Schule kommt. Selbst nicht mehr der König des Hauses zu sein, ist für ein Kind sehr schmerzhaft.   Wo immer Götter sind, gibt es Halbgötter. Wo immer herausragende Champions, Leichtathleten, Sänger, Schauspieler sind, gibt es andere, die eifersüchtig die, die besser abschneiden beäugen. Beide gehören automatisch zusammen.   Empfinden Menschen ein starkes Gefühl von Neid, ist dies ein Zeichen von großem Mangel an Selbstvertrauen. Das Paradoxe dabei aber ist, dass die Dinge nicht wirklich so wichtig für uns sind, sondern sie werden so erstrebenswert, weil jemand anderes sie besitzt. Wir sind ständig am Vergleichen.   Eigenschaften eines eifersüchtigen Menschen Mit großer Eifersucht vergleicht man ständig, beobachtet, initiert, zeichnet auf, konspiriert. Für den eifersüchtigen Menschen ist wichtig, genauso berücksichtigt und beachtet zu werden wie eine andere Person. Es wird als sehr schlimm empfunden, herabgesetzt zu werden. Oft sucht man Zufriedenheit darin, dass man andere kritisiert. Ein Aspekt von Eifersucht beinhaltet auch, sich über das Unglück anderer zu freuen, auf die wir eifersüchtig sind. Es besteht eine gewisse  Abneigung, die aus der Anhaftung an eigene Ego resultiert.   Positive Seiten der Eifersucht Eifersucht ist mit Aktivität verbunden. Normalerweise sind es sehr schnelle, praktische Menschen, die sehr effizient sind und im Wettbewerb sehr gut mithalten können. Doch leider verschwenden dieser wettbewerbsfähigen Menschen viel Energie durch vergleichen und beobachten, was andere tun. Man kann dadurch die eigenen Ziele nicht erreichen, was frustrierend ist. Wenn wir aufhören zu vergleichen, sparen wir Energie, die wir für unsere eigenen Interessen, Talente, Qualitäten und Aktivitäten nutzen können.   Heilmittel Ein starkes Gegenmittel ist, sich über die Qualitäten anderer und über die eigenen Qualitäten zu freuen. Auch, sich über die Natur der Eifersucht bewusst zu sein und sie zu analysieren, hilft. So lernen wir Eifersucht näher kennen, wie sie sich anfühlt, warum sie entsteht, was sie auslöst. Wir finden heraus, dass Eifersucht entsteht, weil wir uns nicht genug schätzen. Wir denken darüber nach, dass alles was andere haben oder tun, für unser Leben nicht von Bedeutung ist, und wir nichts daraus gewinnen, eifersüchtig auf sie zu sein. Man kann die Tatsache, dass man ständig andere kontrolliert und beobachtet, auch so verstehen und deuten, dass man sich dessen bewusst ist, was um einen herum passiert. Diese Klarheit kann eine besondere Qualität darstellen, und man kann beschließen, sie dafür zu verwenden, anderen zu helfen, anstatt sie missgünstig zu beobachten. Opfergaben darzubringen ist ein weiteres Heilmittel, überhaupt, so viel Großzügigkeit wie möglich zu üben.   Eifersucht in uns existiert, weil wir zu sehr um uns selbst besorgt sind. Was auch immer dazu beiträgt, dies aufzulösen, trägt dazu bei, die Wurzel der Eifersucht zu beseitigen. Kraftvoll dabei ist, Liebe und Herzensgüte für andere zu entwickeln, genauso wie Selbstwertgefühl , das verbunden ist mit Hingabe, und sich der eigenen Qualitäten bewusst zu sein.   Mitgefühl ist das beste Mittel gegen alle negativen Emotionen Alle Emotionen kommen aus Angst. Die Wurzel der Angst ist nicht zu wissen, wer wir sind. Die Wurzel der Eifersucht ist die Angst, dass andere besser sind als wir.   Grundprobleme überwinden Wir können alle unsere grundlegenden Probleme überwinden, indem wir herausfinden, wer wir wirklich sind. Dies bedeutet, uns unserer Buddhanatur bewusst zu werden, der grenzenlosen Weisheit, des Mitgefühls, der Qualitäten und Fähigkeiten, anderen zu helfen. Selbstwertgefühl entsteht, wenn wir unsere eigenen Qualitäten und die Qualitäten anderer herausfinden, die Buddhanatur in uns allen entdecken. Dies ist auch die Lösung für die Abneigung, die wir gegen andere haben.      

Der Umgang mit negativen Emotionen oder Geistesgiften oder Kleshas (Dilgo Khyentse: The Heart of Compassion)

  In den Meditationsgruppen beschäftigen wir uns mit negativen Emotionen oder Kleshas. Es folgt eine Anleitung, ganz direkt bei uns selbst herauszufinden, wo wir diese schädlichen Emotionen entdecken. Am Ende des Kapitels über Achtsamkeit in “Der Weg des Bodhisattva” vergleicht Shantideva die negativen Emotionen mit Feinden, die zurückgewiesen und vertrieben werden müssen. Aber er weist darauf hin, dass sie im Gegensatz zu gewöhnlichen menschlichen Feinden keinen Rückzugsort haben.

Wir werden sie einfach los, indem wir sie als das erkennen, was sie sind: Negative Neigungen, zerstreut durch das Auge der Weisheit!

 

Wenn man im Kampf gegen die Emotionen auch nur für einen Moment die Wachsamkeit verliert, muss man sie sofort wiederbeleben – so wie ein Schwertkämpfer im Kampf, der sein Schwert gleiten lässt, es sofort wieder aufnehmen muss.

In dem Moment, in dem eine Emotion aufkommt, sollte uns der Gedanke kommen, das Gegenmittel zu verwenden. Denn wozu dient der Dharma sonst, wenn er uns nicht daran hindert, unseren negativen Emotionen freien Lauf zu lassen?

„Was auch immer wirkt, um Emotionen entgegenzuwirken, es ist Dharma;

Was nicht funktioniert, ist kein Dharma.“

 

Tatsächlich ist keine Zeit zu verlieren. Wenn wir mit einem vergifteten Pfeil beschossen worden wären, würden wir einfach warten und zusehen, wie dieser in unserem Fleisch steckt, oder würden wir sofort daran gehen, ihn zu entfernen und die Wunde bluten zu lassen?

Als Yeshe Tsogyal Guru Rinpoche fragte: „Wer ist der schlimmste Feind?“ sagte er: „Störende Emotionen”.

 

Darum üben wir, alles wahrzunehmen, was in unserem Geist auftaucht, als ob wir unser Gesicht in einem Spiegel betrachten würden. Es gibt keine Emotion, die wir nicht loswerden können, denn Emotionen sind einfach Gedanken, und Gedanken sind wie der Wind, der durch den leeren Himmel weht.

 

      Fragen zu den störenden Emotionen beantwortet von HH. 17. Karmapa Ogyen Trinley Dorje Wenn wir es mit den Kleshas, also den störenden Emotionen von Unwissenheit, Anhaftung, Aggression, Stolz, Eifersucht, zu tun haben, besteht die Tendenz, sich zu verkrampfen, und es wird immer schwieriger, sich zu entspannen. Wie gehen wir entspannter und großzügiger damit um? Wenn wir mit den störenden Emotionen arbeiten oder die Gegenmittel für die Leiden anwenden, ist es manchmal wichtig, sie nicht zu ernst zu nehmen. Andernfalls, wenn wir versuchen, ernst zu sein, oder wenn wir Dinge erzwingen und wirklich verspannt sind, werden die Leiden selbst noch problematischer.  Wenn das passiert, können wir nichts mehr tun. Ich denke, wir müssen versuchen, spielerischer damit umzugehen. Manchmal, wenn wir das Ergebnis sehen, und wenn wir alles zu ernst nehmen, schämen wir uns: „Oh, es hat mich überwältigt! Ich bin habe die negativen Emotionen nicht unter kontrolle, sie haben mich besiegt. Ich habe verloren.“ Wir müssen also wie spielende Kinder sein. Ihnen ist nichts peinlich. Sie gehen einfach raus und spielen und haben Spaß, und sie machen sich keine Gedanken darüber, wie sie aussehen oder wer schuld ist. Wir müssen spielerisch mit den Leiden umgehen: „Okay, komm und fordere mich heraus! Ich werde gegen dich angehen.“ Wir müssen etwas entspannter und großzügiger mit ihnen umgehen. Wenn wir das schaffen, können wir sehen, wie sehr wir in der Lage sind, mit den Leiden umzugehen, wie weit wir gehen können. Im Allgemeinen muss man einfach etwas weiter und entspannter sein, mit einer spielerischeren Einstellung, dann wird es einfacher.   Warum bekommt ein Mensch überhaupt störende Emotionen? Die Schatzkammer der Abhidharma-Lehren sagt, dass es drei Ursachen für das Entstehen der Leiden gibt: das Nichtaufgeben der Ursachen der Leiden, das Vorhandensein und unser Festhalten an entsprechenden Objekten, und unangemessene Aufmerksamkeit. Das liegt daran, dass wir uns stark an die Leiden gewöhnt haben, und auch daran, dass wir so viele angenehme und unangenehme Objekte in unserer Nähe haben. Besonders wenn wir in Städten leben, sehen wir, dass es viele verschiedene Dinge gibt, die entweder attraktiv oder unattraktiv sind. Auch das Internet und so weiter bringen uns die Objekte näher. Außerdem haben wir eine unzureichende Aufmerksamkeit, eine falsche Art, die Dinge zu betrachten, und aus diesem Grund ist es wahrscheinlicher, dass Schwierigkeiten und Probleme entstehen. Weil alle Ursachen und Bedingungen, die die Leiden hervorrufen, vorhanden sind, haben wir so viele Probleme.            

GLÜCK UND UNGLÜCK SIND IN DIR SELBST   Anregungen zum Annehmen dessen, was ist 

  Der Königsweg, die Krönung der Weisheit, die wichtigste Haltung, die wir einnehmen können, ist es, das Leben zu akzeptieren und mit ihm die Wirklichkeit dessen, was ist. Nichts zurückzuweisen, was auch immer sich zeigen mag. Bestimmte Dinge können und müssen verändert werden. Doch zunächst einmal sollten wir Ja zum Leben sagen. Eine Krankheit stellt sich ein: Wir akzeptieren sie und tun alles, was nötig ist, um geheilt zu werden. Wir sind zu Recht traurig oder wütend, aber lasst uns doch über Trauer und Wut hinausgehen. Wir mögen unser Gesicht, unseren Körper nicht? Wir sind unzufrieden mit unserem Charakter? Vielleicht sollten wir einfach lernen, uns anzunehmen und zu lieben, wie das Leben uns gemacht hat.   Im zweiten Schritt können wir tun, was nötig ist, um das, was uns nicht gefällt, zu ändern. Manchmal lässt sich das nicht bewerkstelligen, denn einige Dinge im Leben können wir nicht beeinflussen. So lernen wir loszulassen, nicht alles kontrollieren zu wollen, vertrauensvoll zu wachsen – voller Gelassenheit, Demut, Heiterkeit und Liebe. Häufig geschieht es, dass wir das Leben zurückweisen, andererseits aber der festen Meinung sind, dass das Leben uns zurückweist. Wenn wir eine Prüfung durchleben, eine Krankheit zum Beispiel, sind wir aufgebracht über unser Leben. Und doch ist es nicht selten so, dass wir selbst für diese Prüfung verantwortlich sind, ja, dass sie uns geschickt wurde, um uns einen Anstoß zu geben. Manchmal nämlich verschließen wir uns dem Leben, dem Wandel, der Wirklichkeit, und dann tauchen die Hindernisse auf, eines nach dem anderen. Sie sind da, damit wir uns weiterentwickeln. Damit wir uns etwas bewusst machen, was an unserem Leben nicht stimmt.   Dass wir ein Ereignis ins Unbewusste verdrängt haben, das wir uns nicht anschauen wollen. Doch statt die Hindernisse als Signale des Lebens zu erkennen, versteifen und verkrampfen wir uns in unserer Ablehnung. Dann wird unser Leiden immer schlimmer.   Verlang nicht, dass das geschieht, was du dir wünschst, sondern wünsche dir das, was geschieht. Dann wirst du glücklich sein. Nicht die äußeren Gegebenheiten müssen wir ändern, sondern unsere Gedanken und Glaubenssätze. Sie bestimmen größtenteils darüber, was uns widerfährt. Wir sind, was wir denken. Und tatsächlich üben unser Denken und unser Glauben einen enormen Einfluss auf den Lauf unseres Lebens aus. Nicht selten wird unser Leben zu genau dem, was wir denken und glauben. Denn gewöhnlich filtern wir die Realität und nehmen nur das wahr, was unsere Glaubenssätze bestätigt. Ein pessimistischer Mensch sieht überall schlechte Omen, die seinen Pessimismus bestärken. Ein optimistischer Mensch hingegen entdeckt überall Zeichen der Hoffnung, die seinen Optimismus bestätigen. So stark sind unsere Glaubenssätze, dass sie häufig sogar jene Ereignisse herbeiführen, durch die sie bestätigt werden. Ein ängstlicher Mensch läuft viel eher Gefahr, Opfer einer Gewalttat zu werden, als ein furchtloser. Ein komplexbeladener Mensch wird viel öfter zurückgewiesen als ein selbstsicherer. Unsere Sicht der Welt und von uns selbst ist es, die bestimmt, was uns widerfährt. In jedem Wesen, in jedem Augenblick, sei er glücklich oder unglücklich, einfach oder schwierig, begegnen wir immer nur uns selbst. Akzeptiere die Gesetze des Lebens und nichts wird dich mehr bedrücken. Ein Gesetz lautet: Jede Handlung ruft eine Wirkung hervor, du erntest also, was du säst. Bewusst oder unbewusst, durch dein Tun oder Denken, in diesem Leben oder vielleicht in einem anderen. Ein anderes lautet: Alles ist vergänglich, flüchtig, im steten Wandel begriffen. Versuche nicht krampfhaft, an der Illusion von Stabilität und Sicherheit festzuhalten. Akzeptiere vielmehr den Wandel, die Unsicherheit, den Tod. Dann wird dein Herz Frieden erfahren. Nicht trotz, sondern aufgrund der Hindernisse und Schwierigkeiten, die uns begegnen, machen wir Fortschritte. So wie man von einem Stockwerk ins nächste nicht trotz, sondern wegen der Stufen, die dorthin führen, gelangt. Hindernisse sind die Stufen, die uns weiterbringen. Sehen wir uns also nicht als Opfer der äußeren Ereignisse, sondern als ihre Schüler.   Lernt, nichts im Leben zurückzuweisen. Zurückweisung verursacht viel mehr Schmerz als Akzeptanz. Selbst wenn ihr körperlichen Schmerz zu erdulden habt, ist es leichter, wenn ihr ihn nicht ablehnt, sondern annehmt. Lasst euch in den Schmerz hineinfallen, öffnet euch ihm, wie ihr euch von Kälte durchdringen lasst, gegen die anzukämpfen sinnlos wäre. Seltsamerweise wird der Schmerz dadurch geringer. Seht den Schmerz als Teil einer Erfahrung, die das rein körperliche Leiden übersteigt. Nehmt ihn auf, lasst ihn sich im weiten Raum des Bewusstseins ausdehnen, und schon wird er erträglich. Lehnt vor allem den Schatten nicht ab, die Düsternis, die unscharfen Zonen, die ihr in euch tragt. Wenn ihr sie leugnet, wenn ihr ihrer Herr werden wollt, wenn ihr zu streng oder zu lasch mit ihnen seid, verleiht ihr ihnen nur noch mehr Kraft. Dann kehren sie eines Tages mit Gewalt zurück und zwingen euch in die Krankheit, in die Dunkelheit, in die Verdrängung. Nehmt alles an, was in euch ist und holt es ins Licht der Gewissheit. Akzeptiert, was ist. Erst dann könnt ihr beginnen, an euch zu arbeiten – voller Vertrauen und voller Liebe. Lernt, eure Zerbrechlichkeit anzunehmen. Die Schattenseiten des Seins schaffen ebenjene Risse im Gewebe des Ich, durch die das Leben uns in Liebe mit anderen verbindet. Jedes Wesen hat seine Gaben, mit denen es anderen zur Stütze werden kann. Doch es hat auch seine Schwachstellen, seine Brüche, seine Anfälligkeit, weshalb es die Hilfe anderer benötigt. (Frédéric Lenoir: Die Seele der Welt)  

Warum es wichtig ist zu lernen, die wilden Gedanken und Emotionen zu zähmen.

  In der gegenwärtigen Zeit werden wir mit vielen Herausforderungen und auch häufig mit dem Tod konfrontiert. Vielleicht sind wir selbst nicht betroffen, aber kennen Erkrankte, oder hören und lesen über die vielen Sterbefälle durch den Corona-Virus. Dies ist eine Gelegenheit, uns tiefer mit Sterben und Tod zu beschäftigen. Hier einige Gedanken dazu von Ponlop Rinpoche.   Wenn wir durch den Tod nicht mehr im physischen Körper verankert sind, gibt es nur den Geist, nur das Bewusstsein, das sich in einer schwer zu kontrollierenden Weise bewegt und manifestiert. Plötzliche Veränderungen des Bewusstseins bewirken dann entsprechende Veränderungen der Umgebung. Wenn unser Geist von einem Gedanken zum anderen springt, gehen wir mit ihm. In diesem gegenwärtigen Leben bewegt sich unser Geist oft unkontrolliert, wenn wir keine Methode haben, um mit unseren Gedanken und Emotionen zu arbeiten – und nach dem Tod geht es noch wilder zu.   Darum ist es wichtig, uns stets daran zu erinnern, dass unser Geist in unserem Körper, mit dem er gegenwärtig verbunden ist, nur vorübergehend zu Gast ist. Solange wir diesen körperlichen Zufluchtsort haben, fühlen wir uns irgendwie geerdet. Unser Körper stabilisiert unseren Geist und bietet einen festen Bezugspunkt. Wenn unser Geist davonfliegt, ganz gleich wie weit er sich entfernt, kommt er zu diesem Körper zurück, so wie ein Vogel mitten auf dem Ozean immer zu dem Schiff zurückkehren wird, von dem er kommt. In dem Zustand nach dem Tod, dem Bardo, gibt es keinen Anker, um unseren Geist stabil zu halten – abgesehen vom Gleichmut des Geistes, den wir vorher durch unsere Meditationspraxis entwickelt haben.   Solche Instabilität kann eine beängstigende Erfahrung sein, die durch das Entstehen unserer Emotionen erzeugt wird. Wir sind nicht nur bodenlos, nicht mehr durch den Körper verankert, sondern wir reagieren außerdem auf unsere sich verändernde Umgebung mit schwankenden Emotionen. Wir fühlen jetzt vielleicht Ärger, dann Eifersucht, dann sind wir glücklich.   Wenn wir die Kontrolle über unseren Geist haben, gibt es nichts zu fürchten. Wir wissen dann, wie unser Geist reagieren wird, wie er sich unter Druck manifestieren wird und dass wir ruhig, klar und konzentriert bleiben werden. Darum lohnt es sich, dass wir uns mit diesen Gedanken auseinandersetzen und dass wir, solange wir die Möglichkeit haben, daran arbeiten, unsere wilden, ungezügelten Gedanken und Emotionen unter Kontrolle zu bringen.     Wenn wir Dharma praktizieren, ist es von ausschlaggebender Bedeutung, zu Beginn die richtige Motivation zu entwickeln. Dies bedeutet, wir machen uns ganz klar bewusst, warum wir studieren, reflektieren und meditieren wollen. Tun wir es, damit wir möglichst schnell alle unsere Probleme überwunden haben, uns glücklich fühlen, wieder gesund werden oder uns mit der Familie verstehen? Oder wollen wir nicht nur die eigenen Probleme auflösen, sondern auch allen anderen Wesen helfen, ihr Leid grundsätzlich zu überwinden. Dies ist die höchste und wunderbarste Motivation und im Buddhismus finden wir viele Anregungen und Methoden, die uns dabei helfen, diese Einstellung oder auch Bodhicitta-Haltung zu entwickeln und ein „Bodhisattva“ zu werden.    

Innere Dämonen ausschalten

Als zu Beginn des 4. Jahrhunderts v.Chr. Buddha Shakyamuni unter den langen Ästen des Bodhi-Baums meditierte, dort, wo heute die Stadt Bodhgaya liegt, war er in den Monaten, die seinem Erwachen vorausgingen, heftigen Angriffen der vier Maras bzw. Dämonen ausgesetzt. Die Dämonen, von denen der Buddhismus spricht, sind keine äußeren furchterregenden Wesen, Gespenster oder dergleichen, sondern innere Kräfte, die von unserer irrtümlichen Wahrnehmung der Welt erzeugt werden und stark genug sind, um Praktizierenden ernst zu nehmende Hindernisse in den Weg zu legen. Die Texte erwähnen vier Dämonen: den Dämon der Aggregate (die physischen und geistigen Aspekte dessen, was wir als Ich bezeichnen, Hinterlassenschaft unseres Karmas, die vorübergehend unsere Person bilden; sie sind die »Stütze« bzw. die Basis des Leidens), den Dämon des Ich, den Dämon des Todes und den Dämon der störenden Emotionen. Als die vier Dämonen ihre letzte Attacke auf den Buddha eröffneten und sich dabei in verschiedenen, dem Anschein nach äußeren Formen, manifestierten, blieb der Buddha, dank seiner Einsicht in die letztendliche Natur der Dinge und seines grenzenlosen Mitgefühls, unerschütterlich, und erlangte das Erwachen. Der Dämon der negativen Gefühle offenbart sich uns im Allgemeinen erst dann, wenn eine gewisse Intensität erreicht ist: Unser Zorn explodiert, die Eifersucht nagt an uns, Unwissenheit macht uns blind. In Wirklichkeit ist er jedoch ein langjähriger unangenehmer Begleiter, und wir haben unbewusst gelernt, uns mit ihm zu arrangieren. Er kann sogar die Gestalt der Tugend, der Vernunft oder der Logik annehmen, wie im Falle des Hasses, der auf sektiererischer Argumentation beruht. Dann, wenn wir auf dem spirituellen Weg vorangehen und sich tiefgreifende Veränderungen in uns vollziehen, manifestieren sich Hindernisdämonen am stärksten. Ein Meister sagte einmal scherzhaft: »Dämonen geben sich nicht damit ab, sich für diejenigen zu interessieren, die in ihrer Praxis stagnieren.« In allen unseren Bemühungen stehen im Allgemeinen die Risiken in direkt proportionalem Verhältnis zum Einsatz. Es ist also normal, dass wir uns auf unserem inneren Weg mit allen möglichen Kräften konfrontiert sehen, die sich unserem Fortschritt entgegenstellen. Beim richtigen Umgang mit diesen Hindernissen können diese als Katalysatoren wirken, und sich in Verwirklichung wandeln, sie können jedoch auch unsere Praxis unterbrechen oder bewirken, dass sie von ihrem Ziel abkommt. Allein der Klarblick der Weisheit, unvoreingenommener Altruismus, Vertrauen in einen authentischen spirituellen Meister und die unerschütterliche Entschlossenheit, Erwachen zu erlangen, können diese Hindernisse überwinden, ob diese nun in subtiler oder grober Form auftreten. (Matthieu Ricard. Weisheit – Die schönsten Texte tibetischer Meister, S202-203)    

Was sollten wir tun, wenn Ärger aufsteigt?

Wir sollten uns in Herzensgüte üben. Wenn Ärger in uns aufsteigt, gleichen wir diese Geisteszustände durch das Entwickeln von liebevoller Zuwendung aus. Wenn jemand etwas Schlechtes tut oder ärgerlich wird, werde nicht selbst ärgerlich. Wenn du wütend wirst, bist du unverständiger als der andere. Sei weise, sei mitfühlend, denn dieser Mensch leidet. Fülle deinen Geist mit liebevoller Güte, als ob es sich um deinen teuren Bruder handelt. Mach das Gefühl der Herzensgüte zum Gegenstand deiner Meditation; breite es aus auf alle Lebewesen der Welt. Nur durch Herzensgüte wird Hass überwunden. Manchmal siehst du vielleicht, wie sich andere schlecht benehmen, und vielleicht regst du dich darüber auf. Doch damit leidest du nur unnötig. Das ist nicht unser Dharma. Das schlechte Benehmen anderer zu beurteilen ist eine große Verunreinigung deines Geistes. Stell keine Vergleiche an. Mach keine Unterscheidungen. Lass deine Ansichten los und beobachte dich selbst. Das ist unser Dharma. Du kannst unmöglich alle dazu bringen, dass sie sich so verhalten, wie du es dir wünscht, oder dass sie so sind wie du. Dieser Wunsch wird dich nur leiden machen. Es ist ein verbreiteter Fehler unter Meditierenden, aber du entwickelst deine Weisheit nicht, indem du andere beobachtest. Untersuche einfach dich selbst. Deine Gefühle. So wirst du zum Verständnis kommen. (Ajahn Chah)  

Frage an Matthieu Ricard über negative Emotionen

  F: Ist es nicht hoffnungslos, zu versuchen, unsere negativen Emotionen zu besiegen? Wäre es nicht einfacher, sie sich einfach auflösen zu lassen?   A: Die Erfahrung zeigt, dass, wenn wir uns angewöhnen, ihnen einfach freien Lauf zu lassen, sie sich wie Infektionen verhalten, die wir nicht rechtzeitig behandelt haben. Sie werden stärker und schlagen Wurzeln in unserem Geist. Wir werden wieder unter ihre Macht geraten, sobald unsere emotionalen Veränderungen die kritische Grenze erreicht haben. Und diese Grenze wird immer niedriger werden. Wir werden immer schneller wütend und immer schneller besorgt, usw. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Gefühle unterdrücken sollten. Das wäre eine kurzfristige Lösung, die höchstwahrscheinlich nicht zu innerem Frieden führen würde. Denn es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sind die negativen Emotionen unserem Geist innewohnend, dann würde der Versuch, sie loszuwerden, auf einen Kampf gegen einen Teil von uns selbst hinauslaufen und könnte nur scheitern. Oder ihre Anwesenheit in unserem Geist ist auf vorübergehende Ursachen und Bedingungen zurückzuführen, und in diesem Fall ist es möglich, uns von ihnen zu befreien.   Das Wichtigste ist, dass wir uns zunächst ein gewisses Maß an Geschicklichkeit aneignen, um die negativen Emotionen zu erkennen und sie dann mit Hilfe des am besten geeigneten Gegenmittel zu neutralisieren. Der Buddhismus lehrt eine Vielzahl von Methoden, um dies zu erreichen, von denen keine für sich genommen den anderen überlegen ist. Welche Methode man wählt, hängt von den Umständen und Fähigkeiten der jeweiligen Person ab. Einige sind direkt und offensichtlich, wie z.B. Mitgefühl zu üben, um Bosheit zu bekämpfen. Es ist unmöglich, jemandem gleichzeitig Gutes und Schlechtes zu wünschen. Andere sind subtiler, wie z. B. die Achtsamkeit gegenüber den Emotionen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Das Gewahrsein der Angst ist nicht ängstlich; es ist einfach nur bewusst. Ich bin weit davon entfernt, ein guter Meditierender zu sein, aber ich habe oft versucht, diese Methode anzuwenden. Wenn ich zum Beispiel auf dem Weg zum Flughafen bin, mitten im dichten Verkehr, mache ich mir manchmal Gedanken über die Kette von Ereignissen, die eintreten würden, wenn ich mein Flugzeug verpasse – ich würde den Anschlussflug verpassen, dann die Konferenz, an der ich am Zielort teilnehmen wollte, obwohl sie schon seit Monaten geplant war. Wenn ich versuche, mich in das Gewahrsein dieses Zustands zu entspannen, als würde ich in aller Ruhe einen strömenden Fluss betrachten, der vor mir her fließt, könnte sich die Angst anfangs hartnäckig festsetzen. Aber wenn ich sie weiterhin mit dem Auge des Gewahrseins betrachte, verliert sie ihre Kraft, und gleichzeitig wird der Raum des Gewahrseins immer größer und größer. Es kommt ein Punkt, an dem die Angst nur noch ein blasser Abglanz dessen ist, was sie am Anfang war, und schließlich verschwindet sie. (Quelle: Matthieu Ricard et al.: In Search of Wisdom)