Kagyu Samye Dzong Kirchheim e.V.

Die sechs Paramitas 

Paramita (Skt.)  „Das andere Ufer erreicht haben“

Meist wird Paramita mit „Vollkommenheit“ übersetzt. Die Praxis der sechs oder manchmal zehn Paramitas nimmt im Mahayana-Buddhismus eine zentrale Rolle ein. Sie werden auf dem buddhistischen Pfad geübt und vollkommen entwickelt. Die zentralen sechs Paramitas sind Dana(Geben), Shila (ethische Richtlinien), Kshanti (Geduld), Virya (energetisches Bemühen), Dhyana (Meditation) und Prajna (Weisheit).

„Großzügigkeit verringert unsere Tendenz, an Dingen festzuhalten. Bei der Übung der Sittlichkeit beziehungsweise des moralischen Verhaltens überprüfen wir ständig unsere Motivation, um sicherzustellen, dass wir unseren Körper, unsere Sprache und unseren Geist auf eine Weise benutzen, die nicht nur nicht schadet, sondern anderen von Nutzen ist. Wir üben Geduld, indem wir in unseren Bemühungen, zum Wohl anderer zu wirken, nie nachlassen, ganz gleich, wie sie auf uns reagieren oder welche Einstellung sie uns gegenüber haben mögen.
Beharrlichkeit beziehungsweise energisches Bemühen beinhaltet, dass man sich auf eine Aufgabe vorbereitet und sie umsetzt, wobei man eine unerschütterliche Ausdauer darin entwickelt, das Begonnene zum Abschluss zu bringen und danach nie mehr zurückzublicken. Wir entwickeln Konzentration oder Stabilität in der Meditation, indem wir unseren Geist schulen. Weisheit oder Prajna (Skt.), auch transzendentes Wissen genannt, beinhaltet die Kenntnis der absoluten Wahrheit jenseits gewöhnlicher Vorstellungen.“ (Chagdud Tulku: Tore in die Freiheit, S. 141 f.) 

Bodhicitta des Wünschens und der Anwendung 

Bodhicitta, die Haltung des großen Mitgefühls, hat zwei Zielrichtungen: das Wohl anderer zu fördern oder Mitgefühl zu entwickeln, und Erleuchtung oder Weisheit zu erlangen. Nach Erleuchtung streben wir nicht nur, um selbst dem Leiden in Samsara zu entfliehen, sondern auch zum Wohl all jener, die uns sehen, hören, berühren oder sich an uns erinnern. Nun mögen wir die Fähigkeit haben, zehn, hundert, tausend oder, wenn wir berühmt sind, vielleicht sogar Hunderttausenden oder gar Millionen von Menschen zu helfen, doch reicht das nicht aus, denn die Zahl der Wesen, die in Samsara leiden, ist unendlich.

Wenn wir danach streben, für uns und alle Wesen Erleuchtung zu erlangen, so wird dies Bodhicitta des Wünschens oder des Strebens genannt. Obwohl für unsere Übung unverzichtbar, können wir allein dadurch unser Ziel nicht erreichen. Wenn wir auf das große Meer Samsaras blicken und uns und andere ans andere Ufer bringen wollen, jedoch kein Boot haben oder nichts, um ein Boot fortbewegen zu können, werden wir unser Ziel trotz allen Wünschens und Strebens nicht erreichen. 

Vielmehr müssen wir außerdem auch aktiv werden — den Pfad der Übung wirklich beschreiten. Die Methoden anzuwenden, die negative Gedanken und Handlungen verringern und reinigen und die positiven Qualitäten verstärken, und gleichzeitig die wahre Natur des Geistes zu erkennen, so dass wir uns selbst und alle Wesen zur Buddhaschaft führen können. Dies wird Bodhicitta der Anwendung oder des Handelns genannt und ist der Pfad des Bodhisattva. 

Eine Methode, die uns hilft, Bodhicitta in jeden Aspekt unseres Lebens einzubeziehen, ist die Übung der sechs Vollkommenheiten oder (in Sanskrit) der Paramitas: Großzügigkeit, moralisches Verhalten, Geduld, Beharrlichkeit, Konzentration und Weisheit.  

Großzügigkeit verringert unsere Tendenz, an Dingen festzuhalten. Man kann unterscheiden zwischen materieller Großzügigkeit, die im Teilen von Nahrung und Kleidung und anderer Dinge zum Ausdruck kommt; spiritueller Großzügigkeit, die in der Übermittlung spiritueller Lehren besteht oder darin, Menschen, die Angst haben, von ihrer Angst zu befreien und sie zu schützen; und schließlich einer Großzügigkeit, die darin besteht, dass wir anderen unsere Zeit, Energie und Rede schenken, indem wir uns ihnen mitteilen, sie lehren, sie beraten und ihnen gegenüber liebevolle Güte zum Ausdruck bringen. Ganz gleich, welchen Glücks wir uns zurzeit erfreuen, es ist die Frucht früherer Großzügigkeit, die wir nun genießen können, indem wir sie mit anderen teilen. 

Trainieren und Dienen
Bodhisattvas übernehmen bereitwillig die Verantwortung zu helfen und wählen Wege, die den Voraussetzungen und Anlagen, den Interessen und Fähigkeiten anderer entsprechen, dies bedeutet, dass sie Fachwissen in vielen Bereichen benötigen. Als Teil ihres Verhaltens praktizieren sie die sechs Vollkommenheiten (oder Paramitas) von Großzügigkeit, ethischem Verhalten, Geduld, Disziplin, Konzentration und Weisheit, und verpflichten sich zu dieser Lebensweise, weil sie zum Wohle aller Lebewesen Erleuchtung erlangen wollen.
Wir behaupten, ihnen nachzustreben, daher sollte unser Interesse an den Lehren nicht nur aus Neugier oder dem Geschmack für außerordentliche Fakten resultieren. Wir kennen bereits viele davon, und es gibt anderswo noch viel mehr zu entdecken. Hoffentlich sind wir wirklich daran interessiert, was uns und anderen Glück bringt, und haben erkannt, dass externe Faktoren nicht die Hauptquelle dafür sind. Glück entsteht durch die Veränderung unseres Denkens, Fühlens und Handelns.

Bodhicitta des Wünschens und der Anwendung (Forts.)

Im letzten Rundmail ging es um die erste der Vollkommenen Qualitäten, um Großzügigkeit.
Die kurze Einführung in alle der sechs Qualitäten geht weiter mit moralischem Verhalten, Geduld, Beharrlichkeit, Konzentration. Über Weisheit folgt dann mehr im nächsten Rundmail. Sie alle sollen uns helfen, Bodhicitta in jeden Aspekt unseres Lebens mit einzubeziehen.

Bei der Übung moralischen Verhaltens überprüfen wir ständig unsere Motivation, um sicherzustellen, dass wir unseren Körper, unsere Sprache und unseren Geist auf eine Weise benutzen, die nicht nur nicht schadet, sondern anderen von Nutzen ist. Außerdem streben wir Bedingungen an, unter denen wir die größtmögliche positive Wirkung erzielen können — Bedingungen, die uns helfen zu lernen, was wir lernen müssen und um die erforderlichen Methoden, Qualitäten und Stärken zu entwickeln und dergleichen mehr. Und schließlich bemühen wir uns unermüdlich um Disziplin. 

Wir üben Geduld, indem wir in unseren Bemühungen, zum Wohl anderer zu wirken, nie nachlassen, ganz gleich, wie sie auf uns reagieren oder welche Einstellung sie uns gegenüber haben mögen. Außerdem entwickeln wir Geduld als Gegengift zu Aggression, Zorn und Hass. Ein buddhistisches Sprichwort lautet: »Gegen ein Übel wie Zorn gibt es keine bessere Übung als Geduld.« Dies fördert unseren Geistesfrieden und kommt letztendlich auch unserem Streben nach Erleuchtung zugute. 
Es gibt drei grundlegende Arten von Geduld: Geduld angesichts von Bedrohungen oder Schädigungen durch andere, Geduld im Akzeptieren der Schwierigkeiten bei unserer spirituellen Übung und im Umgang mit ihnen, und schließlich Geduld, die im Akzeptieren der tiefgründigen Implikationen der wahren Natur der Wirklichkeit und im furchtlosen Umgang mit ihr zum Ausdruck kommt.
Geduld kann auf persönlicher, regionaler oder nationaler Ebene wichtig werden. Wenn Einzelne oder Gruppen anderen Menschen Probleme bereiten, sollten wir auf deren Aggression nicht mit Wut reagieren, sondern uns vergegenwärtigen, dass alle Wesen einmal unsere Mutter gewesen sind und uns große Güte erwiesen haben.
Aus Unwissenheit verstehen sie die Verbindung zwischen uns und ihnen nicht, und ihnen ist auch nicht klar, dass sie die Samen für zukünftiges Leiden säen. Indem wir davon absehen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, fördern wir das Wohl aller Beteiligten, denn unsere Geduld zerstreut Aggression sehr schnell, und wir verhindern, dass die Probleme noch zahlreicher werden. 
Als Buddha Shakyamuni in Bodhgaya unter dem Bodhi-Baum saß, unternahmen die Kräfte Maras, der Verkörperung all dessen, was uns an Samsara bindet, einen letzten Versuch, ihn zu bezwingen und seine Erleuchtung zu verhindern. Zu diesem Zweck versammelten sie ein Dämonenheer, das den Buddha angriff. Doch durch die Kräfte der Geduld, der Liebe und des Mitgefühls, die sich durch seine Realisation auf natürliche Weise manifestiert hatten, verwandelten sich ihre Waffen in Blumen. 

Beharrlichkeit oder Fleiß beinhaltet, dass man sich auf eine Aufgabe vorbereitet und sie umsetzt, wobei man eine unerschütterliche Ausdauer darin entwickelt, das Begonnene zum Abschluss zu bringen und danach nie mehr zurückzublicken. Wir entwickeln nicht nur innere Qualitäten, sondern auch die Mittel, die wir brauchen, um anderen helfen zu können. Beispielsweise mag jemand über liebevolle Güte verfügen und beabsichtigen, kranken Menschen zu helfen, doch um dies wirklich zu können, muss man sich jahrelang hingebungsvoll dem Studium und der Praxis der Heilkunst widmen. 
Wir üben uns in Beharrlichkeit, um unser Ziel zu erreichen: das kurzfristige und letztendliche Glück aller Wesen. Wenn es uns nicht möglich ist, einen Schritt vorwärts zu tun, sollten wir zumindest nicht zurückgehen. Allmählich, Schritt für Schritt, kann selbst ein Esel den Weg um die Welt schaffen. 

Wir entwickeln Konzentration oder Stabilität in der Meditation, indem wir unseren Geist schulen. Der tibetische Begriff für diese Vollkommenheit ist samten, wobei sam »denken« bedeutet — gemeint ist, dass wir das rationale Denken in der Kontemplation nutzen. Ten bedeutet »stabil« oder »fest«. Die Erfahrung meditativer Stabilität wird oft mit dem tibetischen Begriff shinay gleichgesetzt, der beinhaltet, dass der Geist in einsgerichteter Konzentration zur Ruhe kommt, wobei er entweder auf eine Vorstellung gerichtet ist oder im natürlichen Zustand des Gewahrseins weilt. 

Eine Art meditativer Stabilität besteht darin, ohne jede Ablenkung über eine einzige Idee nachzusinnen oder sich auf sie zu konzentrieren, so dass der Geist nicht zu anderen Gedanken abschweift, nicht einmal zu sehr ähnlichen. Konzepte und die Worte, die sie zum Ausdruck bringen, verweisen auf einen tieferen Sinn.
Eine andere Form meditativer Stabilität ist die natürliche Rückkehr des Geistes in seinen ursprünglichen Zustand, ohne dass er durch Gedanken der drei Zeiten verdunkelt wird — durch Erinnerungen an die Vergangenheit, Gedanken an die Gegenwart oder Vorwegnahmen dessen, was in Zukunft geschehen könnte. Eine noch tiefere Art meditativer Stabilität ist von der sechsten Vollkommenheit, der Vollkommenheit der Weisheit, durchtränkt, die als Siegel fungiert, das dem Zustand ruhigen Verweilens aufgeprägt wird. 

Die Vorteile von Bodhichitta, dem großen Mitgefühl

In „Der Weg eines Bodhisattvas“ beschreibt Shantideva die spezifischen Vorteile von Bodhichitta anhand von Analogien. Die erste Analogie vergleicht Bodhichitta mit einer alchemistischen Substanz, die gewöhnliches Eisen in reines Gold verwandelt. In ähnlicher Weise verwandelt Bodhichitta einen unreinen Körper, der aus Karma und Kummer geboren wurde, in den Körper eines Buddha, ein unbezahlbares Juwel, das sonst nur schwer zu finden ist.

Die zweite Analogie bezieht sich auf ein häufig benutztes Beispiel in der buddhistischen Literatur: Kapitäne, die Gruppen von Kaufleuten über gefährliche Ozeane zu Schatzinseln führen, wo sie Juwelen sammeln können, um sie nach Hause zu bringen. Durch ihre Erfahrung wissen die Kapitäne, wie sie die Gefahren auf der Reise vermeiden können, und sind in der Lage, die Edelsteine von echtem Wert von wertlosen Mineralien zu unterscheiden, womit sie das Vertrauen ihrer Passagiere gewinnen. Der Kapitän repräsentiert den Buddha, der die Fähigkeit hat, das Juwel des Bodhichitta zu erkennen, das den wahren Wert hat, das Glück zu bringen, das die Wesen brauchen und wollen.
So wie Kaufleute ihrem Kapitän vertrauen, so sollten auch Bodhisattvas dem Buddha vertrauen und das kostbare Juwel des Bodhichitta festhalten.

Die nächsten Analogien beziehen sich auf zwei wesentliche Aspekte der Praxis des Mahayana-Buddhismus: das Sammeln von Verdienst und das Reinigen von Verunreinigungen. Verdienst zu sammeln bedeutet, positive Gewohnheiten durch tugendhaftes Denken und Handeln zu entwickeln, d.h. auf eine Weise, die uns selbst und anderen Nutzen bringt.
Bodhichitta ist die mächtigste Methode zur Ansammlung von Verdienst oder positiver Energie, weil diese Geisteshaltung und die daraus resultierenden Aktivitäten, kontinuierliche, langfristige Ergebnisse hervorbringen. Im Gegensatz dazu bringen gewöhnliche Verdienste ein einzelnes, kurzfristigeres Ergebnis hervor, wie ein Bananenbaum, der nur einmal Früchte trägt.
Verdunkelungen zu reinigen bedeutet, die Abdrücke, die unsere schädlichen Handlungen und negativen Gedankenmuster in unserem Geistesstrom hinterlassen haben, zu löschen. Shantideva geht speziell auf die Überwindung vergangener Missetaten ein. Er vergleicht die Art und Weise, wie Bodhichitta starke Missetaten reinigt und uns vor ansonsten sicherem Leiden schützt, mit der Art und Weise, wie ein Held Reisende vor Banditen schützt.

Viele der Vorteile des Bodhichitta, die Shantideva beschreibt, beruhen auf karmischer Ursache und Wirkung und vergangenen und zukünftigen Leben, und sie haben Generationen von Praktizierenden inspiriert, die an Karma und Wiedergeburt glauben. Aber Menschen mit einer rein weltlichen Sichtweise finden diese Ideen manchmal schwierig. Die traditionellen Lehren über karmische Ursache und Wirkung sagen uns, dass unsere Absichten und Handlungen Auswirkungen haben, die über das hinausgehen, was wir im begrenzten Rahmen unserer Wahrnehmung sehen und erkennen können. Ob diese Wirkungen über dieses Leben hinausreichen, hängt davon ab, ob unser Bewusstsein im Moment des Todes aufhört oder in einer anderen Form weiterlebt. Das wiederum hängt ab von der Beziehung zwischen dem Geist und dem Körper. Diese Frage konnte die Wissenschaft noch nicht endgültig klären, und es gibt viele Debatten. Wenn wir einen offenen Geist bewahren und uns daran erinnern, wie begrenzt unser Verständnis tatsächlich ist, können wir die Intelligenz und das Mitgefühl schätzen, die traditionellen Lehren wie denen von Shantideva zugrunde liegen.

Quelle: Entering the way of the bodhisattva: a new translation and contemporary guide / Shantideva; translated with commentary by Khenpo David Karma Choephel.

Das erste Paramita: Die Großzügigkeit

Über das Geben
Der Strom des Lebens ist nichts anderes als die harmonische Interaktion aller Elemente und Kräfte, die unsere Existenz ausmachen. Diese harmonische Interaktion aller Elemente und Kräfte in einem Leben drückt sich als Gesetz des Gebens, oder man könnte auch sagen, das Gesetz von Geben und Annehmen, aus. Da sich Körper, Geist und Universum in einem ständigen, dynamischen Austausch befinden, hat das Unterbrechen dieses Energiekreislaufes den gleichen Effekt wie ein Stillstand des Blutkreislaufes. Immer, wenn Blut nicht mehr frei fließen kann, wird es klumpig, gerinnt und stagniert. Daher muss man geben und annehmen, damit Wohlstand und alles andere, was man sich im Leben wünscht, frei strömen können. 

Jede Beziehung besteht aus Geben und Annehmen. Geben erzeugt Annehmen, und Annehmen erzeugt Geben. Was unten ist wird oben sein, was fortgeht muss zurückkommen. Geben ist tatsächlich das gleiche wie Annehmen, denn Geben und Annehmen sind nur verschiedene Aspekte des gleichen Energieflusses im Universum. Und wenn man diesen Fluss aufhält, greift man in die Intelligenz der Natur ein. In jedem Samenkorn liegt das Versprechen von Tausenden von Wäldern. Aber man darf den Samen nicht horten. Er muss seine Fähigkeit zu wachsen an einen fruchtbaren Boden weitergeben. Durch diese Gabe fließt die unsichtbare Energie in eine materielle Manifestation. 

Je mehr man gibt, um so mehr wird man empfangen, denn man hält den Überfluss des Universums damit aufrecht. Alles, was im Leben einen Wert hat, vervielfacht sich, wenn man es gibt. Was sich durch Geben nicht vervielfacht, ist weder die Gabe wert, noch das Empfangen. Wenn man beim Akt des Gebens das Gefühl hat, etwas zu verlieren, ist es nicht wahrhaft geschenkt und wird nicht wachsen. Wenn man grollend gibt, steckt keine Energie in dem Geschenk.
Am wichtigsten ist daher die Absicht, die hinter Geben und Annehmen steckt. Die Absicht sollte sein, dass man für den Gebenden und Nehmenden Glück erzeugt, denn Glück ist lebensstützend und lebenserhaltend und vermehrt sich. Der Gegenwert steht in proportionalem Verhältnis zum Geben, solange es bedingungslos geschieht und von Herzen kommt. Daher sollte der Akt des Schenkens ein freudiger sein. Man sollte so eingestimmt sein, dass man sich über den bloßen Akt des Gebens freut. Dann vermehrt sich die Energie hinter der Gabe viele Male. 

Die Anwendung des Gesetzes des Gebens ist eigentlich sehr einfach: Wenn man Freude wünscht, gibt man anderen Freude, wenn man Liebe will, sollte man lernen, Liebe zu geben. Wenn man Aufmerksamkeit und Zuwendung möchte, sollte man Aufmerksamkeit und Zuwendung geben. Wenn man materiellen Wohlstand will, so hilft man anderen, materiell wohlhabend zu werden. Der leichteste Weg, das zu erreichen, was man will, besteht darin, anderen zu helfen, das zu bekommen, was sie wollen. Dieses Prinzip funktioniert für Individuen, Firmen, Gesellschaften und Nationen gleichermaßen. Wenn man mit allen guten Dingen des Lebens gesegnet sein will, sollte man lernen, alle anderen Menschen mit den guten Dingen des Lebens zu beglücken. 
Schon der Gedanke an Schenken, der Gedanke an Segnung oder ein einfaches Gebet hat die Kraft, auf andere einzuwirken. Gedanken haben die Macht zu verwandeln.

Der beste Weg, das Gesetz des Gebens praktisch umzusetzen — den Prozess des Kreislaufs in Gang zu bringen —, besteht darin, dass man jedes Mal, wenn man Kontakt mit einem anderen Menschen hat, die Entscheidung trifft, ihm etwas zu geben. Dies braucht keine materielle Form anzunehmen, sondern könnte eine Blume sein, ein Kompliment oder ein Gebet. Am Stärksten wirkt ohnehin das Geben von nicht-materiellen Dingen. Die Geschenke von Zuwendung, Aufmerksamkeit, Zeit, Wertschätzung und Liebe sind die kostbarsten Geschenke, die man sich vorstellen kann, und sie kosten nichts. Wenn man jemandem begegnet, kann man ihm oder ihr Glück, Freude, Kraft und Humor wünschen. Solche stillen Geschenke sind sehr wirksam. 

Wie wäre es, den Entschluss zu fassen, immer etwas zu geben, wenn man irgendwohin geht, oder wenn man jemanden besucht? Man könnte darauf entgegnen: »Wie kann ich anderen geben, wenn ich momentan nicht genug für mich selbst habe?« Doch man kann eine Blume mitbringen. Eine einzelne Blume oder man kann ein Kompliment machen. Man kann ein Gebet schenken oder den Wunsch, der oder die anderen können Freude, Liebe, Lachen, Frieden, Harmonie und Wissen empfangen und erleben. Wenn man diese Dinge zuallererst anstrebt, und nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, dann fällt einem alles Weitere von selbst zu. 
Solange man gibt, wird man auch empfangen. Je mehr man gibt, um so stärkeres Vertrauen wird man in die wundersame Wirkung dieses Gesetzes entwickeln. Und wenn man selbst mehr empfängt, wächst die Fähigkeit, zu schenken. 

Anwendung des Gesetzes vom Geben 

Heute nehme ich mir vor:
1. Ganz gleich, wohin ich gehe und wem ich begegne, ich werde ein Geschenk mitbringen. Dieses Geschenk könnte ein Kompliment sein, eine Blume oder ein Gebet. Heute werde ich jedem etwas schenken, dem ich begegne, und so beginne ich den Kreislauf aus Freude, Wohlstand und Überfluss in meinem Leben und im Leben anderer. 

2. Ich werde heute dankbar alle Geschenke empfangen, die das Leben mir bietet. Ich werde die Geschenke der Natur annehmen, die Sonne und den Vogelgesang, den Frühlingsregen oder das Aufblühen der Knospen auf den Bäumen. Ich werde auch offen für Geschenke von anderen sein, ob es sich dabei um materielle Gaben handelt, um Geld, ein Kompliment oder ein Gebet.  

3. Ich werde mich verpflichten, den Kreislauf der Fülle in meinem Leben aufrechtzuhalten, indem ich die kostbarsten Geschenke des Lebens weitergebe und empfange: die Gaben der Zuwendung, der Zuneigung, der Wertschätzung und der Liebe. Jedes Mal, wenn mir jemand begegnet, werde ich ihm in der Stille Glück, Freude und Lebenslust wünschen. 

Freigiebigkeit

Wenn wir Freigiebigkeit üben, sind einfache Gaben materielle Dinge, auch wenn es sich nur um eine Handvoll Teeblätter oder ein Schüsselchen Gerste handelt. Wenn die Gabe mit einer vollkommen reinen Absicht gegeben wird, spielt die Menge keine Rolle. (Patrul Rinpoche, Die Worte meines vollendeten Lehrers)

Die vollkommene Qualität der Großzügigkeit entwickeln

Wenn wir zum Wohle aller Lebewesen Erleuchtung erlangen wollen, müssen wir bereit sein, alles zu geben, auch unseren geliebten Körper, unsere Fleisch und unsere Knochen, die wir über alles schätzen. Aufgrund dessen besteht keine Notwendigkeit, andere völlig unzuverlässige Dinge wie Geld, Land und Häuser überhaupt erst zu erwähnen.

Das ist erschreckend, nicht wahr? Wir schätzen unseren Körper und unseren Besitz, klammern uns an sie und können es nicht ertragen, uns von ihnen zu trennen. Der Gedanke, sie zu verschenken, ist definitiv unattraktiv. Sich von ihnen zu trennen ist schwer genug, aber noch schwieriger ist es, es nur aus Liebe und Mitgefühl zu tun, ohne Hoffnung auf eine Gegenleistung in diesem oder zukünftigen Leben. Aber genau dies ist die unvorstellbare Großzügigkeit der Bodhisattvas.

Die Praxis der Großzügigkeit in Bezug auf unseren Körper zum Beispiel, hat vier Aspekte: „Geben“ bezieht sich auf die Entwicklung der Bereitschaft, uns selbst vollständig zu geben. „Schützen“ bedeutet, den Körper nicht zu opfern, bis wir dies mit Leichtigkeit tun können. „Reinigen“ bedeutet sicherzustellen, dass unsere Großzügigkeit nicht durch negative Handlungen beeinträchtigt wird. „Vermehren“ bezieht sich auf die Schaffung von Tugend und positiver Energie, um sicherzustellen, dass wir in Zukunft ein menschliches Leben nach dem anderen haben werden.

Geben in der Hoffnung, etwas dafür zurückzuerhalten, wird zu einem Geschäftsvorgang. Wenn wir ein materielles Geschenk machen, Schutz oder Anweisungen geben und hoffen, dass unsere Bemühungen anerkannt und gewürdigt werden, laufen wir Gefahr, enttäuscht zu werden. Wenn wir aber etwas ganz zum Nutzen anderer tun und keinen Dank erwarten, werden wir nicht enttäuscht und können angenehm überrascht sein.

Wenn der andere Mensch irgendwelche Manieren hat, wird er oder sie uns für das danken, was wir getan haben. Denn es ist auch wichtig, Freundlichkeit zu schätzen und etwas zurückgeben zu wollen, zumindest ein „Dankeschön“.

Lama Sonam Rinchen: „Die 37 Praktiken eines Bodhisattvas“

Die Dana-Gesellschaft 
Dieser Artikel ist aus dem Magazin „Dharma-Nektar“.
Auch wenn er in Bezug auf ein anderes Zentrum geschrieben wurde, treffen die Punkte auch für unser Zentrum zu, und sind relevant für uns hier in Kirchheim.

Woran erkennt man einen Buddhisten? Daran, dass er viel über Buddhismus weiß, viel gelesen hat oder meditiert und in höheren Geisteszuständen weilt, bei der Ordination einen neuen Namen oder Roben erhält, mit anderen über die Lehre redet? All dies sind sicher wichtige Bestandteile eines buddhistischen Lebens: Meditation, Dharma-Studium, Gespräche und vielleicht Ordination. Aber was außerdem wichtig ist, vielleicht sogar wichtiger als all die vorher genannten Elemente, ist das Handeln, ist der Umgang mit Situationen des alltäglichen Lebens, ob im Kreis anderer Buddhisten, ob für sich allein oder in der Gesellschaft.

Der Buddha formulierte ethische Vorsätze – Prinzipien heilsamen Verhaltens, die wir als Orientierungshilfe nutzen können, um mehr und mehr im Einklang mit der Realität zu leben. Darunter gibt es ein Prinzip, das es besonders einfach macht, den Effekt unserer Praxis zu erkennen, und das deshalb als die ‚grundlegende buddhistische Tugend‘ bezeichnet wurde: Dana, Großzügigkeit oder Freigebigkeit. In einem seiner Vorträge zum Edlen Achtfältigen Pfad sagte Sangharakshita: „In gewissem Sinn ist Dana oder Geben die buddhistische Grundtugend schlechthin. Wer sie nicht praktiziert, dürfte sich eigentlich nicht als Buddhist bezeichnen.“
Dana bedeutet „nicht so sehr den Akt des Gebens selbst wie vielmehr die Bereitschaft, geben zu wollen: den Wunsch, mit anderen zu teilen, was man selbst besitzt. Dieser Wunsch zu geben ist oft das erste Anzeichen des spirituellen Lebens.“

In allen Strömungen der buddhistischen Tradition misst man Dana große Bedeutung bei. So sieht man sie in der Freigebigkeit der Laien, die Mönche und Nonnen mit Nahrung versorgen, um ihnen zu ermöglichen, sich intensiver ihrer Praxis zu widmen. Ein starkes Symbol für Dana ist die Figur Avalokiteshvaras, der in jeder seiner eintausend Hände etwas hält, womit er Wesen helfen kann. Der Weg des Buddha selber, seine Suche nach einem Ausweg aus Dukkha, der Unzulänglichkeit oder dem Leiden, die alles Leben durchzieht, und seine jahrzehntelange unermüdliche Lehrtätigkeit sind hervorragende Beispiele der Verkörperung von vollkommener Großzügigkeit.

In der westlichen Welt scheint uns dieses Prinzip nicht so selbstverständlich zu sein. Karriere, Wettbewerb und das Streben nach dem Besten für uns selbst stehen für die meisten Menschen unserer Kultur im Vordergrund. Natürlich gibt es auch hier Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, aber oft richten die sich nur auf den engen Freundes- und Familienkreis. Wie können wir als Buddhisten innerhalb eines solchen Umfeldes wirksam praktizieren? Wie können wir eine Atmosphäre schaffen, die uns hilft, großmütiger und vertrauensvoller zu geben? Wer es ernst meint mit dem Streben nach Erleuchtung, wird nicht umhinkönnen, den Dämonen des Eigennutzes zu begegnen, ob im eigenen Herzen oder in der Welt um uns herum.

Wie können wir also Dana zu einer stabilen Grundlage unserer Praxis machen, die zugleich in die Welt hineinwirkt, in der wir leben?
Im Zentrum als Treffpunkte der Sangha versuchen wir im weitesten Sinne, ob zu Meditationsabenden, Studienveranstaltungen oder sonstigen Zusammentreffen, als Ort von Dana beispielhaft zu sein. Wir wollen das übliche Prinzip des Marktes hinter uns lassen, das letztlich, auch wenn es nicht so gemeint war – so klingt wie: „Meditation plus Vortrag, macht zusammen zwölf Euro.“ Wir haben zwar schon immer die Kostenbeiträge niedrig angesetzt und außerdem die Möglichkeit zu Ermäßigungen angeboten. Aber wir versuchen hier weiterzugehen und der oft unbewussten Annahme entgegenwirken, dass man Dharma, Meditation, spirituelle Unterweisung, ja sogar spirituelle Entwicklung kaufen könnte.

Der Dharma ist unbezahlbar und so wollen wir alle Freunde dazu ermutigen, aus ihrer eigenen Liebe zum Dharma und aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus, das zur inneren Vitalität und Entwicklung der Sangha und zum Gelingen und zur Erhaltung des Zentrums beizutragen, was sie selbst geben können und wollen. Materiell-finanzielle Beiträge sind ein wichtiger Teil unter anderen. Es gibt unzählige Möglichkeiten und Ebenen der Freigebigkeit. Wir können Materielles geben, vielleicht einfach Blumen für den Schrein oder etwas zu essen. Wir können auch Zeit und Energie schenken, praktische Unterstützung oder Ratschläge. Freundliche und liebevolle Rede, Lob oder Wertschätzung der Beiträge anderer oder ein ermutigendes Lächeln sind wertvolle Gaben. Anderen Menschen Interesse schenken ist ein wichtiger Akt der Großzügigkeit, die Liste könnte sehr lang werden. Unser Ziel ist, unseren Willen und unsere Fähigkeit zur Großzügigkeit in einigen oder all diesen Bereichen zu stärken.
Andererseits machten wir kein Geheimnis daraus, dass Vieles nötig ist, um das Zentrum zu erhalten und zu entwickeln – dazu gehört auch Geld. Manche überweisen vielleicht regelmäßig feste Geldbeträge, andere helfen auf praktische Weise mit – bei Büroarbeiten, dem Saubermachen des Zentrums, Gartenpflege und ganz besonders auch bei Umbau- und Renovierungsarbeiten, die ohne die Hilfe gar nicht möglich wären. Wie schön ist es, wenn die verschiedenen Aktivitäten des Zentrums spürbar vom Geist gegenseitiger Großzügigkeit und des Vertrauens getragen werden.
Einige Besucher haben aber nur geringe finanzielle Mittel – und vielleicht nicht einmal viel Zeit, um zu helfen. Die innere Haltung und Bereitschaft zu geben ist entscheidend. Wer selbst nur wenig Gelegenheit zum Besuch von Veranstaltungen hat, kann durch regelmäßige Spenden unterstützen.
Die Frage danach, wie und was wir alle geben könnten, ist manchmal auch mit inneren Widerständen verbunden. Der amerikanische Dichter Walt Whitman sagte: „Wenn ich gebe, gebe ich mich selbst.“ – Will ich das? Kann ich das? Was brauche ich für mich? Wo und wann halte ich mich zu sehr zurück? Wir können deutlich erkennen, dass es leicht ist, sich in einigen Bereichen von (vermeintlichen) Besitztümern zu trennen, während in anderen das Festhalten oder die Angst, etwas zu verlieren, sehr stark sind. Dies eröffnet Möglichkeiten, die Übung von Dana auszuweiten, eben gerade dadurch, dass man sich mit den eigenen Schwierigkeiten auseinandersetzt.

Natürlich kommen auch interessante Aspekte unserer Beziehung zu Geld zutage. Geld ist etwas, von dem sich viele Leute nur sehr zögerlich trennen, wenn es auch andere gibt, denen ein freundliches Wort mehr Schwierigkeiten verursacht! Häufig, so scheint es, ist Geld ein Tabu – es gilt als unfein, darüber zu reden, und das insbesondere in Verbindung mit höheren, geistigen Dingen. Aber es ist nichts Peinliches an diesem Thema. Es gibt keinen Grund, es aus dem spirituellen Leben auszuklammern. Es ist wie Dünger: Je mehr wir davon haben, desto mehr sollten wir verteilen. Geld ist nur ein Mittel, das auf nützliche oder schädliche Weise verwendet werden kann. Es ist ‚geronnene‘ Energie, Stärke, ja Macht, die missbraucht werden kann, die aber auch nötig ist, um den Dharma mehr und mehr Menschen im Westen zugänglich zu machen. So gesehen ist Geld willkommen – so viel davon, wie nur irgend möglich!

Wir alle haben unermessliche Schätze in uns, es gibt niemanden, der oder die nichts geben kann. Selbst wenn wir nur an unserer eigenen Entwicklung interessiert sind, gilt Shangharakshitas Behauptung: „Man kann sich nicht wirklich selbst helfen, ohne anderen zu helfen.“ Die Praxis von Dana ist eigentlich nichts anderes als eine bewusste Einübung der Wirklichkeit universaler gegenseitiger Abhängigkeit.
Dharmacharini Jayachitta

Was ist Dana?   (Wikipedia)

Im Hinduismus
Der Begriff Dāna findet im Hinduismus in vielfältigen Zusammenhängen Anwendung. Jedes Geschenk, jede Gabe ist Dāna, die Verheiratung der Tochter (Weggabe der Tochter an die Familie des Bräutigams) wird Kanyadana (Geschenk des Mädchens) bezeichnet, ebenso die Gabe an die Götter (Opfer). Dāna ist auch eine wichtige moralische Forderung hinduistischer Ethik.

Im Buddhismus
Dāna bezeichnet im Buddhismus allgemein etwas, das gegeben bzw. geschenkt wird, ohne eine Gegenleistung zu erwarten oder auch nur zu erhoffen. Darüber hinaus bedeutet Dana das Geschenk der Energie und Weisheit an andere. Mit Dāna wird auch diese Art des Gebens an sich bezeichnet, was als eine der wichtigsten buddhistischen Tugenden angesehen wird.
Dāna ist eine der Sechs Vollkommenheiten oder Pāramitā, eine der zehn Betrachtungen Anussati, das wichtigste der verdienstvollen Handlungen (skt: Puya, Pali: Puñña), und wird als Grundvoraussetzung für die stufenweise Praxis auf Buddhas Pfad zur Befreiung gezählt.

Im Theravada wird Dāna vor allem als Mittel angesehen, Habgier und Egoismus zu überwinden und Leiden, evtl. auch in zukünftigen Leben, zu vermeiden.
Im Mahayana wird Dāna mit den Tugenden der Güte Maitri und des Mitgefühls Karuna verbunden. Es wird als wesentlicher Faktor aufgefasst, um Wesen zur Erleuchtung zu führen. 

Das zweite Paramita: Die Disziplin, das ethische Verhalten

Achtsamkeit, die Essenz der Disziplin

Die Methoden, die der Bodhisattva benutzt, um den Geist zu schützen, sind Achtsamkeit und Gewahrsein. Das Wort Achtsamkeit wird im Deutschen sehr breit verwendet, aber in traditionellen buddhistischen Texten bezieht es sich darauf, sich daran zu erinnern, was man tun und was man nicht tun sollte. Im Kontext der Disziplin bedeutet Achtsamkeit, sich daran zu erinnern, was das Bodhisattva-Gelübde erlaubt und was es nicht.

Die kontinuierliche Anwendung von Achtsamkeit führt zu Gewahrsein, was bedeutet, einfach zu wissen, was mit unserem Körper, unserer Sprache und unserem Geist geschieht – sich dessen bewusst zu sein, was wir sagen oder denken, und nicht mechanisch zu handeln, während unsere Gedanken woanders hinwandern. Wie im Prajnaparamita-Sutra in den Einhunderttausend Strophen steht:

Wenn ein Bodhisattva-Mahasattva geht, weiß er: „Ich gehe.“ Wenn er steht, weiß er: „Ich stehe.“ Wenn er sitzt, weiß er: „Ich sitze.“ Wenn er sich hinlegt, weiß er: „Ich liege.“ Wenn er ein angenehmes oder unangenehmes körperliches Gefühl hat, weiß er es, wie es ist.

Die grundlegende Basis für die Entwicklung von Achtsamkeit und Gewahrsein ist, dass wir in der Lage sind, den Geist und folglich unsere körperlichen und verbalen Handlungen zu kontrollieren. Nach den buddhistischen Lehren über Karma resultieren die meisten Unglücke und Gefahren, denen wir begegnen, aus unseren vergangenen Handlungen. Allen karmischen Handlungen geht immer eine Absicht im Geist voraus. Aus diesem Grund hängt alles Unglück vom Geist ab.

Shantideva lehrt, dass alles – sowohl Positives als auch Negatives – vom Geist abhängt. Er erklärt, dass der Buddha in den Sutras lehrte, dass alle Leiden aus dem Geist entstehen, wobei er sich auf die Leiden der Höllenbereiche konzentriert. Die Erscheinungen des Leidens in der Hölle, wurden nicht von einem Schöpfergott geschaffen. Stattdessen pflanzt das Handeln, das aus einem bösen Gedanken wie Zorn heraus entsteht, einen giftigen Samen in den Geist, der später, wenn die Bedingungen stimmen, als die verblendeten Wahrnehmungen eines Höllenbereiches wieder aufgeht.

So wie alle Fehler vom Geist abhängen, so hängen auch alle Qualitäten vom Geist ab, einschließlich der sechs Vollkommenheit – Großzügigkeit, Disziplin, Geduld, Fleiß, Dhyana oder Meditation und Prajna oder Weisheit. Was diese sechs Vollkommenheiten ausmacht, ist nicht die äußere Erscheinung oder Wirkung (zum Beispiel die Beseitigung der Armut in der Welt oder der Schutz aller fühlenden Wesen vor Gefahren), sondern die Absicht und die Sichtweise der Dinge des Bodhisattvas.

Im Mahaparanirvana Sutra gibt es eine Geschichte über eine Mutter und eine Tochter, die von einer Flut mitgerissen wurden. Beide dachten mit großer Liebe an einander und beteten dafür, dass der geliebte Mensch nicht stirbt. Aber sie gingen beide zusammen unter. Das Ergebnis ihrer klaren und liebevollen Gedanken war, dass beide in einem höheren Bereich, bzw. Götterbereich wiedergeboren wurden.

(Quelle: Entering the way of the bodhisattva: a new translation and contemporary guide.
Shantideva, translated with commentary by Khenpo David Karma Choephel)

Das dritte Paramita: Die Geduld

Sich in Geduld üben
(Entering the way of the Bodhisattva von Shantideva)

1) Alle Großzügigkeit, alle Opfergaben an die zur Glückseligkeit Gegangenen (Buddhas) und dergleichen, und alle positiven Handlungen, die ich über einen Zeitraum von Tausenden von Äonen angesammelt habe – all diese werden durch einen einzigen Augenblick des Hasses vernichtet.

2) Da es keine andere zerstörerische Kraft gibt, die dem Ärger gleicht, und keine andere spirituelle Übung, die der Geduld gleicht, werde ich intensiv und mit verschiedenen Methoden über die Entwicklung der Geduld meditieren.

3) Solange der Stachel des Hasses in meinem Herzen sitzt, wird mein Geist keinen Frieden finden, wird keinerlei Glück oder Freude erleben, wird auch keinen Schlaf finden und wankelmütig sein.

4) Sogar jene, die er mit Reichtum und Ehre überschüttet, und auch jene, die in einem abhängigen Verhältnis zu ihm stehen, werden von einem Herren, der von Hass besessen ist, bis zu dem Punkt hin provoziert, dass sie ihn sogar ermorden möchten.

5) Selbst Freunde und Verwandte wenden sich angewidert von ihm ab; und obwohl er möglicherweise versucht, sich andere Menschen durch Geschenke zu Freunden zu machen, begegnet ihm doch keiner mit Vertrauen und Respekt. Kurz gesagt: Für einen wutentbrannten Menschen besteht keinerlei Möglichkeit, Glück zu erfahren.

6) Folglich erzeugt der Feind, der Ärger, Leiden und dergleichen. Wer jedoch rigoros gegen seinen eigenen Ärger vorgeht und ihn aus der Welt schafft, wird in diesem, wie auch in anderen Leben, Glück finden.

7) Der Ärger findet sein Brennmaterial in negativen Geisteszuständen, die dadurch entstehen, dass der Geist Dinge anzieht, die ich nicht will, und dass er Dinge verhindert, nach denen ich mich sehne. Ist der Ärger erst einmal entflammt, richtet er mich zugrunde.

8) Genau deshalb muss ich diesem Feind vollständig seinen Brennstoff entziehen, denn dieser Feind hat keine andere Aufgabe, als mir Leid zuzufügen.

9) Ganz gleich, was passiert, ich werde nicht zulassen, dass der Ärger meine gute Laune stört, denn, wenn ich erst einmal schlechte Laune entwickelt habe, wird nicht das geschehen, was ich gerne möchte, und mein konstruktives Verhalten wird aus den Fugen geraten.

10) Wenn ich eine Sache ändern kann, warum sollte ich in schlechte Laune kommen? Und wenn ich sie nicht verändern kann, was nützt dann die schlechte Laune?

11) Leiden, Verachtung, Beschimpfung und in Ungnade zu fallen: das ist nicht das, was ich mir selbst und meinen Freunden wünsche; aber für meine Feinde gilt das Gegenteil.

Für Bodhisattvas, deren Praxis sich auf Liebe und Mitgefühl konzentriert, ist der Ärger der gefährlichste Kummer. Er verursacht nicht nur Probleme in diesem Leben, sondern zerstört auch das Gute, das sie in der Vergangenheit getan haben, indem er die in Millionen von früheren Leben angesammelten Verdienste zunichte macht. Für Shantideva und andere, die an karmische Ursachen und Wirkungen glauben, ist daher die Praxis der Geduld von entscheidender Bedeutung. Dies bedeutet, die Beleidigungen und Kränkungen anderer zu ertragen, ohne zornig zu reagieren, und denen zu vergeben, die in der Vergangenheit Schaden angerichtet haben. Aber es ist schwer, dem Drang des Zorns zu widerstehen, und Geduld zu praktizieren ist weitaus schwieriger als jede Art von Entbehrung. Wie es im Pratimoksha Sutra heißt, ist Geduld das erhabene Nirwana. Dies lehrte der Buddha.

Ärger ist nicht nur eine Gefahr für zukünftige Leben, sondern raubt uns auch den Seelenfrieden und das Glück in diesem Leben, und bringt andere gegen uns auf. Daher ist die Überwindung des Zorns von größter Bedeutung, wenn wir Glück finden wollen.

Zorn kann nicht einfach unterdrückt oder blockiert werden, denn seine giftigen Samen würden im Geistesstrom bleiben und darauf warten, später wieder aufzutauchen. Stattdessen lehrt Shantideva Wege, den Geist neu zu trainieren und die Gewohnheiten zu ändern, die zu Ärger führen, indem er die Ursachen untersucht und anspricht. Indem wir neue Gewohnheiten des Verstehens und des Mitgefühls in unser Wesen integrieren, können wir Muster des Ärgers in natürliche Nachsicht und Vergebung umwandeln. Dies erfordert jedoch Ausdauer und die Achtsamkeit, das Gewahrsein und die Sorgfalt, diese Gegenmittel tatsächlich anzuwenden, wenn der Ärger zum ersten Mal im Geist aufflammt, bevor er richtig aufflackert.

Die Umschulung unseres Geistes beginnt damit, dass wir zuerst die Ursache identifizieren, die Ärger und Hass schürt, nämlich den Unmut, der entsteht, wenn unsere Wünsche enttäuscht werden oder wenn unerwünschte Dinge geschehen. Um dem entgegenzuwirken, rät Shantideva dazu, eine heitere Haltung beizubehalten, denn Unmut dient niemals einem Zweck. Aber die bloße Aussage, dass wir fröhlich sein sollen, verhindert nicht, dass Unmut auftritt. Stattdessen ist es notwendig, ihre Ursachen zu untersuchen, die Shantideva als Abneigung gegen schlechte Dinge, die uns selbst oder unseren Freunden und unserer Familie widerfahren, und das Gegenteil, Abneigung gegen gute Dinge, die unseren Feinden widerfahren, beschreibt. Mit anderen Worten: Unsere weltlichen Anhaftungen und Abneigungen führen zu Unmut und Ärger, und je mehr wir in der Lage sind, sie abzubauen, desto weniger werden wir mit Ärger reagieren.

(Quellen: 1 – Entering the way of the bodhisattva: a new translation and contemporary guide / Shantideva; translated with commentary by Khenpo David Karma Choephel. 2 – Study Buddhism)

Das vierte Paramita: Die freudige Anstrengung

Über das Rechte Streben oder freudige Anstrengung:

Die vollkommene Qualität von Rechtem Streben ist so wie Eifer, eine Art, hart zu arbeiten. Das ist wichtig aus buddhistischer Sicht. Dieses Bestreben, der Eifer, das harte Arbeiten beim Praktizieren bedeutet aber nicht, dass man sich verbissen antreibt und etwas tut um des Tuns willen, ohne Inspiration. Das rechte Bestreben, der rechte Eifer, wird beschrieben als die Freude, Positives zu tun, da es einen selber auch freudig macht in dem, was man tut. Wenn man das, was man tut, freudig tut, dann macht man es auch gut und bleibt dabei, ohne Unterbrechung. Man fühlt sich dabei gut und alles läuft gut.

Ohne Freude werden die Dinge zur Last, und daher wird auch immer darauf hingewiesen, dass man seine Praxis nicht als Bürde empfinden soll, denn eine solche wird schwerer und schwerer je länger man sie trägt, und dann muss man sie irgendwann ablegen. Also sollte die Praxis nie als Bürde empfunden werden, sondern als etwas sehr Freudiges.

Ringu Tulku

Überwindung der Faulheit durch Fleiß oder freudige Ausdauer

(Lama Zangmo – Purelands Retreat, 2012) und

Dilgo Khyentse Rinpoche „The Heart of Compassion“

Freudige Ausdauer oder Fleiß ist ein Geisteszustand, der sich freudig mit der positiven Aktivität der anderen fünf Vollkommenheiten oder Paramitas von Großzügigkeit, Geduld, Rechtem Verhalten, Meditation und Weisheit beschäftigt. Fleiß ist der Motor, der uns vorwärts treibt.

Wenn wir uns die Dinge ansehen, die den Fleiß behindern, die das Gegenteil von Fleiß darstellen, erkennen wir sie als verschiedene Ausdrucksweisen von Faulheit. Wir müssen uns also mit der negativen Gewohnheit der Faulheit auseinandersetzen, und dann die positiven Bedingungen schaffen, damit der Fleiß wachsen kann. Die vier Kräfte zur Entwicklung von freudiger Ausdauer sind: Streben, Selbstvertrauen, Freude und Loslassen.

Wenn wir ein starkes Interesse am Dharma haben, dann werden wir wirklich gute Praktizierende werden. Aber wenn wir nur ein durchschnittliches Interesse am Dharma haben, dann werden wir durchschnittliche Praktizierende. Und wenn wir nur ein minimales Interesse am Dharma haben, dann werden wir weniger gute Praktizierende werden, einfach weil diese Kraft des Strebens fehlt. Es ist das Streben, das sich im Handeln ausdrückt. Es ist eine enorm wichtige Sache bei allem, was wir tun. Es ist immer wichtig, Interesse am Dharma und unserer Praxis zu haben. Aber wenn wir uns selbst wie ein altes, geprügeltes Pferd antreiben müssen, um zu unserem Meditationskissen zu gehen und zu meditieren, ist das vielleicht nicht die richtige Einstellung, denn wir werden immer mehr abgeschreckt und entmutigt.

Die Kraft des Selbstvertrauens ist eine Art von Mut, eine Art von Entschlossenheit, die wir brauchen, um etwas zu Ende zu bringen. Wenn wir anfangen, etwas Positives zu tun, nützt es nichts, wenn wir es auf halbem Weg aufgeben. Es ist wie das Beispiel des Besteigens eines Berges. Wenn wir auf halbem Weg aufgeben, weil wir denken, dass wir es nicht schaffen, dann werden wir es auch nicht schaffen. Wir müssen wirklich Selbstvertrauen entwickeln. Diese Art von Faulheit erzeugt eine entsprechende Gewohnheit. Wir schaffen eine Tendenz zum Scheitern: wir werden entmutigt, wir fühlen uns immer schlechter über uns selbst.

Die Kraft der Freude bezieht sich darauf, wie wir uns an dem erfreuen sollten, was wir tun: sei freudig, sei im Moment mit dem, was du tust, ohne eine Belohnung zu erwarten. In Bezug auf unsere Praxis und unseren spirituellen Weg sollten wir versuchen, keine großen, hohen Erwartungen zu haben, die dazu führen, Enttäuschungen zu erleben. Besser ist es, beständig zu sein und einfach Freude daran haben, dass wir praktizieren und uns auf dem spirituellen Weg engagieren.

Genau wie die Bodhisattvas sollten wir keine Belohnung erwarten, sondern versuchen, die Haltung zu entwickeln, freudig und mit Wertschätzung auf dem Pfad vorwärtszugehen, so gut wie wir können. Diese Kraft wird uns helfen, unseren Pfad zu kultivieren. Wir versuchen, diese Energie des Fleißes zu schüren, damit wir das Feuer des Fleißes zum Glühen bringen und wir ein Ergebnis erzielen können. So funktioniert die Kraft der Freude: Wir haben Vergnügen und Freude an dem, was wir für andere tun.

Manchmal denken Menschen, dass sie sich nicht freuen dürfen, wenn sie etwas Positives tun. Ich denke, das ist falsch. Man darf sich freuen, man sollte sich an seiner positiven Tätigkeit erfreuen. Die Leute verwechseln das mit Stolz und denken: „Oh, ich darf nicht positiv über mich oder meine eigenen Handlungen denken“. Aber man sollte sich freuen und glücklich sein, dass man in der Lage ist, positive Handlungen auszuüben – ob es nun tatsächliche Handlungen sind, Praxis, Meditation oder all die verschiedenen Dinge, die man in formellen Sitzungen oder außerhalb formeller Sitzungen tut.

Die letzte Kraft ist die Kraft des Loslassens: Lernen wir loszulassen, wenn es der richtige Zeitpunkt zum Loslassen ist. Wenn wir zum Beispiel sehr krank sind oder ein großes Hindernis haben, müssen wir vielleicht manchmal Dinge für eine gewisse Zeit ruhen lassen. Aber wir können den Entschluss fassen, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt weitermachen werden. Wir geben nicht völlig auf, sondern wir  erkennen, dass es in der aktuellen Situation besser ist, zu einem späteren Zeitpunkt weiterzumachen. Wir müssen nicht zwanghaft sein! Wir sollten ausgeglichen sein.

Loslassen ist auch eine Haltung, bei der wir nie das Gefühl haben, genug getan zu haben; wenn wir etwas geschafft haben, dann sollten wir nicht denken: „Okay, wir haben es geschafft! Jetzt können wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen und es ruhig angehen lassen“. Das ist die Faulheit des Müßiggangs. Stattdessen sollten wir denken: „Nun, wir haben das getan und das ist wunderbar, aber natürlich müssen wir mehr tun und weitermachen, denn es ist immer noch wenig.“ Wir entwickeln den Enthusiasmus, weiterzumachen. Das ist Loslassen – nicht an den Ergebnissen unserer früheren Handlungen hängen bleiben und nie aufhören.

 

Über Freudige Ausdauer

Hörer und andere Praktizierende des Hinayana-Weges sind nur mit persönlicher Befreiung beschäftigt und tun zielstrebig alles in ihrer Macht Stehende, um Negativität zu reinigen und Tugend zu schaffen, um sich von den Fesseln negativer Handlungen und störender Emotionen zu befreien. Sie sind so zielstrebig wie jemand, dessen Haare Feuer gefangen haben oder jemand, der plötzlich eine Schlange in seinem Schoß findet! Wenn sie bereit sind, solche Anstrengungen zu unternehmen, obwohl ihr Ziel nur persönliches Wohlergehen und Befreiung ist, sollten nicht wir – die wir allen Lebewesen zu letztendlichem Glück verhelfen wollen und allein aus diesem Grund die volle Erleuchtung suchen, die ultimative Quelle von allen guten Eigenschaften, – bereit sein, viel größere Anstrengungen zu unternehmen?

Begeisterte Anstrengung beinhaltet die Überwindung der drei Arten von Faulheit:

– Verzögerung oder Hinausschieben,

– Anhaftung an triviale Aktivitäten und

– Entmutigung

Um die erste zu überwinden, betrachten wir die Kostbarkeit und Unsicherheit unseres menschlichen Lebens.

Um dem zweiten entgegenzuwirken, denken wir über die sinnvollen und wichtigen Dinge nach, zu denen wir fähig sind, über die großen Vorteile der spirituellen Praxis und die Nachteile, sich in Belanglosigkeiten oder in der Freude an übermäßigem Schlafen, Faulenzen und endlosen Gesprächen zu verfangen. Wir finden viele gute Gründe, uns nicht entmutigt zu fühlen, wenn wir unsere Situation mit der anderer Lebewesen und sogar vieler anderer Menschen vergleichen.

Als glückliche Menschen können wir alles erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Mit der Rüstung enthusiastischen Einsatzes sind wir bereit, so lange wie nötig durchzuhalten, egal wie schwierig die Aufgabe ist.

Wir fühlen uns an Befreiung und Erleuchtung interessiert, aber wenn uns gesagt wird, dass es eine Ewigkeit dauern kann, ist die Aussicht weniger attraktiv. „Gibt es keine Abkürzung?“ fragen wir. Wir hören, dass die geheimen Lehren eine schnellere Methode enthalten, aber unser Grund dafür ist, dass wir nicht bereit sind, die von einem Bodhisattva verlangte anhaltende Anstrengung zu unternehmen. Doch der geheime Pfad erfordert noch mehr Entschlossenheit und Fähigkeit. Der richtige Grund, diesen Pfad zu beschreiten, ist unsere Dringlichkeit, erleuchtet zu werden, um anderen zu helfen.

Viele Menschen tun Gutes in der Welt. Wenn sie ihre Motivation verfeinern und ihre Handlungen nicht auf dem Gefühl der Verpflichtung beruhen, sondern mit Freude geschehen, werden ihre positiven Handlungen noch stärker. Wir werden vielleicht gerufen, um einen Kranken zu pflegen. Wir haben vielleicht Angst davor oder fühlen uns entmutigt, wenn die Krankheit langwierig ist. Wenn wir stattdessen sehen, dass der Patient uns die Möglichkeit gibt, kraftvolle gute Eigenschaften zu entwickeln, wenn wir enthusiastisch bleiben und mit Mitgefühl handeln, wird unsere Krankenpflege zu einer wichtigen Praxis. Es erfordert Geschick zu erkennen, wann unser Enthusiasmus nachlässt und wir uns ausruhen müssen. Eine Pause zu machen, bevor wir ausgebrannt sind, lässt uns später mit neuer Kraft weitermachen. Solch ein geschickter Umgang mit unserer Energie ist am wichtigsten.

Das menschliche Glück hängt in hohem Maße davon ab, über ausreichende Ressourcen zu verfügen. Die Frucht materieller Großzügigkeit gegenüber anderen ist der Genuss künftigen Reichtums, aber wir möchten ihn als Mensch und nicht als Tier genießen. Ethisches Verhalten sichert eine gute zukünftige Wiedergeburt. Die Anwesenheit von unterstützenden Gefährten in der Zukunft ist das Ergebnis der jetzt geübten Geduld. Unsere zukünftige Fähigkeit, alles zu erreichen, was wir unternehmen, resultiert aus der gegenwärtigen enthusiastischen Anstrengung. Keiner von uns könnte leugnen, dass wir diese Dinge wollen. Wir können einen guten Körper und Geist, die Besitztümer und Freunde, die wir suchen, gewinnen, und in der Lage sein, effektiv zu handeln, aber wenn wir abgelenkt und von störenden Emotionen dominiert werden, werden wir diese Vorzüge missbrauchen. Um unseren Geist stabil genug zu machen, um dies zu verhindern, müssen wir Konzentration üben.

Zum Nutzen aller Wesen freudigen Fleiß zu entwickeln, die Quelle aller Qualitäten, ist die Praxis eines Bodhisattva.

Im Vers 28 des Textes über die 37 Praktiken eines Bodhisattvas geht es, wie im obigen Auszug aus dem Vers klar wird, um die vollkommene Qualität von Fleiß oder freudiger Anstrengung. Falscher Ausdruck von freudiger Anstrengung ist aber, sich abzumühen oder es zu übertreiben. Dies ist ein Problem, denn wahre freudige Anstrengung bedeutet, Freude daran zu haben, positive Dinge zu tun.

Welche Praktiken wir auch machen, sie sollten auf eine spontane und natürliche Weise ausgeübt werden. Im Wesentlichen geht es in der Meditationspraxis darum, in die Natur der Soheit einzugehen. Es geht nicht darum, dass wir uns selbst fertig machen und uns dazu zwingen, etwas zu tun. Es ist nicht notwendig, sich zu überanstrengen und zu denken: „Ich möchte das nicht machen, aber ich muss.“ Es sollte eine natürliche Reaktion sein, als brennte ein Feuer auf unserem Kopf. (Dieses Beispiel im Vers bezieht sich auf die Shravakas, oder Praktizierenden des Grundlegenden Fahrzeugs, von denen man annimmt, dass sie das eingeschränktere Ziel haben, nur sich selbst aus dem Samsara zu befreien.) Wenn unsere Haare Feuer fangen, sagen wir nicht: „Ich sollte dieses Feuer wahrscheinlich löschen, aber ich habe keine Lust.“ Und wir werden auch nicht hin- und herüberlegen, erst unsere Lehrer befragen, Forschung betreiben oder einen Schwall von Briefen absenden. Ohne nachzudenken werden wir sofort aufspringen und das Feuer mühelos löschen. Wahre Anstrengung geschieht mit lebendigem Interesse und freudiger Spontaneität. Wir tun etwas, weil wir genau sehen, dass es wichtig und wesentlich ist.

Vor einer Weile strahlte die BBC ein Programm über Geburt, Alter, Krankheit und Tod aus. Als ich es anschaute, sah ich viele Menschen, die litten, und dachte mir, wie viel ihnen der Dharma helfen könnte, wenn sie ihn wirklich verstünden. Wenn ich Millionen von leidenden Menschen sehe, fühle ich mich voller Energie, etwas für sie zu tun. Es ist nicht mühsam und so, dass ich mich zwingen muss, etwas zu tun, das ich nicht tun möchte. Bei freudiger Anstrengung geht es in Wirklichkeit um unsere Motivation: wir fühlen uns vollkommen davon eingenommen und voll Freude in unserem Wunsch, etwas zu tun.

Es ist wie bei dem Dichter, der inspiriert war und wie wild schrieb. Er musste für das Mittagessen eine Pause machen, aber war so in seine Gedichte vertieft, dass er weiterschrieb, während er sein Brot aß. Später bemerkte er, dass er sein Brot in die Tinte getunkt hatte.

  1. Karmapa Ogyen Trinley Dorje

Das fünfte Paramita: Die Meditation, die meditative Stabilität

Meditation

 

Grundlegend unterscheiden wir zwei Arten der Meditation:

  1. Shamata (Skr) oder Shine (Tib) Meditation, das ruhige Verweilen und
  2. Lhaktong (Tib) oder Vipassana (Skr), die Einsichts-Meditation oder analytische Meditation (gewisse Einsichts-Meditationen sind auch Meditationen des ruhigen Verweilens, speziell im Vajrayana)

Shamatha oder Shine ist eine buddhistische Meditationstechnik. Sie kann mit „ruhiges oder friedvolles Verweilen“ übersetzt werden. Es handelt sich um eine Meditationstechnik, welche u. a. der historische Buddha gelehrt hat. Shamatha zielt auf die Entwicklung von Konzentration und damit auf die Stabilität des Geistes ab.

In unserer modernen Welt mit ihrer Schnelllebigkeit und der Vielzahl an Ablenkungen kommt unser Geist nicht mehr zur Ruhe. Permanent schwanken wir zwischen Aufregung und Müdigkeit. Die Praxis des Shine (Shamatha) hilft, die natürliche Klarheit und Stille unseres Geistes wiederzuentdecken. Ein so stabilisierter Geist ermöglicht es, die in der analytischen Lhaktong-Meditation (Vipassana) gewonnene Einsicht zu vertiefen, damit sie unseren Alltag ganz durchdringen kann.

Shine und Einsichts-Meditation sind wie Ursache und Ergebnis. Shine sollte der Einsichts-Meditation vorangehen. Ohne starke, stabile Shine-Praxis wird die Einsichts-Mediation schwach sein.

Shine und den Geist eins-gerichtet auf einem einzigen Fokus ruhen zu lassen, helfen dem Geist, locker und stabil zu werden. Man wendet die Fähigkeit des Geistes an, einen einzigen Fokus auszuhalten.

Normalerweise praktiziert man in Abgeschiedenheit (nicht einmal Hundegebell) ohne Ablenkung für fünf bis sechs Monate. Heutzutage ist dies sehr schwierig, weil der Geist so abgelenkt ist und es ist äußerst schwierig, so einen ruhigen Ort zu finden.

Einige Punkte aus einer Belehrung von Drupon Rinpoche über „Methoden zur Zähmung des wilden Geistes“.

Ein zentraler Punkt bzw. der ganze Sinn und Zweck unserer Dharmapraxis ist genau dies: den wilden, ungezügelten Geist zu zähmen, und uns und anderen nicht zu schaden, sondern uns hilfreich und heilsam zu verhalten. Betrachten wir uns genau, werden wir zum Schluss kommen, dass alle unsere Probleme und Schwierigkeiten aufgrund dieses wilden Geistes, bei dem sich alles immer nur um uns selbst dreht, entstehen. Hätten wir mehr Kontrolle darüber, wäre vieles in unserem Leben anders, oder?

Shine— Meditation ist, Veränderung im Geist zu bewirken, und nicht, einen leeren, gedankenlosen Geist zu fabrizieren. Dazu gehört, immer wieder zu prüfen, ob wir erwarten, dass uns Meditation zufriedener macht. Das ist der größte Fehler, das größte Hindernis überhaupt: die Erwartung und Hoffnung, Glück und Wohlbefinden zu erleben und alle unsere Schwierigkeiten verschwinden zu sehen, während wir sitzen und meditieren.

Bei der Meditations-Praxis geht es darum: unseren Geist kennen lernen, erkennen, was ihn bestimmt, antreibt, hindert, beeinflusst. Das fängt damit an, unsere negativen Emotionen, Fehler, unguten Gewohnheiten zu erkennen. Herauszufinden, was genau sind Anhaftung, Gier, Ablehnung, Wut, Eifersucht, Stolz, wann entstehen sie, was verstärkt sie, wann werden sie weniger etc.

Wir erkennen, was unseren Geist wild macht, was uns ständig in Unruhe, Scham, Gereiztheit, Aufregung, kurz Schwierigkeiten, Leid und Unglück stürzt.

Wir sehen, welchen Effekt die schwierigen Gedanken haben, finden heraus, wie sie entstehen, beobachten die verschiedenen Geisteszustände und Gewohnheiten. Dann lernen wir, uns von ihnen zu distanzieren, sie allmählich zu verändern und heilsameres Verhalten zu entwickeln. Die Abfolge buddhistischer Praxis ist, Anhaftung und Abneigung/Aversion aufgeben lernen und positive Qualitäten, Meditation entwickeln. Das hört sich einfach an, aber ist sicher für uns alle eine große und überwältigende Herausforderung. Nichtsdestotrotz, das Beste was wir für unser eigenes Wohl und das der anderen im Leben tun können.

Das ist die Dharmapraxis: keine hochtrabenden Praktiken, kein leeres in Frieden Verweilen, sondern genau erforschen, wo und wie unsere negativen Emotionen sich ausdrücken und dann daran arbeiten, sie zu verändern und umzuwandeln.

Normalerweise denken wir, wenn wir etwas mögen, uns etwas gefällt, dass es gut für uns ist. Doch dies ist nicht unbedingt der Fall. Langfristiger gedacht, kann sich das, was im Moment so erstrebenswert erscheint, was wir gerade so gerne tun oder genießen, als sehr negativ und unangenehm herausstellen. Darum ist es wichtig, vor jeder Aktivität zu untersuchen, ob sie hilfreich und heilsam ist oder nicht.

Wenn wir uns dann auf eine Sache einlassen, ist es wichtig, sie bis zum Ende durchzuführen, Dinge nicht vorzeitig wegen Problemen oder aus einer Laune heraus hinzuwerfen. Nicht zu Ende gebrachte Projekte wirken sich noch lange später negativ auf uns aus, und hinterlassen ungute Spuren und Tendenzen.

Das sechste Paramita: Die Weisheit

Weisheit

Weisheit, auch transzendentes Wissen genannt, beinhaltet die Kenntnis der absoluten Wahrheit jenseits gewöhnlicher Vorstellungen, der Objekt-Subjekt-Dualität und der zeitweiligen Erfahrungen von Glückseligkeit, Klarheit und Stabilität. Jenseits davon gibt es nichts, was gekannt werden könnte. Jenseits davon gibt es kein Ziel.

Die ersten fünf der sechs Vollkommenheiten oder Paramitas sind Subjekt-Objekt-orientiert. Im Fall der Großzügigkeit beispielsweise sprechen wir von dem Subjekt — uns selbst —, das gibt; dem Objekt, der Person, die etwas erhält; und dem Akt des Gebens. Subjekt, Objekt und das, was zwischen beiden geschieht, wird auch die drei Sphären genannt. Der Glaube an die Festigkeit der drei Sphären ist der Bereich der relativen Wahrheit.

Die Wirklichkeit hat zwei Aspekte: den der höchsten Wirklichkeit oder der absoluten Wahrheit — der Dinge, so wie sie an und für sich sind — und den der relativen Wirklichkeit oder relativen Wahrheit der Dinge, so wie sie auf der Ebene der konventionellen Realität erscheinen.

Der tibetische Begriff für relative Wahrheit, kundzob, besteht aus kun, was »alle« oder »viele« bedeutet, und dzob für »das, was nicht wahr ist«. Kundzob beinhaltet also die Manifestation der Myriaden von Phänomenen, die etwas zu sein scheinen, was sie tatsächlich nicht sind.

Wie Kinder, die einem Regenbogen nachjagen, behandeln wir die traumartige Manifestation der Erscheinungen als tatsächlich vorhanden und greifbar. Doch ist nichts an diesen Erscheinungen von Dauer. Außerdem ist nichts davon unteilbar — beispielsweise besteht ein Berg aus vielen verschiedenen Dingen wie Erde, Felsen, Atomen und Molekülen. Und nichts ist frei und unabhängig, denn alles wird von anderen Dingen beeinflusst.

Wir nennen diese Phänomene »Wahrheit«, weil sie uns im Kontext unserer traumartigen Erfahrung als wahr erscheinen. Beispielsweise ist Feuer nicht dauerhaft, unteilbar oder frei, doch da es uns verbrennt, wenn wir eine Hand in die Flammen halten, ist unsere relative Erfahrung in diesem Sinne wahr. Gleichzeitig bleibt die höchste Natur der Erfahrung unveränderlich und absolut rein und leer, so wie die nächtliche Traumerfahrung leer bzw. nicht wirklich existent ist. In einem nächtlichen Traum scheinen Dinge zu geschehen, doch wenn wir aufwachen, stellen wir fest, dass im Grunde nichts geschehen ist. Dies ist die wahre Natur aller Phänomene in Samsara.

Der große indische Buddhist Shantideva hat gesagt, dass die höchste Wahrheit dem gewöhnlichen Geist nicht zugänglich ist. Der gewöhnliche Geist befasst sich mit der konventionellen Wirklichkeit, wohingegen die höchste Wirklichkeit frei von allen Vorstellungen und jenseits von ihnen ist — man kann weder sagen, dass Dinge existieren, noch, dass sie nicht existieren, dass sie sind oder nicht sind. Wenn wir Unterweisungen hören, uns der Kontemplation widmen und meditieren, wird unser zunächst rein intellektuelles Verständnis allmählich zu einem tieferen Wissen, einer direkten Erfahrung und schließlich zur stabilen Realisation unserer höchsten Natur. Dann entdecken wir, wie es in einem berühmten tibetischen Gebet heißt, dass die absolute Wahrheit kein Ding ist, das existiert, denn selbst der Buddha kann sie nicht sehen.

Dennoch können wir die relative Wirklichkeit nicht leugnen, indem wir sagen, sie existiere gar nicht, denn wie sollten wir dann Samsara und Nirvana erklären — den unablässigen Ausdruck der sich manifestierenden Phänomene? Es liegt kein Widerspruch darin zu sagen, dass die Grundnatur der Dinge unveränderlich ist, obwohl sich diese auf der relativen Ebene als veränderliche, flüchtige Erscheinungen manifestieren, oder dass die Phänomene wie in einem Traum letztendlich nicht existieren, obwohl sie sich manifestieren. Aus diesem Grund sagen wir, dass Phänomene leer sind.

Die Leerheit unserer Erfahrung, ihre geburtlose, todlose Natur, in der es kein Kommen und Gehen gibt, die Natur jenseits der Extreme von Existenz und Nichtexistenz, ist vom unablässigen Ausdruck manifester Erscheinungen nicht zu trennen. Die wahre Natur unserer relativen Erfahrung ist die absolute Wahrheit. Das Wissen um die Untrennbarkeit von absoluter und relativer Wahrheit wird als die „wahre Sichtweise“ bezeichnet.

Wenn wir diese Sichtweise auf unsere Übung der ersten fünf Vollkommenheiten anwenden, bewegen wir uns über deren gewöhnliche Bedeutung hinaus. Geben wir in einem nächtlichen Traum einem Bettler einen Apfel, ist in Wirklichkeit weder ein Bettler noch ein Apfel da. Ist unsere Großzügigkeit von Weisheit durchtränkt, dem Wissen über die wahre Natur der drei Sphären, wird sie zur Vollkommenheit der Großzügigkeit. Zu wissen, dass unser Handeln zum Wohl anderer jeder inhärenten Existenz entbehrt, und trotzdem zu handeln, ist die Essenz der Übung der sechs Vollkommenheiten und des Bodhisattva-Pfades.

Prajna (Skt.) 
»Transzendentes Wissen«, oft als »Weisheit«, manchmal als »ursprüngliche Intelligenz« übersetzt; die Einsicht in die wahre Natur der Dinge. Prajna wird in der Tradition symbolisch dargestellt durch ein scharfes, zweischneidiges Schwert, das jegliche Verwirrung durchschneidet. Prajna ist die ursprüngliche Intelligenz, das alles sehende Auge, das im Gegensatz zu der ständigen Selbstbeobachtung des Ego steht. 
»Pra« bedeutet »über«, »jna« heißt »Wissen«: also Über-Wissen, ein vollkommenes, ein genaues Wissen, das alles sieht. Das auf »dieses« und »jenes« — auf Subjekt und Objekt — fixierte Bewusstsein ist durchschnitten worden, und dadurch entsteht ein zweifaches Wissen: Prajna der Erkenntnis und Prajna des Sehens. (CHÖGYAM TRUNGPA: Spirituellen Materialismus durchschneiden, S.189 f.)

Atisha und die Bedeutung von großem Mitgefühl (Bodhicitta)

Atisha war einer der größten Meister Indiens, der half, den Buddhismus in Tibet zu verbreiten. Jedes Mal, wenn er den Namen einer seiner Meister aussprach, von dem er Belehrungen erhalten hatte, faltete er die Hände auf Herzhöhe als Zeichen von Respekt, Hingabe und Dankbarkeit. Wenn er jedoch den Namen von Serlingpa – einem seiner Lehrer – aussprach, legte er die Hände über seinem Kopf aneinander. Überrascht von diesem Unterschied, fragten ihn eines Tages einige Schüler nach dem Grund. Sie fragten ihn, ob er damit ausdrücken wolle, dass Serlingpa den anderen überlegen sei. Atisha erklärte: „Das ist nicht der Grund. Alle Meister, von denen ich Belehrungen erhielt, waren gleichermaßen perfekt. Aber es ist wegen Serlingpa, dass Bodhichitta in meinem Geist geboren wurde. Es ist ein Zeichen der Dankbarkeit für dieses außergewöhnliche Geschenk, dass ich meine Hände über meinem Kopf zusammenlege, wenn ich seinen Namen sage.“

Viele Menschen in Tibet suchten Atisha auf, um Belehrungen über die tiefe Bedeutung der Leerheit, die höchsten Lehren des Madhiamyka und des Vajrayana zu erbitten. Er antwortete unweigerlich, dass es nicht möglich ist, Leerheit bzw. die wahre Natur aller Dinge zu verstehen oder Vajarayana zu praktizieren, bevor man nicht Bodhichitta, das große Mitgefühl, entwickelt hat. Deshalb lehrte er immer Bodhichitta. (Quelle: Chenrezig von Bokar Rinpoche)

 

 

Atisha und die sechs Vollkommenheiten (Matthieu Ricard)

„Von allem, was es auf dem Weg gibt – was ist das Beste?“ Das wollten Khu, Ngok und Drom vom Meister Atisha wissen. Atisha antwortete ihnen:

»Der beste der Gelehrten ist jener, der das Nichtvorhandensein eines Selbst realisiert hat,

Der beste der Mönche ist derjenige, der seinen Geist gezähmt hat,

Die beste Eigenschaft ist umfassende uneigennützige Liebe,

Die beste Unterweisung ist die, stets den eigenen Geist zu beobachten,

Das beste Gegenmittel ist das Wissen, dass nichts eine Eigenexistenz hat,

Das beste Verhalten ist jenes, das nicht mit den weltlichen Gepflogenheiten in Einklang steht.

Die beste Verwirklichung ist die allmähliche Verringerung negativer Gefühle,

Das beste Zeichen für Verwirklichung ist das kontinuierliche Abnehmen des Verlangens,

Die beste Freigebigkeit ist das Nicht-Anhaften,

Das beste ethische Verhalten ist das Befrieden des Geistes,

Die beste Geduld ist die Bescheidenheit,

Die beste Anstrengung besteht darin, gewöhnliche Aktivitäten aufzugeben,

Die beste Meditation ist der ursprüngliche, unveränderte Geist,

Die beste Weisheit besteht darin, nicht zu glauben, dass irgendetwas, was auch immer es sei, wirklich existiert.

Der beste Lehrer ist jener, der die verborgenen Fehler angeht,

Die beste Anweisung ist die, die sich auf die heimlichen Fehler bezieht.

Die besten Freunde sind Achtsamkeit und Aufmerksamkeit,

Der beste Antrieb der Praxis sind Feinde, Hindernisse, Krankheit und Leiden,

Die beste Methode besteht darin, den Geist nicht zu verändern,

Die beste Tat mit dem größten Nutzen ist es, jemanden auf den Weg des Dharma zu bringen,

Die beste Art, anderen zu helfen, ist, ihren Geist auf den Weg der Befreiung zu lenken.